„Der hate is‘ real“

Das Internet ist nie ein rechtsfreier Raum gewesen. Junge Internetnutzer glauben, alles im Internet posten zu können, ohne dafür belangt zu werden. Das zeigen die jüngsten Ausmaße der Zuschauer dreier Streamer auf der Amazon-Plattform Twitch. Die Zuschauer scheuen selbst vor Mord- und Gewaltandrohungen nicht zurück. Eltern und Erwachsene machen die aggressive Diskussionskultur im Internet vor.

„Ich werde dich vergewaltigen und danach ermorden!“ – das ist zurzeit auf dem Twitter- und Facebookaccount der Streamerin Tinkerleo zu lesen. Wie kam es dazu? In der Computerspieleszene sind sogenannte „Roleplay Spiele“ der Renner. Die Spieler steigen in die Rolle eines von ihnen entworfenen Charakters und spielen in einer fiktiven Welt gemeinsam mit anderen Spielern. Sogenannte „Streamer“, sind Mitspieler, die das Spiel live im Internet übertragen. Bei einigen dieser Streamer bewegen sich die Zuschauerzahlen im deutschen Sprachraum zwischen 1.000 – 20.000 Personen, die beim Spielen zuschauen.

Drei der bekanntesten Streamer in der Roleplay-Szene sind Scurrows auf der einen Seite und Tinkerleo/Shlorox auf der anderen. Vor kurzem eskalierte die Situation zwischen den beiden Parteien. Grund dafür war der Ausschluss des Streamers Scurrows vom GTA 5 Roleplay Server „Klaerwerk“. Der Grund für den Ausschluss: Fehlende Community-Kontrolle und ständige Beleidigungen der Spieler. Das verkündete Scurrows auf Twitter.

Aggressionspotenzial: Ultra

Seit dem Tweet mussten Tinkerleo und Shlorox in Deckung gehen. Morddrohungen wurden zur Regel. Der Streamer Shlorox verkündete die Zahlen von gebannten Zuschauern: Hoher dreistelliger Bereich! Der Streamer beteuerte, jeder der gebannten Zuschauer erhält eine Anzeige wegen Morddrohungen. Die Situation eskalierte aber noch weiter: Die Streamerin Tinkerleo erhielt Drohungen, man würde sie vergewaltigen und umbringen. Auch diese Drohungen wurden zur Anzeige gebracht. Nicht zuletzt konnte das pure Unverständnis und Erschrockenheit, über den Hass der entgegenkam, im Gesicht der Streamer gesehen werden. Sogar Tränen flossen.

Das Aggressionspotenzial der Zuschauer ist maßlos und sie scheuen vor nichts zurück. Die Zuschauer sind meist zwischen 14 und 20 Jahren alt und haben den Bezug zur Realität im Internet verloren. Situationen wie diese haben schon einige Streamer getroffen und geschadet. Mittlerweile geistert der Begriff „Internet-Eier haben“ in der Jugendsprache umher. Jugendliche beweisen im Internet Stärke und bekämpfen die „Feinde“ ihres großen Vorbildes in Form des Streamers. Besonders in den Schulfreien ist die Situation unglaublich anstrengend für die Streamer, die mit ihrem Angebot auf einer Plattform wie Twitch Geld verdienen.

Communitys – ein Brandherd

Die neuesten Umfragen von Computerzeitschriften lassen einen deutlichen Trend erkennen: Bei der Leserumfrage der Gamestar nahmen die Communitys den Rang 2 der „schlimmsten Dinge im Internet“ ein. Im Vorjahr war das Ergebnis gleich. Beleidigungen und Drohungen im Internet sind schon seit langem ein Problem.

Andere Streamer sprechen häufig von demselben Thema. Beispielsweise erwähnt einer der größten Youtuber Deutschlands „Gronkh“, das Verhalten der Zuschauer habe sich verschlimmert. Einige Zuschauer fordern vehement Videos vom Youtuber ein, wenn an einem Tag kein Video erscheint. „Mach ein Video, denn ich bezahle dich dafür!“ ist einer solcher Kommentare. Dabei zahlt der Zuschauer kein Geld für die Videoerstellung. Der Youtuber wird allein aus den Werbeeinnahme von Youtube oder Werbeverträgen bezahlt. Die Videos sind kostenfrei und für jeden verfügbar.

