Wieso wir das Kirchenasyl brauchen

45 Flüchtlinge im Regensburger Dom

Seit Dienstag kampieren 45 Flüchtlingen im Regensburger Dom, um sich vor der Abschiebung zu retten. Sie erbitten Kirchenasyl. “Wir haben uns entschlossen, in die Kirche zu gehen, zu Leuten Gottes, damit sie über unsere Zukunft entscheiden“, so der Flüchtlingssprecher Isen Asanowski. Das Bistum Regensburg hat erklärt, es verhandle mit den Behörden, damit die Flüchtlinge zunächst auf kirchlichem Grund bleiben können. Erfolgreich, denn die staatliche Administration hat versichert, das Gelände nicht zwangsräumen zu lassen. Dabei gibt es heute keine gesetzliche Regelung für ein Kirchenasyl mehr. Die Kirche hat nur die Möglichkeit die Abschiebung durch die Unterbringung der Flüchtlinge aufzuschieben oder zu verhindern. Es ist dabei im Interesse der Polizei und der Öffentlichkeit, dass keine Räumung der Kirche stattfindet.

Die Kirche zeigt sich in diesem Fall als Institution, die als Fürsprecherin der Schutzflehenden auftreten kann. Allerdings legt das Bistum Wert darauf, derzeit kein Kirchenasyl gewährt zu haben. Zwar möchte die Kirche ihrer humanitären Verantwortung gerecht werden, möchte aber die umstrittene Möglichkeit des Kirchenasyls nicht überreizen. Denn die Wirksamkeit des Kirchenasyls hängt davon ab, nur selten angewandt zu werden. Dann hat die Kirche ein Mittel zur Hand, den Menschen in Not zu helfen.

Schutz vorstaatlichem Irrtum

In Deutschland waren im Juni 2016 451 Personen gemeldet, die unter dem Schutz des Kirchenasyls stehen, darunter 108 Kinder. Gerade durch die Flüchtlingskrise ist die Zahl der Kirchenasyle rapide angestiegen. Die Mehrheit der Asylsuchenden waren Dublin-Fälle, denen eine Abschiebung in das Land bevorstand, indem sie erstmals europäischen Boden betreten haben. Nach Ansicht der Kirchen werden diese Flüchtlingen in diesem Land allerdings durch mangelnden Rechtsschutz oder unbillige Härte bedroht.

Kooperation von Kirche und BAMF

Das erste Kirchenasyl in seiner heutigen Form in Deutschland wurde 1983 gewährt. Zwar gibt es für das Verfahren keine gesetzliche Grundlage, aber faktisch hat sich ein Gewohnheitsrecht zwischen Kirchen und Behörden herausgebildet. Grundlagen bildet derzeit die 2015 geschlossene Vereinbarung zwischen den beiden Großkirchen mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF.

Demnach melden die Kirchen den Antrag von Flüchtlingen für Kirchenasyl schnellstmöglich an das Bundesamt weiter und bemühen sich dann um die erneute Überprüfung des Bleiberechts. 2015 erhielten etwa 90 Prozent der Flüchtlinge, die bei der Kirche Schutz suchten, im Anschluss an die Verhandlungen mit den Behörden einen positiven Aufenthaltsbescheid. “Für das Bundesamt hat das auch den Vorteil, dass sie so auf Fälle aufmerksam gemacht werden, die sie vorher vielleicht übersehen haben. Von daher ist es eine win-win Situation“ so Flüchtlingspfarrer Bernhard Fricke von der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche gegenüber Deutschlandradio.

Raum für Verhandlungen

Die Tradition des Kirchenasyls reicht bis weit in die Antike zurück. Schon im griechisch-römischen Kulturraum, aber auch bei den Germanen, galten die heiligen Bezirke als Schutzräume der Hilfesuchende. Das Temenos, der sakrale Raum eines Tempelbezirkes, war der profanen Welt und damit auch der weltlichen Gerichtsbarkeit entzogen. An diese Tradition schlossen sich die Kirchen an. In Verbindung mit ihrem gesellschaftlichen Ansehen nutzen die kirchlichen Würdenträger das, um mitunter mildere Strafen bei den weltlichen Herrschern für die Schutzsuchenden heraus zu handeln. Denn das vormoderne Kirchenasyl wurde vor allem von Verbrechern in Anspruch genommen, die mit schweren Strafen wie dem Tod zu rechnen hatten. Die Kirche diente in diesem Kontext als Mittler zwischen den Konfliktparteien. Diese Aufgabe nimmt die Kirche auch im modernen Kirchenasyl war, das heute vor allem politisch Verfolgten und Flüchtlingen zukommt.

