Papst und Präsident gegen Ärzte und Gericht

Das todkranke Baby Charlie aus Großbritannien hat diese Woche in der ganzen Welt für Schlagzeilen gesorgt. Abtreibung steht in Deutschland bis zur 12. SSW nicht unter Strafe und auch bei Sterbehilfe sind manche Formen erlaubt. Das haben längst viele hingenommen. Doch beim kleinen Charlie sind die Menschen entrüstet, dass ihm die Weiterbehandlung verweigert werden soll. Wer hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden?

Es ist eine Geschichte, die an die Emotionalität und Empathie der Menschen appelliert. Der elf Monate alte Charlie Gard ist todkrank. Er leidet an einer seltenen Krankheit, die laut den Ärzten unheilbar ist. Daher wollten die behandelnden Mediziner in Großbritannien die Geräte abschalten. Charlie hat schwere Hirnschäden und bewegt Arme und Beine nicht ohne Hilfe von außen und kann weder schreien noch weinen. Beamtet wird er durch eine Maschine, da seine Lunge nicht funktioniert. Durch einen Schlauch wird das Baby künstlich ernährt.

Gericht legitimierte die Abschaltung der Geräte

Doch die Eltern wollen die Hoffnung, dass ihr Sohn noch eine Weile weiterleben kann, nicht aufgeben. Sie kämpfen weiter und beugen sich nicht der Meinung der Experten. Die Eltern Yades und Gared haben sich geschworen, alles zu versuchen, um ihr Baby am Leben zu erhalten. Doch sie kämpfen gegen die Ärzte und auch gegen das Recht. Denn der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat den Medizinern Recht gegeben, dass es legitim sei, die Geräte abzuschalten. Schließlich habe das Baby keine Überlebenschance und man würde nur das Leiden weiter hinauszögern.
Doch hat Charlie kein Recht auf Leben, nur weil seine Überlebenschancen nicht so hoch sind? Und wer hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden: Die Ärzte, ein Gericht oder die Eltern? Das sind Fragen, die nur schwer zu beantworten sind.

Charlies Eltern gaben sich aber nach dem Gerichtsurteil nicht geschlagen. Sie starteten eine Social Media Kampagne, um auf das Schicksal ihres Sohnes aufmerksam zu machen, und um Geld zu sammeln für eine umstrittene Behandlung in den USA.

Eltern starteten Internetkampagne

Das Ergebnis überraschte selbst die Eltern: 1,5 Millionen Euro Spenden und zwei prominente Unterstützer, die sich für Baby Charlie einsetzen wollen: Der US-Präsident Donald Trump und Papst Franziskus. Zwei gegensätzliche Männer, die weltweit Macht haben und in der Öffentlichkeit stehen, sind sich hierin zumindest einig: Dass Charlie das Recht auf Leben hat und die Eltern entscheiden sollten, ob und welche Behandlung ihr Kind bekommt! Das ist eine Botschaft, die in vielen Medien ein Thema ist. Dass sich der Präsident der USA und das Oberhaupt der katholischen Kirche für ein elf Monate altes Baby einsetzen, ist ein starkes Statement für das Recht auf Leben.

Papst und Präsident wollen Baby helfen

Der Papst hat Charlie nicht nur einen Platz in der Kinderklinik des Vatikan angeboten, sondern auch den vatikanischen Pass, damit es keine rechtlichen Probleme gibt.
Oft eckt die katholische Moraltheologie bei lebenserhaltenden Maßnahmen an, mit ihrer strikten Ablehnung von Abtreibung und Sterbehilfe. Doch bei Charlie stehen plötzlich viele Menschen weltweit, selbst Donald Trump, hinter dem Schutz des Lebens und unterstützen Charlies Eltern.

Doch warum ist die Sympathie mit einem elf Monate alten Baby größer als bei alten Menschen oder ungeborenen Föten? Hat das Baby mehr das Recht auf Leben oder eine andere Würde, als Föten oder Alte?

Wer darf über Leben und Tod entscheiden?

Bewundernswert sind die Eltern des kleinen Charlie, dass sie so, allen Widerständen und Anfeindungen zum trotz, für das Leben ihre Kindes einstehen und sich sogar gegen das Urteil des europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellen. In dem Kampf der Eltern, das Leben ihres Sohnes so lange es geht zu erhalten, steckt auch die christliche Botschaft, dass jedes Lebewesen das Recht auf Leben hat und lebenswert ist. Egal wie aussichtslos die Situation auch sein mag, die Bibel lehrt im fünften Gebot des Dekalogs den Schutz des Lebens und auch Jesus lehrt an verschiedenen Stellen im Neuen Testament die Nächstenliebe und die Hoffnung nicht aufzugeben und beständig gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen, auch wenn es nicht dem Zeitgeist entspricht und man sich dadurch zum Außenseiter macht.