Verantwortung: Community

Der Streamer trägt Mitverantwortung für die Community. Er ist mitverantwortlich für die Reaktionen und Interaktionen der Zuschauer. Die Streamer können beruhigend einwirken oder hetzen. Da die Zuschauer meist hinter der Person stehen, da sie den Streamer unterstützen wollen, tun die meisten auch das, was er gebietet. Deswegen ist es notwendig, dass der Verantwortliche bei einer eskalierenden Situation interveniert.

Ein Beispiel dafür ist der Streamer Scurrows, welcher nicht genügend in die Situation eingegriffen hat. Er antwortet mit: „Eine Community gehört niemanden“. Dabei hätte er stärker einschreiten können, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Als großer Streamer, welcher seine eigene Community beeinflussen kann, sollte er den Streit schlichten oder nicht unnötig Öl ins Feuer gießen. Wenn nötig, sollten sich die drei Streamer zusammentun und klar Stellung Beziehung. Da reicht eine einfache Distanzierung nicht aus. Jedoch kann die Community eine Eigendynamik entwickeln, besonders wenn die Zuschauerzahlen bei knappen 3.000 Personen oder mehr liegen. Dann sind die Interventionsmöglichkeiten des Streamers begrenzt und er kann nur vermeiden, dass ein größerer Schaden verursacht wird.

Vorbild Eltern?

Kinder lernen für gewöhnlich von ihren Vorbildern und Eltern. Auch auf der Plattform Facebook, welche eher von den älteren Nutzern besucht wird, ist es zu jeder Zeit möglich seinen Unmut in Form von Beleidigungen kundzutun. Selbst rassistische Äußerungen werden im Social Media selten geahndet, von Mobbing ganz zu schweigen. Vergessen wird dabei, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist. Die Beleidigungen gegen eine Person oder rassistische Äußerungen, können ebenso zur Anzeige gebracht werden, wie ein Überfall in einem Supermarkt.

Das scheinen nicht nur die jüngeren Nutzer zu übersehen, sondern auch sehr viele Ältere, unter ihnen Eltern. Eine geeignete Diskussionskultur im Internet scheint zu fehlen. Die Jugendlichen schauen sich das ab oder probieren sich schlichtweg aus. Deshalb ist es notwendig, dass die Älteren die Verantwortung als Vorbild übernehmen. Wir müssen Vorbilder sein, damit Menschen im Internet ihre Meinung kundtun oder arbeiten können, ohne dafür am nächsten Tag Morddrohungen oder Beleidigungen zu erhalten. Hinter dem Rechner sitzen Menschen und nicht Bits and Bytes. Deswegen ist auch im Internet geboten, die Würde des Menschen zu erhalten.

Alexander Radej

Die Rehabilitation von Donum Vitae?

Die Kirche hat Donum Vitae anerkannt. So wurden die Aussagen von Kardinal Reinhard Marx in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Doch in Wirklichkeit hat der Kardinal nur die kirchliche Position wiedergeben und eingeladen, zu ihr zurückzukommen.

In den veröffentlichten Auszügen aus einem Briefwechsel erkennt der Kardinal die Erfolge des Vereins Donum Vitae für den Schutz des ungeborenen Lebens an und äußerte sich positiv zur Beschäftigung ehemaliger Beraterinnen des Vereins durch kirchliche Stellen. Doch was genau bedeutet das für die Position der Kirche und den Konflikt mit Donum Vitae?

