Hinter den Papst

“Werden wir das Schwert über dem Papst zücken, so werden wir uns selber treffen.”, so heißt es in Martins Luthers Tischreden. Heute wird heftige Kritik am Papst geübt. Vor allem Konservative rügen Franziskus öffentlich in verschiedenen Formen. Aber muss das wirklich sein?

Was bisher geschah

Das päpstliche Schreiben „Amoris Laetitia“ hatte von Anfang an für „Dubia“ gesorgt.  Im Juni 2016, kurz nach der Veröffentlichung, wandten sich 45 Theologen und Philosophen vertraulich an das Kardinalskollegium und warnten vor „häretischen Thesen, Irrtümern und Zweideutigkeiten.“ Darauf folgte auch ein öffentlicher Appell.

Der österreichische Philosoph Josef Seifert erinnerte in seinem Aufsatz über Amoris laetitia an die „brüderliche Zurechtweisung“ des heiligen Petrus durch den Apostel Paulus und kritisierte das Schreiben vernichtend.

Konservative Geistliche haben im September 2016 ihre Zweifel in einem Brief an Papst Franziskus geäußert. Die Kardinäle Walter Brandmüller, Joachim Meisner, Raymond Leo Burke und Carlo Caffarra sprachen von „ernsthafte Orientierungslosigkeit und große Verwirrung“ unter den Gläubigen im Hinblick auf das Leben in der Kirche.

Als keine Antwort auf die fünf Fragen der Kardinäle folgte, wandten diese sich im November 2016 an die Öffentlichkeit. Danach wurde starke Kritik aus beiden Lagern geübt. Auch als die Kardinäle der Dubia um eine private Audienz baten, wurden sich nicht erhört.

Neuer Zunder

In den vergangenen Wochen ist eben jene Diskussion wieder entbrannt. Zahlreiche Priester und angesehene Laien aus den Reihen der Wissenschaft haben gegenüber Papst Franziskus eine Correctio ausgesprochen. In dieser „Zurechtweisung wegen der Verbreitung von Häresien“ werfen sie Franziskus vor, mit seinem umstrittenen nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia sieben Häresien „angedeutet oder ermutigt“ zu haben. Unter den Unterzeichner finden sich bekannte Namen wie Roberto de Mattei, Martin Mosebach und Thomas Stark. In der Correctio wird der Papst aufgerufen diese Häresien zu verurteilen.

Inhalt der Correctio

Die Correctio begründen die Unterzeichner aus ihrer Pflicht und ihrem Recht als gläubige und praktizierende Katholiken eine Zurechtweisung an den Papst zu richten. „Das Gesetz der Kirche verlangt, dass kompetente Personen nicht schweigen, wenn die Hirten der Kirche die Herde verwirren.“. Für sie bedeute das keinen Widerspruch zur päpstlichen Unfehlbarkeit, da Papst Franziskus diese ausdrücklich nicht in Anspruch genommen habe und die Unfehlbarkeit nur unter genau definierten Bedingungen gelte. „Die Kirche lehrt, dass kein Papst behaupten kann, dass Gott ihm irgendeine neue Wahrheit offenbart habe, die von den Katholiken verpflichten zu glauben sei.“, so in der Zusammenfassung der Correctio.

Im zweiten Teil der Correctio werden „Sieben häretische Thesen“ aufgelistet, deren Verbreitung und Förderung sich Papst Franziskus schuldig gemacht hat. Der dritte Teil enthält Gründe für die „beispiellose Krise“ in die die Kirche durch Amoris laetitia geführt wurde, „der Modernismus“ und der Einfluss der Ideen Martin Luthers auf den Papst. Zur Untermalung zeigen die Unterzeichner einige Thesen Luthers auf, die „genau mit dem übereinstimmen, was von Papst Franziskus gefördert wird“.

Theorie und Praxis

In der Praxis scheiden sich die Geister: Polens Bischöfe sagen „Nein“ zur Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene. Damit stellen sie sich offen gegen die Linie von Papst Franziskus und unterstützen direkt und indirekt die Argumente der Dubia und der Correctio filialis stützen.

