Christen bevorzugt?

In ihrem Grundsatzprogramm bezeichnet die Alternative für Deutschland den Zustrom muslimischer Flüchtlinge nach Deutschland als eine Gefahr für „unsere abendländische und christliche Kultur.“ Die CSU, mit Bayerns Ministerpräsident Host Seehofer scheint nun auf denselben Zug aufgesprungen zu sein. Bei einer Klausurtagung veröffentlichte der Parteivorstand eine Beschlussvorlage, deren Wortlaut sehr stark dem der rechtspopulistischen AfD ähnelt. Die Forderungen lassen sich teils wörtlich in deren Grundsatzprogramm wiederfinden.  

Unchristliche Forderungen aus der Christlich Sozialen Union

Im Zuge der Flüchtlingskrise hat die christlich-konservative CSU immer wieder für eine Obergrenze und verstärkte Grenzkontrollen eingesetzt. Jetzt fordert sie aber, Zuwanderer aus „unserem christlich-abendländischen Kulturkreis“ bei der Aufnahme zu bevorzugen. Kurz gesagt: Christen ja, Muslime nein! Diese Haltung wird zusätzlich durch die radikalen „Integrationsmaßnahmen“ der CSU bekräftigt. Demzufolge sollen Vollverschleierung und doppelte Staatsbürgerschaft schnellstmöglich abgeschafft werden und wem dies nicht passt, „sollte sich ein anderes Land aussuchen.“ Klare Worte der Christlich Sozialen Union, die der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki als „unchristlich“ und „gesellschaftsspaltend“ bezeichnet.

Nicht alle Flüchtlinge gehören dem Islam an

In den Medien finden Christen, die aus arabischen Ländern nach Europa fliehen, hauptsächlich Erwähnung, wenn es um Konflikte mit anderen Religionen geht. Tatsächlich bilden sie auch nur eine kleine Minderheit. Schätzungsweise 13% der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind christlichen Glaubens. Auch die Zahl der muslimischen Flüchtlinge, die zum Christentum konvertieren, steigt. In einigen Gemeinden werden sogar Massentaufen vollzogen, bei denen mehrere Dutzend Menschen gleichzeitig das Sakrament empfangen. Wie zum Beispiel in Hamburg, wo sich Anfang des Jahres sich in einem Schwimmbad mehr als 80 Menschen gleichzeitig taufen ließen. In diesem Zusammenhang wird den Konvertiten immer öfters unterstellt den Glauben nur für die Bevorzugung beim Asylrecht gewechselt zu haben. In einigen arabischen Ländern müssen Christen aufgrund ihres Glaubens um ihr Leben fürchten, was die Wahrscheinlichkeit aus Deutschland abgeschoben zu werden verringert.

Kein einfacher Glaubenswechsel

Eine scheinbar leichtfertige Behauptung. Zum einen wird dadurch den christlichen Kirchen unterstellt, sie würden jeden, der um die Taufe bittet, von heute auf morgen das Sakrament spenden. Tatsächlich dauert die Vorbereitungszeit auf die Taufe in einigen Fällen sogar länger als das Asylverfahren. Während des Katechumenat wird von den Taufinteressenten nicht nur eine regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst erwartet, sondern auch eine aktive Beteiligung am Gemeindeleben.

Zum anderen gehen Konvertiten oftmals ein hohes Risiko ein, wenn man die Art und Weise betrachtet, wie einige Muslime ihren christlichen Mitbewohnern in Flüchtlingsheimen begegnen. Eine Erhebung des christlichen Hilfswerk „Open Doors“ hat innerhalb eines Zeitraums von zwei Monaten mehr als 200 Übergriffe auf Christen dokumentiert. Bei der Erhebung wurden christliche Flüchtlinge in ganz Deutschland befragt. Das Hilfswerk schätzt die Dunkelziffer jedoch weitaus höher ein und geht davon aus, dass deutschlandweit mehr als 40.000 Christen in Flüchtlingsheimen misshandelt werden. Die Misshandlungen reichen von Beleidigungen, über Gewalt, bis hin zu Morddrohungen. Damit zieht die systematische Christenverfolgung, die weitestgehend aus arabischen Ländern bekannt ist, auch in Europa ein.

