Streit ins Abseits

Zwischen Kardinal Gerhard Ludwig Müller und dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig herrscht Streit. Beide sprechen von Schwierigkeiten zu Beginn der Aufklärung des Missbrauchs bei den Regensburger Domspatzen. Rörig fordert, Kardinal Müller solle sich bei den Opfern des Missbrauchsskandals dafür entschuldigen. Beide Seiten machen mit dem Konflikt Fehler und helfen den Opfern nicht weiter.

Rörig wirft Müller vor, er habe es versäumt, die Missbrauchsvorwürfe bei den Regensburger Domspatzen als ein systematisches Problem zu erkennen und eine dementsprechende Aufarbeitung zu leisten. Dadurch habe er die den Prozess behindert. Müller wies die Anschuldigungen als falsch zurück und forderte eine Entschuldigung. Röhrig äußerte sein Bedauern über die verpasste Chance für die Opfer. Die abwehrende Reaktion des Kardinals könne für die Opfer eine weitere Belastung werden.

Komplexes Problem

Rörig hat recht mit seiner Erwiderung. Kardinal Müller wird bei den Opfern wenig Verständnis erhalten und einige werden sich dadurch verletzt fühlen. Der Kardinal scheint nur auf um sein Ansehen bemüht und damit implizit an den Opfern und ihrem Leid nicht interessiert. Müllers Reaktion ist jedoch auch verständlich. Er war Bischof von Regensburg, als die ersten Opfer die Missbräuche öffentlich machten. Er hat eine Aufarbeitung der Fälle angeleitet, die nun unter seinem Nachfolger weitergeführt wurde. Dabei hat es kontinuierlich Veränderungen gegeben, die die Qualität der Aufarbeitung und des Umgangs mit den Opfern verbessert hat. Die Kritik, er hätte von Anfang an den Prozess so gestallten sollen, ignoriert den Lernprozess, auf dem die Verbesserungen aufbauen. In den letzten sieben Jahren hat sich der Umgang mit Missbrauch in den verschiedenen kirchlichen Ebenen massiv verbessert. Mit der heutigen Einsicht die Handlungen von 2010 zu bewerten ist schwierig. Damit jedoch eine mehr oder weniger absichtliche Verschleppung und Behinderung der Aufarbeitung zu verbinden, ist nicht gerechtfertigt.

Unangemessene Reaktion

Zwar ist die Reaktion des Kardinals verständlich, doch sinnvoll ist sie nicht. Er hat sich mit ihr in eine schlechte mediale Position manövriert und seinem Anliegen nicht geholfen. Er fühlte sich durch die Forderung persönlich angegriffen und sieht sein Ansehen dadurch beschädigt. Durch seine Reaktion hat er die öffentliche Meinung noch weiter gegen sich aufgebracht. Das Problem liegt in der prinzipiellen Schwierigkeit Argumente und Fakten in den Medien zu „verkaufen“. Eine emotionale Reaktion ist in der öffentlichen Wahrnehmung immer  stärker als ein nüchternes Argument. Selbst wenn ein Journalist den Kardinal in dieser Situation gut dastehen lassen will, wird ihm das nicht gelingen, ohne die Aussagen des Missbrauchsbeauftragten auszulassen. Kardinal Müller muss, wenn er in der medialen Öffentlichkeit präsent sein will, auch den dortigen Umständen angemessen agieren. Dafür braucht es Berater, die eine gute Strategie für das Auftreten erstellen. Nicht um zu manipulieren, sondern um in den Medien nicht unterzugehen.

Im Kern unsinniger Streit

Aber auch der Missbrauchsbeauftragte Rörig verfehlt sein Ziel, den Opfern zu helfen und ein Umdenken der Verantwortlichen zu erreichen. Zum einen hilft die Debatte, ob Müller als Bischof von Regensburg besser hätte reagieren können, den Opfern nicht. Aus den Schwächen des Beginns der Aufarbeitung, wie sie vom Abschlussbericht benannt sind, muss gelernt werden. Das Ziel dabei muss ein besserer Umgang mit den Opfern sein, nicht die Verurteilung von Beteiligten für ihre eigene Begrenztheit. Besonders wichtig ist dabei die Verpflichtung der Institutionen, aktiv auf Opfer zuzugehen, die Kommunikation zu eröffnen und sie dadurch von dem schwierigsten Schritt zu entlasten. Diese Offenheit auf der Seite der Institutionen kann nicht entstehen, wenn nur perfektes Handeln geduldet wird und nicht auf die begrenzten Möglichkeiten geachtet wird.

