Wieso wir mehr Luther wagen sollten

Vor 500 Jahren brach in Wittenberg eine Bewegung los, die weite Teile der germanisch-sprachigen Länder erfasste und die religiöse Prägung der Christenheit entschieden beeinflusste. Der Mann, mit dem alles begann, war ein einfühlsamer Gewaltmensch, ein Prophet, der von seiner Botschaft besessen war, ein Propagandist mit einem Gespür für die richtigen Themen. So ein Mann fehlt dem Christentum in Deutschland heute.

Luther und die Gnade

Der Gnade wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, das war das Kernanliegen Luthers. In der spätmittelalterlichen Welt herrschte eine Leistungsfrömmigkeit, in der sich der Gläubige sein Heil vor Gott verdienen konnte. Das Modell funktionierte und der Kirche gelang es damit nicht nur, ihre Geistlichen, sondern auch, viele soziale Einrichtungen zu unterhalten. Das Geschäft mit dem schlechten Gewissen ging gut. Bis Luthers in der Beschäftigung mit der Bibel und seinen eigenen Ängsten die Gnade als wesentlichsten Faktor des Heils wieder fand.

Auch in diesen Tagen wäre es wichtig, mehr von Gnade zu sprechen. Auch die Menschen im 21. Jahrhundert leben in einer Leistungsgesellschaft, in der sie sich ihr Heil, ihren Erfolg, selbst erarbeiten zu müssen glauben. Das unser Leben zu erheblichen Teilen vom Zufall oder dem Schicksal bestimmt ist, hat man gerade in den Eliten vergessen. Es fehlt an Luthers radikalem Verweis auf die Gnade, auf die Abhängigkeit des Menschen von einer Macht, der er sich nicht entziehen kann und die ihm Hoffnung gibt. Zwar werden von Staat und Kirchen viele sinnvolle Projekte durchgeführt. Das der Mensch sein Geschick aber wesentlich nicht selbst bestimmt und das auch eine positive Botschaft sein kann, nimmt man wenig war.

Luther und seine Themen

Die Gnade und die daraus abgeleitete Abhängigkeit von Gott führte bei Luther zugleich zur Freiheit des Christenmenschen. Damit traf Luther auf den Nerv der Zeit. Denn die Gläubigen waren mit dem Angebot der Kirche nicht zufrieden. Der Klerus erschien ihnen verweltlicht und in Teilen dumm. Das Gnadenangebot war nicht hinreichend, ihre Ängste zu befriedigen. Die Bischöfe regierten den Bürgern und Fürsten zu viel in ihre Länder hinein. Luthers Botschaft bot einen Ausweg und ermöglichte schnelle, praktische Umsetzungen. Die Priester, die nur von Messstiftungen lebten, wurden aus den Kirchen vertrieben, die Klöster aufgelöst und ihre Besitzungen in städtische Einrichtungen überführt, fürstliche und städtische Obrigkeit übernahmen Aufgaben der Orden und Bischöfe.

Themen, die unter den Nägeln brennen und die einen Anwalt brauchen, gibt es auch heute. Egal ob es die Vertrauenskrise der Politik ist, die Flüchtlingsfrage, der Umgang mit anderen Staaten. Die Menschen erhoffen sich neue Antworten. Die Aussagen von Staat und Kirchen bewegen sich aber in den Bahnen der vergangenen Jahrzehnte. Im Kern richtig und gut, verfangen sie nicht mehr. Man wagt es nicht, neue Ideen zu formulieren, auf das Risiko hin, dass sich die Gesellschaft verändert. Obwohl gerade die Kirche mit ihren 2000 Jahren Erfahrung einen Schatz an Antworten hütet, der geborgen werden will.

