Drei Problemfelder des Bistums Limburg und wieso Georg Bätzing der richtige für den Job ist.

Der neue Bischof von Limburg hat ein schweres Erbe übernommen. Nicht nur weil sein Vor-Vorgänger Tebartz-van Elst viele Fehler gemacht hat, etwa beim Bau des Bischofshauses und beim Umgang mit den Mitarbeitern. Sondern auch, weil ihn schwierige Problemfelder erwarten, die schon Bischof Franz-Peter vorgefunden hat und nicht lösen konnte. Drei sollen kurz skizziert werden.

Das Kirchenbild

Traditionell gibt es zwei verschiedene Modelle, wie Kirche gedacht werden kann: inkarnatorisch und pneumatisch. Das inkarnatorische Kirchenbild versteht die Ekklesia von der Gründungsfigur Jesus Christus her. Die Kirche ist demnach in der Welt und für die Welt real gestiftet worden. Von der Person Jesus aus entfaltet sich die hierarchische Kirche durch die Geschichte. An der Spitze steht Christus, ihm folgt der Papst als Stellvertreter Gottes und Nachfolger Petri. Mit dem römischen Pontifex nehmen die Bischöfe die Leitungsgewalt in der Kirche war. Der Wille Gottes drückt sich damit durch die Leitung in der Hierarchie aus.

Wer für diese Vorstellung von Kirche ein passendes Bild in Limburg sucht, kann an die Messen von Franz-Peter Tebartz-van Elst denken. Am Höhepunkt der Messfeier steht der ganz in der Betrachtung des allerheiligsten Sakramentes versunkene Bischof am Altar. In seiner Wahrnehmung tritt die Welt um ihn herum zurück, weil sie ganz im konsekrierten Brot und Wein aufzugehen scheint. Der Auslegung des Wortes Gottes vom Ambo hat er die Rolle einer Hinführung auf den Höhepunkt hin zugewiesen.

Das pneumatische Kirchenverständnis hingegen denkt Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, die vom einen Geist mit ihren verschiedenen Gaben geführt werden. Leitung ist damit nicht mehr besondere Angelegenheit der Bischöfe, sondern alle Gläubiger. Dem Priester kommt in diesem Konstrukt keine herausragende Stellung zu. Er unterscheidet sich nur durch bestimmte sakrale Vorrechte von den Gläubigen, nicht aber darin, dass er Leitung in anderer Weise wahrnehmen kann als etwa ein damit vom Bischof beauftragter Gemeindereferent.

Auch hierfür gibt es ein Bild. Im Zentrum der Liturgie unter Kamphaus stand nicht primär die Wandlung, sondern die Predigt. Dem emeritierten Bischof von Limburg war die Mahlfeier keineswegs egal. Sie trat aber in seiner Aufmerksamkeit hinter der Verkündigung und vor allem der Auslegung des Wortes zurück. Das drückte sich schon in den Formulierungen der Limburger aus, wenn sie ihren Bischof im Dom besuchten. Man ging nicht, um Kamphaus zu sehen oder mit ihm die Messe zu feiern, sondern man besuchte die Kirche, um Bischof Franz zu hören, meist frei vor dem Altar stehend, mit ausgebreiteten Händen predigend.

Durch die lange und intensive Prägung durch Kamphaus, aber auch schon durch die Ansätze seines Vorgängers, Bischof Kempf, kam es zu einer starken Betonung des pneumatischen Kirchenbildes. Damit stellt das Bistum einen Sonderfall in der Kirche dar, da üblicherweise ein eher inkarnatorisches, also hierarchisches Kirchenbild gepflegt wird, das lediglich durch die pneumatische Dimension ergänzt wird.

Der Klerus

Keine Berufsgruppe im Bistum Limburg hat während der Causa Tebartz-van Elst so versagt wie der Klerus. Unabhängig von der Frage, wie man die Handlungen des Bischofs bewertet, gibt es nur wenige Leute, die der Meinung sind, man sei am Ende richtig mit ihm umgegangen. Das gilt gerade für seinen Klerus, der in doppelter Weise in die Pflicht zu nehmen ist: zu einen wird von ihm erwartet, sich besonders eng an jenen Idealen zu orientieren, die er von der Kanzel verkündet. Zum anderen sind gerade die Priester zur Loyalität verpflichtet, versprechen sie doch bei der Weihe Gehorsam gegenüber dem Bischof und seinen Nachfolgern.