Zum andern sind Forderungen nach einer Entschuldigung nicht sinnvoll. Prinzipiell muss die Bitte um Vergebung aus freiem Willen erfolgen. Wenn sie durch Druck erzwungen ist, verliert sie ihren Wert. Sinnvoller ist es, den jeweiligen Verantwortlichen die Auswirkungen ihrer Handlungen zu verdeutlichen, ohne Absicht oder Fahrlässigkeit zu unterstellen. Dafür braucht es Vertrauen in die Einsichtsfähigkeit des Gegenübers. Doch wenn dieses Vertrauen grundsätzlich abgesprochen wird, spricht dies gegen einen Willen sich mit auf einen Dialog und konstruktive Kommunikation einzulassen.

Beide Seiten sollten den Streit nicht weiterführen. Dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung sei empfohlen diese Fragen nach persönlichem Versagen, ob durch eigenen Schuld oder Begrenztheit, nicht öffentlich zu diskutieren. Damit schwächt er seine Position in der Beratung von Verantwortlichen und schmälert die Chancen bei ihnen ein Umdenken zu bewirken. Kardinal Müller sollte an seiner Medienkompetenz arbeiten, um weiteren Schaden für die durch ihn vertretene Kirche zu verhindern. Weiter sollte er sein Versprechen, Opfer des Missbrauchs zu treffen, aktiv angehen und auf sie zugehen.

Philipp Müller

Papst und Präsident gegen Ärzte und Gericht

Das todkranke Baby Charlie aus Großbritannien hat diese Woche in der ganzen Welt für Schlagzeilen gesorgt. Abtreibung steht in Deutschland bis zur 12. SSW nicht unter Strafe und auch bei Sterbehilfe sind manche Formen erlaubt. Das haben längst viele hingenommen. Doch beim kleinen Charlie sind die Menschen entrüstet, dass ihm die Weiterbehandlung verweigert werden soll. Wer hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden?

Es ist eine Geschichte, die an die Emotionalität und Empathie der Menschen appelliert. Der elf Monate alte Charlie Gard ist todkrank. Er leidet an einer seltenen Krankheit, die laut den Ärzten unheilbar ist. Daher wollten die behandelnden Mediziner in Großbritannien die Geräte abschalten. Charlie hat schwere Hirnschäden und bewegt Arme und Beine nicht ohne Hilfe von außen und kann weder schreien noch weinen. Beamtet wird er durch eine Maschine, da seine Lunge nicht funktioniert. Durch einen Schlauch wird das Baby künstlich ernährt.

Gericht legitimierte die Abschaltung der Geräte

Doch die Eltern wollen die Hoffnung, dass ihr Sohn noch eine Weile weiterleben kann, nicht aufgeben. Sie kämpfen weiter und beugen sich nicht der Meinung der Experten. Die Eltern Yades und Gared haben sich geschworen, alles zu versuchen, um ihr Baby am Leben zu erhalten. Doch sie kämpfen gegen die Ärzte und auch gegen das Recht. Denn der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat den Medizinern Recht gegeben, dass es legitim sei, die Geräte abzuschalten. Schließlich habe das Baby keine Überlebenschance und man würde nur das Leiden weiter hinauszögern.
Doch hat Charlie kein Recht auf Leben, nur weil seine Überlebenschancen nicht so hoch sind? Und wer hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden: Die Ärzte, ein Gericht oder die Eltern? Das sind Fragen, die nur schwer zu beantworten sind.

Charlies Eltern gaben sich aber nach dem Gerichtsurteil nicht geschlagen. Sie starteten eine Social Media Kampagne, um auf das Schicksal ihres Sohnes aufmerksam zu machen, und um Geld zu sammeln für eine umstrittene Behandlung in den USA.

Eltern starteten Internetkampagne

Das Ergebnis überraschte selbst die Eltern: 1,5 Millionen Euro Spenden und zwei prominente Unterstützer, die sich für Baby Charlie einsetzen wollen: Der US-Präsident Donald Trump und Papst Franziskus. Zwei gegensätzliche Männer, die weltweit Macht haben und in der Öffentlichkeit stehen, sind sich hierin zumindest einig: Dass Charlie das Recht auf Leben hat und die Eltern entscheiden sollten, ob und welche Behandlung ihr Kind bekommt! Das ist eine Botschaft, die in vielen Medien ein Thema ist. Dass sich der Präsident der USA und das Oberhaupt der katholischen Kirche für ein elf Monate altes Baby einsetzen, ist ein starkes Statement für das Recht auf Leben.