Natürlich stellt sich die Frage, warum dieses elf Monate alte Baby so eine schwere Krankheit ertragen muss, und ob es durch die lebenserhaltenden Maßnahmen nun noch länger oder mehr leidet. Aber nichtsdestotrotz hat auch dieses todkranke Kind eine Würde und damit auch ein Recht auf Leben.

Auch wenn Charlie irgendwann den Kampf um das Leben verliert, die Eltern haben alles in ihrer Macht stehende versucht Charlie am Leben zu erhalten. Das ist auch die Aufgabe für alle Christen, zu Kämpfern für das Leben zu werden, auch wenn das nicht dem heutigen Mainstream entspricht.

Von Katharina Penits

Die falschen Probleme der Kirche

Es wird munter gestritten in der Kirche: Zölibat, Homosexualität, wiederverheiratete Geschiedene, Zulassung zur Kommunion bei ökumenischen Paaren, Weiheämter für Frauen und weitere Themen. Doch auf welcher Grundlage wird überhaupt gestritten? Wie wir uns und diese Probleme verstehen, ist der Ausgangspunkt, um sie zu beantworten.

Wir brauchen eine gemeinsame Grundlage, um diese Fragen zu diskutieren. Eine einheitliche Sprache und Vorstellungen, die von allen Beteiligten akzeptiert und verstanden werden. Nur wenn es eine gemeinsame Grundlage gibt, können wir verstehen, was der andere meint. Von der Grundlage aus besteht die Möglichkeit die Probleme anzugehen und eine konstruktive Diskussion zu erreichen. Ohne diese Grundlage bleibt nur die Möglichkeit, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, mit Emotionen zu überzeugen oder seine Position mit Gewalt durchzusetzen. Eine andere Meinung wird dabei gefährlich und kann nicht toleriert werden. Es gibt keine Chance gemeinsam zu Lösungen zu kommen und Fehler, auch in der eigenen Meinung, zu korrigieren.

Sprache klären

Um sinnvoll über Themen zu diskutieren, muss es allen Beteiligten möglich sein, die benutzten Begriffe zu verstehen. Aber selbst bei allgemein gebräuchlichen Begriffen ist nicht immer ein einheitliches Verständnis gegeben. Beim Begriff der Menschenwürde stellt sich etwa die Frage, ab wann sie gilt. Darüber hinaus kann mit Menschenwürde sowohl gemeint sein, dass menschliches Leben, wenn immer möglich, zu schützen ist. Aber auch Leben aktiv zu beenden, wenn es eines Menschen nicht mehr würdig erscheint.

Diese Unterschiede im Verständnis unserer gemeinsamen Sprache verhindern den Diskurs und müssen durch Reflexion und gegenseitiges Erklären ausgeglichen werden.

Weltsicht erörtern

Neben der Sprache ist die gemeinsame Weltsicht entscheidend für den Dialog. Also wie wir uns selbst und unserer Umwelt sehen und welche Werte wir einzelnen Dingen und Konzepten geben.

Diskussionen zum Umgang mit der Umwelt sind nicht möglich, solange eine Seite eine rein funktionale und mechanische Sicht der Welt vertritt, die andere Seite aber die Natur als eine eigenwertige Sache versteht. Die erste Position schließt Werte in der Natur aus, während die andere sie explizit voraussetzt.

In allen Fragen ist die Sicht der Welt Voraussetzung. Bei Fragen, die den Menschen betreffen, muss auch eine Anthropologie vorausgesetzt werden. Diese Anthropologie kann explizit oder implizit sein, doch sind Aussagen über das menschliche Handeln immer von der Vorstellung vom Menschen abhängig. Hinter der Hook-up Kultur etwa, steht eine implizite Vorstellung vom Menschen. Handlungen am eigenen und fremden Körper haben in dieser Vorstellung keine Bedeutung, weil es jeweils nur der Körper und nicht die Person ist. Damit ist Sexualität nur von Einwilligung abhängig und wird nicht mit Beziehungen in Verbindung gebracht. Sich sexuell auszuleben, ohne damit einen tieferen Sinn zu verbinden, ist für eine solche Sicht des Menschen kein Problem. Wer hingegen eine Sicht des Menschen hat, in der Körper und Geist eine Einheit bilden, kann die Hook-up Kultur prinzipiell nicht nachvollziehen. Unterschiedliche und unvereinbare Vorstellungen vom Menschen machen einen sinnvollen Dialog unmöglich.

