Der Papst aus Lateinamerika, wer ist er? (22.03.2013)

Die Vorwürfe sind vom Tisch
Der Papst kam, anders als sein Vorgänger, als Unbekannter aus dem Konklave auf die Loggia des Petersdomes. Auch anders als Politiker konnte man ihn nicht in einem längeren Wahlkampf kennenlernen. Er ist auch nicht mit einem Wahlprogramm ins Konklave gegangen. Jedoch wurde er gewählt, um Entscheidungen zu treffen. Das führt zu einer ambivalenten Reaktion: Er soll entscheiden, aber wird er so entscheiden, dass ich nicht negativ betroffen bin? Es entsteht daher sofort die Frage: Hat er sich in schwierigen Entscheidungssituationen bewährt? Deshalb musste die Zeit der Junta zur Sprache kommen. Worum geht es dabei?

Abstand zur Politik
Wer in der Zeit der Junta in Argentinien ein kirchliches Leitungsamt inne hatte, musste eine gespaltene Kirche zusammenhalten. Die einen fühlten sich von der kommunistisch orientierten Guerilla bedroht. Bischöfe aber auch Priester und Ordensleute waren überzeugt, dass diese Kräfte zurückgedrängt werden mussten und stellten sich auf die Seite der Junta. Der Riss ging auch durch den Jesuitenorden, denn es gab genauso Priester und Ordensleute, die den bewaffneten Kampf „gegen Rechts“ unterstützten. Nicht nur das Militär, auch die Linke kämpfte mit Waffen. Da das damalige Leitungspersonal der Kirche, Bischöfe und Ordensobere, eher auf Seiten der Junta standen, war es naheliegend anzunehmen, dass der eigene Obere einen an die Junta ausgeliefert hatte, zumal wenn es vorher heftige Auseinandersetzungen um ein Sozialprojekt in einer Favela gab. Der Ordensausschluss der beiden Jesuiten war eingeleitet, als die Junta an die Macht kam.

Hätte der heutige Papst sich damals auf eine Seite gestellt, wäre seine Eignung für das Papstamt tatsächlich in Zweifel zu ziehen. Das kann er nur ausüben, wenn er sich nicht an eine politische Macht anlehnt. Dazu ein kurzer Rückblick:

Der antikommunistische aber nicht von den USA abhängige Papst
Johannes Paul II. kam aus einem Land, in dem sich die katholische Kirche klar gegen die kommunistische Partei positioniert hatte. Das galt auch für die DDR, aber nicht so für die die ehemals habsburgische Tschechoslowakei und auch nicht für das durch die habsburgische Staatskirche  geprägte Ungarn. Hier gab es Priester, die mit dem Regime als sog. Friedenspriester kooperierten. Kardinal Tomásek war ein solcher Friedenspriester und konnte deshalb Prager Erzbischof werden. Er wandelte sich in seinem Amt und wurde zum Gegenpol des Regimes. In Lateinamerika gab es in gleicher Weise Einfluss auf die Besetzung der Bischofsstühle. Oscar Romero war als solcher zum Erzbischof von San Salvador geworden und bekehrt sich, wie Tomásek, in seinem Amt. Das bezahlte er 1980 mit seiner Erschießung während eines Gottesdienstes.

Der zum Papst gewählte Krakauer Kardinal hätte eigentlich viele Gründe gehabt, sich an die USA anzulehnen. Aber schon schwer krank ließ er sich von Präsident Bush nicht umstimmen, den Angriff auf den Irak zu billigen.
Vom neuen Papst ist zu erwarten, dass er sein Amt unabhängig hält. Das ist eine neue Entwicklung, denn bis zur Wahl Pius X. 1903 stand der Vatikan in Abhängigkeit von Habsburg.

Die Vorwürfe eines ungarischen Jesuiten, der heute in Deutschland tätig ist
Es waren schon lange Vermutungen in Umlauf, der damalige Jesuitenprovinzial Bergoglio habe zwei Jesuiten wegen Verbindung zur Guerilla und auch wegen ordensinternen Streits an die die Junta ausgeliefert. Diese Vorwürfe waren bis zum 20.März nicht eindeutig aus der Welt geschafft. Der Jesuitenorden hat es nicht geleistet, schon früher eine Klärung herbeizuführen, als der jetzige Papst noch nicht Bischof war. Der ungarische Jesuit hat am 20.3. erst Klarheit gebracht, indem er schriftlich erklärte: Dies sind nun die Tatsachen. Orlando Yorio und ich wurden nicht von Pater Bergoglio angezeigt.

