Keine Angst vorm Glaubenszweifel

Mutter Teresa ist heiliggesprochen. Nachdem Johannes Paul II. die Ordensgründerin im Jahre 2003 seliggesprochen hatte, wurde sie am vergangen Sonntag von Papst Franziskus in den Stand der Heiligen erhoben. Im Verlauf des Prozesses zur Kanonisation wurde neben Kritik an ihrer Arbeit und den angewendeten Methoden immer wieder auf die massiven Glaubenszweifel hingewiesen, die Mutter Teresa ihr ganzes Leben durchzustehen hatte.

Sie fühlte sich von Gott, nach dem sie so stark verlangte, abgelehnt und ungeliebt. “In meiner Seele herrscht ein so großer Widerspruch. Ein so tiefes Verlangen nach Gott, so tief, dass es wehtut, ein fortwährendes Leiden – und trotzdem nicht gewollt von Gott, abgewiesen, leer, kein Glaube, keine Liebe, kein Eifer.”

Auch heutzutage zweifeln viele Menschen an der Existenz oder dem Verhalten Gottes. Mutter Teresa ist jedoch nicht die einzige Heilige mit solchen Zweifeln. Gehören Glaubenszweifel zu einer Beziehung mit Gott?

Vorbilder des Glaubenszweifels

Blickt man in die Schriften vieler Heiligen fällt auf, dass nicht wenige von ihnen Lebensphasen erleben mussten, in denen sie mit Gott gehadert oder sich von ihm ungeliebt gefühlt haben. Für Mutter Teresa besonderes relevant waren die Heiligen Theresia von Lisieux sowie Johannes vom Kreuz. Theresia von Lisieux, nach der sie ihren Ordensnamen erhielt, schrieb in ihrer Autobiografie „Geschichte einer Seele“ über ihre Erfahrung der Gottesferne. Johannes vom Kreuz verwendete den Begriff der „Dunklen Nacht der Seele“, um Glaubenszweifel auszudrücken. Dieser Begriff wurde von Mutter Teresa in ihrem Buch “Komm, sei mein Licht“ adaptiert. Auch Papst Franziskus gestand in diesem Jahr ein, dass er in seinem Leben schon viele religiöse Krisen erlebt und Jesus „getadelt“ hätte.

Selbst den Figuren der Bibel sind Erfahrungen der Gottverlassenheit nicht fremd. Hiob klagt Gott an und möchte wissen, warum gerade er dieses Leid erfahren muss. Auch Jesus musste erfahren, dass er sich nicht immer von Gott gehalten weiß. Seine letzten Worte am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ seien “Ausdruck der Tiefe Seiner Einsamkeit”, so Mutter Teresa.

Trotz aller Zweifel ist keine der genannten Personen vom Glauben abgefallen. Sie geben uns ein Beispiel dafür, dass auftretende Schwierigkeiten in der Beziehung zu Gott nicht gleich mit einem Verlust des Glaubens korrespondieren müssen.

Glaubenszweifel als Beginn des Unglaubens?

Viele Gläubige zweifeln innerhalb ihres Lebens das ein oder andere Mal an der Existenz oder dem Verhalten Gottes. Das dies nicht immer gleich zu einem Glaubensabfall führen muss, haben die genannten Personen eindrücklich bewiesen. Zweifel an sich ist erstmal nicht negativ zu bewerten. Er zeigt, dass uns unser Glaube etwas bedeutet, denn sonst könnten wir ihn auch einfach aufgeben. Die Entscheidung für oder gegen Gott wird vor allem durch die Frage entschieden, ob wir trotz Zweifel an einen guten Gott glauben können oder nicht. Unser menschlicher Geist kann die Größe Gottes und seiner Taten nicht immer begreifen. Von daher sind Zweifel und Anfragen an Gott ein Bestandteil unseres Glaubens. Wichtig ist, dass wir den Dialog mit ihm nicht aufgeben.