Papst und Präsident wollen Baby helfen

Der Papst hat Charlie nicht nur einen Platz in der Kinderklinik des Vatikan angeboten, sondern auch den vatikanischen Pass, damit es keine rechtlichen Probleme gibt.
Oft eckt die katholische Moraltheologie bei lebenserhaltenden Maßnahmen an, mit ihrer strikten Ablehnung von Abtreibung und Sterbehilfe. Doch bei Charlie stehen plötzlich viele Menschen weltweit, selbst Donald Trump, hinter dem Schutz des Lebens und unterstützen Charlies Eltern.

Doch warum ist die Sympathie mit einem elf Monate alten Baby größer als bei alten Menschen oder ungeborenen Föten? Hat das Baby mehr das Recht auf Leben oder eine andere Würde, als Föten oder Alte?

Wer darf über Leben und Tod entscheiden?

Bewundernswert sind die Eltern des kleinen Charlie, dass sie so, allen Widerständen und Anfeindungen zum trotz, für das Leben ihre Kindes einstehen und sich sogar gegen das Urteil des europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellen. In dem Kampf der Eltern, das Leben ihres Sohnes so lange es geht zu erhalten, steckt auch die christliche Botschaft, dass jedes Lebewesen das Recht auf Leben hat und lebenswert ist. Egal wie aussichtslos die Situation auch sein mag, die Bibel lehrt im fünften Gebot des Dekalogs den Schutz des Lebens und auch Jesus lehrt an verschiedenen Stellen im Neuen Testament die Nächstenliebe und die Hoffnung nicht aufzugeben und beständig gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen, auch wenn es nicht dem Zeitgeist entspricht und man sich dadurch zum Außenseiter macht.

Natürlich stellt sich die Frage, warum dieses elf Monate alte Baby so eine schwere Krankheit ertragen muss, und ob es durch die lebenserhaltenden Maßnahmen nun noch länger oder mehr leidet. Aber nichtsdestotrotz hat auch dieses todkranke Kind eine Würde und damit auch ein Recht auf Leben.

Auch wenn Charlie irgendwann den Kampf um das Leben verliert, die Eltern haben alles in ihrer Macht stehende versucht Charlie am Leben zu erhalten. Das ist auch die Aufgabe für alle Christen, zu Kämpfern für das Leben zu werden, auch wenn das nicht dem heutigen Mainstream entspricht.

Von Katharina Penits

Kirche in Zeiten der Glasfaser

Seit Jahren beklagen sowohl die katholische, als auch evangelische Kirche eine stete Zunahme von Kirchenaustritten. Gleichzeitig verzeichnen sie einen Rückgang an Gläubigen, die regelmäßig die Gottesdienste besuchen. Die Gründe dafür lassen sich nur schwer nachweisen. Jugendstudien zeigen jedoch, dass besonders von jungen Leuten ein Aspekt immer wieder zur Sprache gebracht wird: Die Distanzierung von der Kirche aufgrund ihrer mangelnden Präsenz im Alltag. Dabei werden religiöse Inhalte gerade in den sozialen Medien immer häufiger aufgegriffen.  

Die Bibel wird zum Drehbuch

Im vergangenen Jahr landete der amerikanische Fernsehsender HBO mit „The young Pope“ einen internationalen Erfolgs-Hit. Die Serie über den amerikanischen Papst Pius XIII. konnte trotz oder gerade wegen provokanter und skandalöser Bilder und Erzählweise Einschaltrekorde verzeichnen. Obwohl die Serie kein gutes Licht auf die Institution „Kirche“ wirft, hielt sich die Kritik aus dem Vatikan in Grenzen. Auch der Streamingdienst Netflix gab unlängst bekannt eine Produktion mit religiösem Inhalt zu planen. „Messiah“ soll eine moderne Interpretation des Neuen Testaments werden, in der ein junger Mann in der heutigen Zeit im Nahen Osten auf der Bildfläche erscheint und Wunder vollbringt. Als führender Streaminganbieter spricht Netflix vor allem viele junge Menschen an. Die positive Reaktion auf religionsbezogenen Themen in Unterhaltungsmedien zeigt, dass durchaus ein Interesse an den Inhalten vorhanden ist.

