Warum Religion ein Faktor in der Flüchtlingsdebatte ist

Nur weil Flüchtlinge nicht mehr nach Deutschland kommen können, endet nicht die Verantwortung der Bundesrepublik. Doch die Diskussionen wie wir helfen müssen, werden wieder unbequemer. Dafür braucht es Faktoren. Religion ist einer davon.

Der Andrang von Flüchtlingen an die deutschen Grenzen wurde durch die Balkanstaaten und den Pakt mit der Türkei derzeit gestoppt. Die Krise hat sich an andere Grenzen verlagert. Derzeit sammeln sich die Flüchtlinge in Griechenland und in der Türkei. Doch das entbindet Deutschland nicht von seiner Verantwortung für diese Menschen. Bislang wurden die Flüchtlinge nur beachtet, wenn die sich an den deutschen Grenzen aufgedrängt haben. Deutschland steht daher die Aufgabe bevor, den Flüchtlingen an anderen Orten helfen.

Ohne Bewertungsfaktoren geht es nicht

Das kann bedeuten, Flüchtlingskontingente aus der Türkei aufzunehmen. Deutschland kann auch Mittel zur Verfügung stellen, um die Menschen in ihrer Heimat zu versorgen. Das wirft aber die Frage auf, welchen Flüchtlingen Deutschland hilft. Bislang wurde diese Entscheidung von den Flüchtlingen selbst getroffen, da sie nicht aus Deutschlands Großherzigkeit, sondern in purer Eigenleistung aus der Türkei nach Europa flüchteten. Merkel entschied sich nur, die aufzunehmen, die schon in Europa unterwegs waren. In der neuen Situation kann und muss Deutschland entscheiden, wem es hilft.

Daher ist eine Diskussion über Faktoren notwendig, die ausschlaggebend sind, um die Lage für einzelne Menschen und Gruppen zu beurteilen. Bislang ist Religion kein solcher Faktor. Mehrere Bischöfe aus dem deutschsprachigen Raum waren in den vergangenen Wochen im Orient unterwegs, um sich die Lage der Christen vor Ort anzusehen. Sie fordern, die Christen zu unterstützen. Religion wird von ihnen als Faktoren bewertet, der Relevanz hat. Aber stimmt eine solche Haltung überhaupt? Hierfür sprechen drei Argumente:

Flüchtlingszentrierte Beurteilung ist notwendig

Eine gerechte Flüchtlingspolitik muss stets beide Partner im Auge behalten: die Helfenden und die Flüchtlinge. Der Maßstab der Beurteilung kann daher nicht nur unsere Haltung zu einem Thema sein, sondern auch die Positionen der Anderen dazu. Religion stellt in den orientalischen Gesellschaften eine wichtige Kraft des Lebens dar. Das zeigt der Fall Syrien: Hier verlaufen die Frontlinien unter anderem entlang der konfessionellen Linien: Aleviten, Schiiten und Christen stehen mehrheitlich auf Seiten der Assad-Regierung. Die sunnitischen Kämpfer hingegen schließen sich häufig den Rebellen-Gruppen oder dem IS an. Wenn also Religion in den Herkunftsländern ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor ist, so gilt das auch für eine Politik mit den Flüchtlingen.

Die Lage der Christen im Nahen Osten ist wichtig

Die Christen im Nahen Osten bilden eine Minderheit, die der Diskriminierung ausgesetzt ist. Während sie sich unter den säkularen Regimen in Ägypten und Syrien lange Zeit relativ sicher fühlen konnten, verschlechterte sich ihre Lage in dem Maße, in dem die islamische Mehrheitsreligion für die Regierung und für die Gesellschaft eine stärkere Rolle spielt, wie die Beispiele Pakistan oder Saudi-Arabien zeigen. Diese Diskriminierung ändert sich in der Krise und in den Flüchtlingslagern nicht. Selbst in Deutschland wird immer wieder von Übergriffen und Diskriminierung der Christen durch Muslime berichtet. Religion ist daher nicht nur ein Faktor in der Flüchtlingskrise, sondern auch ein Kriterium der Diskriminierung.

Keine Schutzmacht mehr für die Christen

Das stellt die Frage, wer als Schutzmacht der Diskriminierten auftritt? Die Schiiten werden etwa vom Iran unterstützt. Das gilt für die Christen nicht. Die traditionellen Schutzmächte der orientalischen Christen liegen in Europa. Immer wieder griffen die europäischen Mächte ein, wenn die Christen massenhafter Gewaltanwendung ausgesetzt waren. Diese Aufgaben übernehmen die westlichen Staaten derzeit nicht. Dabei sind sie ihren Wurzeln immer noch christlich, dabei hinterlassen Sie ein Vakuum, das bislang keiner für die Christen im Namen Osten gefüllt hat.