An dieser Loyalität haben es die Priester allerdings vermissen lassen. So hat der Vertreter des Bischofs in Frankfurt, Stadtdekan Johannes zu Eltz, nicht in nur in den Medien seinen Dienstherrn scharf attackiert, sondern auch zu einer Petition aufgefordert, die dem Bischof Unvermögen vorwirft.

Auch das Limburger Domkapitel war nicht in der Lage, seinem Bischof zu irgendeinem Zeitpunkt beizustehen. Davon, dass viele sowohl hinter verschlossenen Türen als auch presseöffentlich auf dem Bischof eingetreten haben, als dieser schon am Boden lag, gar nicht zu reden. Selbst beim Neujahrsempfang 2016 war der emeritierte Weihbischof Pieschl noch der Meinung, der Altbischof sei arm dran, weil er nicht einsehe, dass er allein an seinem und des Bistums Unglück schuld sei. Ob er selbst seine Obliegenheiten gegenüber dem Nachfolger von Kamphaus erfüllt hat, diese Frage stellen weder Pieschl noch andere aktive oder emeritierter Domkapitulare.

Auch der Priesterrat des Bistums, nach Kirchenrecht der Senat des Bischofs, erging sich mehr in Protesthaltung denn in konstruktiven Mitarbeit. So verweigerte sich der provisorische Priesterrat noch im Dezember 2015 dem mehrfach vorgetragenem Wunsch des Administrators Manfred Grothe nach Versöhnung angesichts der vergangenen Ereignissen. Aber auch in der Linie des Klerus ist Fairness gegenüber dem Altbischof nur bedingt festzustellen. Zu erwähnen wäre etwa der derzeitige Pfarrer von Flörsheim, Sascha Jung, der als Kaplan bei seiner letzten Messe im Limburger Dom über den Bischof herzog. Anschließend wunderte er sich in einem Zeit-Portrait, dass seine Predigt offenbar mitgeschnitten wurde und erklärt, in der Umgebung des Bischofs habe Angst und Schrecken geherrscht. Doch sein Protest hatte für ihn keine Konsequenzen, konnte er doch wie geplant seine Pfarrstelle antreten und auch von dieser die eine oder andere Spitze an seinen ehemaligen Dienstherrn abfeuern.

Das Bischöfliche Ordinariat

Eine weitere Herausforderung ist das Bischöfliche Ordinariat. Zusammen mit den pastoralen hauptamtlichen Mitarbeitern herrscht dort die Überzeugung vor, vom Altbischof grundsätzlich falsch behandelt und häufig sogar verletzt worden zu sein. Unzweifelhaft ist es den Bischof nicht gelungen, seine Verwaltung in den Griff zu bekommen oder die cholerischen Anfälle seines Generalvikars Franz Kaspar zu zügeln. Für eine hohe Arbeitseinsatz und Service-Mentalität ist das Bischöfliche Ordinariat in seinen vielen Abteilungen unter keinem der lebenden Bischöfe von Limburg bekannt gewesen.

In den vergangenen Jahren sind zudem mehrfach schwerwiegende Fehler in der bischöflichen Verwaltung aufgetreten, die öffentlich wurden. Zu nennen wäre etwas der Fall Jung-Diefenbach, bei dem es zur Veruntreuung von kirchlichen Geldern in Millionenhöhe kam. Jung-Diefenbach erklärte vor Gericht, die Unterschlagungen seien ihm leicht gemacht worden, was ein scharfes Licht auf die Kontrollmechanismen wirft, die schon unter Bischof Kamphaus im Bistum vorherrschten. Auch die Krisenkommunikation und der Umgang mit diesem Verbrechen zeugt von erheblicher Dilettanz, bis dahin, dass Fristen für das Einklagen der Gelder verpasst wurden. Auch hat die bischöflichen Verwaltung den Bau des neuen Bischofshauses, nachdem dessen Pläne vom Domkapitel entgegen den Bestimmung für die Sedisvakanz beschlossen wurden, nicht weiter aktiv betrieben. Erst als Bischof Tebartz-van Elst die Entwicklung des Projektes an sich gezogen hat, ließen sich Fortschritte feststellen.