Die Kirche zeigt Zurückhaltung

CSU Politiker fordern deshalb eine separate Unterbringung von christlichen und muslimischen Flüchtlingen. Die beiden großen Kirchen in Deutschland distanzieren sich von dieser Forderung und scheinen die Misshandlung der Christen in Flüchtlingsunterkünften zu verharmlosen. In diesem Zusammenhang sagten Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche, dass man bei den Übergriffen auf christliche Flüchtlinge nicht von einem flächendeckenden Problem sprechen könne und dass eine religiöse Motivation für die Gewalt nicht eindeutig beweisbar sei. Die Kirchen äußern sich so zurückhaltend, weil sie nicht wie die AfD und jetzt auch die CSU eine Hetze gegen muslimische Flüchtlinge lostreten möchte. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, äußerte sich in diesem Zusammenhanf skeptisch zu der Untersuchung von „Open Doors“ und argumentierte, dass man die Übergriffe auf Christen durch Muslime nicht pauschalisieren dürfe, um eine verallgemeinerte Verurteilung des Islams zu verhindern. Man müsse jeden berichteten Fall individuell nachgehen. Was dabei jedoch ungeachtet bleibt ist die Dunkelziffer.

Doch auch den muslimischen Konvertiten zum Christentum steht die Kirche oftmals reserviert gegenüber. Im Gegensatz zu den Freikirchen und Evangelikalen, die den Missionierungsauftrag der Bibel wörtlich nehmen und offen auf mögliche Taufinteressenten zugehen, halten sich die katholische und evangelische Kirche vielmehr im Hintergrund. Einige Vertreter rechtfertigen sich damit, dass man niemanden den Glauben aufzwingen wolle. Man könne sich bei Menschen, die aus ihrem eigenen kulturellen und religiösen Umfeld fliehen mussten und sich plötzlich in einer fremden Gesellschaft wiederfinden, nicht sicher sein, ob sie nicht andere Gründe zum Konvertieren bewegen als die Überzeugung aus dem Glauben heraus. Einerseits ist diese Begründung durchaus verständlich, andererseits stellt sich, die Frage ob sich die Kirchen, die immer mit dem Priestermangel und dem Rückgang der Gläubigen zu kämpfen haben, nicht mehr um die „Neu-Christen“ bemühen sollten.

Immerhin nicht unwillkommen

Die CSU fordert eine Bevorzugung von Christen, was aber nicht bedeutet, dass christliche Flüchtlinge gleichzeitig mehr willkommen sind. Flüchtlinge die sich für den christlichen Glauben entscheiden, werden böse Absichten unterstellt und obwohl die beiden Volkskirchen predigen zwar eine Willkommenskultur, fremdeln selbst aber noch mit ihrem aktiven Beitrag dazu.

Kerstin Barton

Keine Angst vorm Glaubenszweifel

Mutter Teresa ist heiliggesprochen. Nachdem Johannes Paul II. die Ordensgründerin im Jahre 2003 seliggesprochen hatte, wurde sie am vergangen Sonntag von Papst Franziskus in den Stand der Heiligen erhoben. Im Verlauf des Prozesses zur Kanonisation wurde neben Kritik an ihrer Arbeit und den angewendeten Methoden immer wieder auf die massiven Glaubenszweifel hingewiesen, die Mutter Teresa ihr ganzes Leben durchzustehen hatte.

Sie fühlte sich von Gott, nach dem sie so stark verlangte, abgelehnt und ungeliebt. “In meiner Seele herrscht ein so großer Widerspruch. Ein so tiefes Verlangen nach Gott, so tief, dass es wehtut, ein fortwährendes Leiden – und trotzdem nicht gewollt von Gott, abgewiesen, leer, kein Glaube, keine Liebe, kein Eifer.”

Auch heutzutage zweifeln viele Menschen an der Existenz oder dem Verhalten Gottes. Mutter Teresa ist jedoch nicht die einzige Heilige mit solchen Zweifeln. Gehören Glaubenszweifel zu einer Beziehung mit Gott?

Vorbilder des Glaubenszweifels

Blickt man in die Schriften vieler Heiligen fällt auf, dass nicht wenige von ihnen Lebensphasen erleben mussten, in denen sie mit Gott gehadert oder sich von ihm ungeliebt gefühlt haben. Für Mutter Teresa besonderes relevant waren die Heiligen Theresia von Lisieux sowie Johannes vom Kreuz. Theresia von Lisieux, nach der sie ihren Ordensnamen erhielt, schrieb in ihrer Autobiografie „Geschichte einer Seele“ über ihre Erfahrung der Gottesferne. Johannes vom Kreuz verwendete den Begriff der „Dunklen Nacht der Seele“, um Glaubenszweifel auszudrücken. Dieser Begriff wurde von Mutter Teresa in ihrem Buch “Komm, sei mein Licht“ adaptiert. Auch Papst Franziskus gestand in diesem Jahr ein, dass er in seinem Leben schon viele religiöse Krisen erlebt und Jesus „getadelt“ hätte.

