Die Kirche brennt – wir brauchen Feuerlöscher, keine neuen Fenster

Was werden nicht alles für Rezepte genannt, um gegen die Kirchenaustrittswellen und leeren Gottesdienste vorzugehen. Mitunter klingt es so, als müsse man nur die Kirche renovieren, um das Problem zu lösen. Das jedoch scheint den Ernst der Lage zu verkennen. Die Krise ist viel zu groß, um durch dekorative Ausbesserungen gelöst werden zu können, die Kirche brennt und wir brauchen Feuerlöscher.

Die Krise ist eher eine Katastrophe

In den letzten Jahrzehnten wurde viel schöngeredet, doch es hilft alles nichts: Seit Jahrzehnten gibt es einen Abwärtstrend, und zwar ausschließlich einen Abwärtstrend, in allen Kategorien. Die absoluten Zahlen der Kirchenmitglieder gehen zurück, die Gottesdienstbesucher nehmen ab, die Zahl der Menschen, die sich als Christen bezeichnen und für die der Glauben im biblischen Sinne lebenswichtig ist sinken. Nach der Firmung hat die Kirche die Jugendlichen meist ganz verloren und sie sieht sie vielleicht Jahre später erst bei der Hochzeit wieder. Die Lage ist dramatisch, man kann auch sagen katastrophal. Es scheint immer weniger möglich, Menschen von Christus zu überzeugen. Glaube ist peinlich und lächerlich geworden. Selbst in der Kirche trifft man nicht selten auf Scham, wenn es um Glaube und Kirche geht. Die gesellschaftlichen Vorbilder scheinen längst außerhalb zu sein und ein Bekenntnis zum Atheismus macht beliebter als das Bekenntnis „Katholik“ zu sein. Freude, Spaß und Lifestyle jedenfalls werden nicht mit Kirche verbunden. „Wir machen hier Sterbebegleitung“, sagte mir mal ein Pfarrer, als es um die Zukunft der Gemeinden ging.  Hier gipfelten Jahrzehnte von Pastoralerfahrung in der traurigen Erkenntnis: Es geht letztlich nur darum, den Untergang möglichst menschlich zu verwalten. An eine Umkehr wird nicht mehr geglaubt

Das Schwinden des Glaubens hat eine lange Tradition

In der Geschichte der Kirche und des Christentums ist es nie perfekt gewesen und stets gab es Probleme, Krisen und Auseinandersetzungen. Dass die Kirchlichkeit der 50er Jahre nicht ewig wehren kann, ist selbstverständlich. Was aber neu scheint, ist das Phänomen, dass es diesmal nicht um Fragen der Kirchlichkeit oder Frömmigkeit geht, sondern um den Gottesglauben. Im 18. und mehr noch im 19. Jahrhundert, stößt man auf das Phänomen des bekennenden Atheismus, bei dem es nicht mehr um katholisch oder evangelisch, um Messopfer oder Erinnerungsmahl, sondern um die Leugnung Gottes selbst geht. Eine andere Strömung, die bei Gott nur ein Fragezeichen setzt, der Agnostizismus, das Nichtwissen und Achselzucken zur Frage nach Gott und Glaube, ist dabei heute sehr populär geworden, mitunter bereits eine Mehrheitsposition. Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère macht in seinem Buch „Reich Gottes“ genau auf den modernen agnostischen Zeitgeist aufmerksam. Glauben kann er nicht mehr, allein schon, um in seinen französischen Intellektuellenkreisen ernst genommen zu werden: „mir wurde klar, dass ich mich dafür schämte“, so seine Bewertung einer Konfrontation über seinen Glauben. Aber auch zum Glaubensinhalt selbst stellten sich für ihn kritische Fragen ein, die keine Lösung fanden. Patrick Blossier zitierend schreibt Carrère: „wie schauerlich weht uns dies Alles, wie aus dem Grabe uralter Vergangenheit an! Sollte man glauben, dass so Etwas noch geglaubt wird?“ Carrère beantwortet dies für sich selbst so: „Herr, ich gebe dich auf. Gib du mich nicht auf.“ Über sich sagt er, er sei „ein Ungläubiger, ein Agnostiker – nicht mal gläubig genug, um Atheist zu sein.“
Immerhin scheint bei Carrère die Sehnsucht bei gleichzeitiger Unmöglichkeit ihrer Erfüllung noch da zu sein. Ist nicht genau hier der Ort, wo Kirche ansetzen muss?