Auch der Fall Patrick Dehm zeigt, wie Kontrollmechanismen versagten und welche Einstellung unter manchen Mitarbeitern vorherrschte. Nicht nur, dass die Aussage, die Zeit arbeite für ihn und gegen den Bischof oder den Generalvikar, in jedem Unternehmen wenigstens zur Abmahnung geführt hätte. Auch andere Unregelmäßigkeiten sind öffentlich geworden, wenngleich sie nie abschließend juristisch bestätigt wurden, da sich die Parteien, wie vor Arbeitsgerichten häufig, auf einen Vergleich geeinigt haben. Patrick Dehm war auch der einzige Mitarbeiter, der unter Bischof Tebartz-van Elst wegen Kritik gefeuert wurde. Auf Wiedereinstellung hat Dehm zudem auch nicht geklagt.

Zwar herrschte am Ende der Ära TvE eine ängstliche Atmosphäre im Ordinariat. Mit den tatsächlichen Handlungen des Bischofs hatte das aber nur bedingt etwas zu tun. Allenfalls waren es der Generalvikar und das Misstrauen der Controlling-Abteilung, die beide zur umfangreichen Kontrolle der Mitarbeiter neigten. Angesichts der erwähnten Fälle eine übertriebene, allerdings keiner unverständlich Reaktion.

Das Ordinariat in Limburg vermittelt derweil auch nicht den Eindruck, es sei der Meinung, auch in der Verwaltung seien Veränderungen dringend geboten. Das Wort eines nicht genannten Mitarbeiters, die Römer würden die Gesundung im Bistum verhindern, das in der FAZ zu lesen war und der kenntnissreiche Beitrag in kath.net können hierfür zurate gezogen werden. Auch Manfred Grothe trägt dem Grundverhalten des Ordinariates Rechnung, wenn er die Struktur der Verwaltung, etwa im Finanzsektor, eingreift, oder auf der Pastoralwerkstatt versichert, das Ordinariat werde sich ab jetzt als Service-Stelle für die Menschen in den Pfarreien verstehen.

Wieso der neue Bischof der Richtige ist

Seine Biographie deutet darauf hin, dass Georg Bätzing die genannten Problemkreise abdecken kann. Zum ersten hat er über ein ekklesiologisches Thema promoviert, sodass man davon ausgehen kann, dass er für die Frage der Kirchenbilder in Limburg sensibilisiert ist. Als langjähriger Regens hat er zudem viel Erfahrung in der Ausbildung von Priestern und kann damit auch hier auf eine hohe Kompetenz rekurrieren. Abschließend kennt er als Generalvikar, der er seit 2012 in Trier ist, die Arbeit in einer bischöflichen Verwaltung und versteht sich auf das Führen eines Ordinariates. Bätzing erscheint damit als idealer Kandidat, um die skizzierten Problemlagen im Bistum aufzugreifen, an denen Bischof Tebartz-van Elst gescheitert ist.

Maximilian Röll

Warum Religion ein Faktor in der Flüchtlingsdebatte ist

Nur weil Flüchtlinge nicht mehr nach Deutschland kommen können, endet nicht die Verantwortung der Bundesrepublik. Doch die Diskussionen wie wir helfen müssen, werden wieder unbequemer. Dafür braucht es Faktoren. Religion ist einer davon.

Der Andrang von Flüchtlingen an die deutschen Grenzen wurde durch die Balkanstaaten und den Pakt mit der Türkei derzeit gestoppt. Die Krise hat sich an andere Grenzen verlagert. Derzeit sammeln sich die Flüchtlinge in Griechenland und in der Türkei. Doch das entbindet Deutschland nicht von seiner Verantwortung für diese Menschen. Bislang wurden die Flüchtlinge nur beachtet, wenn die sich an den deutschen Grenzen aufgedrängt haben. Deutschland steht daher die Aufgabe bevor, den Flüchtlingen an anderen Orten helfen.

