Luther-Jahr und Christusfest

Im Vorfeld der Gedenkjahres zu 500 Jahre Reformation wurde angekündigt, das Luther Jahr als Christusfest zu feiern. Die Evangelische Kirche Deutschlands  und die Deutsche Bischofskonferenz wollte diese gemeinsame Mitte ökumenisch feiern. Außer der Ankündigung wurde dieses Ziel eines Christusfestes kaum medial vermittelt. Es ist damit ein weiteres Beispiel für verfehlte Kommunikation der Kirchen.

Luther – wer?

Während der letzten 12 Monate wurde Martin Luther kaum direkt rezipiert und kritisch betrachtet. Eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis der heutigen evangelischen Kirche mit Luthers Positionen blieb weitestgehend aus. Besonders die streitbare Positionen Luthers, etwa zum interreligiösen Dialog, wurden nicht diskutiert. Auch innertheologische Fragen wie Sakramente, Sünde und besonders Freiheit wurden ausgespart. Damit wurde nicht nur die Chance eines konstruktiven ökumenischen Dialoges verschenkt, sondern auch Selbstreflexion vermieden. Die Vorstellung der modernen evangelischen Theologie sowie die Praxis von Freiheit ist mit Luthers Freiheitsverständnis etwa unvereinbar.

Feste feiern wie sie kommen

Der bisherige Höhepunkt des Lutherjahres waren die evangelischen Kirchentage auf dem Weg. Dabei überwiegten in der Öffentlichkeit zwei Themen: Wenige Besucher und das Treffen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama.

Letztere sprachen dem Anlass entsprechend auch über ihren Glauben, was in der Berichterstattung einen Nebensatz wert war, doch Hauptthema waren soziale und politische Fragen. Solche Gäste bringen zwar Besucher und wecken Interesse, doch haben sie von der Intention des „Christusfestes“ eher abgelenkt. Was auch immer in anderen Veranstaltungen über Christus gesagt wurde, hat es nicht in die Öffentlichkeit geschafft. Auch im Zusammenhang mit der Besucherzahl wurde sich eher verteidigt, als der eigene Inhalt verkündigt. Was die Aufmerksamkeit weiter vom Anliegen des Kirchentags ablenkte.

Falsche Mediale Strategie

Viele Möglichkeiten von den Medien rezipiert zu werden, wurden in diesem Jahr nicht zielführend genutzt. Es gelang nicht, die Hauptbotschaft klar zu vermitteln. Stattdessen wurden, wie in den Jahren zuvor, Nebenschauplätze wie Soziales Engagement, Gerechtigkeit und Ökumene bedient. Das sind ohne Frage wichtige Themen, um die wir Christen nicht herumkommen. Sie sind allerdings nicht aus sich selbst begründet, sondern aus dem Aufragt Christi und dem damit verbundenen Welt- und Menschenverständnis. Daher können sie für Christen nicht die Hauptbotschaft sein.

Die Hauptbotschaft kann nur die Liebe Gottes sein, sichtbar in der Inkarnation, Tod und Auferstehung Christi. Sie muss konsequenter erklärt und dargestellt werden. Wir können nicht von einer allgemeinen Akzeptanz und nicht einmal von einem allgemeinen Verständnis der zentralen christlichen Botschaft ausgehen. Sie muss kontinuierlich wiederholt und vorgebracht werden. Nebenschauplätze dürfen davon nicht ablenken, sondern müssen auf die Pointe zeigen.

Ceterum censeo caritatem Dei esse annuntiandam.  

Philipp Müller

Hinter den Papst

“Werden wir das Schwert über dem Papst zücken, so werden wir uns selber treffen.”, so heißt es in Martins Luthers Tischreden. Heute wird heftige Kritik am Papst geübt. Vor allem Konservative rügen Franziskus öffentlich in verschiedenen Formen. Aber muss das wirklich sein?

Was bisher geschah

Das päpstliche Schreiben „Amoris Laetitia“ hatte von Anfang an für „Dubia“ gesorgt.  Im Juni 2016, kurz nach der Veröffentlichung, wandten sich 45 Theologen und Philosophen vertraulich an das Kardinalskollegium und warnten vor „häretischen Thesen, Irrtümern und Zweideutigkeiten.“ Darauf folgte auch ein öffentlicher Appell.

Der österreichische Philosoph Josef Seifert erinnerte in seinem Aufsatz über Amoris laetitia an die „brüderliche Zurechtweisung“ des heiligen Petrus durch den Apostel Paulus und kritisierte das Schreiben vernichtend.

Konservative Geistliche haben im September 2016 ihre Zweifel in einem Brief an Papst Franziskus geäußert. Die Kardinäle Walter Brandmüller, Joachim Meisner, Raymond Leo Burke und Carlo Caffarra sprachen von „ernsthafte Orientierungslosigkeit und große Verwirrung“ unter den Gläubigen im Hinblick auf das Leben in der Kirche.