Die Aufgabe der humanitären Großmacht

Europa und insbesondere Deutschland verstehen sich gerne als humanitäre Großmächte. Wollen Sie dabei auch flüchtlingszentriert wirken, müssen Sie Religion als Faktor ernst nehmen. Bedrohung und Verfolgung aus religiösen Gründen, müssen sie dann in ihre Überlegungen integrieren. Sie können dabei an ihrer Rolle als traditionelle Schutzmächte der Christen im Namen Osten anschließen. Das bedeutet nicht, Religion zum alleinigen Faktor für Hilfe zu machen. Gerade Europa sollte einen Blick auf die Bedeutung der Religion werfen und dabei nicht die die Christen im Nahen Osten vergessen, die humanitäre Hilfe benötigen.

Maximilian Röll

Wieso der Westen seinen Lebensstil anpassen muss, damit er attraktiv bleibt

In der FAZ beschrieb Reinhard Müller die Anschläge von Brüssel als Angriff auf die freiheitliche Wertegemeinschaft. Die Medien sprechen nach Angriffen auf europäische Staaten häufig von den Werten des Westens, die es zu verteidigen gilt. Doch besonders in den sozialen Medien wird angefragt, wie sich eine Wertgemeinschaft verstehen will, wenn sie ihre eigene Tugenden selbst nie einhält. Daher hat Rolf Schneider im Deutschlandradio den Begriff des “Lebensstiles” vorgeschlagen, der sich nach Schneider zu verteidigen lohnt. Der Lebensstil umfasst mehr als nur die Werte einer Gemeinschaft und erfasst die Probleme besser, denen sich der Westen derzeit gegenüber sieht.

So kann damit die Herausforderungen des islamischen Terrorismus besser durchdrungen werden. Denn der IS zielt nicht auf abstrakte Werte. Er will alles vernichten, was für ihn als westlich und damit als unislamisch gilt, seien es Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Emanzipation, Miniröcke oder Karneval.

Der Lebensstil in Europa und Amerika entfaltet eine hohe Attraktivität. So groß, dass der Islamismus ihn global zerstören will und zahlreiche Menschen in das Gebiet des Westens fliehen, und wohl dauerhaft bleiben wollen, um an seinen Errungenschaften zu partizipieren. Aus dieser Perspektive offenbaren sich in der aktuellen Krise zahlreiche Herausforderungen. An dieser Stelle sollen drei Aspekte genannt werden:

Der Westen kann nicht bleiben, wie er ist

Nach einhelliger Meinung der Experten verfolgt der IS das Ziel, den Lebensstil des Westens durch Anschläge zu destabilisieren und die islamistische Gesellschaftsform auf seinem Territorium brutal zu implementieren. Der Westen steht dabei vor der Herausforderung, dass er einerseits seine Bürger vor dem Terror schützen muss, auf der anderen Seite aber seine freiheitliche Lebensform nicht aufgeben darf. Die Antwort auf den Terror des IS kann daher nicht nur staatliche Gewalt sein. Die Gesellschaft muss für ihre Freiheit Teile vermeintlicher Sicherheiten opfern. Doch das allein reicht nicht. Wenn der Westen nur Anschläge verhindern will, ist er zu passiv und überlässt den Terroristen die Initiative. Europa hat es in den vergangenen zwei Jahrhunderten geschafft, seinen Lebensstil immer wieder an neue Situationen anzupassen und war damit erstaunlich erfolgreich. Dabei muss der Westen auch selbst sich immer wieder hinterfragen, ob sein Lebensstil lebensbejahend und zukunftsfähig ist. Das ist auch derzeit gefragt. Die Islamisten zwingen dem Westen, den eigenen Lebensstil verstärkt in den Blick zu nehmen und auf die neue Weltlage anzupassen. Denn der Terrorismus ist nur eine Seite der Medaille.

Flüchtlinge verändern den Lebensstil

Durch den Bürgerkrieg in Syrien und die Entwicklung des islamischen Staat ist eine Flüchtlingswelle entstanden, wie es sie in Europa in den letzten Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Millionen von Menschen kommen in die EU. Sie wollen an der Sicherheit, am Wohlstand, teilweise auch an der Freiheit des Westens teilhaben. Doch die meisten von ihnen pflegen einen anderen Lebensstil als die Mehrheitsgesellschaft in den Aufnahmeländern. Das muss zu scharfen Auseinandersetzungen und zu Missverständnissen mit der autochthonen Bevölkerung führen. Daher übernehmen die westlichen Gesellschaften mit der Öffnung der Grenzen auch die Aufgabe, es den Flüchtlingen zu ermöglichen, sich zu integrieren. Doch das bedeutet nicht nur eine Leistung des Westens, sondern auch eine der Flüchtlinge. Sie müssen den Lebensstil des Aufnahmelandes wenigstens teilweise annehmen und übernehmen.

