Kirche in Zeiten der Glasfaser

Seit Jahren beklagen sowohl die katholische, als auch evangelische Kirche eine stete Zunahme von Kirchenaustritten. Gleichzeitig verzeichnen sie einen Rückgang an Gläubigen, die regelmäßig die Gottesdienste besuchen. Die Gründe dafür lassen sich nur schwer nachweisen. Jugendstudien zeigen jedoch, dass besonders von jungen Leuten ein Aspekt immer wieder zur Sprache gebracht wird: Die Distanzierung von der Kirche aufgrund ihrer mangelnden Präsenz im Alltag. Dabei werden religiöse Inhalte gerade in den sozialen Medien immer häufiger aufgegriffen.  

Die Bibel wird zum Drehbuch

Im vergangenen Jahr landete der amerikanische Fernsehsender HBO mit „The young Pope“ einen internationalen Erfolgs-Hit. Die Serie über den amerikanischen Papst Pius XIII. konnte trotz oder gerade wegen provokanter und skandalöser Bilder und Erzählweise Einschaltrekorde verzeichnen. Obwohl die Serie kein gutes Licht auf die Institution „Kirche“ wirft, hielt sich die Kritik aus dem Vatikan in Grenzen. Auch der Streamingdienst Netflix gab unlängst bekannt eine Produktion mit religiösem Inhalt zu planen. „Messiah“ soll eine moderne Interpretation des Neuen Testaments werden, in der ein junger Mann in der heutigen Zeit im Nahen Osten auf der Bildfläche erscheint und Wunder vollbringt. Als führender Streaminganbieter spricht Netflix vor allem viele junge Menschen an. Die positive Reaktion auf religionsbezogenen Themen in Unterhaltungsmedien zeigt, dass durchaus ein Interesse an den Inhalten vorhanden ist.

Der Papst lässt twittern

Auch die Kirchenvertreter haben das Potential der (sozialen) Medien erkannt und sehen sich unter Zugzwang. Benedikt XVI. setzte 2012 einen Meilenstein, als er als erster Papst der Geschichte eine Botschaft über den Nachrichtendienst Twitter sendete. Nach seinem Rücktritt übernahm Papst Franziskus den Account und twittert unter @Pontifex in neun verschiedenen Sprachen, darunter auch Deutsch. Vielmehr lässt er twittern. In einem Interview mit einer argentinischen Zeitung gab Franziskus zu, die modernen elektronischen Medien gar nicht zu nutzen. Dennoch erscheinen fast täglich Tweets vom Papst, bei denen es sich meist um allgemeine Glaubenssätze handelt. Und diese werden von rund 33 Millionen Menschen weltweit gelesen. Soviel Follower hat der Papst und liegt damit sogar noch vor US-Präsident Donald Trump.

„Gebetsbook“ für unterwegs

Doch nicht nur bei Twitter hinterlässt der Papst einen digitalen Fußabdruck. Seit 2014 hat er seine eigene App. „Click to Pray“ wurde vom Weltweiten Gebetsnetzwerk des Papstes ins Leben gerufen, um seine monatlichen Gebetsanliegen zu unterstützen und in erster Linie junge Menschen zum Beten zu motivieren. Mit der deutschen Version, die Anfang Mai erschien, gibt es die App nun schon sechs Sprachen. Das Prinzip der App ist mit dem von Facebook vergleichbar. Man erstellt ein Profil und kann anschließend seine persönlichen Gebete und Anliegen posten, die von anderen Nutzern kommentieren oder mit einem einfachen Klick an dem Gebet teilnehmen. Gleichzeitig sieht man wie viele andere Nutzer zur gleichen Zeit im Gebet sind. Dabei beschränkt sich die App nicht nur auf den eigenen Sprachraum, sondern zeigt Gebete von Usern weltweit an. Hinter ihren Profilen bleiben die sie jedoch weitestgehend anonym. Neben den individuellen Gebeten bekommen Nutzer dreimal tägliche eine Benachrichtigung, die sie an kurze Gebetsimpulse erinnern sollen, die zur gleichen Zeit gemeinsam mit anderen gebetet werden können.

Gottes Wort im Alltag und auf der Straße

Vor allem um junge Menschen mit religiösen Themen zu erreichen ist es wichtig sich von einem festen Ort oder einer bestimmten Zeit zu lösen. Ein Beispiel wie das funktionieren kann, liefert die Kampagne „Quote Jesus“ aus Großbritannien. In der Karwoche prangten an den Doppeldeckerbussen in London nicht wie üblich Film- und Theaterplakate, sondern Jesus Zitate. Die Aktion sorgte so für internationales Interesse, dass auch außerhalb Großbritanniens ähnliche Aktionen im Gespräch sind. Organisiert wurde das Ganze nicht von der Kirche, sondern von dem Gründer eines christlichen Fernsehsenders.