Kirche offen für Rückkehr

Kardinal Marx erklärte in dem vom ZdK-Präsidenten veröffentlichten Zitat, eine Einstellung ehemaliger Donum Vitae Mitarbeiter sei nur möglich, „sofern sie, was ja auch selbstverständlich ist, die dort geltenden Regeln und Festlegungen respektieren und beachten.“ Diese „Regeln und Festlegungen“ umfassen im Rahmen der bischöflichen Beratung eindeutig die Unmöglichkeit, einen Schein zur straffreien Abtreibung auszustellen. Weihbischof Ansgar Puff formuliert diese Bedingungen für das Erzbistum Köln in einer Stellungnahme noch deutlicher: „Der Eintritt einer ehemaligen donum vitae-Beschäftigten in den Dienst einer bischöflich verantworteten Schwangerschaftsberatungsstelle “esperanza” im Erzbistum Köln setzt zwingend voraus, dass sich diese Bewerberin von der bisherigen Schwangerschaftskonfliktberatungspraxis, zu der die Ausstellung des Beratungsscheins […]gehört, distanziert und sich vollumfänglich mit dem “esperanza”-Beratungskonzept identifiziert und auch bereit ist, dafür öffentlich einzutreten.“ Letztendlich laufen beide Formulierungen auf eine Bekräftigung der kirchlichen Haltung zum Beratungsschein hinaus. Ehemalige Donum Vitae Beraterinnen müssen sich von der grundlegenden und definierenden Idee des Vereins distanzieren, wenn sie in der bischöflichen Beratung arbeiten wollen.

Die Äußerungen zeigen, wie die Bundesvorsitzende von Donum Vitae Rita Waschbüsch treffend zusammenfasste, die Intention des kirchlichen Handelns. Die Abgrenzung zielt gegen den Verein und seine, nach katholischer Lehrmeinung, irrigen Positionen, nicht gegen die Menschen, die sich darin engagieren. Kardinal Marx hatte diesen Punkt bereits vor drei Jahren angesprochen und eine Ausgrenzung von Donum Vitae Mitarbeiter in der Kirche abgelehnt.

Relativer Erfolg

Kardinal Marx bestätigt das Grundanliegen Donum Vitaes als Schutz des Ungeborenen Lebens und stellt Erfolge darin fest. Der von ihm gesehene Erfolg sei „zahlreichen Frauen bzw. Eltern Mut zu machen für ein Leben mit dem Kind, und dafür bestmögliche Hilfestellungen zu bieten.“ Damit liegt der Erfolg auf einer individuellen Ebene.

Da Donum Vitae aber auch den Schein zur straffreien Abtreibung ausstellt und damit Teil des gesellschaftlichen Phänomens des Schwangerschaftsabbruches ist, muss der Erfolg des Vereins hinsichtlich ihres Zieles „ungeborenes Leben zu schützen“ auch anhand der umfassenden Situation bewertet werden.

In Deutschland ist seit Jahren die offizielle Zahl der Schwangerschaftsabbrüche relativ konstant. Da die Erfassung nicht zwingend und damit unvollständig ist, sind die offiziellen Zahlen nur Mindestwerte und die reale Zahlen nach Expertenschätzung deutlich höher. Auf dieser umfassenden Ebene hat Donum Vitae die eigenen Ziele damit deutlich verfehlt. Ihre Strategie ist genauso gescheitert, wie das Modell der Beratung nach §219 StGB, das den Schutz des ungeborenen Lebens zum Ziel hat.

Auch die individuellen Erfolge können die Probleme mit dem Ausstellen des „Scheines“ nicht ausgleichen. Um Schwangere zu erreichen ist es offensichtlich nicht nötig, einen Schein auszustellen. Die bischöflichen Beratungsstellen haben auf der Ebene der individuellen Beratung und Hilfe ebenso Erfolge vorzuweisen und leisten eine gute Arbeit. Auch Organisationen, die ähnlich wie Donum Vitae, nicht durch die kirchlichen Strukturen getragen werden, schaffen es, Frauen zu beraten und zu helfen ohne sich an der Beratungsscheinpraxis zu beteiligen. Die Initiative 1000+ bietet etwa auch Beratungen und Hilfen an. Neben Beratungen vor Ort sind dort die Mitarbeiter auch aktiv in Foren und sozialen Netzwerken unterwegs.  Denn dort suchen viele Frauen nach Informationen und Hilfe. Das Ausstellen des Beratungsscheins kann somit auch nicht als ein effektives Mittel des Lebensschutzes gesehen werden. Wer einen solchen effektiven Lebensschutz betreiben möchte, muss sich davon distanzieren.

