Hoffnungsträger „viri probati“

Der Dienst von Laien und verheirateten Diakonen ist aus unserem Kirchenalltag nicht mehr wegzudenken. Weil es weniger Priester gibt, erfahren sie zunehmend eine größer werdende Bedeutung in der Gemeindearbeit. Gleichzeitig wird die Forderung immer lauter, die sogenannten „viri probati“, verheiratete Männer, die als Diakone tätig sind, auch zur Priesterweihe zuzulassen, um so dem Priestermangel entgegen zu treten. Das Vorhaben des Papstes, die Funktion von „viri probati“ zu prüfen, hat dieses Jahr das mediale Interesse neu entfacht. Nun liegen dem Papst scheinbar konkrete Vorschläge vor.

Heimliche Revolution

Mitverfasser des Schreibens, das dem Papst vorliegen soll, ist der emeritierte brasilianische Bischof Erwin Kräutler. Bereits 2014 hatte er dem Papst bei einer Audienz auf die Situation der Gemeinden im Amazonas Gebiet hingewiesen. Die Region ist so stark vom Priestermangel betroffen, dass es zahlreiche Gemeinden gibt, in denen keine Eucharistie mehr gefeiert werden kann. Auch regelmäßige Sonntagsmessen gehören für einen Großteil der Menschen in der Region zur Seltenheit.

Ende Oktober hat Papst Franziskus eine Bischofssynode für das Amazonas Gebiet angekündigt. Diese soll 2019 stattfinden und sich mit „neuen Wege der Evangelisierung in dem Gebiet“ befassen. Der Begriff „viri probati“ ist bei der Ankündigung zwar nicht gefallen. Dennoch vermuten konservative Papstkritiker im Vatikan, dass Franziskus am Amazonas heimlich einen Umsturz der katholischen Lehre vorbereite und die Synode dazu nutzen will, um die Zulassung verheirateter Männer zum Priesteramt voranzutreiben. Grund dafür ist auch seine Aussage in einem Interview Anfang des Jahres: „Wir müssen darüber nachdenken, ob Viri Probati eine Möglichkeit sind. Dann müssen wir auch bestimmen, welche Aufgaben sie übernehmen können, zum Beispiel in weit entlegenen Gemeinden, “ erklärte Franziskus, angesprochen auf diese Thematik.

Tatsächlich sind verheiratete Priester in der römisch-katholischen Kirche zwar eine Ausnahme, aber kein beispielloses Phänomen. 1951 ließ Papst Pius XII die Ausnahmeregelung zu, dass verheiratete Priester anderer Konfessionen beim Übertritt zum Katholizismus auch als katholische Priester arbeiten können. Für die Dauer ihrer Ehe wird ihnen in der Regel zwar keine Pfarrstelle zugeteilt, dennoch können sie als Priester in der Kategorialseelsorge tätig sein. Weltweit gibt es weit über hundert solcher verheirateter katholischer Geistliche. Dass sie keine Pfarrstelle erhalten deutet jedoch auf den hohen Stellenwert der Ehelosigkeit in der katholischen Kirche hin. Aus theologischer Sicht wird die Ehelosigkeit als Selbsthingabe betrachtet. Papst Benedikt XVI bezeichnete das Priesteramt als „bräutliche Liebe zur Kirche“ und begründet die Ehelosigkeit damit, dass der Priester seine Nächstenliebe nicht auf einen einzelnen Partner sondern auf seine ganze Gemeinde konzentrieren soll.

Kirche im Wandel

Doch nicht nur in entlegenen Regionen müssen Alternativen für den schwindenden Priesternachwuchs gefunden werden. In den vergangenen Jahren haben immer mehr Bistümer die Situation ihres Zuständigkeitsbereiches analysiert und darauf mit sogenannten „Zukunftsbildern“ reagiert. Vielerorts werden die pastoralen Räume zusammengelegt. Das hat zur Folge, dass nicht mehr in jeder Kirche sonntags ein Priester die heilige Messe feiern kann und sich andererseits ein einzelner Priester um viel mehr Gläubige kümmern muss. Diese Tatsache ruft immer mehr „Nicht-Priester“ in die Verantwortung, Aufgaben in den Gemeinden zu übernehmen. Dies geschieht nicht nur durch theologisch qualifizierte Personen wie Gemeindereferenten, sondern auch durch Ehrenamtliche, die den Priester in seinen administrativen und liturgischen Aufgaben entlasten.

