Ist die Glatze eine Frisur? – Zur Religion in der Gesellschaft (10.05.2013)

Nur wenn die Glatze auch als Frisur gelte, nur dann könne der Humanismus auch als Religion gelten, so antwortet Michael Schmidt-Salomon auf die Frage, ob denn der Humanismus nicht auch eine Religion sei. Humanismus ist also eine Frage der Glatze.
Mit Landesbischof Ralf Meister diskutierte der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung zwischen dem Evangelischen Kirchentag und dem parallel stattfindenden Humanistentag die Frage: Wieviel Religion braucht die Gesellschaft?

Braucht die Gesellschaft Kirchen oder nur Glauben

Bekennende Humanisten operieren gerne mit Zahlen und Statistiken, weil es um Vernunft, um Wissenschaftlichkeit geht, die gegen den Glauben in Stellung gebracht wird. Jüngst weisen sie in einem Zahlenwerk darauf hin, dass die Kirche von England kaum mehr in der Bevölkerung verwurzelt sei. (http://hpd.de/node/15869)  Damit, so wird gefolgert, sei der Beweis erbracht, dass die Gesellschaft auch ohne Religion auskomme. Weitere derartige religionssoziologische Beweise lassen sich leicht finden: In Sachsen, Sachsen-Anhalt,  und Mecklenburg-Vorpommern bekennen sich jeweils unter 25% der Bevölkerung zu einer Glaubensgemeinschaft – und siehe da, die Gesellschaft, sie fällt nicht in Stücke. Das religionsloseste Deutschland sei gleichzeitig das freieste und offenste, so Schmidt Salomon.
Allein bleibt die Frage, was solche Statistiken über den Glauben der Menschen aussagen. Es ist weder sachgemäß noch wissenschaftlich, das Glaubensphänomen der Menschen allein an der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft zu messen. In dieser Frage ist Schmidt-Salomon uneingeschränkt zuzustimmen: Glaube ist mindestens so individuell wie der Haarwuchs. Und nicht überall, wo eine Glatze geschnitten ist, wachsen auch keine Haare.

Schadet Religion dem Frieden?

Dass Religion global nicht schwindet, sondern wächst, darüber herrscht unter den Religionssoziologen weitgehend Einigkeit. Westeuropa macht eine Ausnahme. Und gerade hier tun sich die großen Religionen und Glaubensgemeinschaften schwer zu sagen, worin ihr spezifischer Beitrag zu einem gelingenden Zusammenleben der Menschen besteht. Es läßt sich nicht bestreiten, dass viele Konflikte im Zusammenleben von Nationen und Kulturen auch religiöse Ausprägungen haben. In Wirtschaft und Verwaltung gilt es als ratsam, religiöse Symbole und Rituale so weit wie möglich zu unterdrücken, um nicht unnötig Konflikte zu schüren. Vergleichen läßt sich dies mit dem Tabu von Liebesaffären am Arbeitsplatz. Allein es bleibt die Frage: Was aber ist mit der Tatsache, dass Menschen religiös sind und dass sie Liebesbeziehungen eingehen?

Wer braucht Religion? Die Gesellschaft oder die Menschen?

Die Gesellschaft braucht alles und nichts. Wieviel Aldi braucht die Gesellschaft? Wieviel Schmidt und wieviel Salomon? Diese Frage führt zu nächsten. Ist die Glatze eine Frisur? Wieviel Frisur braucht die Glatze? Man kann sich auch im Nonsens ganz gut wohlfühlen.
Die Gesellschaft aber braucht Werte, die es den Menschen ermöglichen, menschenwürdig zu leben und ihre Möglichkeiten soweit zu entfalten, dass Mitmenschen dadurch nicht beeinträchtigt werden. Um diesen Zweck zu erreichen gibt es Förderliches und Hinderliches. Ein mögliche Fragestellung wäre gewesen: Was leistet die Religion für ein gelingendes Miteinander? Oder: Wo leben Menschen besser, in Gesellschaftsformen, die Religion unterdrücken oder solchen, die sie zulassen oder fördern?