Für die Möglichkeit eines Dialoges braucht es keine vollkommene Übereinstimmung in der Weltsicht. Jedoch muss ausreichend Ähnlichkeit und der Wille vorausgesetzt werden, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen und ihn verstehen zu wollen.

Kirche verdeutlichen

Für innerkirchliche Fragen muss neben der Sprache und der Weltsicht auch klar sein, was die Kirche ist. Was es bedeutet Christ zu sein. Worin sich die Gemeinschaft der Glaubenden begründet. Welche Ansprüche an die Kirche gestellt werden, von Gesellschaft, Mitgliedern, geschichtlicher Verantwortung und der Offenbarung. Ohne diese dritte Bedingung ist es unmöglich, innerkirchliche Fragen zu diskutieren. Eine allgemeine Weltsicht, die auch säkular funktioniert, reicht nicht aus, da die Kirche nicht einfach ein Teil der Gesellschaft ist, sondern seine Existenz und Aufgabe durch die Offenbarung aus einer transzendenten Quelle erhält.

Bevor in der Kirche um Detailfragen gerungen wird, muss erst einmal die erodierte Grundlage eines katholischen Weltverständnisses reaktiviert werden. Wir brauchen eine Rückbesinnung und eine neue Erklärung auf die Grundlagen unseres Glaubens und der sich daraus ergebenden Vorstellung von der Welt. Nicht um sich darin gut zu fühlen, sondern um dialogfähig zu werden untereinander und mit der Welt.

Philipp Müller

Terrorismus hat sich verändert

Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin beschränkt sich die Diskussion stark auf sicherheitspolitische Reaktionen. Die Frage welche Fehler die Behörden gemacht hätten und mit welchen Mitteln Sicherheit hergestellt werden kann steht im Vordergrund. Es werden Parallelen zum Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) gezogen und die Erfolge der Sicherheitskräfte Ende der 70er und Anfang der 80er Jahren als Vorbild genommen. Doch die Veränderungen des Terrors zeigen, das Problem liegt auf einer anderen Ebene. Der islamistische Terror ist ein Angriff auf die gesamte Westliche Lebensweise und nicht wie die RAF auf das politische und wirtschaftliche System.

Veränderte Methode

Wer sich an die Anschläge der RAF zurückerinnert oder von ihnen gehört hat, kann den grundsätzlichen Unterschied zwischen den Anschlägen der RAF und den neueren terroristischen Anschlägen sehen. Die RAF führte geplante und koordinierte Anschläge auf bestimmte Ziele durch und nutzte dafür die damals üblichen Waffen und Sprengstoffe. Die neueren Anschläge zeigen dagegen wenig Planung und keine Koordination, da diese durch Sicherheitskräfte aufgedeckt werden könnten. Aus demselben Grund haben die Täter  wenig bis keine Verbindungen zur extremen Szene. Auch die Waffen änderten sich, von Schusswaffen hin zu mehr und mehr improvisierten Sprengvorrichtungen, die in den Kriegen in Afghanistan und Irak perfektioniert und etwa für den Boston Marathon Anschlag benutzt wurden. Aber die Entwicklung zu improvisierten Waffen geht darüber hinaus. Klassischen Waffen oder Sprengstoffe werden für Angriffe in westlichen Ländern weniger benutzt, da diese nur schwer zu besorgen sind und Aufmerksamkeit auf die Anschlagsabsicht ziehen. Am Ende dieser Entwicklung bleiben Anschläge, die von einzelnen Selbstradikalisierten geplant und mit improvisierten Waffen, wie Fahrzeugen oder Alltagsgegenständen wie Messern, durchgeführt werden.

Der Anschlag in Berlin zeigt die Grundzüge der Entwicklungen hin zu improvisierten Anschlägen. So war der Anschlagsverdächtige den Sicherheitsbehörden bekannt und mit einer islamistischen Szene vertraut, doch hatte er massive Probleme, Waffen und Unterstützung zu bekommen. Das führte dann zu dem Anschlag mit einem LKW als improvisierter Waffe. Sicherheitsmaßnahmen, wie Verfolgung von Waffen und Sprengstoffbesitz, können also einen überzeugten Terroristen nicht von einem Anschlag abhalten.