Als keine Antwort auf die fünf Fragen der Kardinäle folgte, wandten diese sich im November 2016 an die Öffentlichkeit. Danach wurde starke Kritik aus beiden Lagern geübt. Auch als die Kardinäle der Dubia um eine private Audienz baten, wurden sich nicht erhört.

Neuer Zunder

In den vergangenen Wochen ist eben jene Diskussion wieder entbrannt. Zahlreiche Priester und angesehene Laien aus den Reihen der Wissenschaft haben gegenüber Papst Franziskus eine Correctio ausgesprochen. In dieser „Zurechtweisung wegen der Verbreitung von Häresien“ werfen sie Franziskus vor, mit seinem umstrittenen nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia sieben Häresien „angedeutet oder ermutigt“ zu haben. Unter den Unterzeichner finden sich bekannte Namen wie Roberto de Mattei, Martin Mosebach und Thomas Stark. In der Correctio wird der Papst aufgerufen diese Häresien zu verurteilen.

Inhalt der Correctio

Die Correctio begründen die Unterzeichner aus ihrer Pflicht und ihrem Recht als gläubige und praktizierende Katholiken eine Zurechtweisung an den Papst zu richten. „Das Gesetz der Kirche verlangt, dass kompetente Personen nicht schweigen, wenn die Hirten der Kirche die Herde verwirren.“. Für sie bedeute das keinen Widerspruch zur päpstlichen Unfehlbarkeit, da Papst Franziskus diese ausdrücklich nicht in Anspruch genommen habe und die Unfehlbarkeit nur unter genau definierten Bedingungen gelte. „Die Kirche lehrt, dass kein Papst behaupten kann, dass Gott ihm irgendeine neue Wahrheit offenbart habe, die von den Katholiken verpflichten zu glauben sei.“, so in der Zusammenfassung der Correctio.

Im zweiten Teil der Correctio werden „Sieben häretische Thesen“ aufgelistet, deren Verbreitung und Förderung sich Papst Franziskus schuldig gemacht hat. Der dritte Teil enthält Gründe für die „beispiellose Krise“ in die die Kirche durch Amoris laetitia geführt wurde, „der Modernismus“ und der Einfluss der Ideen Martin Luthers auf den Papst. Zur Untermalung zeigen die Unterzeichner einige Thesen Luthers auf, die „genau mit dem übereinstimmen, was von Papst Franziskus gefördert wird“.

Theorie und Praxis

In der Praxis scheiden sich die Geister: Polens Bischöfe sagen „Nein“ zur Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene. Damit stellen sie sich offen gegen die Linie von Papst Franziskus und unterstützen direkt und indirekt die Argumente der Dubia und der Correctio filialis stützen.

Der polnische Episkopat weist die Möglichkeit zurück, wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zuzulassen. Das sei ein Widerspruch, der nicht überwunden werden könne. Dasselbe, so die Bischöfe, gilt für jede irreguläre Verbindung.

Die polnischen Bischöfe bestätigen damit die Sorgen der Dubia-Kardinäle, die davor gewarnt haben, dass Amoris laetitia die Kirche spalte, indem ein Verhalten in einem Land weiterhin Sünde ist, im Nachbarland aber nicht mehr. Die deutsche Bischofskonferenz hingegen verfahren im Sinne des päpstlichen Schreibens und lassen in Einzelfällen wiederverheirateten Geschiedene zur Kommunion zu.

Was wollen die Gläubigen

Verfolgt man die Diskussion, wird schnell klar, dass sie sich in den oberen Reihen der Kirche abspielt: konservative Kardinäle und Wissenschaftler gegen Papst Franziskus und seine Vertrauten. Unberücksichtigt bleibt dabei die Position der Gläubigen, die doch den Großteil der Kirche ausmachen. Bei der Kirche handelt es sich um keine Demokratie, so viel weiß jeder, dennoch kann es manchmal von Nöten sein die Basis bei solchen, vielleicht „spaltenden“ Entscheidungen miteinzubeziehen.

Die Gegenseite der Dubia-Kardinäle macht davon Gebrauch. Sie verteidigen Franziskus in einem offenen Brief, der auf der Website “www.pro-pope-francis.com” zugänglich ist und von jedem unterzeichnet werden kann. Somit wurden auch die ins Boot geholt, für die letztendlich das Verfahren gilt. Den kein Geistlicher kann von sich behaupten, zu wissen, wie sich wiederverheiratete Geschiedene bei einer solchen Diskussion fühlen.

Der Mitinitiator Paul Michael Zulehner, Wiener Pastoraltheologe, sagt zu dem offenen Brief, „Ich denke, wir machen auch ein bisschen Bewusstseinsbildung in der Kirche, dass man jetzt unter diesem Papst nicht im Lehnstuhl sitzenbleiben kann, sondern dass es ein kirchenhistorisches, offenes Fenster gibt, das weltkirchlich genützt werden soll.“.