Gleichzeitig nimmt auch die Anzahl der registrierten Katholiken in Deutschland seit den 90er Jahren stetig ab. Derzeit sind rund 28,5% der Gesamtbevölkerung katholisch. Die Zahl derer, die regelmäßig einen Gottesdienst besuchen, hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als halbiert. Aktuell geben gerade einmal 10% der Katholiken an regelmäßig die heilige Messe mitzufeiern. Da das Angebot oftmals nicht voll ausgeschöpft wird, werden Messen gestrichen oder durch Wort-Gottes-Feiern, die von speziell geschulten Laien gehalten werden, ersetzt. Die Akzeptanz dieser Feiern ist allerdings sehr gering. Um die Verbindung von Hochgebet und heiliger Kommunion nicht abzuwerten, ist bei den meisten Wort-Gottesdiensten eine Kommunionausteilung untersagt. Besonders die ältere Generation tut sich schwer mit Gottesdiensten ohne Priester. Auch die Eucharistie wird als unabdinglichen Bestandteil einer Messfeier erachtet, ohne den ein Gottesdienst keinen Sinn macht.

Auch Diakone werden vermehrt dort eingesetzt, wo es an Priestern mangelt. Sie übernehmen Taufen, Traufeiern oder Begräbnisse und unterstützen den Priester bei den Aufgaben innerhalb der Gemeinde. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde das Amt des Ständigen Diakons eingeführt. Seitdem können auch verheirate Männer die Diakonatsweihe empfangen. Im Zuge des zunehmenden Priestermangels, erfahren sie eine immer größere Anerkennung. Doch auch sie sind nicht befugt, die Eucharistie selbstständig zu feiern und stellen damit auch keine befriedigende Alternative zum Priester dar.

Was das für den Priesterstand bedeutet

In diesem Zusammenhang fordern auch verstärkt Priester, Bischöfe und christliche Initiativen, den Zusammenhang von Priestertum und Zölibat zu lösen. In diesem Fall stellt sich unweigerlich die Frage, wer dann noch freiwillig zölibatär leben würde. Wir würden dann auf eine ähnliche Regelung wie in den katholischen Ostkirchen zusteuern. In den östlichen Teilkirchen ist die Ehelosigkeit nur für Bischöfe verpflichtend. Priester dürfen, unter der Voraussetzung, dass die Ehe vor der Weihe geschlossen wird, verheiratet sein.

Das fordern Kritiker auch für die Westkirche, da sie hinter der aufgezwungenen Ehelosigkeit für Priester einen der entscheidendsten Gründe dafür vermuten, dass sich immer weniger Männer für den Priesterberuf entscheiden. Ein Argument, das gegen diese Annahme spricht, ist, dass auch die evangelische Kirche mit Nachwuchsproblemen konfrontiert ist. Zwar ist der Mangel an Geistlichen noch nicht so präsent zum Großteil dadurch verschuldet, dass es in den 90er Jahren augenscheinlich einen Überschuss an Pfarrern gab und die Aussichten auf eine Anstellung gering waren. Doch die Zahl der Theologiestudenten und zukünftigen Pfarranwärter ist so stark rückläufig, dass die evangelische Kirche durch Kampagnen versucht den Beruf des Pfarrers wieder attraktiv zu machen.

Die zurückgehende Bereitschaft junger Männer sich für den Priesterstand zu entscheiden lässt sich nicht allein auf eine vorgeschriebene Ehelosigkeit zurückführen, sondern ist auch im generellen Verhältnis von Kirche und Gesellschaft zu suchen. Dies spiegelt sich auch in dem stetigen Rückgang von Gläubigen, die regelmäßig die Messe besuchen, wieder. Nicht nur der Priesterstand wird als Beruf immer unattraktiver. Gleiches gilt auch für andere Berufe und ehrenamtliche Aufgaben in der Kirche. Daher sollte sich die primäre Diskussion nicht darum drehen, wie man dem Priestermangel entgegentreten kann, sondern wie man die Kirchen wieder füllt. Für eine leere Kirche braucht es weder einen Priester noch einen „vir probatus“. Fest steht, dass sich die Struktur der Gemeinden mit oder ohne Zölibat grundlegend verändern wird und dass weiterhin verstärkt auf die Mitarbeit von Laien und zurückgegriffen werden muss.

Kerstin Barton

Luther-Jahr und Christusfest

Im Vorfeld der Gedenkjahres zu 500 Jahre Reformation wurde angekündigt, das Luther Jahr als Christusfest zu feiern. Die Evangelische Kirche Deutschlands  und die Deutsche Bischofskonferenz wollte diese gemeinsame Mitte ökumenisch feiern. Außer der Ankündigung wurde dieses Ziel eines Christusfestes kaum medial vermittelt. Es ist damit ein weiteres Beispiel für verfehlte Kommunikation der Kirchen.