Barmherzigkeit als Prinzip

Der Kirche ist damit aus der paganen Tradition eine Rolle zugewachsen, die ihr auch theologisch zukommt: “Die kirchlichen Autoren verweisen insbesondere auf das christliche Prinzip der Barmherzigkeit, der misericordia, das allen Verfolgten und Bedrohten zugute kommen soll“, so der Althistoriker Martin Dreher gegenüber Deutschlandradio. Das findet sich schon in der biblischen Tradition des Alten Testamentes begründet: Das Buch Deutoronomium weist etwa die Israeliten an, die Ruhe-Rechte des Sabbats auch den Fremden zu gewähren, die im Herrschaftsraum Israel leben. Auch Jesus verweist die Gläubigen auf die besondere Sorge gegenüber den Ausgestoßenen und Armen.

Der Konflikt mit der Staatsloyalität

Die Kirche ist sich allerdings bewusst, dass das Kirchenasyl ein Bruch mit der Staatsloyalität ist, zu der sie, nach Paulus, verpflichtet ist. Freilich kann sich der Christ auf seine Gewissenspflicht beziehen, wonach er unmoralischen Anweisungen des Staates nicht zwingend folgen muss. „Dieser Grund gilt von dem Gesetz, das die Untergebenen in ungerechter Weise drückt; denn auch so weit reicht die von Gott gewährte obrigkeitliche Vollmacht nicht. Deswegen ist der Mensch auch in diesen Fällen nicht zum Gehorsam gegen das Gesetz verpflichtet, wenn er ohne Ärgernis oder größeren Schaden Widerstand zu leisten vermag“, so Thomas von Aquin in seiner Summe der Theologie.

Strenge Regeln für die gute Sache

Für die Kirche gelten entsprechend strenge Kriterien, unter denen sie Kirchenasyl gewährt. Erst wenn alle legalen Einflussmöglichkeiten erschöpft sind, eine schwerwiegende Ungerechtigkeiten droht, die verfassungsmäßige Ordnung nicht infrage gestellt wird und die Maßnahmen gewaltfrei ablaufen, kann sie dieses gewähren. Auch ist das Kirchenasyl immer im Einzelfall zu prüfen und gilt nicht für Gruppen.

Das ist der Grund, weswegen das Bistum Regensburg für die Flüchtlinge in seinem Dom bislang kein Kirchenasyl gewährt hat, sondern nur Unterstützung. Es kommt der Kirche nicht zu, ihre Instrumente anzuwenden, um eine politische Forderung durchzusetzen. Als humanitäre Notmaßnahme zum Schutz der Verfolgten, um den Staat auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen und diese zu verhindern, ist es aber ein bewährtes Mittel.

Maximilian Röll

Von Gottes Gnaden Papst. Wie der absolute Monarch Franziskus die Kirche nicht verändert

Papst Franziskus wurden in den ersten Jahren seines Pontifikats viele positive Eigenschaften zugeschrieben. Er sei liebenswürdig, offen und erneuernd. Die Medien freuten sich über Szenen, in denen Papst Franziskus bescheiden im Hotel wohnt, Kardinäle tadelt und auf Synoden frei diskutieren lässt. Es entstand das Konzept eines Papstes, der über der Kirche steht und charismatisch in ein angeblich verstaubtes Räderwerk hineinwirkt. Daraus ziehen manche Beobachter den Schluss, der Papst sei Teil einer modernen, demokratischen und pluralen Gesellschaft. In die wolle er die Kirche hinziehen. Doch sie tun dem Papst unrecht.

Franziskus ist nicht Teil der modernen westlichen Gesellschaft

Franziskus ist nicht Teil der modernen westlichen Gesellschaft. Und er ist nicht gegen oder über seiner Kirche Papst. Wie seine Vorgänger kann er nur in und mit der Kirche sein Amt ausüben und ist daher an die Formen und Vollmachen gebunden, die seine Position ihm zur Verfügung stellt.