Luther, der Kontroverstheologe

Luthers prophetisches Bewusstsein und seine Themen waren ein Teil seines Erfolges. Der andere Grund: Luther war ein Lautsprecher. Ein Wortgewaltiger, der die neuesten Medien zu nutzen wusste und teilweise so schnell Texte produzierte, dass die Drucker nicht mehr hinterherkamen. Es waren zuspitzende, häufig verletzende Texte. Der Wittenberger wagte es, Fronten klar zu nennen und herauszuarbeiten. Obwohl etwa ein Melanchthon ihn immer wieder dazu aufrief, seine Texte konzilianter zu gestalten. Doch Luther wollte aufrütteln.

Der Konsument im 21. Jahrhundert lebt wie die Menschen des 16. Jahrhunderts in Informationsblasen. Früher war es das Unterangebot an Nachrichten, heute sind es zu viele. Deswegen sucht der Bürger sich seine Nachrichten aus oder er bekommt, was häufiger der Fall ist, seine Informationen ausgesucht. Die Folge sind Blasen, die Individuen und ganze Gruppen überspannen. Darunter gibt es nicht nur ein klares Freund-Feind-Schema nach außen, sondern auch ein Kongruenz-Zwang nach innen: Solange du dich in diesem Raum aufhälst, findest du irgendwie gut, was alle irgendwie gut finden. Luther war die Anti-Blase, die den Leser im 21. Jahrhundert häufig erschreckt, aber Klarheiten schuf und etwas voran brachte.

Luther, der Heros

Luther war kein Held, kein moralisches Vorbild für diese Tage. Dafür ist er zu ambivalent, zu sehr Kind seiner Zeit, zu brutal in seinen Ansichten und zu selbstgewiss gewesen. Er war aber ein Heros, ein Mann, der mit seinen Gaben herausragte, der viel wagte und viel bewegte. Er war damit eine Persönlichkeit, die den Menschen 2017 etwas zu sagen hat und der fehlt. Den politischen und kirchlichen Eliten kann man den Wunsch 2017 ins Stammbuch schreiben: Mehr Luther wagen!

Maximilian Röll

Wieso Christen zu Diktatoren halten

In den Bürgerkriegen der arabischen Welt gibt es kein gut und böse. In Ägypten stritten Muslimbrüder und Militär miteinander, bevor die islamische Partei von den Bajonetten niedergestreckt wurde. In Syrien kämpft ein säkularer Diktator gegen eine wahhabitische Terrormiliz. In der Berichterstattung dieses Ringes geht häufig der Blick für die Minderheiten in den Ländern verloren. Die beiden größten sind die Christen und die Liberalen. Beide stehen meist auf Seiten der Militärregime. Wieso beziehen diese Gruppen, die scheinbar dem liberalen Westen am nächsten stehen, meistens Position für Diktatoren?

Der Fall Ägypten: Die Schwäche der Liberalen ist die Stärke des Militärs

Die jungen, liberalen Ägypter fühlten sich nach dem Umsturz in Tunesien ermutigt, gegen den Machthaber Husni Mubarak auf die Straße zu gehen. Zunächst sah es so aus, als hätten die Demonstranten Erfolg. Für eine kurze Zeit waren Liberale, Kopten und Muslimbrüder in dem Ziel vereint, den Diktator aus dem Amt zu vertreiben. Das Militär hielt sich erst aus dem Konflikt herauss und stürzte dann Mubarak mit dem Verweis auf die Lage im Land. Die anschließend regierende Junta ließ nach einer Übergangszeit freie Wahlen zu.

Das Ergebnis ernüchterte Militärs und Liberale: Nicht sie erhielten die meisten Stimmen. Es waren die Muslimbrüder, die das Parlament dominierten, getragen von der Organisation der Partei und den religiös orientierten Massen im Niltal.
Das Ende für Mohammed Mursi kam durch das Militär. Nachdem die Liberalen wieder auf die Straßen gingen und die wirtschaftliche Lage im Land immer schlechter wurde, stürzte Verteidigungsminister as-Sisi den Präsidenten und vertrieb die Islamisten von der Macht.

