Wenn der Palmsonntag zur Hölle wird

Verbrannte Palmzweige, tote Menschen, viele Verletzte. So sah der Palmsonntag in zwei koptischen Kirchen in Alexandria und Tanta aus. Attentäter waren während der Liturgie in die Markus-Kathedrale eingedrungen, in der Papst Tawadros II. zelebriert hat, verschafft und eine Bombe gezündet. Nicht weit entfernt detoniert ein zweiter Sprengsatz in Tanta, einer Stadt nördlich von Kairo. Die blutige Bilanz: 17 Tote in Kairo und 27 in Tanta.

In Ägypten schwebt die Bevölkerung ständig in Terrorgefahr. Seit 2005 häufen sich die Attentate auf der Sinai-Halbinsel. Al-Qaida und mittlerweile der Islamische Staat bedrohen die Gegend zunehmend. Seit 2011 nahmen die Übergriffe auf Kopten auch in Oberägypten zu, was in Unterägypten und dem Sinai Alltag war. Anschläge auf ihre Kirchen und die Ermordung koptischer-Christen sind alltäglich geworden.

Die Diskriminierung findet ebenso durch den Staat statt. Die Regierung ist seit dem Putsch von as-Sisi nicht mehr an der Sicherheit der Kopten interessiert. Mehr noch, sie sind den Herrschenden ein Dorn im Auge. Da as-Sisi ein islamisches Land nach Scharia Richtlinien errichten will, versuchen die Kopten sich systematisch dagegen zu verteidigen. Die Konversionen werden von islamischer Seite erzwungen, wer sich dagegen wehrt, kann inhaftiert werden.

Im Osten nichts Neues

Die Bilanz des Terrors: Das Massaker von el-Koscheh 2001; 3 Anschläge auf koptische Kirchen mit einem Toten im Mai 2006; Der Anschlag Weihnachten 2009 auf eine Kirche in Nag Hammadi mit sechs getötete Kopten; Der Bombenanschlag in Neujahr 2011 in Alexandria; 7. Mai 2011 Salafisten greifen die St.-Mina-Kirche in Kairo an; Mai 2016 geplünderte und zerstörte Häuser von Christen im Nildelta; Februar 2017 der Massenexodus vom Sinai aufgrund der Bedrohung des IS; 9. April 2017 Anschläge auf die St.-Markus-Kathedrale und auf eine Kirche in Tanta mit knapp 44 Toten. Die Liste ließe sich weiter fortführen.

Der Terror gegen Christen in Ägypten hält seit Jahren an. Deswegen wundert es nicht, dass die St.-Markus-Kathedrale in Alexandria zum Ziel wurde. Man stelle sich einmal vor, dass im Petersdom ein Anschlag verübt würde. So fühlten sich Kopten in aller Welt am Palmsonntag. Die Bombe detonierte in den hinteren Reihen, sodass der koptische Papst diesem Anschlag entging. Mangelnde Sicherheit für Christen ist derzeit in Ägypten zur Normalität geworden.

As-Sisi – der Gegenspieler

Am 3. Juli 2013 wurde Präsident Mursi vom General und Verteidigungsminister Abd al-Fatah as-Sisi gestürzt. Bei den Präsidentschaftswahlen in Ägypten im Jahre 2014 wurde er als neuer Präsident von Ägypten bestätigt. Jedoch wurden Stimmen laut, die dem Sieger Wahlbetrug vorwarfen. Jedoch hielt sich as-Sisi mit eiserner Hand an der Macht. Er stellte sich als Kopten-Freund dar und wollte die Unterdrückung der Koptischen-Christen im Land bekämpfen. Als im Jahr 2015 ein Enthauptungsvideo von koptischen Christen in Lybien bekannt wurde, rief as-Sisi zum Vergeltungsschlag gegen den IS auf. Am 16. Februar 2015 wurde die Stadt Darna vom ägyptischen Militär bombardiert.

Jedoch nahm die Christenfeindlichkeit im Land zu. In Ägypten existiert eine sogenannte Dschisja-Kopfsteuer, die Nichtmuslime entrichten müssen. Eine klare Diskriminierung. Ebenso ist Konversion zur koptischen Kirche verboten, und Mischehen illegal. Kirchen dürfen nur mit einer speziellen Genehmigung des Staates saniert oder neu gebaut werden. Ausländische Missionare dürfen nicht nach Ägypten einreisen, es sei denn, die Reisen dienen sozialen Wohltätigkeiten. Koptische Frauen werden in Ägypten des Öfteren entführt und zur Konversion, sowie Zwangsehe mit muslimischen Männern, gezwungen. Der Staat bemüht sich nur mäßig, diese Probleme zu beseitigen. Die versprochene Verbesserung seitens as-Sisi steht noch aus. Seit Regierungsantritt hat sich die Situation nur verschlechtert.