Der Papst lässt twittern

Auch die Kirchenvertreter haben das Potential der (sozialen) Medien erkannt und sehen sich unter Zugzwang. Benedikt XVI. setzte 2012 einen Meilenstein, als er als erster Papst der Geschichte eine Botschaft über den Nachrichtendienst Twitter sendete. Nach seinem Rücktritt übernahm Papst Franziskus den Account und twittert unter @Pontifex in neun verschiedenen Sprachen, darunter auch Deutsch. Vielmehr lässt er twittern. In einem Interview mit einer argentinischen Zeitung gab Franziskus zu, die modernen elektronischen Medien gar nicht zu nutzen. Dennoch erscheinen fast täglich Tweets vom Papst, bei denen es sich meist um allgemeine Glaubenssätze handelt. Und diese werden von rund 33 Millionen Menschen weltweit gelesen. Soviel Follower hat der Papst und liegt damit sogar noch vor US-Präsident Donald Trump.

„Gebetsbook“ für unterwegs

Doch nicht nur bei Twitter hinterlässt der Papst einen digitalen Fußabdruck. Seit 2014 hat er seine eigene App. „Click to Pray“ wurde vom Weltweiten Gebetsnetzwerk des Papstes ins Leben gerufen, um seine monatlichen Gebetsanliegen zu unterstützen und in erster Linie junge Menschen zum Beten zu motivieren. Mit der deutschen Version, die Anfang Mai erschien, gibt es die App nun schon sechs Sprachen. Das Prinzip der App ist mit dem von Facebook vergleichbar. Man erstellt ein Profil und kann anschließend seine persönlichen Gebete und Anliegen posten, die von anderen Nutzern kommentieren oder mit einem einfachen Klick an dem Gebet teilnehmen. Gleichzeitig sieht man wie viele andere Nutzer zur gleichen Zeit im Gebet sind. Dabei beschränkt sich die App nicht nur auf den eigenen Sprachraum, sondern zeigt Gebete von Usern weltweit an. Hinter ihren Profilen bleiben die sie jedoch weitestgehend anonym. Neben den individuellen Gebeten bekommen Nutzer dreimal tägliche eine Benachrichtigung, die sie an kurze Gebetsimpulse erinnern sollen, die zur gleichen Zeit gemeinsam mit anderen gebetet werden können.

Gottes Wort im Alltag und auf der Straße

Vor allem um junge Menschen mit religiösen Themen zu erreichen ist es wichtig sich von einem festen Ort oder einer bestimmten Zeit zu lösen. Ein Beispiel wie das funktionieren kann, liefert die Kampagne „Quote Jesus“ aus Großbritannien. In der Karwoche prangten an den Doppeldeckerbussen in London nicht wie üblich Film- und Theaterplakate, sondern Jesus Zitate. Die Aktion sorgte so für internationales Interesse, dass auch außerhalb Großbritanniens ähnliche Aktionen im Gespräch sind. Organisiert wurde das Ganze nicht von der Kirche, sondern von dem Gründer eines christlichen Fernsehsenders.

Funktioniert Kirche online?

Die wachsende Anzahl von Kirchenaustritten und Gläubigen, die nicht mehr regelmäßig Gottesdienste besuchen ist nicht zwingend ein Beweis dafür, dass Christen weniger religiös sind oder an Gott glauben. Es zeigt zunächst einmal, dass sich die Beziehung zur Religion und die Ansprüche an religiösen Institutionen wie der Kirche geändert haben. Das erkennen auch die Gemeinden und Bistümer und versuchen ihre Angebote auch dementsprechend anzupassen. Das Problem an solchen Kampagnen oder Angeboten wie der Gebets-App ist, dass sie in den meisten Fällen nur die erreichen, die bereits aktiv ihren Glauben ausleben. Auch die Integration von Meditation und Gebet in den Alltag wird nur der leisten, der Gott ohnehin regelmäßig einen Platz im Leben einräumt. Sicherlich werden die Präsenz des Papstes im Internet oder ein soziales Netzwerk für Gläubige nur wenig an den rückläufigen Gottesdienstbesuchern ändern können. Die Kirchen zeigen jedoch, dass sie für Veränderungen bereit sind und die Distanz, die viele zur Kirche aufgebaut haben, überwinden möchte.

Kerstin Barton