Der polnische Episkopat weist die Möglichkeit zurück, wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zuzulassen. Das sei ein Widerspruch, der nicht überwunden werden könne. Dasselbe, so die Bischöfe, gilt für jede irreguläre Verbindung.

Die polnischen Bischöfe bestätigen damit die Sorgen der Dubia-Kardinäle, die davor gewarnt haben, dass Amoris laetitia die Kirche spalte, indem ein Verhalten in einem Land weiterhin Sünde ist, im Nachbarland aber nicht mehr. Die deutsche Bischofskonferenz hingegen verfahren im Sinne des päpstlichen Schreibens und lassen in Einzelfällen wiederverheirateten Geschiedene zur Kommunion zu.

Was wollen die Gläubigen

Verfolgt man die Diskussion, wird schnell klar, dass sie sich in den oberen Reihen der Kirche abspielt: konservative Kardinäle und Wissenschaftler gegen Papst Franziskus und seine Vertrauten. Unberücksichtigt bleibt dabei die Position der Gläubigen, die doch den Großteil der Kirche ausmachen. Bei der Kirche handelt es sich um keine Demokratie, so viel weiß jeder, dennoch kann es manchmal von Nöten sein die Basis bei solchen, vielleicht „spaltenden“ Entscheidungen miteinzubeziehen.

Die Gegenseite der Dubia-Kardinäle macht davon Gebrauch. Sie verteidigen Franziskus in einem offenen Brief, der auf der Website “www.pro-pope-francis.com” zugänglich ist und von jedem unterzeichnet werden kann. Somit wurden auch die ins Boot geholt, für die letztendlich das Verfahren gilt. Den kein Geistlicher kann von sich behaupten, zu wissen, wie sich wiederverheiratete Geschiedene bei einer solchen Diskussion fühlen.

Der Mitinitiator Paul Michael Zulehner, Wiener Pastoraltheologe, sagt zu dem offenen Brief, „Ich denke, wir machen auch ein bisschen Bewusstseinsbildung in der Kirche, dass man jetzt unter diesem Papst nicht im Lehnstuhl sitzenbleiben kann, sondern dass es ein kirchenhistorisches, offenes Fenster gibt, das weltkirchlich genützt werden soll.“.

Und genau das ist es was sich viele Gläubige wünschen, eine Kirche die bewegt, eine Kirche die weiterdenkt und sich auch an die Gegebenheiten der Zeit anpassen kann. Laut der 17. Shell Studie verneinen Jugendliche nicht das Existenzrecht der Kirche, schätzen sogar ihre soziale Rolle, aber vermissen  oft Antworten auf wichtige Fragen ihrer Lebensführung. Eine Kirche, die eben nicht nur auf den Entscheidungen alter  Männer fusst, sondern ein Ort der Partizipation aller sein kann.

Für 64 % der jungen Leute muss sich die Kirche ändern „wenn sie eine Zukunft haben will”. Denn für viele, vor allem junge Gläubigen, ist die Kirche nach wie vor ein verstaubter Haufen, bei dem sich nichts verändert.

 

Julia Westendorff

 

 

 

 

Lebensschutz 101

Mitte September findet der Marsch für das Leben in Berlin statt. In den Medien wird er oft als eine Veranstaltung konservativer, frauenfeindlicher und antiliberaler Kreise dargestellt. Das Anliegen der Veranstalter des Marschs für das Leben ist jedoch Gerechtigkeit und Wahrung der Menschenrechte für alle, die in Deutschland derzeit nicht voll gegeben sind.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Alle Menschen haben dieselbe, unverlierbare und unantastbare Würde. Dafür spielt es keine Rolle, welche Hautfarbe und Geschlecht der Mensch hat, wie alt und groß er ist, an welchem Ort er sich befindet und wie selbständig oder abhängig er von anderen ist.  Auch ob andere und der Mensch selbst sich Wert beimisst, ändert nichts an dieser Würde. Sie ist nur vom biologischen Fakt, ein menschliches Lebewesen zu sein, abhängig. Ein ungeborener Mensch in der Gebärmutter hat folglich diese Würde, genauso ein todkranker oder ein in seiner Handlungsfähigkeit stark eingeschränkter Mensch.

