Miteinander statt Gegeneinander

Am Weltfriedenstag, dem 1. Januar, sah der Papst auf eine Welt voller Gewalt und Terror. Vor dem Hintergrund des Attentats in Istanbul, aber auch den Kriegen in aller Welt, rief Franziskus zu Brüderlichkeit und Versöhnung auf. Dabei forderte er auch von den Politikern eine gewaltfreie Politik. Aber wie kann Frieden für uns gelingen?

“Tapferkeit gegenüber Freunden”

Der Kölner Erzbischof und Kardinal Rainer Maria Woelki liefert eine Antwort. Auf der Internetseite stern.de ermuntert er zur „Tapferkeit gegenüber Freunden“. Konflikte solle man nicht verschweigen oder in die Öffentlichkeit tragen, sondern mit den Menschen besprechen, die sie betreffen.

Dieses Verfahren empfiehlt schon der Evangelist Matthäus: „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde.” (Mt 18, 15ff.).

Für den Kölner Erzbischof ist also das Gespräch eine Form der Tapferkeit: „”Tapfer ist daran, dass wir nie wissen können, wie der andere reagiert; ob er sich dem Gespräch verweigert, ob er uns im Gespräch angreift, ob er sich schämt und wir das nur schwer aushalten können.”

Widerstand gegen Rechtspopulismus

In dem neuen Sammelband des Herder Verlages „“AfD, Pegida und Co. – Angriff auf die Religion?“ nimmt Woelki ebenfalls Stellung. Das Christliche solle nicht als nationales Identitätsstiftungsmerkmal missbraucht werden. „Christen unterscheiden nicht nach Herkunft, Kultur oder Religion, sondern erkennen in jedem Menschen das Abbild Gottes.”, so Woelki. Für ihn sei ein entschiedener Widerstand der Kirchen, und auch der Gläubigen gegen den Rechtspopulismus notwendig. Ausgrenzung ist das Gegenteil des Christentums.

Papst Franziskus zeigt noch einen weiteren Weg auf, die Welt brauche mehr Bescheidenheit und Wärme. Für das Kirchenoberhaupt seien diese Eigenschaften Zeichen der Stärke und nicht der Schwäche.

Ausgrenzung verhindern

In seiner Silvesteransprache fordert er auch dazu auf, junge Menschen zu unterstützen. Jugendliche und junge Erwachsene sollen ihren Platz in der Gesellschaft finden. Für Franziskus ist es ein Paradox, dass eine Gesellschaft, die die Jugend idolisiert, keinen Platz für die Jungen schafft. Integration kann Konfliktpotentiale abbauen und Verständigung schaffen. Die Gesellschaft kann von den Jugendlichen profitieren und von ihnen lernen, offen gegenüber Neuem zu sein. Wenn Alle in die Gesellschaft eingebunden werden, kann es zu einem Miteinander, statt einem Gegeneinander kommen.

Dabei ging der Papst im vergangenen Jahr mit gutem Beispiel voran. Das Jahr der Barmherzigkeit galt vor allem denen, die am Rand der Gesellschaft stehen, etwa indem er zum Abschlussgottesdienst Obdachlose aus ganz Europa empfing.

Frieden kann nicht nur im Großen beginnen, sondern auch im Kleinen, bei uns. Indem wir aufeinander zugehen, Gespräche anbieten und Lösungen finden.  Indem wir Familienbande pflegen und Menschen in unserer Mitte aufnehmen. Aber auch in dem wir Positionen beziehen und gegen Unrecht vorgehen.

Julia Westendorff

Stille Post

Ende September hatten mehrere Kardinäle in einem Brief an Papst Franziskus um Klärung bezüglich des Schreibens „Amoris Laetitia“ gebeten. Die Antwort blieb zunächst aus. Nun hat sich der italienische Jesuit Antonio Spadaro in die Debatte eingeschaltet und verkündet, der Papst habe schon geantwortet.

Kardinäle an die Öffentlichkeit

Der emeritierte Kölner Kardinal Joachim Meisner, der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller, Carlo Kardinal Caffarra, früherer Erzbischof von Bologna, und US-Kardinal Raymond Leo Burke, geistlicher Leiters des Malteserordens, hatten einen Brief an Papst Franziskus geschrieben. In diesem forderten sie mehr Klarheit über den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen.