Am 15.3. hatte er die Fragen noch offengelassen: „Ich kann keine Stellung zur Rolle von P. Bergoglio in diesen Vorgängen nehmen.“

Warum er in seiner schriftlichen Erklärung vom 20.3. nicht erwähnt, dass der damalige Jesuitenobere viermal bei der Junta vorgesprochen hat, um ihn frei zu bekommen, kann wohl nur so erklärt werden, dass es immer noch Spannungen gibt. Wenn der Zweifel weiter bestanden hätte, müssten nicht nur die Katholiken unsicher sein, ob der Papst in einer Krisensituation die Unabhängigkeit des Amtes bewahrt, ohne die es über Nacht seine Funktion verlöre.
Es ist also geklärt, dass der Papst in schwierigen Situationen als unabhängiger Kirchenmann entscheiden wird. Ein weiterer Punkt sind die anstehenden Personalfragen.

Entschiedenheit in Personalfragen
Es geht einmal um die Vatikanbank. Hier steht der Vorwurf der Geldwäsche im Raum. Einige Kardinäle ließen auch vor dem Konklave durchblicken, dass es im Vatikan Machtkämpfe gibt. Ungeklärt ist immer noch, wer den Kammerdiener des Papstes veranlasste, Dokumente von dessen Schreibtisch zu entwenden. Unvergessen ist auch der Appell des obersten Kardinalbischofs an Benedikt XVI., mit dem Aufräumen bei den Missbrauchsfällen aufzuhören. Der Kardinal nutzte für sein Statement eine Ostermesse, so dass alle Welt es hören konnte.  Dem Kardinal von Buenos Aires geht der Ruf voraus, in Personalfragen nicht zu zögern. Man kann mit hoher Sicherheit annehmen, dass er auch deshalb gewählt wurde.

Die Dritte Welt und die Armut
Deutlich hat der neue Papst die Armutsthematik herausgestellt. Es sei auch darauf hingewiesen, dass er ein Buch gegen Korruption geschrieben hat. Da die katholische Kirche samt ihren religiösen und theologischen Impulse in Europa schwach geworden ist, wird es nicht nur um die Armut gehen, die von den deutschen Hilfswerken Adveniat und Misereor den hiesigen Katholiken mit jeder Spendenaktion immer wieder nahe gebracht wurde.

Es wird sicher zu einem Perspektivenwechsel kommen derart, dass der Zusammenhang zwischen gewählter Armut und Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Systemen deutlich wird.

Bezug zum Evangelium
In den Texten der Werktagsmessen werden seit dem 11.3. die Auseinandersetzungen Jesu mit den Juden gelesen. Auch Jesus wird immer wieder gefragt, wer er eigentlich sei und mit welcher Vollmacht er handle. Er beruft sich auf seine „Werke“, die seine Worte bezeugen und dass er seinen Auftrag von seinem himmlischen Vater herleitet. Er argumentiert mit Zitaten aus der jüdischen Bibel. Auch der Papst wird bei schwierigen Entscheidungen nach seiner Vollmacht gefragt werden, sicherlich weiterhin besonders von deutschen Katholiken. Auch dabei wird sein wichtigster Zeuge die Heilige Schrift sein müssen. Dass er aber bibelfest ist, hat er aber bereits bewiesen.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion

Mehr Mut zur Aufarbeitung erforderlich (18.01.2013)

Kriminologe gegen Kleriker, Freigeist gegen Korpsgeist – das ist der Stoff, aus dem Schlagzeilen entstehen. Sie sind plakativ, treffen aber keineswegs den Kern des Problems. Das weltweit einmalige Forschungsprojekt zur Aufklärung der Missbrauchsfälle, das seit vergangenem Donnerstag wieder in den Medien präsent ist, musste letztlich scheitern, weil beide Seiten, die Deutsche Bischofskonferenz und das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN), nicht wirklich wussten, was sie taten, als sie sich gegenseitig zu Vertragspartnern erklärten. Das Tragische daran war, dass beiden Seiten um die beiderseitige Abhängigkeit wussten, um in der Öffentlichkeit größtmögliche Aufmerksamkeit für das wichtige Vorhaben zu erzielen. Zu Recht stellt sich daher die Frage, ob es eine kluge Entscheidung war, den Fokus auf diese mediale Wirkung zu richten. Die Kirche meinte, einen Forscher vom Schlage Christian Pfeiffers zu benötigen, um den Skeptikern des Aufarbeitungsprozesses den rückhaltlosen Willen zur Aufarbeitung zu demonstrieren. Und der ehrgeizige und der medialen Öffentlichkeit stets zugewandte Pfeiffer benötigte die katholische Kirche, um den Zuschlag für das prestigeträchtige und weltweit einzigartige Forschungsprojekt zu erhalten. Zu viele und für die Durchführung sowie den Erfolg der Studie erforderliche Details indes – wie die in den Bistümern nicht einheitlich praktizierte Archivierung von Personalakten sowie datenschutz- und arbeitsrechtliche Aspekte – waren im Vorfeld viel zu wenig bedacht worden.