Allerdings zeichnet ihn die Selbstverständlichkeit aus, mit der er die Möglichkeiten des Papsttums ausreizt und die Publicity, die er damit generieren kann. Franziskus hat es geschafft, sich als absoluter Monarch zu benehmen und dabei wie ein guter Kumpel von Nebenan zu wirken. Doch dabei handelt es sich um kein neues Phänomen.

Das Bedürfnis des Monarchen geht vor

Schon immer gelang es Monarchen, ihre Macht in volkstümliche Formen zu kleiden und ihre persönlichen Wünsche als Tugenden zu etikettieren. Ein Beispiel hierfür ist die Wohnung des Herrschers. Franziskus zog gegen den Brauch nicht in das Appartement im Apostolischen Palast, sondern blieb in der Casa Santa Marta. Das hat aber nichts mit Bescheidenheit zu tun.

Wer frisch renovierte Zimmer nicht nutzt und dafür andere Räume belegt, handelt nicht tugendhaft. Er setzt seinen Willen durch und räumt seinen Wünschen den Vorrang ein. Denn der Papst wohnt zwar selbst nur in einer Suite, im Hotel werden aber durch die dauernde Anwesenheit des Pontifex zahlreiche weitere Zimmer benötigt, etwa für die Sekretäre und den Sicherheitsapparat. Diesen Luxus gönnt sich Franziskus, denn er will lieber mit vielen anderen Menschen in einem Haus wohnen, anstatt hoch oben in den päpstlichen Gemächern.

Er folgt damit dem Beispiel von Monarchen, die sich auch das Recht herausgenommen haben, dort zu wohnen, wo sie wollten. Viele Herrscher haben nicht in den riesigen Palästen gewohnt, die heute staunend bewundert werden. Friedrich II. von Preußen etwa verbrachte die Sommermonate überwiegend im Schloss Sanssouci. Im Berliner Stadtschloss weilte er fast nie, das Neue Palais in Potsdam wurde ebenfalls kaum von ihm selbst bewohnt, sondern als „Fanfaronade“, zur protzigen Außendarstellung genutzt. Auch hier ging es nicht um Bescheidenheit. Friedrich fühlte sich in seinem Potsdamer Weingarten einfach wesentlich wohler. Doch damit enden die Ähnlichkeiten zwischen Franziskus und Friedrich II. nicht.

Franziskus und sein Kabinett

Wie ein absolutistischer König geht der Papst auch mit seiner Kurie um. Er hat schon vor Jahren mit den K9 einen Rat von Kardinälen gegründet, der über die Struktur der Kurie beraten, ohne ein Teil der Kurie zu sein. Zwar gehören einige Kardinäle zur römischen Zentrale, die meisten kommen aber aus der Weltkirche. Das Gremium kann sich auf keine verfasste Ordnung stützen. Mitglieder und Tagesordnung werden allein vom Papst bestimmt. Damit entspricht dieser Rat den Kabinettsräten der frühen Neuzeit, in der sich die Fürsten mit ausgewählten Personen in vertrautem Kreis berieten und Entscheidungen vorbereiteten. Minister und Adlige hatten zu diesen Treffen häufig keinen Zutritt, sowenig wie die Präfekten der Dikasterien zum K9-Rat.

Auch sein neuestes Schreiben „Amoris Laetitia“ ist nicht Produkt eines demokratischen Prozesses. Die Familiensynode hat über das Schreiben nicht abgestimmt, wie das in einem Parlament geschieht. Zwar haben die Bischöfe noch nie so offen in der Geschichte dieser Institution debattiert. Auch wurden die Themen selten so kontrovers von den Teilnehmern behandelt und bis zuletzt um Formulierungen gerungen. Doch diese Formulierungen waren weniger an die Öffentlichkeit gerichtet, sondern an den Papst. Sie dienten ihm als Ratschlag für sein eigenes Schreiben. Franziskus stand es frei, wie er mit den Unterlagen umgeht. Nicht umsonst wurde der Text so spannungsvoll erwartet und als Werk des Papstes bezeichnet, nicht als Produkt der Familiensynode.