Repression auf demokratisch

Vielleicht war die Veranstaltung vor allem deshalb angesetzt, um den Herren Meister und Schmidt-Salomon ein Forum zu bieten, sich unterhaltsam auszutauschen. In der Sache kam man mit dieser Fragestellung nicht weiter. Denn nicht die Gesellschaft braucht die Religion, sondern Menschen sind religiös, weil sie religiöse Fragen haben und sich religiös ausdrücken wollen. Hier aber sind die Humanisten mit Verboten nicht zimperlich. Religiöse Symbole sollen aus der Öffentlichkeit per Gesetz verbannt werden. Es scheint so, dass Schmidt-Salomon mit dem freien und religionslosen Deutschland jenes meint, das weitgehend von Politikern gestaltet ist, die sich zu christlichen Werten bekennen. Was hat denn das Verbot religiöser Symbole  in der Öffentlichkeit, wie es die Humanisten fordern,  mit Freiheit zu tun? Es ist zuerst ein Eingriff in die Freiheit, der nur damit gerechtfertigt werden könnte, einer weiterführenden Freiheit zu nützen. Was hat die Forderung, man dürfe Kindern in Kitas keine religiöse Bildung angedeihen lassen, mit Freiheit zu tun? Das ist zunächst ein massiver Eingriff in die religiöse Freiheit, der nur dann zu rechtfertigen wäre, wenn die Ausübung der Religion sich gegen die Würde und Freiheit anderer Menschen richtet.

Religionsverbote – Kampf für oder gegen etwas?

Religion und Religiöse Bildung braucht es deshalb, weil Menschen religiös sind und weil sie diese Anlagen pflegen und entwickeln müssen. Ob dies zwingend die Bindung an eine verfaßte Glaubensgemeinschaft mit sich bringt, muß fraglich bleiben. Um zu der Frisur zurückzukehren: Wenn die Haare wachsen, und wenn die Glatze entweder künstlich ist oder zumindest potentiell als Defizit erscheint, erscheint es nicht sinnvoll, das Vorhandensein von Frisuren zu verbieten. Wenn Haare wachsen, dann stellt sich die Frage: Was soll man damit machen? Es ist die Vernunft,  die feststellt, dass die Haare wachsen. Und es ist der  Glaube, der mit der Gestaltung der Haare etwas ausdrücken will. Vernunft und Glaube müssen auf  menschenwürdige Weise zueinander finden. Und die Gesellschaft braucht soviel Anstand, dass sich dieses Zueinander von Glaube und Vernunft ermöglicht. Eine Pflichtglatze bleibt abzulehnen, Herr Schmidt-Salomon.

Theo Hipp

kath.de – Redaktion

Echte Religion verträgt keine Machtspiele (05.04.2013)

In Ägypten, Syrien, Nigeria, Irak, Pakistan, aber auch in Nordkorea und China werden Christen wegen ihres Glaubens verfolgt und müssen teilweise um ihr Leben fürchten. Daran habe einige Bischöfe, katholische wie evangelische, über die Ostertage erinnert. Wenn Christen an Ostern die Auferstehung Jesu und damit den Sieg des Lebens über den Tod feiern, dann können die nicht übersehen werden, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Wer sich Solidarität und Gerechtigkeit auf die Fahnen schreibt, der darf nicht schweigen, wenn Menschen wegen ihres Glaubens leiden müssen. Welche Kraft hat ein christliches Lebenszeugnis, das schreiendes Unrecht einfach übersieht? Aber es schließt sich noch eine Frage an: Werden Christen ihrer Sache gerecht, wenn sie nur auf die verfolgten Glaubensbrüder aufmerksam machen? Müssen sie nicht im gleichen Atemzug alle religiös Verfolgten nennen?

Religiöse Verfolgung nimmt zu

Wer glaubte, die Moderne habe durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik die religiösen Konflikte überwunden, wird enttäuscht. Religiöse Konflikte nehmen in Nachbarschaften, zwischen Ethnien und zwischen Kulturkreisen eher zu als ab. Religiöser Fundamentalismus macht in allen Farben von sich reden. Andrerseits gibt es eine religionspolitische Pragmatik, die versucht, Religion so weit wie möglich aus Wirtschaft und Öffentlichkeit heraus zu halten. Sie reicht die anstehende Konfliktbearbeitung einfach an andere weiter. Verständlich. Wie mag man sich denn auch nüchtern und praktisch mit jemanden angelegen, der anderen Menschen in Gottes Namen Rechte und Gebräuche streitig machen will oder die seinen für überlegen hält?