Nach zwei Protestphasen haben die Liberalen einen neuen Diktator, aber keine Freiheit gewonnen. Das zeigt die Zwickmühle der Liberalen: Sie wollen die Demokratie, aber der Demos wählt, aus ihrer Sicht, die Falschen: die Islamisten. Die Liberalen stehen vor der Wahl: Militärdiktatur oder islamistische Demokratie. Verschreckt beugen sich die Demokraten unter die Säbel der Generäle, von denen sie religiöse Freiheit und stärkere wirtschaftliche Teilhabe erwarten.

Die gleiche Logik gilt für die Christen. Sie haben den neuen Diktatur as-Sisis begrüßt, weil sie die Islamisten mehr fürchteten als die Generäle. Nach ihrer Erfahrung garantieren die säkularen Regime etwas religiöse Freiheit und staatlichen Schutz vor Übergriffen. Manche Christen sprechen sogar schon von der „guten Zeit“ unter Mubarak, in der sie vom Sicherheitsapparat zwar als Bürger verfolgt wurden, Anschläge auf Kirchen aber geahndet wurden.

Der Fall Syrien: Minderheiten schützen Minderheiten

In Syrien stellt sich die Lage ähnlich da. Auch hier ergreifen viele Bischöfe Partei für Assad. Das Bündnis der Christen mit Assad ist dabei etwas Besonderes, denn hier stehen Minderheiten einer Mehrheit gegenüber. Der Assad-Clan gehört traditionell zu den Alawiten. Die religiöse Minderheit, die von den meisten Religionswissenschaftlern den Schiiten zugerechnet wird, gehört zu den bedeutendsten Profiteuren des Assad-Regimes. Die Alawiten haben die meisten Posten des Sicherheits- und Staatsapparates besetzt.

Zwei weitere Gruppen hat der Diktator an sich gebunden: Die einen sind die Christen, denen er Schutz vor religiöser Verfolgung zugesichert hat, sodass Syrien bis 2010 als Insel der Religionsfreiheit im Nahen Osten erschien. Die andere Gruppe sind die liberalen Wirtschaftseliten. Dabei lautete der Deal: Solange sie das Regime nicht infrage stellten, durften sie ihre Geschäfte weitgehend frei auszuüben. Es zeigt sich erneut: Die Minderheiten der Liberalen und Christen brauchen eine Schutzmacht und wählen, aus Mangel an Alternativen, das Militärregime. Auch die Assads gründen ihre Macht auf das Militär, dem der Gründer der Dynastie, Hafiz al-Assad, angehörte.

Der Fall Kurdistan: Neue Hoffnung?

Anders stellt sich die Lage im Irak dar. Aufgerieben zwischen sunnitisch-wahhabitischen Islamisten und der schiitischen Regierung suchen die Christen eine neue Schutzmacht. In den Kurden glauben Sie, eine gefunden zu haben. Zwar sind die Kurden überwiegend sunnitische Muslime. Doch verstehen Sie sich nicht primär als Mitglieder einer Konfession, sondern eines Volkes. Islamistische Parteien gibt es zwar im Parlament des Autonomiegebietes, sie stellen aber eine Minderheit dar.

Die irakischen Christen erhoffen sich dort Schutz vor weiteren Übergriffen. Die meisten Christen flohen, wenn sie Binnenflüchtlinge sind, in die Kurdengebiete, als der IS vorrückte. Und die christlichen Milizen, die derzeit auf Mossul vorrücken, kooperieren eher mit dem Peschmerga als mit der irakischen Armee, von der sie sich beim Angriff des IS verlassen fühlten.

Der Westen fällt aus

Der christlich-liberale Westen fällt als Schirmherr der orientalischen Christen aus. Vorbei sind die Zeiten, als die europäischen Botschafter am Bosporus die osmanische Regierung maßregelten, wenn in den Provinzen des Reiches Christen bedrängt wurden. Der Westen tendiert zu einer neuen Klientelpolitik, um seinen Einfluss auszuweiten. Dienten im früher die Christen als Vorwand einzugreifen, sind es nunmehr internationale Sicherheitsstandarts und selektiv wahrgenommene Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Iran wurde mit Sanktionen überzogen, während das wahhabitische Königreich Saudi-Arabien hofiert wurde. Auf ihre Glaubensbrüder und auf die liberalen Demokratien können sich Christen und Liberale nicht verlassen. Es bleibt ihnen in den meisten Fällen nur das Bündnis mit den Diktatoren.