Bevor es um Reformen geht, muss über den Glauben geredet werden

Was also will man mit neuen Fenstern, wenn die Kirche brennt? Das Beispiel Carrères scheint symptomatisch für abertausende christliche Biographien zu sein. Er hat seine Entscheidung wohl aus der ganz persönlichen Erfahrung abhängig gemacht. Und dieser Glaubensverlust ist es, der die Kirche wie ein Brand bedroht. Hier wäre es wichtig, Wege zu finden, wie Menschen im Glauben gefestigt und gestärkt werden können. Es erinnert an die Frage Jesu, die besonders für Europa hochaktuell ist: „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?“ (Lk, 18,8).
Am Ende zählt, ob der Glaube bewahrt und vermehrt werden kann. Was muss geschehen, damit die Talfahrt nicht immer weitergeht? Sicher scheint, dass Verbands- und Strukturkatholizismen wenig bringen werden, da aus ihnen auch bisher kaum missionarische Impulse hervorgingen. Die Erneuerung wird wohl von kleinen christlichen Gruppen ausgehen, die aus sich heraus missionarisch und ansprechend wirken und so ganz neue Impulse setzen. Die Mitarbeit der Laien für die Glaubensverkündigung ist wichtiger denn je, um in Gesellschaft und Alltag die Rolle des Glaubens aufzuzeigen. Die Worte, die der hl. Franziskus einst empfangen haben soll, scheinen heute akuter denn je: „Geh, Franziskus, und bau meine Kirche wieder auf, die, wie du siehst, in Trümmern liegt.“

Josef Jung

Passen Rosenmontagsumzüge und die Fastenzeit zusammen?

Die Narren weinten am Rosenmontag, egal, ob sie es Karneval oder Fastnacht nannten. An vielen Orten wurden die Rosenmontagsumzüge wegen Sturmwarnungen abgesagt. Einige Festkomitees ließen nur verkleinerte Umzüge zu, in Köln verzichtete man etwa auf Pferde. Damit könnte die Geschichte eigentlich vorbei sein, wie der Karneval am Aschermittwoch vorbei ist. Doch viele Jecken wollen sich den Zug nicht nehmen lassen. Also wollen sie ihn, etwa in Trier, nachholen. Doch damit zerreißen sie die Einheit im liturgischen und karnevalistischen Jahreskreis, nach dem das Land tickt.

 Die Bischöfe, die darüber wachen, haben dazu keine einhellige Meinung. In Trier segnete Ackermann prophylaktisch die Entscheidungen des Komitees ab, weil man ja auch in der Fastenzeit fröhlich sein könne. Kardinal Woelki versuchte, den Zug wenigstens noch auf Laetare zu lenken, wurde aber vom Einzelhandel überstimmt, der an einem verkaufsoffenen Sonntag keinen Karnevalszug möchte. Manche Beobachter mag denken: Ist die Kirche närrisch?

 Feiern und Bützen geht auch ohne Kirche

 Dabei können sich die Karnevalisten einen Kommentar der Bischöfe zu ihrem Umzug ganz allgemein verbitten. Denn Kirche und Fastnacht haben in der säkularisierten Gesellschaft wenig miteinander zu tun. Das Feiern und Bützen ist nur noch für die wenigsten das letzte Aufgebot vor dem Fasten, sondern eine gerne angenommene Gelegenheit, anerkannt die Sau raus zu lassen. Wenn es im säkularisierten Karnevalsvergnügen keine direkte Verbindung mehr zur Praxis der Fastenzeit gibt, dann können die Narren auch in der Fastenzeit den Rosenmontagsumzug nachholen und die Bischöfe in der Kirche sein lassen.