Der Glaube allein reicht nicht aus

Streitigkeiten über Glaubensangelegenheiten eskalieren leicht. Schnell werden Opfer zu Täter und Täter zu Opfer, religiöse Konflikte zu politischen und umgekehrt. Urteile darüber, welche Religion gewaltbereiter und welche friedliebender sei, können im Einzelfall alle widerlegt werden und verursachen in der Praxis mehr Schaden als Nutzen. Was soll ich denn als Christ mit der Erkenntnis anfangen, wenn ich vorgehalten bekomme, zu Kreuzzugszeiten hätten „wir“ unzählige Muslime getötet? Was mache ich als Muslim, wenn ich höre, die meisten wegen des Glaubens Getöteten gehen heute auf das Konto muslimischer Fundamentalisten? Kann die Gewalt gerechtfertigt werden, wenn sie im Namen Gottes geschah? Keinesfalls. Hier hilft nur die Vernunft weiter. Jede Parteinahme zugunsten der Gewalt in Glaubensangelegenheiten führt dazu, dass sich die Gewaltspirale der Religionskriege weiter drehen.

Der Lackmustest: Das Spiel mit der politischen Macht

Wenn Religionen und Konfessionen nicht miteinander reden können, ohne dabei Gefühle der Überlegenheit erzeugen wollen, machen sie deutlich, dass es eher um Politik als um Religion geht. Denn Religion braucht vor allem Freiheit und Respekt vor der Würde eines jeden Menschen. Wer das Spiel mit der Macht spielt, und seien noch so viele theologische Argumente im Spiel, offenbart sich eher als Politiker denn als Glaubender. Wenn Christen also Partei ergreifen für ihre verfolgten Glaubensbrüder, so sollten sie dies um der eigenen Glaubwürdigkeit willen, immer im zweiten Atemzug auch für alle tun, gleich welcher Glaubensgemeinschaft, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden. Nur so wird deutlich, wie absurd es ist, mit Gewalt irgendeiner Religion zum Sieg verhelfen zu wollen.

Theo Hipp
kath.de
-Redaktion

 

Heilsame Enttäuschungen (29.03.2013)

Die Geschehnisse der Kar- und Osterzeit, die die Kirche in diesen Tagen begeht, sind die Geschichte großer Enttäuschungen: Jesus wurde bei seinem Einzug in die heilige Stadt Jerusalem am Palmsonntag als messianischer König mit Hosianna-Rufen begrüßt und zeigte sich am Karfreitag als zum Tode verurteilter Aufrührer, dem die Schreie des „Kreuzige ihn!“ des Volkes galten. Eine grausame Enttäuschung für die Jünger, die ihr ganzes Leben auf die eine Karte, die Jesus heißt, gesetzt haben. Der Tod Jesu machte sie zu Verlierern – scheinbar! Es ist nämlich genau dieser entehrt am Kreuz gestorbene Menschensohn, der am Ostermorgen als Auferstandener den Frauen erscheint. Noch einmal enttäuscht Jesus seine Freunde, dieses Mal aber im positiven Sinne. Er nimmt ihre Trauer und Resignation hinweg, mit der sich seine Anhänger schon abgefunden hatten. Der Galiläer hebt die Täuschung der vermeintlichen Fakten auf und lässt seine Jünger sehen, dass er wahrhaftig Gottes Sohn ist.