Selbst den Figuren der Bibel sind Erfahrungen der Gottverlassenheit nicht fremd. Hiob klagt Gott an und möchte wissen, warum gerade er dieses Leid erfahren muss. Auch Jesus musste erfahren, dass er sich nicht immer von Gott gehalten weiß. Seine letzten Worte am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ seien “Ausdruck der Tiefe Seiner Einsamkeit”, so Mutter Teresa.

Trotz aller Zweifel ist keine der genannten Personen vom Glauben abgefallen. Sie geben uns ein Beispiel dafür, dass auftretende Schwierigkeiten in der Beziehung zu Gott nicht gleich mit einem Verlust des Glaubens korrespondieren müssen.

Glaubenszweifel als Beginn des Unglaubens?

Viele Gläubige zweifeln innerhalb ihres Lebens das ein oder andere Mal an der Existenz oder dem Verhalten Gottes. Das dies nicht immer gleich zu einem Glaubensabfall führen muss, haben die genannten Personen eindrücklich bewiesen. Zweifel an sich ist erstmal nicht negativ zu bewerten. Er zeigt, dass uns unser Glaube etwas bedeutet, denn sonst könnten wir ihn auch einfach aufgeben. Die Entscheidung für oder gegen Gott wird vor allem durch die Frage entschieden, ob wir trotz Zweifel an einen guten Gott glauben können oder nicht. Unser menschlicher Geist kann die Größe Gottes und seiner Taten nicht immer begreifen. Von daher sind Zweifel und Anfragen an Gott ein Bestandteil unseres Glaubens. Wichtig ist, dass wir den Dialog mit ihm nicht aufgeben.

Glaubenszweifel als Teil des Glaubens

Gott möchte mit uns in einen personalen Dialog eintreten. Dass dies mit Schwierigkeiten verbunden ist, sollte jedem klar sein. Wir können Gott nicht einfach fragen, warum er einige Dinge so und andere ganz anderes eingerichtet hat. Er bleibt für uns unverständlich. An manchen Dingen wie z.B. der Shoah müssen wir Anstoß nehmen und an dem Verhalten Gottes zweifeln. Nicht umsonst hat er uns mit einem freien Willen erschaffen. Manchmal ist Zweifel die einzige Option, die wir im Dialog mit Gott haben. Liegt uns etwas an der Beziehung zu Gott, sollten wir diese Zweifel vor ihn bringen und den Dialog am Leben erhalten. Tun wir das nicht, wenden wir uns von ihm ab. Eindrücklich zeigt sich dieses Verhalten im Buch Hiob. Hiob, der so viel Leid ertragen muss, steigt, trotz Zureden seiner Freunde und seiner Frau, nicht aus dem Dialog mit Gott aus. Er klagt ihn an, hadert mit ihm und wird am Ende belohnt.

Auswertung

Mutter Teresa ist mit ihren Glaubenszweifeln nicht alleine. Viele und gerade besonders gläubige Menschen erleben Momente, in denen sie an Gott zweifeln. Die Zweifel zeigen, dass ihnen ihre Beziehung zu Gott etwas wert ist, und sie nicht dazu bereit sind, diese einfach so aufzugeben. Sie wollen mit Gott ins Reine kommen. Wichtig ist es hierbei, den Dialog mit Gott zu suchen, und auch die Zweifel vor ihn zu bringen. Bricht unser Dialog zu Gott ab, ist es um unseren Glauben nicht gut bestellt.

Lukas Ansorge

Die Stärke der Schwachen

Die heiß diskutierte Frage des  US-Wahlkampfs ist die gesundheitliche Verfassung der Kandidaten. Donald Trump hat Hilary Clintons Fähigkeit zur Ausübung des Präsidentenamtes angezweifelt. Ihre Gesundheit sei zu schlecht. Clinton veröffentlichte ein Statement ihrer Ärztin, in dem ihr eine gute Gesundheit bescheinigt wird. Auch Trump veröffentlichte ein solches Statement seines Arztes. Darin schreibt der Arzt, wenn Trump Präsident werde, wäre er der gesündeste Mensch, der jemals zum Präsidenten gewählt wurde.

Die Sachfragen wurden verdrängt und es wird nur über die Gesundheit der Kandidaten diskutiert. Sicher sind persönliche Eigenschaften der Kandidaten, neben den politischen Sachfragen und der Agenda, für die Wahlentscheidung relevant. Doch sind es gerade nicht Fragen zur Gesundheit. Ein Blick auf drei Anführer der Geschichte zeigt: körperliche Fitness ist keine wichtige Eigenschaft für einen Präsidentschaftskandidaten.