Reformation des Islams?

Bischof Anba Daniel aus dem koptisch-orthodoxen Kloster in Höxter-Brenkhausen, fordert eine Reformation des Islams. Er weist darauf hin, dass die Diskriminierung der Kopten durch die mangelnde Bildung der Muslime entsteht. Denn oft sind es die ungebildeten Schichten, die Übergriffe auf die Kopten fordern. Jedoch muss die Bildung auch in den Moscheen stattfinden und nicht nur in den Schulen. Denn da wo der Islam gelehrt wird, entsteht auch der Hass gegen das Christentum.

Jedoch lassen sich die Probleme in Ägypten nicht alleine durch die Bildung von Muslimen beseitigen. Auch auf Regierungsebene muss nachgebessert werden. Gesetze müssen beseitigt werden, welche die Diskriminierung der Kopten fördern. Die Kopfsteuer muss abgeschafft und der Schutz christlicher Einrichtungen und Kirchen festgelegt werden. Sonst werden die Kopten aussterben und Ägypten wird ein rein muslimisches Land werden.

Alexander Radej

Bomben auf Kirchen

Die Gewalt des IS nimmt weiter zu. Am 11.12. gab es einen der schwersten Anschläge in Kairo. Ein Selbstmordattentäter gelangte in die Sankt Peter und Paul Kirche und sprengte sich in die Luft. Auf Facebook wurde wenig Trauer bekundet. Keine Profilbilder mit ägyptischen Flaggen umhüllt. Es fehlen sämtliche Bekenntnisse, die die Trauer der deutschen Christen ausdrücken. Europas Christen sollten sich aber mit den Kopten solidarisieren.

Im Jahre 2011 kommt es zum Paukenschlag in Ägypten: Husni Mubarak, der ägyptische Staatspräsident, tritt zurück. Tausende Demonstranten befinden sich zu der Zeit in Kairo und feiern seine Abdankung. Was den ägyptischen Christen in der Zukunft begegnen wird ist noch nicht in Sicht. Mubarak hatte versucht, Streitigkeiten zwischen Christen und Muslimen zu unterbinden. Die Muslimbrüder versuchten einen Keil zwischen beide Religionen zu treiben, doch erst als der IS in Ägypten Fuß fasste, entflammten erbitterte Angriffe auf die christliche Minderheit der Kopten.

Im Laufe der Zeit führte der IS zahlreiche Attentate auf der Sinai-Halbinsel aus. Ebenso gab es Enthauptungen an der Grenze zu Lybien. Trotz der zahlreichen Nachrichten und Fotos über die Gräueltaten des IS reagieren die Christen im Westen mäßig bestürzt. Es herrscht eine „Es ist da halt so“-Einstellung. Wenn in Frankreich, in der Stadt Saint-Etienne-du-Rouvray, ein katholischer Priester in der Kirche ermordet wird bekunden die deutschen Bischöfe Solidarität.

Tausende Tote

Die Ägyptischen Christen scheinen für die Glaubensgeschwister in Europa fremd zu sein. Vergessen zu sein scheint: Die koptischen Christen leiden mitunter am stärksten im Orient. Unter Mubarak wurden viele Schandtaten verhindert. Diese nahmen aber nach dessen Rücktritt stark zu. Das liegt einerseits am gänzlichen fehlenden staatlichen Eingreifen, aber auch am Erstarken von radikal islamistischen Gruppierungen wie den Muslimbrüdern. Unter ihren wurden die Christen stärker reglementiert und die Akzeptanz in der Bevölkerung sank tiefer als unter Mubarak. Es führte zu einer Verdrängung der koptischen Christen an den Rand der Gesellschaft und dem fehlenden Schutz der Christen vor Gewalttaten.

Der IS hob die Gewalt gegen die Kopten auf ein anderes Niveau: Kopten werden in Massenexekutionen zum Übertritt zum Islam gezwungen. Selbst dann ist das Überleben nicht hundertprozentig sicher, da der IS wahllos Menschen tötet, ob Christen oder Muslime. Es werden mehr Kirchen denn je direkt angegriffen und zerstört. Anschläge in Kirchen sind keine Seltenheit mehr. Dennoch war die Attacke in der Hauptstadt Kairo eines der größten Attentate, die die Kopten zu ertragen hatten.