Glaubenszweifel als Teil des Glaubens

Gott möchte mit uns in einen personalen Dialog eintreten. Dass dies mit Schwierigkeiten verbunden ist, sollte jedem klar sein. Wir können Gott nicht einfach fragen, warum er einige Dinge so und andere ganz anderes eingerichtet hat. Er bleibt für uns unverständlich. An manchen Dingen wie z.B. der Shoah müssen wir Anstoß nehmen und an dem Verhalten Gottes zweifeln. Nicht umsonst hat er uns mit einem freien Willen erschaffen. Manchmal ist Zweifel die einzige Option, die wir im Dialog mit Gott haben. Liegt uns etwas an der Beziehung zu Gott, sollten wir diese Zweifel vor ihn bringen und den Dialog am Leben erhalten. Tun wir das nicht, wenden wir uns von ihm ab. Eindrücklich zeigt sich dieses Verhalten im Buch Hiob. Hiob, der so viel Leid ertragen muss, steigt, trotz Zureden seiner Freunde und seiner Frau, nicht aus dem Dialog mit Gott aus. Er klagt ihn an, hadert mit ihm und wird am Ende belohnt.

Auswertung

Mutter Teresa ist mit ihren Glaubenszweifeln nicht alleine. Viele und gerade besonders gläubige Menschen erleben Momente, in denen sie an Gott zweifeln. Die Zweifel zeigen, dass ihnen ihre Beziehung zu Gott etwas wert ist, und sie nicht dazu bereit sind, diese einfach so aufzugeben. Sie wollen mit Gott ins Reine kommen. Wichtig ist es hierbei, den Dialog mit Gott zu suchen, und auch die Zweifel vor ihn zu bringen. Bricht unser Dialog zu Gott ab, ist es um unseren Glauben nicht gut bestellt.

Lukas Ansorge

Die Stärke der Schwachen

Die heiß diskutierte Frage des  US-Wahlkampfs ist die gesundheitliche Verfassung der Kandidaten. Donald Trump hat Hilary Clintons Fähigkeit zur Ausübung des Präsidentenamtes angezweifelt. Ihre Gesundheit sei zu schlecht. Clinton veröffentlichte ein Statement ihrer Ärztin, in dem ihr eine gute Gesundheit bescheinigt wird. Auch Trump veröffentlichte ein solches Statement seines Arztes. Darin schreibt der Arzt, wenn Trump Präsident werde, wäre er der gesündeste Mensch, der jemals zum Präsidenten gewählt wurde.

Die Sachfragen wurden verdrängt und es wird nur über die Gesundheit der Kandidaten diskutiert. Sicher sind persönliche Eigenschaften der Kandidaten, neben den politischen Sachfragen und der Agenda, für die Wahlentscheidung relevant. Doch sind es gerade nicht Fragen zur Gesundheit. Ein Blick auf drei Anführer der Geschichte zeigt: körperliche Fitness ist keine wichtige Eigenschaft für einen Präsidentschaftskandidaten.

Viele Grenzen überwinden

Franklin Delano Roosevelt führte die USA als 32. Präsident mit dem „New Deal“ aus der Wirtschaftskrise. Er überführte das amerikanische Politik System in seine heutige Form und führe nach Pearl Harbour die Alliierten zum  Sieg im Zweiten Weltkrieg. Dabei war er seit 1921 von der Hüfte abwärts gelähmt. Seine Behinderung war zwar bekannt, wurde aber versucht aus der Öffentlichkeit herauszuhalten und herunterzuspielen. Während des Krieges, gab es Bedenken, ein körperlich beeinträchtigter Präsident könnte der Moral der amerikanischen Bevölkerung schaden. Roosevelt ließ sich nicht öffentlich im Rollstuhl sehen und lernte das Gehen mit Beinschienen.