Ohne Bewertungsfaktoren geht es nicht

Das kann bedeuten, Flüchtlingskontingente aus der Türkei aufzunehmen. Deutschland kann auch Mittel zur Verfügung stellen, um die Menschen in ihrer Heimat zu versorgen. Das wirft aber die Frage auf, welchen Flüchtlingen Deutschland hilft. Bislang wurde diese Entscheidung von den Flüchtlingen selbst getroffen, da sie nicht aus Deutschlands Großherzigkeit, sondern in purer Eigenleistung aus der Türkei nach Europa flüchteten. Merkel entschied sich nur, die aufzunehmen, die schon in Europa unterwegs waren. In der neuen Situation kann und muss Deutschland entscheiden, wem es hilft.

Daher ist eine Diskussion über Faktoren notwendig, die ausschlaggebend sind, um die Lage für einzelne Menschen und Gruppen zu beurteilen. Bislang ist Religion kein solcher Faktor. Mehrere Bischöfe aus dem deutschsprachigen Raum waren in den vergangenen Wochen im Orient unterwegs, um sich die Lage der Christen vor Ort anzusehen. Sie fordern, die Christen zu unterstützen. Religion wird von ihnen als Faktoren bewertet, der Relevanz hat. Aber stimmt eine solche Haltung überhaupt? Hierfür sprechen drei Argumente:

Flüchtlingszentrierte Beurteilung ist notwendig

Eine gerechte Flüchtlingspolitik muss stets beide Partner im Auge behalten: die Helfenden und die Flüchtlinge. Der Maßstab der Beurteilung kann daher nicht nur unsere Haltung zu einem Thema sein, sondern auch die Positionen der Anderen dazu. Religion stellt in den orientalischen Gesellschaften eine wichtige Kraft des Lebens dar. Das zeigt der Fall Syrien: Hier verlaufen die Frontlinien unter anderem entlang der konfessionellen Linien: Aleviten, Schiiten und Christen stehen mehrheitlich auf Seiten der Assad-Regierung. Die sunnitischen Kämpfer hingegen schließen sich häufig den Rebellen-Gruppen oder dem IS an. Wenn also Religion in den Herkunftsländern ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor ist, so gilt das auch für eine Politik mit den Flüchtlingen.

Die Lage der Christen im Nahen Osten ist wichtig

Die Christen im Nahen Osten bilden eine Minderheit, die der Diskriminierung ausgesetzt ist. Während sie sich unter den säkularen Regimen in Ägypten und Syrien lange Zeit relativ sicher fühlen konnten, verschlechterte sich ihre Lage in dem Maße, in dem die islamische Mehrheitsreligion für die Regierung und für die Gesellschaft eine stärkere Rolle spielt, wie die Beispiele Pakistan oder Saudi-Arabien zeigen. Diese Diskriminierung ändert sich in der Krise und in den Flüchtlingslagern nicht. Selbst in Deutschland wird immer wieder von Übergriffen und Diskriminierung der Christen durch Muslime berichtet. Religion ist daher nicht nur ein Faktor in der Flüchtlingskrise, sondern auch ein Kriterium der Diskriminierung.

Keine Schutzmacht mehr für die Christen

Das stellt die Frage, wer als Schutzmacht der Diskriminierten auftritt? Die Schiiten werden etwa vom Iran unterstützt. Das gilt für die Christen nicht. Die traditionellen Schutzmächte der orientalischen Christen liegen in Europa. Immer wieder griffen die europäischen Mächte ein, wenn die Christen massenhafter Gewaltanwendung ausgesetzt waren. Diese Aufgaben übernehmen die westlichen Staaten derzeit nicht. Dabei sind sie ihren Wurzeln immer noch christlich, dabei hinterlassen Sie ein Vakuum, das bislang keiner für die Christen im Namen Osten gefüllt hat.