Doch kann eine solche Entwicklungen nicht einseitig wirken, wenn sie von Dauer sein soll. Alle Gesellschaften, die Menschen aus anderen Kulturkreisen aufgenommen hatten, haben sich im Anschluss verändert. Denn die neuen Mitglieder bringen auch das eigene in die neue Heimat und Kultur ein. Die westliche Gesellschaft kann sich daher einem Transformationsprozess durch bislang fremde Einflüsse nicht entziehen. Derzeit ist noch offen, wohin eine solche Entwicklung führen wird.

Die Konservativen müssen berücksichtig werden

Ein Phänomen dieses Prozesses ist schon sichtbar: durch Auseinandersetzungen um die Flüchtlingskrise treten verstärkt rechte und konservative Kreise in den Vordergrund das öffentlichen Diskurses. Diese Lebenseinstellungen eines Teiles der Bevölkerung wurden lange Zeit von den gesellschaftlichen und staatlichen Eliten entweder ignoriert, nur marginal behandelt oder auch moralisch abqualifiziert. Durch die aktuelle Krise wurden diese Tendenzen verstärkt. So entstand eine neue gesellschaftliche Kraft, die durch Pegida-Demonstrationen und Wahlerfolge der AfD ins Licht der veröffentlichten Meinung gehoben wurde.

Ein gesellschaftlicher Diskurs über den Lebensstil des Westens darf daher nicht nur mit den Flüchtlingen geführt werden. Auch innerhalb der autochthonen Bevölkerung gibt es Gruppen, welche die Situation aktiv mitgestalten wollen und dazu bislang wenig Gelegenheit hatten. Der gesellschaftliche Common Sense, der in der Bundesrepublik über Jahrzehnte weitgehend stabil schien, muss daher neu ausgehandelt werden. Ebenso wie die Flüchtlinge müssen auch die National-Konservativen und Rechten die Chance erhalten, an der Transformation der Gesellschaft aktiv mitzuwirken. Nur so können weitere Parallel-Gesellschaften in Berlin-Neukölln und in Provinzen verhindert werden.

Wieso die Kirchen gefragt sind

All das hat auch für die christliche Kirchen Bedeutung: Der westliche Lebensstil ist wesentlich durch und in der Auseinandersetzung mit dem Christentum entstanden. Dessen Vertreter können daher in der Auseinandersetzung nicht schweigen und sie dürfen nicht in plumpe Abwehrmechanismen verfallen. Weder den Konservativen noch den Flüchtlingen kann das Recht auf Partizipation und Auseinandersetzung abgesprochen werden. Einer Reduktion auf Opfer-Tätern-Schematismen, die gerne von beiden Seiten des politischen Lagers genutzt werden, kann sich die Kirche als gesellschaftliche Kraft entziehen. Denn ihr Maßstab ist nicht die aktuelle Politik und ihre Zuschreibungen. Rechte wie linke Gruppen beziehen sich auf Werte und Handlungsmechanismen des Christentums. Daher können die Kirchen einen milieuübergreifenden Diskurs fördern. Sie können so dazu beitragen, die schwierigen Prozesse der kommenden Jahre friedlich und wegweisend zu gestalten.

Maximilian Röll

Orthodoxe Synode als Dialogmöglichkeit für die Ökumene

Am 19. Juni, dem Orthodoxen Pfingstfest, findet die erste Panorthodoxe Synode seit über 700 Jahren statt. Die Vorbereitungen werden zurzeit von den 14 Kirchenoberhäuptern in Genf getroffen, begonnen aber hat die Vorbereitung schon vor 50 Jahren. Im Vorfeld fanden dazu einige Problemlösungen statt, unter anderem die Anerkennung des Tschechisch Slowakischen Oberhauptes durch das ökumenische Patriarchat Konstantinopels. Ist die Panorthodoxe Synode eine Möglichkeit zur Verbesserung der Ökumene zwischen Katholischer und Orthodoxer Kirche?

Synode als Möglichkeit, um über unierten Kirchen zu sprechen

Neben Themen wie Fastenregeln oder Eherecht werden auch die Ökumene und der Umgang mit anderen Konfessionen ein bedeutendes Thema sein. Die Orthodoxie pflegt einen guten Umgang mit der Katholischen Kirche, hat jedoch keine einheitliche Richtung in der Ökumenefrage.