Unabhängig von seinem körperlichen Zustand, hat Präsident Roosevelt sein Land durch schwere Zeiten geführt und dabei auch wichtige Termine außerhalb der USA absolviert wie zum Beispiel die Konferenz von Jalta. Die körperliche Einschränkung des Präsidenten war kein Problem. Auch nicht in einer Zeit, in der Behinderung stigmatisiert war und deutliche weniger Hilfen möglich waren. Durch den Fortschritt in der Medizin und mit neuen medizinischen Hilfsmitteln sind körperliche Einschränkungen deutlich besser ausgleichbar. Die Frage nach der körperlichen Fitness eines Kandidaten ist durch den Fortschritt” noch weniger relevant als vor 80 Jahren.

Größe in Begrenztheit

Johannes Paul II. wurde als relativ junger Mann zum Papst gewählt. Nur zwei Jahre später musste er Schusswunden durch den Anschlag auf sein Leben verkraften. Ab Mitte der neunziger Jahre litt er an Parkinson. Er wurde sichtbar schwächer und brauchte mehr und mehr Hilfe. Dabei führte er weiter sein Papstamt aus und machte kein Geheimnis aus seiner Krankheit. Diese Offenheit im Umgang mit Krankheit, Schwäche und eigener Begrenztheit begleitete ihn bis zum Tod.. Während viele Menschen ihre eigene Endlichkeit verdrängen und keine Schwäche zeigen wollen, war die Welt in gewisser Weise beim Leiden und Sterben Johannes Pauls II. live dabei. Scharen waren in den letzten Tagen seines Lebens auf dem Petersplatz, um für ihn zu beten. Sein Sterben lief durch die Nachrichten der Welt.

Dieses öffentliche Leiden wurde ein Beispiel für Andere und zeigte,  Leid und Schwäche gehören zum menschlichen Leben dazu. Durch sein Leiden konnte er authentisch für Kranke und Leidende eintreten und ihnen nahe sein. Er zeigte wie man seine eigene Schwäche und Begrenztheit annehmen und damit umgehen kann. Seine körperliche Stärke war dabei nicht entscheidend, sondern sein Einfühlungsvermögen, seine Güte und Nähe zu den Schwächsten.

Letzte Grenzen bleiben

Papst Benedikt XVI erfüllte seinen Dienst bis zu dem Punkt an dem er sich nicht mehr in der Lage sah ihn länger ausführen zu könnten. Benedikt XVI war bereit und fähig die Konsequenzen aus der erkannten Situation zu ziehen und das Papstamt niederzulegen. Ein ungewöhnlicher Schritt, der sowohl hochachtende, als auch ablehnende Reaktion hervorrief. Auch für einem Präsidenten oder anderen Staatsoberhaupt ist dieser Schritt nicht weniger schwierig. Doch auch ein Präsident muss bereit sein, das Amt niederzulegen, wenn er es nicht länger ausführen kann.

Das Ende einer jeden Amtszeit ist gewiss. Egal ob durch die begrenzte Zeit des Mandates, Krankheit oder den Tod. Niemand ist unersetzlich. Zu wissen, wann man seine Aufgaben nicht mehr erfüllen kann und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen ist eine weitere wichtige Kompetenz für einen Kandidaten.

Für die Wahl zu einem politischen Amt sind nicht nur Sachfragen und politische Programme entscheidend, auch die Eigenschaften der Kandidaten sollten berücksichtigt werden. Dabei ist körperliche Fitness nicht die wichtigste. Wichtiger sind andere Eigenschaften: die Bereitschaft, das eigene Wohl für das Wohl anderer zurückzustellen; seine Grenzen anzuerkennen und sich ganz einzusetzen, auch mit seinen Schwächen.

Philipp Müller

Zusammenarbeit trotz theologischer Unterschiede

Durch seine Grußworte an die Waldenser und Methodisten, deren Synode am 26.08. in Turin beginnt, hat Papst Franziskus in den Medien für Erstaunen gesorgt. Der Pontifex sprach sich für eine gemeinsame Arbeit im Bereich Umweltschutz und Flüchtlingshelfen aus, aber nicht von einer gemeinsamen communio. In den vergangenen Monaten hat sich der Papst auch mit den Orthodoxen Christen über ein gemeinsames Vorgehen in der Flüchtlingskrise und dem Umweltschutz korrespondiert und Erklärungen unterzeichnet.