Papst Franziskus hatte im päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“ zu Ehe und Familie mehr Barmherzigkeit in der Anwendung der kirchlichen Morallehre angekündigt. Die Kardinäle erklärten daraufhin es gebe „eine ernste Verunsicherung vieler Gläubiger und eine große Verwirrung“. Auf ihren Brief erhielten sie jedoch keine Antwort und gingen daher an die Öffentlichkeit.

„Ohrfeige für den Papst“

Vier Tage nach der Veröffentlichung erklärte Papst Franziskus in einem Interview mit der italienischen Zeitung „Avvenire“, jene, die Bedenken äußern, „verstehen es weiter nicht.“.

Der Chef des vatikanischen Berufungsgerichts, Pio Vito Pinto, wertete das Schreiben als „Ohrfeige für den Papst“. Zum Umgang mit den vier Kardinälen riet Pinto: „Ein bisschen mehr beten, ruhigbleiben, basta. Offiziell hat diese Aktion keinen Wert.“

Unverständnis für Meisner

Laut Pintos ist es Aufgabe der Kardinäle, dem Papst in seiner Amtsausübung zu helfen, nicht ihn zu behindern oder ihm Vorschriften zu machen.

Er hob dabei gerade auf Kardinal Meisner ab, der dem emeritierten Papst Benedikt XVI. sehr nahe steht. Das mache seine Rolle noch unverständlicher, so Pinto. Denn Meisner müsse wissen, dass Benedikt und Franziskus in ihrer Sicht auf gescheiterte Ehen übereinstimmen.

Angst über ihren Rang müssen die Kardinäle aber nach Pinto nicht haben. Zwar habe der Papst prinzipiell die Möglichkeit, einem Kardinal seinen Rang zu nehmen, werde dies aber aller Voraussicht nach nicht tun. „Franziskus ist ein Leuchtturm an Barmherzigkeit und hat unendliche Geduld. Es geht ihm um Zustimmung, nicht um Zwang“, sagte Pinto.

Kritik von allen Seiten

Auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, kritisiert den Brief an den Papst. „Damit unterlaufen sie gerade den Perspektivenwechsel des Heiligen Vaters.“ Er sieht darin eine Verletzung der Kollegialität und kritisiert diese Art der unaufrichtigen Kirchenpolitik.

Für Sternberg besteht die Gefahr darin, Wunden aufzureissen, und somit der Kirche und ihrer Glaubwürdigkeit zu schaden. Er rät den Bischöfen daher, „Mut zum Streit in der Sache als Weg zum Frieden“ zu betrachten und als Bischöfe einen Kurs anzusagen, wie sie persönlich mit „Amoris Laetita“ umgehen wollen.

Alle Antworten sind da

Der italienische Jesuit Antonio Spadaro, der Papst Franziskus nahesteht, hat sich zu der Debate geäußert. Der Papst liebe den Dialog, „wenn dieser loyal und ehrlich und zum Besten der Kirche“ geführt werde, sagte Spadaro, der auch Direktor der Jesuitenzeitschrift „Civiltà Cattolica“ ist. „Die Fragen der vier Kardinäle sind schon während der Synode gestellt worden, wo es einen umfassenden, tiefgehenden und vor allem offenen Dialog gegeben hat“, so Spadaro. „Alle Punkte des Schlussberichts der Synode sind von einer qualifizierten Mehrheit gebilligt worden, das zeigt das hohe Niveau der erzielten Übereinstimmung.“

Das Papstschreiben „Amoris Laetitia“, das die Ergebnisse der zwei Bischofssynoden aus den Jahren 2014 und 2015 bündelt, sei „die reife Frucht der Synode“, und auf der Synode seien „schon längst alle nötigen Antworten gegeben worden“.

Entscheidung im Einzelfall

Der Brief der vier Kardinäle stellt unter anderem die Frage, wie denn jetzt genau die Regelung für wiederverheiratete Geschiedene aussehe. Dürfen sie im Einzelfall zur Kommunion gehen oder nicht? Auch hier hat „Amoris Laetitia“ nach Spadaros Ansicht „die Antwort schon gegeben, und auf klare Weise“. Es gehe um einen „Weg der Unterscheidung unter Leitung eines Hirten, bei dem im Einzelfall anerkannt werden kann, dass es Grenzen gibt, wegen denen die Verantwortung und die Schuld weniger schwerwiegend sind“. In solchen Fällen „öffnet das Papstschreiben die Möglichkeit, zur Beichte und Eucharistie zu gehen“, so Spadaro.