Der Krieg zieht mit

Millionen Flüchtlinge wollen nach Europa. Doch nicht alle sind Muslime. Die christliche Minderheit, die nach Europa will, wird meist mit den Muslimen über einen Kamm geschoren. Denn die Kopten sehen fast gleich aus wie die Muslime. Bis auf ein kleines Kreuz an der Unterseite des Handgelenks, haben sie nur ein zweites unsichtbares Zeichen: Die Taufe. Den Kopten geht es in Flüchtlingsheimen schlecht. In einigen Lagern werden sie weiterhin von Muslimen beleidigt und sind der Gewalt weiterhin ausgesetzt. Die Verfolgung ist mit ihnen gezogen.

Die Angriffe auf Flüchtlingsheime verschlechtert ihre Situation. Einige der deutschen Mitbürger halten ebendiese Christen für Moslems und schaden Ihnen durch die Entzündung der Flüchtlingsunterkünfte. Pegida und AfD sprechen sich offen gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“ aus und befürworten vehement christliche Werte. Dennoch greifen sie das Christentum an, ob Kopten oder die Griechisch-Katholischen Christen aus Syrien.

Die „Flüchtlingskrise“ als Chance

Der Moment der Solidarität beginnt nicht auf Facebook, sondern in den europäischen Flüchtlingsheimen. Dieser Ort soll als Begegnungsstätte dienen, damit die Europäer, die Koptischen Christen, aber auch Muslime sich gegenseitig kennenlernen können. Es sollte mehr für die Verständigung zwischen Christen und Muslimen sowie zwischen Europäern und Orientalen erreicht werden. Der „Fremde“ ist in Europa angekommen und dies sollte als Chance für eine gemeinsame Verständigung genutzt werden. Ihm sollte geholfen werden, die traumatischen Erlebnisse aus seinem Heimatland zu überwinden, und es sollten weitere Spätfolgen der seelischen Belastung verhindert werden.

Schon alleine bekennende Worte zu den Christen im Nahen Osten kann das Gefühl vermitteln, sich mit den Menschen dort zu beschäftigen. Zwar würde das den Christen nicht direkt helfen, aber eine Solidarisierung ist das Mindeste, was Europa und die europäischen Bischöfe tun können. Aber auch der einzelne Christ kann etwas tun: Nämlich sein Profilbild in eine ägyptische Fahne hüllen.

Alexander Radej

Anders leben oder Unglaubwürdigkeit

Es ist eine Last in der Welt zu leben. Die Politik driftet ins „Postfaktische“  ab. Der Journalismus liegt im Sterben und über Gott reden kann man nicht mehr. Was aber, wenn Ersteres nicht stimmt und Letzteres nicht so sein muss?

Dialog in der Gesellschaft

Die große Rede vom „postfaktischen“ Zeitalter ist unsinnig. Brexit und Trump Wählern kreieren ihre Ansichten über die Welt und Politik nicht ohne Realitätsbezug oder wie es ihnen gefällt. Das so interpretierte Phänomen ist durch eine Vertrauenskrise des Journalismus bedingt. Die Bereitschaft an einer These festzuhalten, obwohl ihre Falschheit durch Nachrichtemedien gezeigt wurde, ist keine Ablehnung von Fakten. Die Vertrauenskrise des Journalismus zeigt die komplexe dahinterliegende Realität. Das Problem ist wie Wahrheit kommuniziert werden kann und warum dem Fact Checker Glauben geschenkt werden sollte.

Das Vertrauen als Grundgut des Journalismus ist verbraucht. Unabhängig von der Wahrheit des „Lügenpresse“ Vorwurfs, zeigt dieser Vorwurf das Fehlen von Vertrauen in Teilen der Gesellschaft. Durch seine strukturelle Offenheit für Manipulation kann dem Journalismus im digitalen Zeitalter nicht Glauben geschenkt werden. Daher ist es für einen Menschen sinnvoll Politikern, Kommentatoren oder Blogs zu glauben, die das eigene Weltbild teilen und unterstützen. Ihre eigenen Überzeugungen geben diesen Informationen zusätzliche Relevanz und bestätigen die Wahrscheinlichkeit ihrer Validität. Im Sinne einer Korrespondenztheorie unterstützen sie sich gegenseitig. Ein Fact Checker muss, um diese Informationen in Zweifel zu ziehen, erst einmal gegen die subjektive Überzeugung argumentieren. Der an der angegriffenen Überzeugung festhaltende Mensch ist also gerade nicht post- oder antifaktisch, sondern hält seine Überzeugung für ein Faktum. Die Krise des Journalismus führt also zum Zusammenbruch des gesellschaftlichen Dialogs und zum wirtschaftlichen Niedergang des herkömmlichen Journalismus.