Das ist das Problem der ökumenischen Arbeit. Denn so wie der Russischsprachige Orthodoxe Kirche, die Lage mit der Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche missfällt, so ist auch die Lage zwischen der Melkitisch-Griechisch-Katholischen Kirche und der Antiochenischen Orthodoxen Kirche problematisch und belastet die Ökumene zwischen Orthodoxen und Katholiken. Zuerst muss daher ein geeigneter Umgang innerhalb der Orthodoxen Kirchen damit gefunden werden.

Problematik innerhalb der Orthodoxie

Die Ökumene stellt sich einer schwierigen Herausforderung: Sie soll in erster Linie einen gemeinsamen Weg der Orthodoxen Kirche definieren. Das war bei vorherigen Gesprächen ein Problem. Nicht nur, dass die unterschiedlichen Landeskirchen sich immer wieder im Umbruch befanden, zum Beispiel durch den Kommunismus, sondern auch, weil sie andere politische Ziele verfolgen und relativ unabhängig voneinander agieren.

Somit verfolgt auch die Kirche Russlands andere Ziele als das Ökumenische Patriarchat. Können die Interessen der einen Kirche mit denen der Anderen gekoppelt werden oder sind die ökumenischen Interessen zu verschieden, als dass man eine geeignete Lösung finden kann?

Erscheinen wirklich alle Vertreter der Landeskirchen zu dieser Synode persönlich oder wird doch einer der Bischöfe nicht teilnehmen? Dieses Problem gab es bei vorherigen Vorbereitungen der Synode immer aufs Neue, weil der jeweilige Bischof nicht mit den Punkten der Synode einverstanden war und absagte.
Ebenso ist der Modus der Abstimmung schwierig. Sobald eine Kirchendelegation mit „Nein“ abstimmt, wird der Vorschlag abgelehnt.

Institutionelle und theologische Problematik zwischen Katholisch und Orthodox

Welche Probleme herrschen zwischen der Katholischen und Orthodoxen Kirche, welche die Vereinigung der Kirchen behindern?

Die Orthodoxen Kirchen sind nicht mit dem Primat des Papstes einverstanden, sondern würden den Papst, bei einer Vereinigung, als „Primus inter paris“ sehen wollen, den Ersten unter Gleichen. Theologische Auseinandersetzungen, neben dem Filioque, bereiten auch das Verständnis der Mariologie, Transsubstantiation oder gar dem Priesterverständnis. So lässt sich sagen, dass die Traditionen der zwei christlichen Kirchen unterschiedlich sind und hierbei einige Stolpersteine aus dem Weg geschafft werden müssen, um eine erfolgreiche Ökumene der Kirchen herbeizuführen. Welche Lösung, außer eines gemeinsamen Weges der Theologie, in welcher möglicherweise Änderungen vorgenommen werden müssen, kann es geben?

Eine Lösung wäre eine Co-Existenz der unterschiedlichen Traditionen, ohne das Involvieren des Einen in die Tradition des Anderen. Dies fordert aber ein hohes Maß an Toleranz innerhalb der Ökumene.

Die Organisation als erste Hürde

Letzten Endes liegt zwar einer der Schwerpunkte der Synode auf der Ökumene, dennoch werden sich die Verhandlungen über einen längeren Zeitraum als die geplante Synode ziehen müssen und sollten noch weiter intensiviert werden, da der Rahmen der Versammlung nicht ausreicht. Denn diese Synode, ist die erste seit 700 Jahren und auch diese muss zuerst stattfinden. Das Zusammentreffen kann scheitern, wenn Forderungen existieren, die eine Teilkirche nicht akzeptieren möchte. Und ein Problem existiert bereits, die Synode soll in Istanbul stattfinden, aber die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei sind angespannt und es muss unter Umständen ein neuer Ort für die Sitzung der Synode gefunden werden. Die Irenenkirche in Istanbul befindet sich in der Hand des türkischen Staates und auch dieser muss eine Versammlung erst erlauben.

Ebenso wird die Orthodoxie versuchen einen gemeinsamen Weg innerhalb der Kirche zu finden, aber dies kann nicht durch eine Synode wirkungsvoll umgesetzt werden, da die Teilkirchen sich über Jahrhunderte hinweg unterschiedlich, wenn aber doch recht ähnlich, verändert haben.
Auch Papst Franziskus zeigt großes Interesse vor der Synode und sagt: “Wir sind ein heiliges Volk, auch wenn wir aufgrund unserer Sünden noch nicht völlig geeint sind. Gottes Barmherzigkeit ist stärker als unsere Spaltungen.”

Alexander Radej