Funktioniert Kirche online?

Die wachsende Anzahl von Kirchenaustritten und Gläubigen, die nicht mehr regelmäßig Gottesdienste besuchen ist nicht zwingend ein Beweis dafür, dass Christen weniger religiös sind oder an Gott glauben. Es zeigt zunächst einmal, dass sich die Beziehung zur Religion und die Ansprüche an religiösen Institutionen wie der Kirche geändert haben. Das erkennen auch die Gemeinden und Bistümer und versuchen ihre Angebote auch dementsprechend anzupassen. Das Problem an solchen Kampagnen oder Angeboten wie der Gebets-App ist, dass sie in den meisten Fällen nur die erreichen, die bereits aktiv ihren Glauben ausleben. Auch die Integration von Meditation und Gebet in den Alltag wird nur der leisten, der Gott ohnehin regelmäßig einen Platz im Leben einräumt. Sicherlich werden die Präsenz des Papstes im Internet oder ein soziales Netzwerk für Gläubige nur wenig an den rückläufigen Gottesdienstbesuchern ändern können. Die Kirchen zeigen jedoch, dass sie für Veränderungen bereit sind und die Distanz, die viele zur Kirche aufgebaut haben, überwinden möchte.

Kerstin Barton

Können Fußballfans religiös sein?

Fußball und Religion – die Parallelen zwischen den beiden werden besonders deutlich während großer Turniere, oft auf internationaler Basis. Ähnlich wie die Religion, kann Fußball zu einer Art Lebensinhalt werden. Und manche Kirche wäre froh darum, eine so große Anziehung auf ihre Mitglieder auszuüben, wie ein Stadion auf seine Fans. Der Vergleich zwischen Fußball und Religion kommt nicht von ungefähr. Ob er aber angebracht ist, ist eine andere Frage.

Die Verbindung zwischen Fans und Vereinen ist ohne Zweifel eine sehr enge, die Anhänger gehen mit ihren „Idolen“ durch Dick und Dünn, jubeln im Sieg und trauern bei Verlusten ihrer Spieler. Die Gesänge erinnern Beobachter an Messefeiern, die Fans beten häufig für ihre Vereine, während sie dem Sieg entgegenfiebern. Aber sind diese Indizien Grund genug, Fußball mit einer Religion gleichzusetzen?

Wer ist Anhänger der „Religion Fußball“?

Es gibt viele gläubige Fußballer, bekennende Christen wie Muslime und Juden. Alle drei sind monotheistische veranlagt, theologisch betrachtet, ist die Zugehörigkeit zu einer anderen Religion damit ausgeschlossen. Ein Schluss könnte sein, dass die Spieler selbst nicht der „Religion Fußball“ angehören, sondern nur ihre Fans. Anders als die Spieler, die teilweise nach wenigen Saisons ihren Verein wechseln, bleiben die Anhänger ihrem Verein häufig ein Leben lang treu.

Ähnliches gilt für die Trainer, da sie ebenfalls vertraglich gebunden sind und ihre Zukunft von der Leistung der Mannschaft abhängt, fallen auch sie nicht in die Gruppe der Anhänger der „Religion Fußball“.

Gemeinsamkeiten zwischen Fußballfans und Gläubigen

Ähnlich einer Prozession verläuft der Gang ins Stadion, bereits die Anfahrt ist eine Art Vorbereitung auf das Spiel. Viele kennen es aus ihrer Kindheit, das besondere Kleid, das ordentliche Hemd, das nur am Sonntag in der Kirche oder an Feiertagen getragen wurde. Für Fußballfans sind das ihre Fanschals und Trikots.

Während des Spiels befolgen die Fans häufig Rituale – Laola-Wellen im Stadion, bestimmte Rufe oder Gesänge, mit denen die Gegner ausgebuht werden oder die eigene Mannschaft motiviert wird. Parallelen wären das Amen in der Kirche oder Gebete, die in jeder Messe vorkommen.

Einige Trikotnummern werden in Vereinen nicht mehr vergeben, oft, wenn ein Publikumsliebling in den Ruhestand geht. Sie sind auch als „geheiligte Nummern“ bekannt, von Legenden getragen.