Universale Menschrechte

Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, diese gleiche Würde in unseren Gesetzen und dem gesellschaftlichen Zusammenleben zu reflektieren. Grundforderung dieser Würde ist es, allen Menschen den gleichen, uneingeschränkten Schutz für ihr Leben zu zugestehen. Ein Schutz vor Tötung durch Fremde, den Staat, die eigene Familie und auch sich selbst.

Die Gesetzeslage in Deutschland ist in diesem Punkt mangelhaft. Sie ermöglicht die Abtreibung von mindestens 100 000 Menschen jedes Jahr. Laut der offiziellen Statistik des Statistische Bundesamt etwa 98 700 im Jahr 2016. Wobei die die Dunkelziffer, auch von Abtreibungsbefürwortern, doppelt oder dreimal so hoch geschätzt wird. Das Bundesverfassungsgericht hatte 1993 die Straffreiheit der Abtreibung in bestimmten Fällen geduldet, solange damit der Schutz des ungeborenen Lebens gefördert wird. Dieses Ziel wird bei den hohen Abtreibungszahlen eindeutig verfehl. Daher muss die Straffreiheit aufgehoben und geeignetere Mittel eingesetzt werden, etwa bessere Unterstützung von Schwangeren in Krisensituationen.

 Negative Entwicklung bei Alten und Kranken

Seit November 2015 wird auch die Beihilfe zur Selbsttötung explizit geduldet, da das Gesetz nur „geschäftsmäßige“ Sterbehilfe verbietet, andere Hilfe jedoch explizit Straffrei bleibt. Damit wird der gebotene Schutz von kranken und alten Menschen aufgeweicht. Auch die zunehmende Akzeptanz von Euthanasie und Sterbehilfe in der Gesellschaft ist im Widerspruch zur Würde des Menschen. Die Würde ist untrennbar mit der Existenz des Menschen, also seinem Leben, verknüpft, wodurch die Selbsttötung ein Angriff auf die eigene Würde ist. Dagegen braucht es eine bessere Vermittlung der Würde gerade alter und auf Hilfe angewiesener Menschen, sowie der bereits sehr guten Möglichkeiten der Palliativmedizin, Schmerzen zu lindern und ein würdiges Leben bis zum Tod zu ermöglichen.

Um auf diese Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, gehen Menschen aus verschieden Gesellschaftsschichten und Weltanschauungen beim Marsch für das Leben auf die Straße. Das ist gut so.

Philipp Müller

Papst und Präsident gegen Ärzte und Gericht

Das todkranke Baby Charlie aus Großbritannien hat diese Woche in der ganzen Welt für Schlagzeilen gesorgt. Abtreibung steht in Deutschland bis zur 12. SSW nicht unter Strafe und auch bei Sterbehilfe sind manche Formen erlaubt. Das haben längst viele hingenommen. Doch beim kleinen Charlie sind die Menschen entrüstet, dass ihm die Weiterbehandlung verweigert werden soll. Wer hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden?

Es ist eine Geschichte, die an die Emotionalität und Empathie der Menschen appelliert. Der elf Monate alte Charlie Gard ist todkrank. Er leidet an einer seltenen Krankheit, die laut den Ärzten unheilbar ist. Daher wollten die behandelnden Mediziner in Großbritannien die Geräte abschalten. Charlie hat schwere Hirnschäden und bewegt Arme und Beine nicht ohne Hilfe von außen und kann weder schreien noch weinen. Beamtet wird er durch eine Maschine, da seine Lunge nicht funktioniert. Durch einen Schlauch wird das Baby künstlich ernährt.