Der Druck auf beiden Seiten ist immens

Mit dem Scheitern der Studie wird der Druck auf die Deutsche Bischofskonferenz erheblich größer, nachdem Christian Pfeiffer  in seiner Kritik an der katholischen Kirche nunmehr nachlegt. Er sieht keinen Grund, dem Drängen nach Unterlassung des Zensurvorwurfs nachzugeben: “Da ich das belegen kann, sehe ich keinen Grund, es zu unterlassen”, sagte Pfeiffer in einem Interview der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung “Die Zeit”. Absehbar war diese Reaktion schon, denn wer der Gegenseite Vorwürfe unterbreitet, der muss natürlich irgendwann auch Stichhaltiges liefern, wenn nicht das eigene Ansehen leiden soll.

Und während sich die Deutsche Bischofskonferenz nun um neue Partner für das Projekt sowie um Schadensbegrenzung bemüht und weiterhin eine rückhaltlose Aufarbeitung propagiert, steht eines schon jetzt fest: Diese Studie muss ein Erfolg werden, will die Kirche nicht auch noch den letzten Funken Vertrauen in der Bevölkerung bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle verlieren. Ein ähnlich medienpräsentes Forscherteam wie das des KFN wird indes schwer zu finden sein. Aber auch die künftigen Forscher stehen unter Druck. Erscheint die neue Studie vielleicht irgendwann nur deshalb, weil sie „weichgespülte“ Ergebnisse präsentiert? Wohl kaum ein Forscher wird  sich diesem Generalverdacht aussetzen wollen.

Die Opfer dürfen nicht vergessen werden

Und die Opfer von sexualisierter Gewalt?  Sie müssen nun erleben, dass vor allem Andere, nicht aber sie selber als Betroffene,  um die Deutungshoheit ringen, warum die Studie in der ursprünglichen Form gescheitert ist. Zahlreiche Opfer hatten in der Vergangenheit viel Mut bewiesen und sich für eben diese Studie nach Jahren des Schweigens der Aufarbeitung ihrer Fälle gestellt. Doch die hoffnungsvollen Erwartungen wurden bitter enttäuscht.

Wer an Seele und Körper verletzt wird, ohne sich wehren zu können, dem bleiben ein Leben lang Narben. Insofern wird es für die Opfer von Missbrauch und Gewalt nie den Punkt geben, an dem sie einen definitiv versöhnenden Schlussstrich ziehen können. Auch die offizielle Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche wird an diesem Punkt scheitern, selbst wenn nun schnell eine Fortsetzung der Studie mit einem neuen Partner beschlossen wird.

Und dennoch muss den Opfern und der Öffentlichkeit in aller Klarheit vermittelt werden, dass es einem ernst ist mit dem Ziel, solche Taten – soweit es menschenmöglich ist – in Zukunft zu verhindern. Natürlich erfordert der Datenschutz einen sorgfältigen Umgang mit dem Informationsfluss zwischen Kirche und Wissenschaft. Aber gegenseitiges Misstrauen schadet dabei sowohl dem Ansinnen als auch der eigenen Glaubwürdigkeit. Und genau diese ist eines der wichtigsten Güter der Kirche. Wo Kirche an Glaubwürdigkeit verliert, verliert sie auch  an Bedeutung in der Gesellschaft – die Folgen sind fatal.