Nicht zu vergessen: Spitznamen, die auf die „Herrlichkeit“ der Spieler verweisen. Diego Maradona, „die Hand Gottes“ oder der  „Fußballgott“.  Als solcher wurde Bastian Schweinsteiger beim FC Bayern verehrt und sogar von den amerikanischen Fans bei seiner Ankunft begrüßt. Aber auch Alex Meier (Eintracht Frankfurt) trägt diesen Spitznamen. Der Spitzname ist eine eindeutige Parallele zwischen Fußball und einer Religion.

Ist Fußball nun eine Religion?

Nicht nur Spieler sind gläubig, unter den Fans sind sogar hochrangige Vertreter der Kirchen vertreten. Papst Franziskus höchstpersönlich bezeichnet sich als Fußballfan. Er sei begeisterter Anhänger der argentinischen Nationalmannschaft und eines Fußballklubs in Buenos Aires.

Sicherlich sind einige Gemeinsamkeiten zwischen Fußballfans und Gläubigen nicht zu leugnen. Diese Parallelen treffen wohl auch auf die Anhänger anderer Sportarten zu – nicht in allen Ländern ist Fußball die dominante Sportart. In den USA wäre der Vergleich von Football mit einer Religion wohl ebenso angebracht. Der Superbowl wäre demnach ein Pilgerfest, für das Anhänger große Strapazen auf sich nehmen. Berührpunkte hätte das Christentum demnach auch mit der Begeisterung für Bands oder Sänger. Die Konzerte lösen ebenfalls Ekstase und Begeisterung bei Fans aus.

Allerdings lässt sich dieses Konzept auch beinahe alles übertragen, was Menschen glücklich macht. Die größte Übereinstimmung ist das an Ekstase grenzende , das die Teilnahme verspricht.

Ebenso eindeutig sind allerdings die Unterschiede: Die Hoffnung auf den Sieg, seine Stars persönlich zu treffen, selbst die Hoffnung auf den Titel, all das macht glücklich. Der großen Gefühle zum Trotz, kann der Fußball, anders als wahre Religion, sein Heilsversprechen nicht über den Tod hinaus einhalten. Selbst ein Weltmeistertitel, der Pokal in der Champions League oder der Gewinn der Meisterschale in der Bundesliga, all das hält letztlich bis zur nächsten Meisterschaft, während die Religion über ein ganzes Leben präsent ist. Auch ein Schweinsteiger, der trotz Verletzungen weiter auf dem Platz steht und tapfer für seine Mannschaft kämpft – sich aufopfert – ist nicht und zwar lange nicht gleichzusetzen, mit einem Gott, der für menschliche Sünde am Kreuz gestorben ist.

Trotz aller Gemeinsamkeiten, überwiegen die Unterschiede. Da Fußball weder eine Religion ist, noch einen Exklusivitätsanspruch innehat, stellt die Anhängerschaft auch keinen Widerspruch zur Religiosität dar.

Siehe auch:

Fußball – die Männerreligion

Die Fußball-Religion

Marlen Heßler

Anders leben oder Unglaubwürdigkeit

Es ist eine Last in der Welt zu leben. Die Politik driftet ins „Postfaktische“  ab. Der Journalismus liegt im Sterben und über Gott reden kann man nicht mehr. Was aber, wenn Ersteres nicht stimmt und Letzteres nicht so sein muss?

Dialog in der Gesellschaft

Die große Rede vom „postfaktischen“ Zeitalter ist unsinnig. Brexit und Trump Wählern kreieren ihre Ansichten über die Welt und Politik nicht ohne Realitätsbezug oder wie es ihnen gefällt. Das so interpretierte Phänomen ist durch eine Vertrauenskrise des Journalismus bedingt. Die Bereitschaft an einer These festzuhalten, obwohl ihre Falschheit durch Nachrichtemedien gezeigt wurde, ist keine Ablehnung von Fakten. Die Vertrauenskrise des Journalismus zeigt die komplexe dahinterliegende Realität. Das Problem ist wie Wahrheit kommuniziert werden kann und warum dem Fact Checker Glauben geschenkt werden sollte.