Dialog ist wichtig

Spadaro betont, dass alle Kardinäle „das Recht hätten, den Papst zu fragen, was sie wollen“. „Ein gut begründeter und diskreter Dialog, der ohne Medienbegleitung und ohne Polemik auskommt, ist immer nützlich.“ Was den Brief der vier Kardinäle betreffe, hätten diese doch selbst geschrieben, dass „eine ruhige und respektvolle Diskussion“ nottue. So sehe er das auch.

Für den Jesuiten ist klar, dass „die große Mehrheit der Kardinäle und Bischöfe“ auf der Seite des Papstes steht. „Nur einige wenige leisten gegen Amoris Laetitia Widerstand.“

Insgesamt bedeutet das für die Kardinäle, Bischöfe und andere Kirchenvertreter, dass sie selbst Flagge zeigen müssen. Jeder muss entscheiden, wie er sich im Einzelfall verhält und diese Verantwortung nicht auf den Papst abschieben. Diese Eigenverantwortung zeigt ebenfalls eine weitere Neuerung im Pontifikat von Papst Franziskus: die Kirche öffnet sich für die Partizipation aller. Die Einzefallentscheidung, wie sie in „Amoris Laetitia“ verlangt wird, ist ein erster Schritt dorthin.

Julia Westendorff

Das Kreuz mit dem Kreuz

Ende Oktober pilgerten Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche durch das Heilige Land. Ziel der Reise war es, an den Ursprüngen des christlichen Glaubens die Ökumene zu leben. In den Medien wurde indes ein anderes Thema zum Aufreger: Hochrangige Vertreter hatten ihre Umhänge-Kreuze am Tempelberg abgenommen und wurden dafür kritisiert, am meisten der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Bedford-Strohm und der katholische Erzbischof und Kardinal Marx.

Päpstlicher als der Papst

Als erster formulierte der jüdischen Historiker Michael Wolffsohn die Kritik. Die beiden führenden Vertreter der Kirchen Deutschlands hätten auf „das christliche Symbol schlechthin“ verzichtet. Im Fall von Bedford-Strohm sieht Wolffsohn es als Unterwerfung, Marx wirft er vor, „päpstlicher als der Papst zu handeln“. Dabei verweist Wolffsohn auf Papst Benedikt XVI. der die Blaue Moschee in Istanbul mit Kreuz besucht hatte. Der Historiker schlussfolgert daher aus der Geste der beiden Kirchenvertreter, der Respekt in der Islamischen Welt gegenüber dem Christentum habe abgenommen. Aus dem Verhalten des Kardinals und Bischofs zeige sich, so Wolffsohn, ihr Verständnis von Toleranz als Unterwerfung oder Selbstaufgabe.

Religiöse Symbole am Tempelberg verboten

Michael Doll, der Geschäftsführer des Heilig-Land-Vereins, kann die Kritik nicht verstehen. Für ihn ist das Ablegen des Kreuzes verständlich, da Besucher des Tempelberges an den Zugängen auf Waffen aber auch auf religiöse Schriften und Symbole kontrolliert werden. In der Vergangenheit wurden dort oft jüdische und christliche Symbole missbraucht, um das Besitzrecht am Tempelberg zu propagieren. Außerdem habe man die Befürchtung, manche wollen in dem autonomen islamischen Gebiet einen dritten Tempel errichten.

Wem gehörts?

Die Eigentumsverhältnisse auf dem Tempelberg sind schwierig, so Doll. Zunächst handelte es sich bei dem Tempelberg um den Platz, auf dem der jüdische Tempel des Salomon stand. Dieser wurde zerstört, danach entstand der zweite jüdische Tempel durch die Rückkehrer aus dem Exil, welcher 70 nach Christus zerstört wurde. Für 700 Jahre lag das Areal brach, danach wurde der Felsendom errichtet, der als der älteste monumentale Sakralbau des Islams gilt. Seitdem ist der Platz im Besitz der Muslime, was auch durch den Status Quo von Jerusalem garantiert wird. Dennoch gilt der Tempelberg für alle drei Religionen als heilige Stätte.

Warum für das Christentum?