Maximilian Röll

Drei Problemfelder des Bistums Limburg und wieso Georg Bätzing der richtige für den Job ist.

Der neue Bischof von Limburg hat ein schweres Erbe übernommen. Nicht nur weil sein Vor-Vorgänger Tebartz-van Elst viele Fehler gemacht hat, etwa beim Bau des Bischofshauses und beim Umgang mit den Mitarbeitern. Sondern auch, weil ihn schwierige Problemfelder erwarten, die schon Bischof Franz-Peter vorgefunden hat und nicht lösen konnte. Drei sollen kurz skizziert werden.

Das Kirchenbild

Traditionell gibt es zwei verschiedene Modelle, wie Kirche gedacht werden kann: inkarnatorisch und pneumatisch. Das inkarnatorische Kirchenbild versteht die Ekklesia von der Gründungsfigur Jesus Christus her. Die Kirche ist demnach in der Welt und für die Welt real gestiftet worden. Von der Person Jesus aus entfaltet sich die hierarchische Kirche durch die Geschichte. An der Spitze steht Christus, ihm folgt der Papst als Stellvertreter Gottes und Nachfolger Petri. Mit dem römischen Pontifex nehmen die Bischöfe die Leitungsgewalt in der Kirche war. Der Wille Gottes drückt sich damit durch die Leitung in der Hierarchie aus.

Wer für diese Vorstellung von Kirche ein passendes Bild in Limburg sucht, kann an die Messen von Franz-Peter Tebartz-van Elst denken. Am Höhepunkt der Messfeier steht der ganz in der Betrachtung des allerheiligsten Sakramentes versunkene Bischof am Altar. In seiner Wahrnehmung tritt die Welt um ihn herum zurück, weil sie ganz im konsekrierten Brot und Wein aufzugehen scheint. Der Auslegung des Wortes Gottes vom Ambo hat er die Rolle einer Hinführung auf den Höhepunkt hin zugewiesen.

Das pneumatische Kirchenverständnis hingegen denkt Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, die vom einen Geist mit ihren verschiedenen Gaben geführt werden. Leitung ist damit nicht mehr besondere Angelegenheit der Bischöfe, sondern alle Gläubiger. Dem Priester kommt in diesem Konstrukt keine herausragende Stellung zu. Er unterscheidet sich nur durch bestimmte sakrale Vorrechte von den Gläubigen, nicht aber darin, dass er Leitung in anderer Weise wahrnehmen kann als etwa ein damit vom Bischof beauftragter Gemeindereferent.

Auch hierfür gibt es ein Bild. Im Zentrum der Liturgie unter Kamphaus stand nicht primär die Wandlung, sondern die Predigt. Dem emeritierten Bischof von Limburg war die Mahlfeier keineswegs egal. Sie trat aber in seiner Aufmerksamkeit hinter der Verkündigung und vor allem der Auslegung des Wortes zurück. Das drückte sich schon in den Formulierungen der Limburger aus, wenn sie ihren Bischof im Dom besuchten. Man ging nicht, um Kamphaus zu sehen oder mit ihm die Messe zu feiern, sondern man besuchte die Kirche, um Bischof Franz zu hören, meist frei vor dem Altar stehend, mit ausgebreiteten Händen predigend.

Durch die lange und intensive Prägung durch Kamphaus, aber auch schon durch die Ansätze seines Vorgängers, Bischof Kempf, kam es zu einer starken Betonung des pneumatischen Kirchenbildes. Damit stellt das Bistum einen Sonderfall in der Kirche dar, da üblicherweise ein eher inkarnatorisches, also hierarchisches Kirchenbild gepflegt wird, das lediglich durch die pneumatische Dimension ergänzt wird.