Papst Franziskus reicht in seinem Grußwort den Waldensern die Hand und plädiert für eine gemeinsame Zusammenarbeit der Katholischen Kirche und der christlichen Gemeinschaft. Dabei ist die Geschichte der beiden christlichen Gemeinschaften von Ablehnung geprägt.  Die Waldenser entstanden im 12. Jahrhundert in Italien und Süddeutschland als Gemeinschaft religiöser Laien. Vor ihrem Rückzug in die Südalpen wurden sie von der Inquisition als Herätiker verfolgt. Papst Franziskus hatte mit seiner Grußbotschaft zur Synode der Waldenser und Methodisten ein neues Kapitel eröffnet, da er sich für einen gemeinsamen Weg zwischen beiden Gemeinschaften ausgesprochen hat.

Der Pontifex plädierte für ein gemeinsames Engagement der Katholiken mit den Waldensern in Fragen des Naturschutzes und der Flüchtlingshilfe, wobei der Papst besonders die Opfer des Syrienkrieges in den Blick nahm. Er betonte aber auch die Unterschiede zwischen den Kirchen und sagte, diese seien nicht von der Hand zu weisen.

Nicht der erste Fall

Wie die Päpste vor ihm bemüht sich Franziskus, trotz theologischer Gräben, um die Zusammenarbeit mit verschiedenen Religionen in sozialen, umweltpolitischen und ethischen Fragen. Neben den Waldensern sind auch die Orthodoxen ein wichtiger Kooperationspartner. Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. trafen sich bereits auf Kreta und unterzeichneten eine Erklärung. In dieser steht die gemeinsame Arbeit für Umweltschutz und Flüchtlingshilfe im Vordergrund. Auch mit dem Russischen Patriarchen Kyrill gab es eine ähnliche Erklärung auf Kuba. Franziskus war der erste Papst, der sich mit einem russischen Patriarchen getroffen hat.

Zusammenarbeit oder communio?

Die Erklärungen mit der Orthodoxen Kirche und die Gespräche mit den Waldensern deuten nicht auf eindeutigen Schritte Richtung communio, welche die vollkommene Kirchengemeinschaft beschreibt, hin. Eher wird eine gemeinsame Arbeit betont, die eine bessere Zukunft versprechen soll. Dabei bezieht sich der Papst auf Ziele, welche der christlichen Kultur bekannt sein dürfte, nämlich die Liebe zu Gottes Schöpfung.

Einer gemeinsamen Arbeit steht nichts im Wege, wenn sich auch die Kirchen theologisch unterscheiden. Zwischen Orthodoxen und Katholiken gibt es einige, aber nicht viele theologische Unterschiede. Die Katholische Kirche weist hingegen viele Unterschiede zu den Waldensern auf, welche seit dem 16. Jahrhundert dem Calvinismus anhängen. Deswegen ist der Kontakt zwischen Papst und Waldenser als Zeichen so bedeutend. Beide Gemeinschaften können aber aufgrund der eines gemeinsamen Zieles zusammenarbeiten.

Die communio kann so mit Leben erfüllt werden. Wenn alle christlichen Religionen gemeinsam für dieselben Werte einstehen und die Gläubigen sich durch das gemeinsame Engagement der Ziele kennenlernen, ist viel gewonnen. Denn eine communio kann leichter hergestellt werden, wenn die unterschiedlichen Religionen, insbesondere Katholische, Orthodoxe Kirche und Protestantische Gemeinschaften, sich kennen lernen. Denn die Mitglieder der verschiedenen Kirchen kennen die Mentalität und Tradition der Anderen nicht. Somit ist ein gemeinsamer Standpunkt schwer auszumachen. Dabei können Kooperationen die Brücke zwischen den unterschiedlichen Traditionen und Mentalitäten sein und ein besseres Verständnis füreinander fördern.

Alexander Radej