Man kann es nicht allen recht machen

Enttäuschungen scheinen programmatisch im Christentum zu sein. So ist es nicht verwunderlich, dass auch der neue Papst Teile seiner Kirche enttäuscht. Weltweit war die Wahl Kardinal Bergoglios zum Papst begrüßt worden. Doch die Freude über einen Pontifex, der sich ausdrücklich auf die Seite der Armen stellt und die Kirche als Dienst an den Notleidenden versteht, mischte sich mit kritischen Stimmen. Bemängelt wurde besonders in Europa die ablehnende Haltung des neuen Papstes zur Frauenordination oder Homosexualität. Es muss eine Enttäuschung für die progressiven Kreise in der Kirche sein, wenn ein Papst aus Südamerika gewählt wird, der der populären Befreiungstheologie ablehnend gegenübersteht. Doch auch die traditionellen Katholiken reiben sich an Franziskus. Angefangen hat dies schon mit dem Rücktritt von Benedikt XVI. In der Kurie stieß dieser Schritt des römischen Bischofs nicht bei allen auf Zustimmung, da der freiwillige Amtsverzicht eines Papstes dem Petrusamt seine Absolutheit nimmt, die es in den letzten Jahrhunderten innegehabt hatte. Und somit auch eine Schwächung der Kurie bedeutet.

Irritationen

Das informelle Treffen der beiden Päpste im Castel Gandolfo vor einigen Tagen kann als der Höhepunkt der Irritationen angesehen werden, die der Rücktritt des mittlerweile emeritierten Bischofs von Rom ausgelöst hatte. So ist verständlich, dass Konservative, wie beispielsweise der katholische Publizist Alexander Kissler, sich darüber verwundert zeigen, dass Fotos der historischen Begegnung zwischen Franziskus und Benedikt veröffentlicht wurden. (http://www.explizit.net/Kirchen/Die-Deutung-der-Bilder-liegt-nicht-mehr-in-der-Hand-des-Vatikan) „Das sind alles Prinzipien, die man nicht mit dem Stuhl Petri in Verbindung gebracht hat“, meint Kissler bezogen auf die in der Geste des Zusammentreffens zweier Päpste ausgedrückte mögliche Befristung des petrinischen Amtes. „Diese Transparenz führt dazu, dass das Papsttum seine Unteilbarkeit etwas verloren hat“, so der Journalist weiter. Worte der Verunsicherung, die exemplarisch für einen Teil der Weltkirche stehen.

Progressive und Konservative gegenüber dem neuen Papst

Papst Franziskus hat die Kirche enttäuscht. Und das ist auch gut so! Es war schon lange fällig, dass sich in der Person des Petrusnachfolgers die wachsende Bedeutung der außereuropäischen Katholiken spiegelt. Eine Enttäuschung für die Ortskirchen Europas, die sich selbst lange als Zentrum der Weltkirche gesehen haben. Diese Zeiten sind nun vorbei und es besteht die Hoffnung auf eine tiefere Verbundenheit zwischen den Teilen der globalen Kirche. Eine Verbundenheit, die über Mitleid und finanzielle Hilfe für die Christen in der sogenannten Dritte Welt hinausgehen muss. Der neue Pontifex hat die Kirche enttäuscht. Sowohl Progressive als auch Konservative. Natürlich kann ein Papst es niemals allen Theologen, Klerikern und einfachen Gläubigen zugleich recht machen. Aber in der Person von Papst Franziskus zeigt sich, dass die Kategorien von progressiv und konservativ, links und rechts nicht mehr greifen und vielleicht noch nie gegriffen haben. Kardinal Bergoglio wurde als traditionell, aber mit einer großen Nähe zu den Armen beschrieben. Als ein Erzbischof, der die Befreiungstheologie ablehnte, aber dennoch für Lucio Gera, einem seiner Lehrer und zugleich einem der Begründer der Theologie der Befreiung, einen Ehrenplatz in der Grablege der Bischöfe von Buenos Aires bereitstellte.

Es bleibt zu wünschen, dass die Enttäuschungen, die Papst Franziskus seiner Kirche bescheren wird, heilsame Enttäuschungen sein werden. Enttäuschungen, die, wie die große Ent-Täuschung des Ostergeschehens, den Blick auf das Wesentliche des christlichen Glaubens frei werden lassen. Enttäuschungen, die den Schleier der Täuschung von den Augen der Christen nehmen und sie hinauf in den Himmel blicken lassen.

Roland Müller
kath.de-Redaktion