Der Klerus

Keine Berufsgruppe im Bistum Limburg hat während der Causa Tebartz-van Elst so versagt wie der Klerus. Unabhängig von der Frage, wie man die Handlungen des Bischofs bewertet, gibt es nur wenige Leute, die der Meinung sind, man sei am Ende richtig mit ihm umgegangen. Das gilt gerade für seinen Klerus, der in doppelter Weise in die Pflicht zu nehmen ist: zu einen wird von ihm erwartet, sich besonders eng an jenen Idealen zu orientieren, die er von der Kanzel verkündet. Zum anderen sind gerade die Priester zur Loyalität verpflichtet, versprechen sie doch bei der Weihe Gehorsam gegenüber dem Bischof und seinen Nachfolgern.

An dieser Loyalität haben es die Priester allerdings vermissen lassen. So hat der Vertreter des Bischofs in Frankfurt, Stadtdekan Johannes zu Eltz, nicht in nur in den Medien seinen Dienstherrn scharf attackiert, sondern auch zu einer Petition aufgefordert, die dem Bischof Unvermögen vorwirft.

Auch das Limburger Domkapitel war nicht in der Lage, seinem Bischof zu irgendeinem Zeitpunkt beizustehen. Davon, dass viele sowohl hinter verschlossenen Türen als auch presseöffentlich auf dem Bischof eingetreten haben, als dieser schon am Boden lag, gar nicht zu reden. Selbst beim Neujahrsempfang 2016 war der emeritierte Weihbischof Pieschl noch der Meinung, der Altbischof sei arm dran, weil er nicht einsehe, dass er allein an seinem und des Bistums Unglück schuld sei. Ob er selbst seine Obliegenheiten gegenüber dem Nachfolger von Kamphaus erfüllt hat, diese Frage stellen weder Pieschl noch andere aktive oder emeritierter Domkapitulare.

Auch der Priesterrat des Bistums, nach Kirchenrecht der Senat des Bischofs, erging sich mehr in Protesthaltung denn in konstruktiven Mitarbeit. So verweigerte sich der provisorische Priesterrat noch im Dezember 2015 dem mehrfach vorgetragenem Wunsch des Administrators Manfred Grothe nach Versöhnung angesichts der vergangenen Ereignissen. Aber auch in der Linie des Klerus ist Fairness gegenüber dem Altbischof nur bedingt festzustellen. Zu erwähnen wäre etwa der derzeitige Pfarrer von Flörsheim, Sascha Jung, der als Kaplan bei seiner letzten Messe im Limburger Dom über den Bischof herzog. Anschließend wunderte er sich in einem Zeit-Portrait, dass seine Predigt offenbar mitgeschnitten wurde und erklärt, in der Umgebung des Bischofs habe Angst und Schrecken geherrscht. Doch sein Protest hatte für ihn keine Konsequenzen, konnte er doch wie geplant seine Pfarrstelle antreten und auch von dieser die eine oder andere Spitze an seinen ehemaligen Dienstherrn abfeuern.

Das Bischöfliche Ordinariat

Eine weitere Herausforderung ist das Bischöfliche Ordinariat. Zusammen mit den pastoralen hauptamtlichen Mitarbeitern herrscht dort die Überzeugung vor, vom Altbischof grundsätzlich falsch behandelt und häufig sogar verletzt worden zu sein. Unzweifelhaft ist es den Bischof nicht gelungen, seine Verwaltung in den Griff zu bekommen oder die cholerischen Anfälle seines Generalvikars Franz Kaspar zu zügeln. Für eine hohe Arbeitseinsatz und Service-Mentalität ist das Bischöfliche Ordinariat in seinen vielen Abteilungen unter keinem der lebenden Bischöfe von Limburg bekannt gewesen.