Die Aussagen von Kardinal Marx sind kein Einlenken der Kirche gegenüber Donum Vitae, sondern eine Einladung an eine Gruppe von Menschen, deren Strategie krachend gescheitert ist. Sie müssen nicht in Strukturen arbeiten, die Abtreibungen ermöglichen, sondern können ihre Kräfte und Talente in den funktionierenden Strukturen der Kirche einbringen. Dort ist sowohl die Beratung und Hilfe von Frauen, als auch Lebensschutz möglich.

Philipp Müller

Lebensschutz 101

Mitte September findet der Marsch für das Leben in Berlin statt. In den Medien wird er oft als eine Veranstaltung konservativer, frauenfeindlicher und antiliberaler Kreise dargestellt. Das Anliegen der Veranstalter des Marschs für das Leben ist jedoch Gerechtigkeit und Wahrung der Menschenrechte für alle, die in Deutschland derzeit nicht voll gegeben sind.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Alle Menschen haben dieselbe, unverlierbare und unantastbare Würde. Dafür spielt es keine Rolle, welche Hautfarbe und Geschlecht der Mensch hat, wie alt und groß er ist, an welchem Ort er sich befindet und wie selbständig oder abhängig er von anderen ist.  Auch ob andere und der Mensch selbst sich Wert beimisst, ändert nichts an dieser Würde. Sie ist nur vom biologischen Fakt, ein menschliches Lebewesen zu sein, abhängig. Ein ungeborener Mensch in der Gebärmutter hat folglich diese Würde, genauso ein todkranker oder ein in seiner Handlungsfähigkeit stark eingeschränkter Mensch.

Universale Menschrechte

Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, diese gleiche Würde in unseren Gesetzen und dem gesellschaftlichen Zusammenleben zu reflektieren. Grundforderung dieser Würde ist es, allen Menschen den gleichen, uneingeschränkten Schutz für ihr Leben zu zugestehen. Ein Schutz vor Tötung durch Fremde, den Staat, die eigene Familie und auch sich selbst.

Die Gesetzeslage in Deutschland ist in diesem Punkt mangelhaft. Sie ermöglicht die Abtreibung von mindestens 100 000 Menschen jedes Jahr. Laut der offiziellen Statistik des Statistische Bundesamt etwa 98 700 im Jahr 2016. Wobei die die Dunkelziffer, auch von Abtreibungsbefürwortern, doppelt oder dreimal so hoch geschätzt wird. Das Bundesverfassungsgericht hatte 1993 die Straffreiheit der Abtreibung in bestimmten Fällen geduldet, solange damit der Schutz des ungeborenen Lebens gefördert wird. Dieses Ziel wird bei den hohen Abtreibungszahlen eindeutig verfehl. Daher muss die Straffreiheit aufgehoben und geeignetere Mittel eingesetzt werden, etwa bessere Unterstützung von Schwangeren in Krisensituationen.

 Negative Entwicklung bei Alten und Kranken

Seit November 2015 wird auch die Beihilfe zur Selbsttötung explizit geduldet, da das Gesetz nur „geschäftsmäßige“ Sterbehilfe verbietet, andere Hilfe jedoch explizit Straffrei bleibt. Damit wird der gebotene Schutz von kranken und alten Menschen aufgeweicht. Auch die zunehmende Akzeptanz von Euthanasie und Sterbehilfe in der Gesellschaft ist im Widerspruch zur Würde des Menschen. Die Würde ist untrennbar mit der Existenz des Menschen, also seinem Leben, verknüpft, wodurch die Selbsttötung ein Angriff auf die eigene Würde ist. Dagegen braucht es eine bessere Vermittlung der Würde gerade alter und auf Hilfe angewiesener Menschen, sowie der bereits sehr guten Möglichkeiten der Palliativmedizin, Schmerzen zu lindern und ein würdiges Leben bis zum Tod zu ermöglichen.

Um auf diese Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, gehen Menschen aus verschieden Gesellschaftsschichten und Weltanschauungen beim Marsch für das Leben auf die Straße. Das ist gut so.

Philipp Müller