Die Aufgabe der humanitären Großmacht

Europa und insbesondere Deutschland verstehen sich gerne als humanitäre Großmächte. Wollen Sie dabei auch flüchtlingszentriert wirken, müssen Sie Religion als Faktor ernst nehmen. Bedrohung und Verfolgung aus religiösen Gründen, müssen sie dann in ihre Überlegungen integrieren. Sie können dabei an ihrer Rolle als traditionelle Schutzmächte der Christen im Namen Osten anschließen. Das bedeutet nicht, Religion zum alleinigen Faktor für Hilfe zu machen. Gerade Europa sollte einen Blick auf die Bedeutung der Religion werfen und dabei nicht die die Christen im Nahen Osten vergessen, die humanitäre Hilfe benötigen.

Maximilian Röll

Wieso der Westen seinen Lebensstil anpassen muss, damit er attraktiv bleibt

In der FAZ beschrieb Reinhard Müller die Anschläge von Brüssel als Angriff auf die freiheitliche Wertegemeinschaft. Die Medien sprechen nach Angriffen auf europäische Staaten häufig von den Werten des Westens, die es zu verteidigen gilt. Doch besonders in den sozialen Medien wird angefragt, wie sich eine Wertgemeinschaft verstehen will, wenn sie ihre eigene Tugenden selbst nie einhält. Daher hat Rolf Schneider im Deutschlandradio den Begriff des “Lebensstiles” vorgeschlagen, der sich nach Schneider zu verteidigen lohnt. Der Lebensstil umfasst mehr als nur die Werte einer Gemeinschaft und erfasst die Probleme besser, denen sich der Westen derzeit gegenüber sieht.

So kann damit die Herausforderungen des islamischen Terrorismus besser durchdrungen werden. Denn der IS zielt nicht auf abstrakte Werte. Er will alles vernichten, was für ihn als westlich und damit als unislamisch gilt, seien es Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Emanzipation, Miniröcke oder Karneval.

Der Lebensstil in Europa und Amerika entfaltet eine hohe Attraktivität. So groß, dass der Islamismus ihn global zerstören will und zahlreiche Menschen in das Gebiet des Westens fliehen, und wohl dauerhaft bleiben wollen, um an seinen Errungenschaften zu partizipieren. Aus dieser Perspektive offenbaren sich in der aktuellen Krise zahlreiche Herausforderungen. An dieser Stelle sollen drei Aspekte genannt werden:

Der Westen kann nicht bleiben, wie er ist

Nach einhelliger Meinung der Experten verfolgt der IS das Ziel, den Lebensstil des Westens durch Anschläge zu destabilisieren und die islamistische Gesellschaftsform auf seinem Territorium brutal zu implementieren. Der Westen steht dabei vor der Herausforderung, dass er einerseits seine Bürger vor dem Terror schützen muss, auf der anderen Seite aber seine freiheitliche Lebensform nicht aufgeben darf. Die Antwort auf den Terror des IS kann daher nicht nur staatliche Gewalt sein. Die Gesellschaft muss für ihre Freiheit Teile vermeintlicher Sicherheiten opfern. Doch das allein reicht nicht. Wenn der Westen nur Anschläge verhindern will, ist er zu passiv und überlässt den Terroristen die Initiative. Europa hat es in den vergangenen zwei Jahrhunderten geschafft, seinen Lebensstil immer wieder an neue Situationen anzupassen und war damit erstaunlich erfolgreich. Dabei muss der Westen auch selbst sich immer wieder hinterfragen, ob sein Lebensstil lebensbejahend und zukunftsfähig ist. Das ist auch derzeit gefragt. Die Islamisten zwingen dem Westen, den eigenen Lebensstil verstärkt in den Blick zu nehmen und auf die neue Weltlage anzupassen. Denn der Terrorismus ist nur eine Seite der Medaille.

