Nur wenn die Glatze auch als Frisur gelte, nur dann könne der Humanismus auch als Religion gelten, so antwortet Michael Schmidt-Salomon auf die Frage, ob denn der Humanismus nicht auch eine Religion sei. Humanismus ist also eine Frage der Glatze.
Mit Landesbischof Ralf Meister diskutierte der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung zwischen dem Evangelischen Kirchentag und dem parallel stattfindenden Humanistentag die Frage: Wieviel Religion braucht die Gesellschaft?
Braucht die Gesellschaft Kirchen oder nur Glauben
Bekennende Humanisten operieren gerne mit Zahlen und Statistiken, weil es um Vernunft, um Wissenschaftlichkeit geht, die gegen den Glauben in Stellung gebracht wird. Jüngst weisen sie in einem Zahlenwerk darauf hin, dass die Kirche von England kaum mehr in der Bevölkerung verwurzelt sei. (http://hpd.de/node/15869) Damit, so wird gefolgert, sei der Beweis erbracht, dass die Gesellschaft auch ohne Religion auskomme. Weitere derartige religionssoziologische Beweise lassen sich leicht finden: In Sachsen, Sachsen-Anhalt, und Mecklenburg-Vorpommern bekennen sich jeweils unter 25% der Bevölkerung zu einer Glaubensgemeinschaft – und siehe da, die Gesellschaft, sie fällt nicht in Stücke. Das religionsloseste Deutschland sei gleichzeitig das freieste und offenste, so Schmidt Salomon.
Allein bleibt die Frage, was solche Statistiken über den Glauben der Menschen aussagen. Es ist weder sachgemäß noch wissenschaftlich, das Glaubensphänomen der Menschen allein an der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft zu messen. In dieser Frage ist Schmidt-Salomon uneingeschränkt zuzustimmen: Glaube ist mindestens so individuell wie der Haarwuchs. Und nicht überall, wo eine Glatze geschnitten ist, wachsen auch keine Haare.
Schadet Religion dem Frieden?
Dass Religion global nicht schwindet, sondern wächst, darüber herrscht unter den Religionssoziologen weitgehend Einigkeit. Westeuropa macht eine Ausnahme. Und gerade hier tun sich die großen Religionen und Glaubensgemeinschaften schwer zu sagen, worin ihr spezifischer Beitrag zu einem gelingenden Zusammenleben der Menschen besteht. Es läßt sich nicht bestreiten, dass viele Konflikte im Zusammenleben von Nationen und Kulturen auch religiöse Ausprägungen haben. In Wirtschaft und Verwaltung gilt es als ratsam, religiöse Symbole und Rituale so weit wie möglich zu unterdrücken, um nicht unnötig Konflikte zu schüren. Vergleichen läßt sich dies mit dem Tabu von Liebesaffären am Arbeitsplatz. Allein es bleibt die Frage: Was aber ist mit der Tatsache, dass Menschen religiös sind und dass sie Liebesbeziehungen eingehen?
Wer braucht Religion? Die Gesellschaft oder die Menschen?
Die Gesellschaft braucht alles und nichts. Wieviel Aldi braucht die Gesellschaft? Wieviel Schmidt und wieviel Salomon? Diese Frage führt zu nächsten. Ist die Glatze eine Frisur? Wieviel Frisur braucht die Glatze? Man kann sich auch im Nonsens ganz gut wohlfühlen.
Die Gesellschaft aber braucht Werte, die es den Menschen ermöglichen, menschenwürdig zu leben und ihre Möglichkeiten soweit zu entfalten, dass Mitmenschen dadurch nicht beeinträchtigt werden. Um diesen Zweck zu erreichen gibt es Förderliches und Hinderliches. Ein mögliche Fragestellung wäre gewesen: Was leistet die Religion für ein gelingendes Miteinander? Oder: Wo leben Menschen besser, in Gesellschaftsformen, die Religion unterdrücken oder solchen, die sie zulassen oder fördern?
Repression auf demokratisch
Vielleicht war die Veranstaltung vor allem deshalb angesetzt, um den Herren Meister und Schmidt-Salomon ein Forum zu bieten, sich unterhaltsam auszutauschen. In der Sache kam man mit dieser Fragestellung nicht weiter. Denn nicht die Gesellschaft braucht die Religion, sondern Menschen sind religiös, weil sie religiöse Fragen haben und sich religiös ausdrücken wollen. Hier aber sind die Humanisten mit Verboten nicht zimperlich. Religiöse Symbole sollen aus der Öffentlichkeit per Gesetz verbannt werden. Es scheint so, dass Schmidt-Salomon mit dem freien und religionslosen Deutschland jenes meint, das weitgehend von Politikern gestaltet ist, die sich zu christlichen Werten bekennen. Was hat denn das Verbot religiöser Symbole in der Öffentlichkeit, wie es die Humanisten fordern, mit Freiheit zu tun? Es ist zuerst ein Eingriff in die Freiheit, der nur damit gerechtfertigt werden könnte, einer weiterführenden Freiheit zu nützen. Was hat die Forderung, man dürfe Kindern in Kitas keine religiöse Bildung angedeihen lassen, mit Freiheit zu tun? Das ist zunächst ein massiver Eingriff in die religiöse Freiheit, der nur dann zu rechtfertigen wäre, wenn die Ausübung der Religion sich gegen die Würde und Freiheit anderer Menschen richtet.
Religionsverbote – Kampf für oder gegen etwas?
Religion und Religiöse Bildung braucht es deshalb, weil Menschen religiös sind und weil sie diese Anlagen pflegen und entwickeln müssen. Ob dies zwingend die Bindung an eine verfaßte Glaubensgemeinschaft mit sich bringt, muß fraglich bleiben. Um zu der Frisur zurückzukehren: Wenn die Haare wachsen, und wenn die Glatze entweder künstlich ist oder zumindest potentiell als Defizit erscheint, erscheint es nicht sinnvoll, das Vorhandensein von Frisuren zu verbieten. Wenn Haare wachsen, dann stellt sich die Frage: Was soll man damit machen? Es ist die Vernunft, die feststellt, dass die Haare wachsen. Und es ist der Glaube, der mit der Gestaltung der Haare etwas ausdrücken will. Vernunft und Glaube müssen auf menschenwürdige Weise zueinander finden. Und die Gesellschaft braucht soviel Anstand, dass sich dieses Zueinander von Glaube und Vernunft ermöglicht. Eine Pflichtglatze bleibt abzulehnen, Herr Schmidt-Salomon.
kath.de – Redaktion