Luther – wer?

Während der letzten 12 Monate wurde Martin Luther kaum direkt rezipiert und kritisch betrachtet. Eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis der heutigen evangelischen Kirche mit Luthers Positionen blieb weitestgehend aus. Besonders die streitbare Positionen Luthers, etwa zum interreligiösen Dialog, wurden nicht diskutiert. Auch innertheologische Fragen wie Sakramente, Sünde und besonders Freiheit wurden ausgespart. Damit wurde nicht nur die Chance eines konstruktiven ökumenischen Dialoges verschenkt, sondern auch Selbstreflexion vermieden. Die Vorstellung der modernen evangelischen Theologie sowie die Praxis von Freiheit ist mit Luthers Freiheitsverständnis etwa unvereinbar.

Feste feiern wie sie kommen

Der bisherige Höhepunkt des Lutherjahres waren die evangelischen Kirchentage auf dem Weg. Dabei überwiegten in der Öffentlichkeit zwei Themen: Wenige Besucher und das Treffen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama.

Letztere sprachen dem Anlass entsprechend auch über ihren Glauben, was in der Berichterstattung einen Nebensatz wert war, doch Hauptthema waren soziale und politische Fragen. Solche Gäste bringen zwar Besucher und wecken Interesse, doch haben sie von der Intention des „Christusfestes“ eher abgelenkt. Was auch immer in anderen Veranstaltungen über Christus gesagt wurde, hat es nicht in die Öffentlichkeit geschafft. Auch im Zusammenhang mit der Besucherzahl wurde sich eher verteidigt, als der eigene Inhalt verkündigt. Was die Aufmerksamkeit weiter vom Anliegen des Kirchentags ablenkte.

Falsche Mediale Strategie

Viele Möglichkeiten von den Medien rezipiert zu werden, wurden in diesem Jahr nicht zielführend genutzt. Es gelang nicht, die Hauptbotschaft klar zu vermitteln. Stattdessen wurden, wie in den Jahren zuvor, Nebenschauplätze wie Soziales Engagement, Gerechtigkeit und Ökumene bedient. Das sind ohne Frage wichtige Themen, um die wir Christen nicht herumkommen. Sie sind allerdings nicht aus sich selbst begründet, sondern aus dem Aufragt Christi und dem damit verbundenen Welt- und Menschenverständnis. Daher können sie für Christen nicht die Hauptbotschaft sein.

Die Hauptbotschaft kann nur die Liebe Gottes sein, sichtbar in der Inkarnation, Tod und Auferstehung Christi. Sie muss konsequenter erklärt und dargestellt werden. Wir können nicht von einer allgemeinen Akzeptanz und nicht einmal von einem allgemeinen Verständnis der zentralen christlichen Botschaft ausgehen. Sie muss kontinuierlich wiederholt und vorgebracht werden. Nebenschauplätze dürfen davon nicht ablenken, sondern müssen auf die Pointe zeigen.

Ceterum censeo caritatem Dei esse annuntiandam.  

Philipp Müller

Streit ins Abseits

Zwischen Kardinal Gerhard Ludwig Müller und dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig herrscht Streit. Beide sprechen von Schwierigkeiten zu Beginn der Aufklärung des Missbrauchs bei den Regensburger Domspatzen. Rörig fordert, Kardinal Müller solle sich bei den Opfern des Missbrauchsskandals dafür entschuldigen. Beide Seiten machen mit dem Konflikt Fehler und helfen den Opfern nicht weiter.

Rörig wirft Müller vor, er habe es versäumt, die Missbrauchsvorwürfe bei den Regensburger Domspatzen als ein systematisches Problem zu erkennen und eine dementsprechende Aufarbeitung zu leisten. Dadurch habe er die den Prozess behindert. Müller wies die Anschuldigungen als falsch zurück und forderte eine Entschuldigung. Röhrig äußerte sein Bedauern über die verpasste Chance für die Opfer. Die abwehrende Reaktion des Kardinals könne für die Opfer eine weitere Belastung werden.