Die religiöse Bedeutung für den Islam und das Judentum sind naheliegend. Woraus ergibt sich aber die Bedeutung für die Christen. Zum einen gedenken Juden, Muslime und Christen Abraham als ihrem Stammvater, hier symbolisiert der Tempelberg den Ort, an dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte. Zum anderen wurde der jüdische Tempel auch von Jesus besucht.

Ausnahme für den Besuch

Bei den Besuchen der Päpste Benedikt XVI. und auch Franziskus gab es eine Sonderregelung und sie durften ihre Kreuze anbehalten. Auch für den Besuch der deutschen Delegation hätte man von einer solchen Regelung Gebrauch machen können. Da weder Marx noch Bedford-Strohm als religiöse Fanatiker gelten, wären sie wahrscheinlich auch mit ihren Kreuzen nicht am Besuch der Moscheen gehindert worden. Für Doll haben sie das Kreuz aus Respekt abgelegt und nicht aus Scheu vor dem Bekenntnis, durch ihre Kleidung waren die Beiden weiterhin als Bischof und Kardinal erkennbar.

Grund für die Kritik

Als Grund für die heftige Reaktion kann auch die momentane Medienpräsenz des Tempelbergs gelten. Das umstrittene Votum der UNESCO, in dem die Verbindung Israels zu den heiligen Stätten des Tempelbergs negiert wurde, hatte für heftige Kritik und viele Schlagzeilen gesorgt.

Die Position der Vertreter der Kirchen war jedoch in dieser Frage einstimmig: Unbestritten ist für sie die Stellung des Tempelberges als jüdisches Heiligtum.

Für Christen wäre es auch befremdlich, wenn ein Vertreter des Islams eine christliche Kirche mit der saudi-arabischen Flagge, die das muslimische Glaubensbekenntnis trägt, oder ein Israeli mit einer israelischen Flagge mit Davidstern betreten würde, sagt Doll und empfiehlt den Kritikern, die Situation einmal so zu spiegeln.

Besuch in zivil

Für Monsignore Joachim Schroedel, der als katholischer Geistlicher und Auslandsseelsorger in Kairo tätig ist, stellt sich die Frage, wieso die Bischöfe überhaupt im Ornat auftraten. Für ihn wäre das angemessene Verhalten für eine Stätte, die nur indirekt mit dem Christentum zu tun habe, in zivil zu kommen. Da die Vertreter aber die geistliche Kleidung gewählt hätten, würde zwangsweise das Kreuz dazugehören. Schroedel geht davon aus, der Kardinal wäre im Vorfeld schlecht beraten oder durch den Führer „überrumpelt“ worden.

Zeichen für Dialog?

Schroedel sieht aber auch ein Problem, für die Christen in den arabischen Ländern: Diese sahen den Verzicht auf das Kreuz als Zeichen der Unterlegenheit. Ihnen fehlt die Solidariät, da doch viele von ihnen das Kreuzzeichen sogar tätowiert am Körper tragen. Warum überhaupt eine Moschee von den christlichen Geistlichen besucht wurde, ist für viele von ihnen nicht verständlich.

Schroedel erinnert auch an den Besuch des Erzbischof Schick, dieser hatte in vollem Ornat mit Kreuz eine der wichtigsten Moscheen in Kairo besucht und damit ein Zeichen gesetzt. Schroedel fordert daher vor allem von Bischöfen, wenn sie schon im Ornat auftreten, ein klares Bekenntnis zum Gekreuzigten. Dabei soll Respekt von beiden Seiten geboten sein, wenn man als hoher Geistlicher gebeten wird, „DAS ZEICHEN meiner christlichen Identität, das KREUZ, abzulegen; dann bedanke ich mich herzlich, und gehe den Tempelberg zu Jerusalem wieder hinab. Das wäre DAS Zeichen gewesen, dessen der Dialog mit dem Islam bedarf.“

Insgesamt lässt sich also für den Besuch des Tempelberges durch die christlichen Kirchenvertreter sagen, als hoher Geistlicher muss man sich im Vorhinein seiner Außenwirkung bewusst sein. Wenn man öffentlich wirksam werden möchte, also auch ein positives Zeichen für die Christen in Bedrängnis geben will, sollte man nicht auf ein wichtiges Teil des Ornats verzichten. Falls es aber darum geht, den Tempelberg aus historischem oder touristischen Interesse zu besuchen, man Respekt zeigen will, dann sollte man als „einfacher“ Mensch in zivil auftauchen, zum Beispiel im Anzug.

Julia Westendorff