 Die Kirche will lieber populär sein

 Zudem schadet es den Bischöfen in der öffentlichen Wahrnehmung nicht, wenn sie den zweiten Versuch der Karnevalisten absegnen. So wirken sie nicht wie verknöcherte Moralapostel, die streng auf die Einhaltung des Kirchenjahres pochen, sondern wie flexible, mitfühlende Fans karnevalistischer Fröhlichkeit, die auch in der Fastenzeit geht. Schlechte Presse wird Ackermann nicht wegen seinem Placet bekommen. Und Woelki kann sich eines konstruktiven Vorschlages rühmen, der die Interessen der Karnevalisten berücksichtigt.

Religion und Regeln

Andererseits ist die Verbindung von Fastnacht und Kirche noch vergleichsweise eng. Das Fest hängt immer noch vom Osterkalender ab und wird durch die kirchliche Tradition klar begrenzt. Die Jecken profitieren von dieser religiösen Grundierung ihrer Feier. Sie können sich ganz auf die Entfaltung konzentrieren, weil ihnen der Rahmen vorgegeben ist. Das verpflichtet auch zur Einhaltung von Regeln. Dazu gehört wesentlich: An Aschermittwoch ist Schluss. Ein Rosenmontagszug in der Fastenzeit ist fernab von dem, was die Kirche unter Karneval versteht. Es geht um Besinnung, Buße, und Umkehr. Das wird beim Karneval verfehlt. Aus religiöser Sicht ist daher der zweite Versuch abzulehnen.

Leitkultur bedeutet Verpflichtung

Durch seine Verwurzelung und seine religiöse Dimension ist der Karneval nicht nur Träger von Gaudi, sondern auch von Identität. In der Flüchtlingsdebatte ist das deutlich geworden. Flüchtlinge müssen über die Grenzen und Möglichkeiten des Karnevals aufgeklärt werden. Nicht nur, um Übergriffe zu vermeiden, sondern auch, um Integration zu ermöglichen. Wer den Karneval nicht versteht, der versteht auch einen wichtigen Teil Deutschlands nicht. Reiner Mohr spricht im Deutschlandradio vom Karneval, der „zum eisernen Kernbestand der deutschen Leitkultur gehört.“ Durch die enge Verflechtung zwischen Religion und Fastnacht-Tradition, hat die Kirche die Aufgabe, nicht nur die auf die religiöse, sondern auch auf die kulturelle Dimension hinzuweisen.

Ausnahmen müssen die Regel bestätigen

Es sprechen gute Argumente dafür, dass die Bischöfe einen Umzug in der Fastenzeit absegnen. Das Fest ist säkularisiert und die Kirche hat in den Komitees nichts zu melden. Gleichzeitig können sich die Bischöfe als verständnisvolle Hirten präsentieren. Andererseits ist es auch ihre Aufgabe, auf die Einhaltung der Ordnung im Jahreskreis zu achten und Karneval gehört indirekt dazu, gerade im katholischen Rheinland, wo sich Religion und Brauchtum vermischen. Es ist zudem Teil der deutschen Kultur geworden, in der die Kirche nach wie vor eine wichtige Rolle einnimmt. Die Bischöfe tendieren dazu, lieber populär zu sein, als harte Entscheidungen zu treffen. Einmal mag das gehen, aber nur, wenn die Ausnahme die Regel bestätigt.

Maximilian Röll

Das katholische Schisma: Kirche zwischen Sentimentalismus und Traditionalismus

“Schisma”, “Spaltung” – diese Worte rufen Ängste in der katholischen Kirche hervor. Denn in der Kirche gilt der Leitsatz: “In necessariis unitas” – im Notwendigen Einheit. Über die Frage was notwendig ist, gibt es jedoch keinen Konsens. So stehen sich verschiedene Lager unversöhnt gegenüber.