Und genau das ist es was sich viele Gläubige wünschen, eine Kirche die bewegt, eine Kirche die weiterdenkt und sich auch an die Gegebenheiten der Zeit anpassen kann. Laut der 17. Shell Studie verneinen Jugendliche nicht das Existenzrecht der Kirche, schätzen sogar ihre soziale Rolle, aber vermissen  oft Antworten auf wichtige Fragen ihrer Lebensführung. Eine Kirche, die eben nicht nur auf den Entscheidungen alter  Männer fusst, sondern ein Ort der Partizipation aller sein kann.

Für 64 % der jungen Leute muss sich die Kirche ändern „wenn sie eine Zukunft haben will”. Denn für viele, vor allem junge Gläubigen, ist die Kirche nach wie vor ein verstaubter Haufen, bei dem sich nichts verändert.

 

Julia Westendorff

 

 

 

 

Glaube muss das Herz erreichen

Papst Franziskus hat für das nächste Jahr eine Bischofssynode zum Thema Jugend einberufen. Sie soll klären, wie die Kirche bei Jugendlichen ankommen kann. Die Konservativen und Liberalen haben verschiedene Ansätze, die aber an in ihrer Wurzel scheitern. Sie bleiben zu oberflächlich und bringen keinen persönlichen Glauben hervor.

Weg des geringsten Wiederstandes

Eine liberale Strategie, um Jugendliche in die Kirche zu integrieren, ist es, auf soziale Gerechtigkeit und Gemeinschaft zu setzen und kontroverse Glaubensthemen eher auszublenden und als Hindernisse für den Glauben abzutun. Ziel ist es, den Glauben möglichst einfach zu machen und die Herausforderung niedrig zu halten.

Doch egal wie gering der Anspruch ist, bleiben doch einfachere Alternativen. Auch mit anderen Gruppen kann man für Soziale Gerechtigkeit einstehen und Gemeinschaft erfahren. Diese „Bedürfnisse“ der Jugendlichen, können ohne die starke Bindung einer Kirchenzugehörigkeit befriedigt werden. Die Erwartungen und Vorstelllungen, die mit Kirche verbunden sind, führen zu einem grundlegenden Anspruch von Seiten der kirchlichen Gemeinschaft, als auch der weiteren Gesellschaft. Dieser Anspruch kann nicht so weit gesenkt werden, um mit den vielen Alternativen Konkurrenz zu machen.

Tradition und Liturgie

Der Gegenentwurf ist es, Heimat und Geborgenheit in den bekannten Traditionen zu bieten und mit der Liturgie zu überzeugen. Dabei wird entweder auf die „Erhabenheit“ der Tridentinischen Messe oder einen „hippen“ Jugendgottesdienst, mit Praise and Worship Liedern, gesetzt.

Doch dieser Entwurf zielt zu stark auf Emotionen und Gefühle und kann keine bleibende Bindung herstellen. Die Bindung zur Kirche bricht zusammen, wenn die Traditionen und Bräuche keinen Halt geben, weil sie mit dem eigenen Leben wenig zu tun haben und die emotionale Hochstimmung sich nicht mehr einstellt.

Durchbruch zu sich selber

Der einzig gangbare Weg für die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation, liegt in der Frage nach dem eigenen persönlichen Glauben. Wer ist Christus für mich? Was bedeutet die frohe Botschaft für mich? Was ist meine Beziehung zu Gott?

Die Antwort dieser persönlichen Frage muss letztendlich der Urgrund des Glaubenslebens sein. Sie muss wirkliche Konsequenz haben und Herausfordern. Aus der Antwort heraus kann dann überzeugend für Gerechtigkeit eingetreten werden, weil sie im Glauben begründet ist. Es kann authentische Gemeinschaft gelebt werden, weil Gott uns verbindet. Liturgie und Gebet werden zu einem existenziellen Erlebnis,  weil es das Treffen mit Gott als innigem Freund ist, unterstützt durch die würdige Feier und emotionale Untermalung.

Es reicht nicht, auf die Schönheit oder Gutheit einzelner Aspekte der Kirche zu setzen. Ohne die persönliche Herausforderung der Wahrheit des kirchlichen Glaubens muss die Evangelisierung der Jugend genauso scheitern, wie in der vorhergehenden Generation. Folgen wir den Konsequenzen unseres Glaubens für unser Leben? Sind wir die Herrscher über unsere Leben oder machen wir Ernst mit „Christus ist der Herr“? Wir brauchen den Mut, die Mauern um uns aufzumachen und den Glauben an uns heranzulassen. Wenn andere diesem Vorbild folgen, kann Glaube fruchtbar werden.

Philipp Müller