Gericht legitimierte die Abschaltung der Geräte

Doch die Eltern wollen die Hoffnung, dass ihr Sohn noch eine Weile weiterleben kann, nicht aufgeben. Sie kämpfen weiter und beugen sich nicht der Meinung der Experten. Die Eltern Yades und Gared haben sich geschworen, alles zu versuchen, um ihr Baby am Leben zu erhalten. Doch sie kämpfen gegen die Ärzte und auch gegen das Recht. Denn der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat den Medizinern Recht gegeben, dass es legitim sei, die Geräte abzuschalten. Schließlich habe das Baby keine Überlebenschance und man würde nur das Leiden weiter hinauszögern.
Doch hat Charlie kein Recht auf Leben, nur weil seine Überlebenschancen nicht so hoch sind? Und wer hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden: Die Ärzte, ein Gericht oder die Eltern? Das sind Fragen, die nur schwer zu beantworten sind.

Charlies Eltern gaben sich aber nach dem Gerichtsurteil nicht geschlagen. Sie starteten eine Social Media Kampagne, um auf das Schicksal ihres Sohnes aufmerksam zu machen, und um Geld zu sammeln für eine umstrittene Behandlung in den USA.

Eltern starteten Internetkampagne

Das Ergebnis überraschte selbst die Eltern: 1,5 Millionen Euro Spenden und zwei prominente Unterstützer, die sich für Baby Charlie einsetzen wollen: Der US-Präsident Donald Trump und Papst Franziskus. Zwei gegensätzliche Männer, die weltweit Macht haben und in der Öffentlichkeit stehen, sind sich hierin zumindest einig: Dass Charlie das Recht auf Leben hat und die Eltern entscheiden sollten, ob und welche Behandlung ihr Kind bekommt! Das ist eine Botschaft, die in vielen Medien ein Thema ist. Dass sich der Präsident der USA und das Oberhaupt der katholischen Kirche für ein elf Monate altes Baby einsetzen, ist ein starkes Statement für das Recht auf Leben.

Papst und Präsident wollen Baby helfen

Der Papst hat Charlie nicht nur einen Platz in der Kinderklinik des Vatikan angeboten, sondern auch den vatikanischen Pass, damit es keine rechtlichen Probleme gibt.
Oft eckt die katholische Moraltheologie bei lebenserhaltenden Maßnahmen an, mit ihrer strikten Ablehnung von Abtreibung und Sterbehilfe. Doch bei Charlie stehen plötzlich viele Menschen weltweit, selbst Donald Trump, hinter dem Schutz des Lebens und unterstützen Charlies Eltern.

Doch warum ist die Sympathie mit einem elf Monate alten Baby größer als bei alten Menschen oder ungeborenen Föten? Hat das Baby mehr das Recht auf Leben oder eine andere Würde, als Föten oder Alte?

Wer darf über Leben und Tod entscheiden?

Bewundernswert sind die Eltern des kleinen Charlie, dass sie so, allen Widerständen und Anfeindungen zum trotz, für das Leben ihre Kindes einstehen und sich sogar gegen das Urteil des europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellen. In dem Kampf der Eltern, das Leben ihres Sohnes so lange es geht zu erhalten, steckt auch die christliche Botschaft, dass jedes Lebewesen das Recht auf Leben hat und lebenswert ist. Egal wie aussichtslos die Situation auch sein mag, die Bibel lehrt im fünften Gebot des Dekalogs den Schutz des Lebens und auch Jesus lehrt an verschiedenen Stellen im Neuen Testament die Nächstenliebe und die Hoffnung nicht aufzugeben und beständig gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen, auch wenn es nicht dem Zeitgeist entspricht und man sich dadurch zum Außenseiter macht.

Natürlich stellt sich die Frage, warum dieses elf Monate alte Baby so eine schwere Krankheit ertragen muss, und ob es durch die lebenserhaltenden Maßnahmen nun noch länger oder mehr leidet. Aber nichtsdestotrotz hat auch dieses todkranke Kind eine Würde und damit auch ein Recht auf Leben.

Auch wenn Charlie irgendwann den Kampf um das Leben verliert, die Eltern haben alles in ihrer Macht stehende versucht Charlie am Leben zu erhalten. Das ist auch die Aufgabe für alle Christen, zu Kämpfern für das Leben zu werden, auch wenn das nicht dem heutigen Mainstream entspricht.

Von Katharina Penits