In den vergangenen Jahren sind zudem mehrfach schwerwiegende Fehler in der bischöflichen Verwaltung aufgetreten, die öffentlich wurden. Zu nennen wäre etwas der Fall Jung-Diefenbach, bei dem es zur Veruntreuung von kirchlichen Geldern in Millionenhöhe kam. Jung-Diefenbach erklärte vor Gericht, die Unterschlagungen seien ihm leicht gemacht worden, was ein scharfes Licht auf die Kontrollmechanismen wirft, die schon unter Bischof Kamphaus im Bistum vorherrschten. Auch die Krisenkommunikation und der Umgang mit diesem Verbrechen zeugt von erheblicher Dilettanz, bis dahin, dass Fristen für das Einklagen der Gelder verpasst wurden. Auch hat die bischöflichen Verwaltung den Bau des neuen Bischofshauses, nachdem dessen Pläne vom Domkapitel entgegen den Bestimmung für die Sedisvakanz beschlossen wurden, nicht weiter aktiv betrieben. Erst als Bischof Tebartz-van Elst die Entwicklung des Projektes an sich gezogen hat, ließen sich Fortschritte feststellen.

Auch der Fall Patrick Dehm zeigt, wie Kontrollmechanismen versagten und welche Einstellung unter manchen Mitarbeitern vorherrschte. Nicht nur, dass die Aussage, die Zeit arbeite für ihn und gegen den Bischof oder den Generalvikar, in jedem Unternehmen wenigstens zur Abmahnung geführt hätte. Auch andere Unregelmäßigkeiten sind öffentlich geworden, wenngleich sie nie abschließend juristisch bestätigt wurden, da sich die Parteien, wie vor Arbeitsgerichten häufig, auf einen Vergleich geeinigt haben. Patrick Dehm war auch der einzige Mitarbeiter, der unter Bischof Tebartz-van Elst wegen Kritik gefeuert wurde. Auf Wiedereinstellung hat Dehm zudem auch nicht geklagt.

Zwar herrschte am Ende der Ära TvE eine ängstliche Atmosphäre im Ordinariat. Mit den tatsächlichen Handlungen des Bischofs hatte das aber nur bedingt etwas zu tun. Allenfalls waren es der Generalvikar und das Misstrauen der Controlling-Abteilung, die beide zur umfangreichen Kontrolle der Mitarbeiter neigten. Angesichts der erwähnten Fälle eine übertriebene, allerdings keiner unverständlich Reaktion.

Das Ordinariat in Limburg vermittelt derweil auch nicht den Eindruck, es sei der Meinung, auch in der Verwaltung seien Veränderungen dringend geboten. Das Wort eines nicht genannten Mitarbeiters, die Römer würden die Gesundung im Bistum verhindern, das in der FAZ zu lesen war und der kenntnissreiche Beitrag in kath.net können hierfür zurate gezogen werden. Auch Manfred Grothe trägt dem Grundverhalten des Ordinariates Rechnung, wenn er die Struktur der Verwaltung, etwa im Finanzsektor, eingreift, oder auf der Pastoralwerkstatt versichert, das Ordinariat werde sich ab jetzt als Service-Stelle für die Menschen in den Pfarreien verstehen.

Wieso der neue Bischof der Richtige ist

Seine Biographie deutet darauf hin, dass Georg Bätzing die genannten Problemkreise abdecken kann. Zum ersten hat er über ein ekklesiologisches Thema promoviert, sodass man davon ausgehen kann, dass er für die Frage der Kirchenbilder in Limburg sensibilisiert ist. Als langjähriger Regens hat er zudem viel Erfahrung in der Ausbildung von Priestern und kann damit auch hier auf eine hohe Kompetenz rekurrieren. Abschließend kennt er als Generalvikar, der er seit 2012 in Trier ist, die Arbeit in einer bischöflichen Verwaltung und versteht sich auf das Führen eines Ordinariates. Bätzing erscheint damit als idealer Kandidat, um die skizzierten Problemlagen im Bistum aufzugreifen, an denen Bischof Tebartz-van Elst gescheitert ist.

Maximilian Röll