Und sollte die Kirche immer noch nach einem Rezept suchen, wie mit diesem schwierigen Thema den Opfern und der Öffentlichkeit gegenüber umzugehen ist, so könnte sie auf ihrem eigenem Fundament fündig werden: Sie muss sich, ebenso wie derzeit alle im Fokus der Medien stehenden Personen und Institutionen,  der Wahrheit verpflichtet fühlen, die bekanntlich frei macht (Joh 8,32). Denn wer wahrhaftig ist, öffnet sein Herz für bestehende Not – und allein diese Not der Opfer muss im Mittelpunkt der Aufarbeitung stehen, keineswegs aber eine „mediale weiße Weste“. Die Wahrhaftigkeit ist eine der Haupttugenden des Christentums, sie überwindet alle Hürden – und sie wird geschätzt und anerkannt.

Andrea Kronisch
kath.de – Redaktion

Warum tut sich die Politik so schwer mit der Religion? (28.12.2012)

In der Nachrichtenlandschaft des vergangenen Jahres spielten Religionsthemen eine beachtliche Rolle: Das Privileg der Kirchen, ein eigenes Arbeitsrecht zu pflegen, gerät immer wieder in den Fokus. Unlängst stellte das Bundesarbeitsgericht fest, dass auch kirchlichen Angestellten ein eingeschränktes Streikrecht zusteht. Der islamische Religionsunterricht an Schulen ist in Nordrheinwestfalen – wenn auch  ohne Lehrplan, Lehrbuch und ausgebildete Lehrer – bereits eingeführt, in anderen Bundesländern wird noch ausprobiert und bundesweit wird er mit Aufmerksamkeit bedacht. Auch das Dokument der deutschen Bischöfe, dass kein lohn- und einkommenssteuerpflichtiges Kirchenmitglied sich ungestraft der Kirchensteuerpflicht entziehen kann, wurde beachtet. Im Zentrum der öffentlichen Diskussion aber stand die Beschneidung, ausgelöst durch ein Urteil des Kölner Landesgerichts. Beschneidung, so das Gericht, sei Körperverletzung und widerspreche dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes, die höher zu bewerten sei als die Freiheit der Eltern, über Religionszugehörigkeit und Erziehung zu entscheiden.

Gerichte werden religionspolitisch aktiv

Es fällt geradezu auf, dass es vor allem Gerichtsurteile sind, die immer wieder öffentliche Diskussionen in Religionsangelegenheiten auslösen. Vor allem durch die Rechtsprechung kommen Spannungen zwischen dem Gesetz und dem allgemeinen Wertebewußtsein in das öffentliche Bewußtsein. Die Tatsache, dass Gerichtsurteile öffentliche Diskussionen in Religionsfragen auslösen, scheint ein Indiz dafür zu sein, dass die bestehenden Rechtsordnungen, insofern sie die Religion betreffen, mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen im Konflikt stehen.

Offensichtich wird versucht, vor allem durch Gerichtsentscheide Religionspolitik zu machen. Dies geschieht deshalb, weil es der Politik schwierig bis unmöglich erscheint, religionspolitischeEntscheidungen zu treffen. Man zieht es vor, die Gerichte auf der Basis der bestehenden Gesetze zu einer Klärung aktueller Konflikte zu bewegen. Die Gerichte spielen dann die Bälle wieder an die Politik zurück. So war es beim Bundesverfassungsgericht hinsichtlich des Sonntagsschutzes und der Kleiderordnung an Schulen.

Das religionspolitische Dilemma moderner Gesellschaften

Gerichte sollen Religionspolitik machen und die Politik tut sich schwer, religionspolitische Themen anzupacken. Die moderne Gesellschaft scheint hier in einem Dilemma zu stecken. Was ist der Grund? Religion erscheint in einem Miteinander unterschiedlicher Religionen und Kulturen als Konfliktherd. Deshalb hält man es für geraten, Religionsangelegenheiten so weit wie möglich aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Religion soll Privatsache sein. Da der Staat sich religiös neutral verhalten muß, so eine Leseart der staatlichen Neutralitätspflicht, hat der öffentliche Raum von religiösen Symbolen und Inhalten möglichst frei zu bleiben. Religion hat in Kirchen, Tempeln und Moscheen stattzufinden.

Diese Sichtweise ist aber unter mehrfacher Hinsicht falsch. Zum einen mutiert der Staat auf diese Weise zum Verordner von religionsfreien Zonen  und verstößt damit zumindest ansatzweise gegen das Grundrecht der Religionsfreiheit. Auch kann kein Staat seine eigene Geschichte und Kultur getrennt von der Mitgestaltung durch religiös orientierte Bürger und Politiker betrachten.  Zum anderen werden auf diese Weise notwendige öffentliche Diskussionen unterdrückt und verzögert, die ein wichtiger Lernschritt für ein friedliches Miteinander unterschiedlicher Religionen wären.