Kirche ist plural

Da die katholische Kirche kein monolithischer Block ist, sondern nach ihrem Selbstverständnis Gottes Werk für alle Menschen, kann Kirche nur plural sein. Das heute vorliegende unterschwellige Schisma bezieht sich auf die Frage, ob und wie Glaube und Vernunft zusammengehen. Es gibt neben dem Mehrheitskatholizismus zwei Ausprägungen, die beide aus der Auseinandersetzung mit der Moderne erwachsen sind.

Traditonalismus vs Sentimentalismus

Einige suchen Trost und Schutz in der Antihaltung des Traditionalismus. Demnach sei die (Post)Moderne ein Phänomen gesellschaftlicher Dekadenz. Zu großer Wohlstand und Freiheit habe die Menschen gottlos werden lassen. Die Lösung liege in der lateinischen Messe, einer klaren Linie und in “ewigen Wahrheiten”. Andersdenkende werden zu “Häretikern” erklärt. Man macht es sich gemütlich in selbstgerechter Sicherheit der ewigen Wahrheit und sieht alle Päpste nach Pius XII. als modernistisch an. Mitunter mischen sich Verschwörungstheorien in die Erklärungsversuche, warum die Kirche sich auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil modernisierte. Wichtige Schlagworte für dieses Lager sind: “Wahrheit”, “Irrtum”, Tradition”.

Andere wiederum haben Vernunft aus ihrem Glaubensleben gestrichen und suchen Trost in dem, was ihre Gefühle ihnen sagen. Sich wohlzufühlen, dafür sei Kirche da. Im chaotischen und kalten Universum eine Heimat finden, ankommen wie man ist, das sind mitunter die religiösen Motivationsgründe in einer individualistischen Zeit. Die Kirche wird dabei aus der Lebensrealität herausgerissen und der Gottesdienst wird zum Wohlfühlprogramm. Gott wird gefühlt, so wie alles Gute, Wahre und Schöne. Danach geht man hinaus in eine rationalisierte Welt. Zum Denken ist die Welt da, zum Wohlfühlen die Kirche. Für diese kirchliche Gruppe zählen Schlagworte wie: “Gefühl, Herz, Liebe”.

Beide Lager haben sich de facto gegenseitig exkommuniziert

Problematisch wird es, wenn beide Lager aufeinanderprallen. Die Traditionalisten haben eine klare Kante, verstehen Kirche vor allem klerikal-hierarchisch und werden jene, die sich am Gefühl orientieren, verketzern. Die Wahrheit allein habe Rechte und führe zum Heil, daher seien Häresievorwürfe nicht inhuman, sondern eine heilsnotwendige Pastoral.

Die Freunde der Gefühlskirche hingegen lehnen so eine Position ab. Sie wollen Kirche für alle sein und halten derart scharfe Ausdrucksweisen für inhuman und ausgrenzend. Dennoch haben sie ihre Überzeugungen, die unvereinbar sind mit entschiedenem Traditionalismus. Sie werden niemanden explizit exkommunizieren, aber durch “Liebesentzug”, d.h. durch Missachtung oder Sprüche der anderen Seite zu erkennen geben, dass sie unerwünscht ist.

Wie kann es da noch zur Einheit kommen?

Beide Bewegungen sind Auseinandersetzungen des Glaubens mit der modernen Welt. Traditionalismus ist Verweigerung gegenüber der Zeit, Sentimentalismus die Flucht des Glaubens in eine emotionale Parallelwelt. Es ist die Aufgabe der Theologie, hier zu vermitteln: Kirche ist weder in der Tradition gefangen, noch nur eine Sache für Gefühlsverliebte. Es geht um den ganzen Menschen, es geht um Glaube und Vernunft und darum, diese nicht als Gegensätze zu sehen. Man braucht weder in die Vergangenheit zu flüchten und diese fromm zu verklären, noch muss die Vernunft außen vor bleiben. Ein tragfähiger Glaube muss sowohl die emotionale als auch die rationale Dimension beinhalten. Vor dieser Herausforderung steht die Kirche wie jede/r einzelne Glaubende.

Josef Jung