Flüchtlinge verändern den Lebensstil

Durch den Bürgerkrieg in Syrien und die Entwicklung des islamischen Staat ist eine Flüchtlingswelle entstanden, wie es sie in Europa in den letzten Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Millionen von Menschen kommen in die EU. Sie wollen an der Sicherheit, am Wohlstand, teilweise auch an der Freiheit des Westens teilhaben. Doch die meisten von ihnen pflegen einen anderen Lebensstil als die Mehrheitsgesellschaft in den Aufnahmeländern. Das muss zu scharfen Auseinandersetzungen und zu Missverständnissen mit der autochthonen Bevölkerung führen. Daher übernehmen die westlichen Gesellschaften mit der Öffnung der Grenzen auch die Aufgabe, es den Flüchtlingen zu ermöglichen, sich zu integrieren. Doch das bedeutet nicht nur eine Leistung des Westens, sondern auch eine der Flüchtlinge. Sie müssen den Lebensstil des Aufnahmelandes wenigstens teilweise annehmen und übernehmen.

Doch kann eine solche Entwicklungen nicht einseitig wirken, wenn sie von Dauer sein soll. Alle Gesellschaften, die Menschen aus anderen Kulturkreisen aufgenommen hatten, haben sich im Anschluss verändert. Denn die neuen Mitglieder bringen auch das eigene in die neue Heimat und Kultur ein. Die westliche Gesellschaft kann sich daher einem Transformationsprozess durch bislang fremde Einflüsse nicht entziehen. Derzeit ist noch offen, wohin eine solche Entwicklung führen wird.

Die Konservativen müssen berücksichtig werden

Ein Phänomen dieses Prozesses ist schon sichtbar: durch Auseinandersetzungen um die Flüchtlingskrise treten verstärkt rechte und konservative Kreise in den Vordergrund das öffentlichen Diskurses. Diese Lebenseinstellungen eines Teiles der Bevölkerung wurden lange Zeit von den gesellschaftlichen und staatlichen Eliten entweder ignoriert, nur marginal behandelt oder auch moralisch abqualifiziert. Durch die aktuelle Krise wurden diese Tendenzen verstärkt. So entstand eine neue gesellschaftliche Kraft, die durch Pegida-Demonstrationen und Wahlerfolge der AfD ins Licht der veröffentlichten Meinung gehoben wurde.

Ein gesellschaftlicher Diskurs über den Lebensstil des Westens darf daher nicht nur mit den Flüchtlingen geführt werden. Auch innerhalb der autochthonen Bevölkerung gibt es Gruppen, welche die Situation aktiv mitgestalten wollen und dazu bislang wenig Gelegenheit hatten. Der gesellschaftliche Common Sense, der in der Bundesrepublik über Jahrzehnte weitgehend stabil schien, muss daher neu ausgehandelt werden. Ebenso wie die Flüchtlinge müssen auch die National-Konservativen und Rechten die Chance erhalten, an der Transformation der Gesellschaft aktiv mitzuwirken. Nur so können weitere Parallel-Gesellschaften in Berlin-Neukölln und in Provinzen verhindert werden.

Wieso die Kirchen gefragt sind

All das hat auch für die christliche Kirchen Bedeutung: Der westliche Lebensstil ist wesentlich durch und in der Auseinandersetzung mit dem Christentum entstanden. Dessen Vertreter können daher in der Auseinandersetzung nicht schweigen und sie dürfen nicht in plumpe Abwehrmechanismen verfallen. Weder den Konservativen noch den Flüchtlingen kann das Recht auf Partizipation und Auseinandersetzung abgesprochen werden. Einer Reduktion auf Opfer-Tätern-Schematismen, die gerne von beiden Seiten des politischen Lagers genutzt werden, kann sich die Kirche als gesellschaftliche Kraft entziehen. Denn ihr Maßstab ist nicht die aktuelle Politik und ihre Zuschreibungen. Rechte wie linke Gruppen beziehen sich auf Werte und Handlungsmechanismen des Christentums. Daher können die Kirchen einen milieuübergreifenden Diskurs fördern. Sie können so dazu beitragen, die schwierigen Prozesse der kommenden Jahre friedlich und wegweisend zu gestalten.

Maximilian Röll