Der Terror hat ein neues Ziel

Neben der Methode von terroristischen Anschlägen haben sich auch das Feindbild und damit die Ziele des Terrorismus geändert.  In der Ideologie der RAF und anderer Gruppen in den Siebziger und Achtziger Jahren war das Feindbild die politische und wirtschaftliche Ordnung. Deshalb wurden Einrichtungen und Personen aus Politik, Militär und Wirtschaft zu den Hauptzielen des Terrors. Der durchschnittliche Bürger wurde nur als Kollateralschaden Opfer des Terrors.

Das Feindbild des heutigen Terrors ist die westliche Gesellschaft allgemein. Ihre Grundlagen und damit ihre Existenz, werden als Gottes widrig und moralisch abzulehnen angesehen. Damit wenden sich die Anschläge weg von politischen und wirtschaftlichen Zielen hin zu zivilen „Soft Targets“. Diese Entwicklung begann mit 9/11. Die Angriffe zuvor, etwa auf die USS Cole, waren noch klassische Angriffe auf Wirtschaft und Militär. Die Angriffe am 11. September 2001 zielten mit dem World Trade Center und dem Pentagon auch auf wirtschaftliche und militärische Ziele, doch im World Trade Center traf es nicht nur die Wirtschaftselite sondern einen breiteren Teil der Gesellschaft. Die Attentate in Madrid 2004 und London 2005 zielten über den öffentlichen Nahverkehr direkt auf die gesamte Gesellschaft. Der Angriff auf Charlie Hebdo richtete sich gegen die Pressefreiheit als Baustein unsrer Lebensweise und  die Anschläge auf das Bataclan Theater und Cafés in Paris die richteten sich direkt gegen die französische Kultur und Lebensweise. Auch der Anschlag in Nizza am 14 Juli richtete sich gegen einen integralen Bestanteil der französischen Kultur. Der Anschlag in Berlin auf einen Weihnachtsmarkt traf eine in Deutschland beliebte Tradition, die inhaltlich mit Besinnung und Ruhe verbunden wird und verkehrt sie ins Gegenteil. Mit Ausnahme des Charlie Hebdo Anschlags waren die letzten Ziele Menschengruppen, die einen Durchschnitt der Gesellschaft repräsentieren.

Beide neuen Formen des Terrors waren als erstes und am deutlichsten in Israel zu sehen. Da der Terror gegen Israel schon immer die Existenz des Staates selbst beenden sollte, waren Anschläge auf zivile Ziele schon früh „Normalität“, spätestens jedoch mit der Zweiten Intifada. Auch die Entwicklung zu maximal improvisierten Anschlägen verlief durch die hohen Sicherheitsvorkehrungen in Israel beschleunigt. Sie führte zu den Messerattacken in israelischen Städten und Siedlungen seit Oktober 2015, da die Palästinenser in der Westbank anders keine Angriffe auf Israel durchführen können. Auch stärkere Sicherheitsvorkehrungen können die Gewalt nicht verhindern, sondern führen nur zu einer Veränderung und Anpassung der Methoden und Ziele.

Was können wir verteidigen?

Die wichtigsten vom Terror angegriffenen Grundlagen unserer Gesellschaft sind das Verständnis von universellen weltweiten Menschenrechten und der Menschenwürde. Darüber hinaus auch der Rechtstaat, die Trennung von Staat und Religion, die Legitimierung von Macht aus den einzelnen Bürgern des Staates, die Lösung internationaler Konflikte durch internationales Recht.

Nicht nur islamistischer Terror stellt diese Grundlagen in Frage. Auch China hat eine deutlich andere Vorstellung von Menschenrechten, doch vor allem eine andere Auffassung von internationalem Recht. Sie vertreten etwa die Vorstellung, das Südchinesische Meer sei Chinesischer Boden, der mit Wasser bedeckt ist. Dies führt nicht nur zu Problemen mit den anderen Staaten in der Region, sondern es ist auch ein Angriff auf die internationale Schifffahrt, für die das Südchinesische Meer eine wichtige Verbindung ist. Nicht zuletzt leugnet auch die Idee des Relativismus in Teilen der westlichen Gesellschaft deutlich die Grundprinzipien unserer Gesellschaft als allgemein bindend.

Wir müssen die fundamentalen Bestandteile unserer Lebensweise sowie unserer Welt- und Menschenverständnis wieder neu gegen diese alternativen Weltsichten begründen, sie verständlich und attraktiv machen. Und wenn nötig auch verteidigen, sowohl intellektuell, als auch praktisch und bei akuter Bedrohung mit staatlicher Gewalt.

Philipp Müller