Der Mehrheitswille steht der Beschneidung läuft dem Mehrheitswillen entgegen
Deutlich wird diese Notwendigkeit beispielsweise an dem Beschneidungsgesetz, das der Bundestag am 12. Dezember mit großer Mehrheit verabschiedet hat. Laut einer Studie, die von einer Interessenvertretung sexueller Mißbrauchsopfer bei Infratest dimap in Auftrag gegeben wurde, sind 70% der Bevölkerung gegen das Gesetz, das die Beschneidung wie bisher in Deutschland ermöglicht. (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-mehrheit-der-deutschen-gegen-beschneidungsgesetz-a-874473.html) Daran wird deutlich, dass Religionspolitik in Deutschland vor allem eine Angelegenheit der politischen Eliten und der Gerichte ist. Es gelingt der Politik offensichtlich nicht, religionspolitische Grundsätze der Bevölkerungsmehrheit zu erklären. Die allgemeine Orientierungslosigkeit in Sachen Religionspolitik ist groß.

Religiöse Debatten gehören in die Öffentlihckeit

Eine solche Situation ist prekär. Mit ihr können sich weder die Kirchen, noch die Vertretungen der Juden und Muslime und anderer Religionen, noch der Staat zufrieden geben. Religionspolitik darf nicht nur eine Sache der Eliten sein. Damit aber Politiker religionspolitische Entscheidungen treffen können, braucht es mehr öffentliche Diskussionen bei religionspolitischen Themen. Die Manier, religiöse Themen so weit wie möglich aus der Öffentlichkeit zu verdrängen oder sie als unzeitgemäß zu deklarieren hilft nicht, religionspolitische Probleme zu lösen. Sie verschärft vielmehr die Konflikte, weil sie in die Hinterhöfe und dunklen Ecken verbannt werden. Damit ist niemand gedient: Weder dem Staat, noch den Kirchen und Religionsgemeinschaften – und am wenigsten dem öffentlichen Frieden.

Den Kirchen wird es langfristig nicht gelingen, ihre Privilegien wie eigenes Arbeitsrecht und Kirchensteuerfinanzierung durch Dekrete und Gerichtsurteile zu schützen. Hier ist die Teilnahme an öffentlichen Diskursen gefragt. Die politischen Entscheidungen von morgen aber werden in den öffentlichen Diskussionen heute vorgeprägt. Es muß den Christen klar sein, dass sie heute im Stande sein müssen, ihren nichtchristlichen Zeitgenossen zu erklären, warum es beispielsweise gut sein soll, den Sonntag arbeitsfrei zu halten oder warum und was sie durch die komfortable Kirchensteuer mehr für die Gesellschaft leisten können als ohne. Muslime brauchen Möglichkeiten, ihre Religion in einem freiheitlich-demokratischen Staat zu verorten. Dazu brauchen sie die Kritik und Bestätigung in öffentlichen Debatten.

Das Miteinander von unterschiedlichen Religionen erfordert zunehmend religionspolitische Meinungsbildungsprozesse und Entscheidungen: Beim Sonn- und Feiertagsschutz, bei Konflikten zwischen religiös besetzten Verhaltensmustern und Menschenrechten, bei der Präsenz der Religion in der Öffentlichkeit, bei der Rechtstellung der Religionsgemeinschaften. Diese Prozesse werden nicht dadurch gelöst werden können, dass man allen ein bißchen Recht gibt. Es wird zu entscheiden sein, ob der Sonntag der Christen oder der Samstag der Juden oder der Freitag der Muslime mehr staatlichen Schutz bekommt oder ob Feiertage der willkürlichen Gestaltung überlassen werden. Für solche Entscheidungen braucht es Grundsätze. Diese werden sich nur dann friedlich entwickeln können, wenn Religion, religiöse Themen und Gebräuche nicht aus der Öffentlichkeit verbannt, sondern viel stärker auf die öffentlichen Foren geholt und dort sachlich diskutiert werden. Nur so können Religionsgemeinschaften ausloten, wie und wodurch sie zu einem friedlichen Miteinander der Menschen beitragen können. Ein solches wird sich nicht entfalten können, wenn versucht wird, Religion aus der Öffentlichkeit zu entfernen – so mühsam und schwierig die damit verbundenen Entscheidungen auch sein mögen.

Theo Hipp

kath.de-Redaktion