Komplexes Problem

Rörig hat recht mit seiner Erwiderung. Kardinal Müller wird bei den Opfern wenig Verständnis erhalten und einige werden sich dadurch verletzt fühlen. Der Kardinal scheint nur auf um sein Ansehen bemüht und damit implizit an den Opfern und ihrem Leid nicht interessiert. Müllers Reaktion ist jedoch auch verständlich. Er war Bischof von Regensburg, als die ersten Opfer die Missbräuche öffentlich machten. Er hat eine Aufarbeitung der Fälle angeleitet, die nun unter seinem Nachfolger weitergeführt wurde. Dabei hat es kontinuierlich Veränderungen gegeben, die die Qualität der Aufarbeitung und des Umgangs mit den Opfern verbessert hat. Die Kritik, er hätte von Anfang an den Prozess so gestallten sollen, ignoriert den Lernprozess, auf dem die Verbesserungen aufbauen. In den letzten sieben Jahren hat sich der Umgang mit Missbrauch in den verschiedenen kirchlichen Ebenen massiv verbessert. Mit der heutigen Einsicht die Handlungen von 2010 zu bewerten ist schwierig. Damit jedoch eine mehr oder weniger absichtliche Verschleppung und Behinderung der Aufarbeitung zu verbinden, ist nicht gerechtfertigt.

Unangemessene Reaktion

Zwar ist die Reaktion des Kardinals verständlich, doch sinnvoll ist sie nicht. Er hat sich mit ihr in eine schlechte mediale Position manövriert und seinem Anliegen nicht geholfen. Er fühlte sich durch die Forderung persönlich angegriffen und sieht sein Ansehen dadurch beschädigt. Durch seine Reaktion hat er die öffentliche Meinung noch weiter gegen sich aufgebracht. Das Problem liegt in der prinzipiellen Schwierigkeit Argumente und Fakten in den Medien zu „verkaufen“. Eine emotionale Reaktion ist in der öffentlichen Wahrnehmung immer  stärker als ein nüchternes Argument. Selbst wenn ein Journalist den Kardinal in dieser Situation gut dastehen lassen will, wird ihm das nicht gelingen, ohne die Aussagen des Missbrauchsbeauftragten auszulassen. Kardinal Müller muss, wenn er in der medialen Öffentlichkeit präsent sein will, auch den dortigen Umständen angemessen agieren. Dafür braucht es Berater, die eine gute Strategie für das Auftreten erstellen. Nicht um zu manipulieren, sondern um in den Medien nicht unterzugehen.

Im Kern unsinniger Streit

Aber auch der Missbrauchsbeauftragte Rörig verfehlt sein Ziel, den Opfern zu helfen und ein Umdenken der Verantwortlichen zu erreichen. Zum einen hilft die Debatte, ob Müller als Bischof von Regensburg besser hätte reagieren können, den Opfern nicht. Aus den Schwächen des Beginns der Aufarbeitung, wie sie vom Abschlussbericht benannt sind, muss gelernt werden. Das Ziel dabei muss ein besserer Umgang mit den Opfern sein, nicht die Verurteilung von Beteiligten für ihre eigene Begrenztheit. Besonders wichtig ist dabei die Verpflichtung der Institutionen, aktiv auf Opfer zuzugehen, die Kommunikation zu eröffnen und sie dadurch von dem schwierigsten Schritt zu entlasten. Diese Offenheit auf der Seite der Institutionen kann nicht entstehen, wenn nur perfektes Handeln geduldet wird und nicht auf die begrenzten Möglichkeiten geachtet wird.

Zum andern sind Forderungen nach einer Entschuldigung nicht sinnvoll. Prinzipiell muss die Bitte um Vergebung aus freiem Willen erfolgen. Wenn sie durch Druck erzwungen ist, verliert sie ihren Wert. Sinnvoller ist es, den jeweiligen Verantwortlichen die Auswirkungen ihrer Handlungen zu verdeutlichen, ohne Absicht oder Fahrlässigkeit zu unterstellen. Dafür braucht es Vertrauen in die Einsichtsfähigkeit des Gegenübers. Doch wenn dieses Vertrauen grundsätzlich abgesprochen wird, spricht dies gegen einen Willen sich mit auf einen Dialog und konstruktive Kommunikation einzulassen.

Beide Seiten sollten den Streit nicht weiterführen. Dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung sei empfohlen diese Fragen nach persönlichem Versagen, ob durch eigenen Schuld oder Begrenztheit, nicht öffentlich zu diskutieren. Damit schwächt er seine Position in der Beratung von Verantwortlichen und schmälert die Chancen bei ihnen ein Umdenken zu bewirken. Kardinal Müller sollte an seiner Medienkompetenz arbeiten, um weiteren Schaden für die durch ihn vertretene Kirche zu verhindern. Weiter sollte er sein Versprechen, Opfer des Missbrauchs zu treffen, aktiv angehen und auf sie zugehen.

Philipp Müller