Dialog über den Glauben

Der Dialog über den Glauben ist ähnlich zusammengebrochen. Von Minderheiten wie den „New Atheists“ abgesehen, gibt es in der Gesellschaft keine prinzipielle Ablehnung gegen ein Reden von Gott. Es weckt kein Interesse und wird als irrelevant eingeschätzt. Das Vertrauen auf Wissenschaft und Fortschritt  bietet eine grundsätzlich überzeugende Weltsicht, in der Gott nicht gebraucht wird. Um Gott in den Blick zu bringen, müsste also erst einmal dieses Vertrauen erschüttert werden. Eine schwierige Aufgabe in einer Umgebung, die dieses Vertrauen durch praktische Erfolge der Wissenschaft verstärkt. Doch im Beispiel des Fact Checkers liegt eine weitere Möglichkeit: Die Aufdeckung von Fehlinformationen durch journalistische Mittel hat in der Vergangenheit funktioniert. Durch Vertrauen, das dem Journalismus entgegengebracht wurde, konnten Wähler überzeugt werden. Der Journalismus hat das Vertrauen verloren und auch religiöse Menschen bekommen von ihren Mitmenschen wenig Vertrauen entgegengebracht. Der Missbrauch Skandal, das Fehlverhalten von Bischöfen und Priestern sowie wenige extreme Christen färben die öffentliche Meinung von allen Gläubigen negativ. Die Negativbeispiele haben zwar mit dem einzelnen Gläubigen erst einmal nichts zu tun, zerstörten aber in der öffentlichen Meinung das Vertrauen auch in den einzelnen Gläubigen.

Nachfolge als Lösung

Für das Problem des Vertrauens im Journalismus  wurde noch keine Lösung gefunden. Doch das Vertrauensproblem des einzelnen Gläubigen kann behoben werden, indem sie die Vertrauenswürdigkeit in ihrem Handeln vorleben. Kurz: heiliger werden. Gottes- und Nächstenliebe konsequent umzusetzen, auch wenn es schwer fällt – und bis zum Ende. Nicht abstrakt, sondern in der jeweiligen Situation. Nicht mal kurz die Welt retten, sondern dem Gegenüber zuhören, die Oma besuchen, eine Familie gründen oder sich ganz für ein Leben mit Gott zu entscheiden. Im Kleinen einen Unterschied machen anstatt die großen Probleme zu lamentieren.  Dieses sichtbar andere Leben führt zu Fragen und zeigt die Ernsthaftigkeit des Glaubens. Der Glauben erweist sich so nicht als Vertröstung ins Jenseits oder einer vagen Hoffnung, sondern als eine konsequente Überzeugung und wirksame Realität. Die Wirksamkeit Heiliger in der Ermöglichung der Kommunikation wird bewiesen durch einen Blick in die Geschichte der Kirche. Die Christen der ersten Jahrhunderte lebten ihren Glauben in der Verfolgung auf eine Weise, die die Umwelt veränderte bis das Christentum selber Staatsreligion wurde. Dabei setzten sie nicht bei großen Problemen und gesellschaftlichen Missständen an, was in der Verfolgung auch nicht möglich ist. Stattdessen lebten sie ihren Glauben auf einer persönlichen Ebene, im Umgang untereinander und im Festhalten an der Nachfolge Christi.

Dabei geht es nicht um ein Mittel für eine Missionierung im Sinne einer argumentativen Überzeugung, sondern um einen Dialog zu ermöglichen. Für eine Umkehr oder Missionierung sind andere Faktoren nötig. Aber ohne Heilige, deren Leben die Begegnung mit authentischen Glaubenden ermöglicht, kann die Sendung Jesu, Zeugen zu sein, nicht erfüllt werden. Also  sollten wir Christen uns nicht an den großen Problemen der Welt kaputt reiben, sondern in den kleinen Dingen des Alltags heilig werden.

Philipp Müller