Digitalisierung und Grundeinkommen

Kardinal Reinhard Marx hat sich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung gegen ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ ausgesprochen. Auch der Katholische Sozialverband schloss sich dieser Ansicht an. Grund für die Ablehnung ist die problematische Anthropologie hinter dem Vorschlag und die Unvereinbarkeit mit unserer momentanen Gesellschaft.

Keine Lösung für aktuelle Probleme

Arbeit ist eine der größten Faktoren für die Integration einer Person in die moderne Gesellschaft. Der Gelderwerb und die damit verbundenen Möglichkeiten sind nur ein Teil dieser Integrationsfunktion. Vielmehr bedeutet Arbeit Zusammenarbeit mit anderen, also eine soziale Integration, macht aber darüber hinaus die Bedeutung des einzelnen für die Gemeinschaft deutlich.  Momentan ist die Erwerbsarbeit sogar die primäre Möglichkeit sich gesellschaftlich einzubringen. Das zeigt etwa die schwindende Wertschätzung für Erziehungsleistungen in den Familien und die sinkende Bereitschaft für das Ehrenamt. Beides ist zwar stark durch den hohen Bedarf der Wirtschaft an Arbeitskräften beeinflusst und könnte sich durch ein eine extreme Digitalisierung, die menschliche Arbeit ersetzt, wieder ändern. Das wird jedoch noch einige Zeit brauchen, wenn es denn überhaupt zu einer solchen Entwicklung kommt.

Das „bedingungslose Grundeinkommen“ ist also eine Lösung für ein mögliches zukünftiges Problem, aber für die momentane Situation völlig ungeeignet. Der Katholische Sozialverband macht das so deutlich: “Die sozialste Tat ist, den Menschen wieder auf die eigenen Füße zu stellen, statt ihn auf Dauer zu alimentieren”.  Auch wenn das Grundeinkommen jedem per Gesetz zusteht, bleibt man doch objektiv und subjektiv abhängig von „Sozialhilfe“. Das zieht zwei Probleme nach sich: Zum einen gibt es dadurch wenig Anreize aus dieser problematischen Situation herauszukommen, da Arbeit auch eine Last ist, die Menschen wenn möglich meiden, auch wenn das für sie nicht wirklich gut ist. Zum anderen leidet man unter dem Wissen, von der Hilfe anderer abhängig und nicht gebraucht zu sein. Das erste Problem ist schon durch die Sozialprogramme der Vergangenheit aufgezeigt worden. Der amerikanische „War on Poverty“ (Krieg gegen die Armut) hat die Probleme in den Innenstädten und Problemvierteln nicht behoben, sondern über Jahre verfestigt.

Das subjektive Problem zeigt sich etwa in der Integration von Menschen mit Behinderungen. Dort wird ein großer Wert darauf gelegt, jedem Menschen einen zu ihm passenden Arbeitsplatz zu ermöglichen. Die Idee eines reinen „Heimes“, in dem es nur Betreuung gibt, ist schon lange verworfen worden. Es war zu deutlich, dass es zum Menschsein gehört sich einzubringen und etwas zu schaffen.

Problematische Anthropologie

Papst Johannes Paul II stellt in seiner Enzyklika Laborem Exercens (LE) die Bedeutung der Arbeit für den Menschen da. Sie sei essenziell für den Menschen, da er „sich [durch Arbeit] selbst als Mensch verwirklicht“ (LE9). Es ist zwar nicht einfach ein absolutes Gut zu arbeiten, da es Mühe erfordert, doch leben wir durch Arbeit den kreativen Anteil unseres Wesens als Abbild Gottes.  So ist nach Papst Johannes Paul II die Arbeit Berufung für alle. Eine Maßnahme, die Menschen prinzipiell von Arbeit ausschließt, kann also nicht gerechtfertigt sein.

In der Enzyklika kritisiert er weiter einen grenzenlosen Kapitalismus, der die Person zum Rad im Getriebe macht. Auch kritisiert er den Kommunismus, der  alle Menschen zwingt, ein festgelegtes Rad in der Maschine der Planwirtschaft zu sein. Das Problem in beiden Wirtschaftssysteme ist letztendlich dasselbe: „der Mensch wird als bloßes Werkzeug behandelt,“ (LE 7). Beide schätzen aber den Menschen noch als wichtig ein und betonen seine  Fähigkeit einen Teil für die Gesellschaft beizutragen.

Das bedingungslose Grundeinkommen spricht der Person jedoch eine wirtschaftliche Bedeutung für die Gesellschaft ab, der er nichts mehr zu bieten hat. Diese Abwertung betrifft vor allem Menschen am Rand der Gesellschaft, die nur schwach integriert sind und nicht die Fähigkeiten haben ,sich selber anderweitig zu integrieren. Anstelle einer zu kritisierenden Ausnutzung tritt eine Vertreibung aus dem Feld der Arbeit.  Das ist jedoch mit der Würde der Person und dem Wert von Arbeit unvereinbar. Dadurch würden Menschen nicht nur wirtschaftlich abgehängt, sondern vollkommen ausgestoßen. Wie Kardinal Marx feststellte wären solche Ausgestoßenen für die Funktion der Demokratie noch problematischer, als die schon beobachtbaren Menschen, die abgehängt sind oder sich so fühlen.

Gegenentwurf der katholischen Soziallehre

Ein Aspekt des „bedingungslosen Grundeinkommens“ ist berechtigt und wichtig. Jeder Mensch muss ausreichend versorgt sein, um in Würde leben zu können. Um dieses Ziel zu erreichen, schlägt die katholische Soziallehre jedoch einen anderen Weg vor. Um sowohl die Bedürfnisse nach materieller Versorgung als auch nach würdiger Arbeit zu erfüllen, sollte es Arbeitsplätze geben, die ausreichend entlohnt werden. Wo dies nicht möglich ist, muss der Lohn aufgestockt werden, jedoch nicht als Vorschubleistung gemäß dem „bedingungslose Grundeinkommen“, sondern als Hilfe für Notleidende. Die Hilfe zur Sicherung eines materiell menschenwürdigen Lebens macht die  Situation als problematisch deutlich, während das „bedingungslose Grundeinkommen“ das Problem zudeckt. Ziel sollte es sein, allen die Versorgung durch den Eigenerwerbslohn zu ermöglichen.

Das „bedingungslose Grundeinkommen“ ist keine geeignete Lösungsstrategie. Nicht für die Probleme heute, weil es der Organisationsstruktur unserer Gesellschaft widerspricht. Wir brauchen heute Lösungen, die an die Struktur der Gesellschaft anknüpfen und sie verbessern können. Weiter ist das „bedingungslose Grundeinkommen“ ungeeignet für eine mögliche Zukunft mit sehr wenigen Arbeitsplätzen durch extreme Digitalisierung, da damit Bedingungen geschaffen werden, die einem menschenwürdigen Leben entgegenstehen. Sollte das Szenario in der Zukunft auftreten, reicht es nicht, das materielle Überleben zu sichern, sondern es muss Wege geben, alle als aktiven und konstruktiven Teil der Gesellschaft zu integrieren.

Philipp Müller