Das Vertrauen als Grundgut des Journalismus ist verbraucht. Unabhängig von der Wahrheit des „Lügenpresse“ Vorwurfs, zeigt dieser Vorwurf das Fehlen von Vertrauen in Teilen der Gesellschaft. Durch seine strukturelle Offenheit für Manipulation kann dem Journalismus im digitalen Zeitalter nicht Glauben geschenkt werden. Daher ist es für einen Menschen sinnvoll Politikern, Kommentatoren oder Blogs zu glauben, die das eigene Weltbild teilen und unterstützen. Ihre eigenen Überzeugungen geben diesen Informationen zusätzliche Relevanz und bestätigen die Wahrscheinlichkeit ihrer Validität. Im Sinne einer Korrespondenztheorie unterstützen sie sich gegenseitig. Ein Fact Checker muss, um diese Informationen in Zweifel zu ziehen, erst einmal gegen die subjektive Überzeugung argumentieren. Der an der angegriffenen Überzeugung festhaltende Mensch ist also gerade nicht post- oder antifaktisch, sondern hält seine Überzeugung für ein Faktum. Die Krise des Journalismus führt also zum Zusammenbruch des gesellschaftlichen Dialogs und zum wirtschaftlichen Niedergang des herkömmlichen Journalismus.

Dialog über den Glauben

Der Dialog über den Glauben ist ähnlich zusammengebrochen. Von Minderheiten wie den „New Atheists“ abgesehen, gibt es in der Gesellschaft keine prinzipielle Ablehnung gegen ein Reden von Gott. Es weckt kein Interesse und wird als irrelevant eingeschätzt. Das Vertrauen auf Wissenschaft und Fortschritt  bietet eine grundsätzlich überzeugende Weltsicht, in der Gott nicht gebraucht wird. Um Gott in den Blick zu bringen, müsste also erst einmal dieses Vertrauen erschüttert werden. Eine schwierige Aufgabe in einer Umgebung, die dieses Vertrauen durch praktische Erfolge der Wissenschaft verstärkt. Doch im Beispiel des Fact Checkers liegt eine weitere Möglichkeit: Die Aufdeckung von Fehlinformationen durch journalistische Mittel hat in der Vergangenheit funktioniert. Durch Vertrauen, das dem Journalismus entgegengebracht wurde, konnten Wähler überzeugt werden. Der Journalismus hat das Vertrauen verloren und auch religiöse Menschen bekommen von ihren Mitmenschen wenig Vertrauen entgegengebracht. Der Missbrauch Skandal, das Fehlverhalten von Bischöfen und Priestern sowie wenige extreme Christen färben die öffentliche Meinung von allen Gläubigen negativ. Die Negativbeispiele haben zwar mit dem einzelnen Gläubigen erst einmal nichts zu tun, zerstörten aber in der öffentlichen Meinung das Vertrauen auch in den einzelnen Gläubigen.

Nachfolge als Lösung

Für das Problem des Vertrauens im Journalismus  wurde noch keine Lösung gefunden. Doch das Vertrauensproblem des einzelnen Gläubigen kann behoben werden, indem sie die Vertrauenswürdigkeit in ihrem Handeln vorleben. Kurz: heiliger werden. Gottes- und Nächstenliebe konsequent umzusetzen, auch wenn es schwer fällt – und bis zum Ende. Nicht abstrakt, sondern in der jeweiligen Situation. Nicht mal kurz die Welt retten, sondern dem Gegenüber zuhören, die Oma besuchen, eine Familie gründen oder sich ganz für ein Leben mit Gott zu entscheiden. Im Kleinen einen Unterschied machen anstatt die großen Probleme zu lamentieren.  Dieses sichtbar andere Leben führt zu Fragen und zeigt die Ernsthaftigkeit des Glaubens. Der Glauben erweist sich so nicht als Vertröstung ins Jenseits oder einer vagen Hoffnung, sondern als eine konsequente Überzeugung und wirksame Realität. Die Wirksamkeit Heiliger in der Ermöglichung der Kommunikation wird bewiesen durch einen Blick in die Geschichte der Kirche. Die Christen der ersten Jahrhunderte lebten ihren Glauben in der Verfolgung auf eine Weise, die die Umwelt veränderte bis das Christentum selber Staatsreligion wurde. Dabei setzten sie nicht bei großen Problemen und gesellschaftlichen Missständen an, was in der Verfolgung auch nicht möglich ist. Stattdessen lebten sie ihren Glauben auf einer persönlichen Ebene, im Umgang untereinander und im Festhalten an der Nachfolge Christi.

Dabei geht es nicht um ein Mittel für eine Missionierung im Sinne einer argumentativen Überzeugung, sondern um einen Dialog zu ermöglichen. Für eine Umkehr oder Missionierung sind andere Faktoren nötig. Aber ohne Heilige, deren Leben die Begegnung mit authentischen Glaubenden ermöglicht, kann die Sendung Jesu, Zeugen zu sein, nicht erfüllt werden. Also  sollten wir Christen uns nicht an den großen Problemen der Welt kaputt reiben, sondern in den kleinen Dingen des Alltags heilig werden.

Philipp Müller