Viele Grenzen überwinden

Franklin Delano Roosevelt führte die USA als 32. Präsident mit dem „New Deal“ aus der Wirtschaftskrise. Er überführte das amerikanische Politik System in seine heutige Form und führe nach Pearl Harbour die Alliierten zum  Sieg im Zweiten Weltkrieg. Dabei war er seit 1921 von der Hüfte abwärts gelähmt. Seine Behinderung war zwar bekannt, wurde aber versucht aus der Öffentlichkeit herauszuhalten und herunterzuspielen. Während des Krieges, gab es Bedenken, ein körperlich beeinträchtigter Präsident könnte der Moral der amerikanischen Bevölkerung schaden. Roosevelt ließ sich nicht öffentlich im Rollstuhl sehen und lernte das Gehen mit Beinschienen.

Unabhängig von seinem körperlichen Zustand, hat Präsident Roosevelt sein Land durch schwere Zeiten geführt und dabei auch wichtige Termine außerhalb der USA absolviert wie zum Beispiel die Konferenz von Jalta. Die körperliche Einschränkung des Präsidenten war kein Problem. Auch nicht in einer Zeit, in der Behinderung stigmatisiert war und deutliche weniger Hilfen möglich waren. Durch den Fortschritt in der Medizin und mit neuen medizinischen Hilfsmitteln sind körperliche Einschränkungen deutlich besser ausgleichbar. Die Frage nach der körperlichen Fitness eines Kandidaten ist durch den Fortschritt” noch weniger relevant als vor 80 Jahren.

Größe in Begrenztheit

Johannes Paul II. wurde als relativ junger Mann zum Papst gewählt. Nur zwei Jahre später musste er Schusswunden durch den Anschlag auf sein Leben verkraften. Ab Mitte der neunziger Jahre litt er an Parkinson. Er wurde sichtbar schwächer und brauchte mehr und mehr Hilfe. Dabei führte er weiter sein Papstamt aus und machte kein Geheimnis aus seiner Krankheit. Diese Offenheit im Umgang mit Krankheit, Schwäche und eigener Begrenztheit begleitete ihn bis zum Tod.. Während viele Menschen ihre eigene Endlichkeit verdrängen und keine Schwäche zeigen wollen, war die Welt in gewisser Weise beim Leiden und Sterben Johannes Pauls II. live dabei. Scharen waren in den letzten Tagen seines Lebens auf dem Petersplatz, um für ihn zu beten. Sein Sterben lief durch die Nachrichten der Welt.

Dieses öffentliche Leiden wurde ein Beispiel für Andere und zeigte,  Leid und Schwäche gehören zum menschlichen Leben dazu. Durch sein Leiden konnte er authentisch für Kranke und Leidende eintreten und ihnen nahe sein. Er zeigte wie man seine eigene Schwäche und Begrenztheit annehmen und damit umgehen kann. Seine körperliche Stärke war dabei nicht entscheidend, sondern sein Einfühlungsvermögen, seine Güte und Nähe zu den Schwächsten.

Letzte Grenzen bleiben

Papst Benedikt XVI erfüllte seinen Dienst bis zu dem Punkt an dem er sich nicht mehr in der Lage sah ihn länger ausführen zu könnten. Benedikt XVI war bereit und fähig die Konsequenzen aus der erkannten Situation zu ziehen und das Papstamt niederzulegen. Ein ungewöhnlicher Schritt, der sowohl hochachtende, als auch ablehnende Reaktion hervorrief. Auch für einem Präsidenten oder anderen Staatsoberhaupt ist dieser Schritt nicht weniger schwierig. Doch auch ein Präsident muss bereit sein, das Amt niederzulegen, wenn er es nicht länger ausführen kann.

Das Ende einer jeden Amtszeit ist gewiss. Egal ob durch die begrenzte Zeit des Mandates, Krankheit oder den Tod. Niemand ist unersetzlich. Zu wissen, wann man seine Aufgaben nicht mehr erfüllen kann und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen ist eine weitere wichtige Kompetenz für einen Kandidaten.

Für die Wahl zu einem politischen Amt sind nicht nur Sachfragen und politische Programme entscheidend, auch die Eigenschaften der Kandidaten sollten berücksichtigt werden. Dabei ist körperliche Fitness nicht die wichtigste. Wichtiger sind andere Eigenschaften: die Bereitschaft, das eigene Wohl für das Wohl anderer zurückzustellen; seine Grenzen anzuerkennen und sich ganz einzusetzen, auch mit seinen Schwächen.

Philipp Müller