Auch die Kardinalernennungen der vergangenen Jahre kamen häufig überraschend. So hat der Papst viele Bischöfe aus den Entwicklungsländern zu Kardinälen kreiert. Bischofsstühle und Ämter, die traditionell mit dem Kardinalshut verbunden waren, konnten hingegen leer ausgehen. So wurden beim vergangenen Konsistorium weder der Archivar des vatikanischen Geheimarchivs noch der Erzbischof von Philadelphia ernannt, obwohl deren Position eine Kreierung wahrscheinlich gemacht hätten. Dagegen erhielten andere Hirten den Purpur, die bislang keine weltkirchliche Relevanz besaßen, etwa der Bischof von Santiago de Cabo Verde, dessen Bistum auf einer unabhängigen Inselgruppe im Atlantik liegt, von dessen Existenz selbst Fachleute nur selten etwas gehört haben.

Wieso der Papst die Lehre unberührt lässt

Nur in einem Aspekt zeigt sich Franziskus in der Linie seiner Vorgänger: in Fragen der Lehre. Zwar signalisiert er den Ortskirchen immer wieder, die Gläubigen weniger mit Strenge zu behandeln, sondern mehr mit Barmherzigkeit, auch lockert er an mehreren Stellen disziplinäre Vorschriften. So werden Frauen und Männer, die Laien sind, stärker an Leitungsämtern in der Kirche beteiligt. Aber er verweist bei theologischen Fragen immer wieder auf den Katechismus, auf die Verlautbarungen seiner Vorgänger und auf die Glaubenskongregation. Er setzt eigene Akzente, ohne die Bestimmungen seiner Vorgänger in fundamentalen Fragen zu korrigieren.

Doch wieso rüttelt Franziskus an allem, aber nicht am Fundament der Kirche? Nicht an der Hierarchie, den strengen Dogmen und dem mystischen Zauber, der dem Vatikan innewohnt? Wieso fährt er an vielen Tagen aus der modernen Casa Santa Marta in den apostolischen Palast, um in der Bibliothek seiner Vorgänger Gäste zu empfangen, die von Kammerherren und Schweizergardisten herangeführt werden?

Der Zauber von Franziskus generiert sich nicht allein aus seinem Charakter. Zwar war schon Jorge Mario Bergoglio ein bekannter und populärer Bischof. Auch seine beiden Vorgänger waren vor ihrer Papstwahl anerkannt und auf ihre jeweilige Art charismatisch. Doch erst die weiße Soutane hat ihnen jene Aura verliehen, die sie auf je unterschiedliche Weise mit ihrer Persönlichkeit verbanden. Das gilt auch für Franziskus. So erklären Besucher, sie verspüren bei ihm keine Distanz und der Papst achte nicht auf ein Gefälle oder eine Hierarchie zwischen sich und seinem Gegenüber. Doch setzt dieser Eindruck voraus, dass es ein Gefälle gibt. Erst das mystisch aufgeladene Amtscharisma schafft den Rahmen, in dem die Persönlichkeit des Papstes die beschriebene Wirkung entfaltet. Deswegen rüttelt der Papst bei aller Souveränität nicht an der Substanz seines Glaubens und seiner Organisation. Sie bilden die Basis seiner Macht, seines Denkens und seines Glaubens. Die Kirche wird unter ihm bleiben, was sie ist, nicht trotz, sondern wegen des Papstes, der Franziskus heißt.

Maximilian Röll

Die Kirche brennt – wir brauchen Feuerlöscher, keine neuen Fenster

Was werden nicht alles für Rezepte genannt, um gegen die Kirchenaustrittswellen und leeren Gottesdienste vorzugehen. Mitunter klingt es so, als müsse man nur die Kirche renovieren, um das Problem zu lösen. Das jedoch scheint den Ernst der Lage zu verkennen. Die Krise ist viel zu groß, um durch dekorative Ausbesserungen gelöst werden zu können, die Kirche brennt und wir brauchen Feuerlöscher.

Die Krise ist eher eine Katastrophe

In den letzten Jahrzehnten wurde viel schöngeredet, doch es hilft alles nichts: Seit Jahrzehnten gibt es einen Abwärtstrend, und zwar ausschließlich einen Abwärtstrend, in allen Kategorien. Die absoluten Zahlen der Kirchenmitglieder gehen zurück, die Gottesdienstbesucher nehmen ab, die Zahl der Menschen, die sich als Christen bezeichnen und für die der Glauben im biblischen Sinne lebenswichtig ist sinken. Nach der Firmung hat die Kirche die Jugendlichen meist ganz verloren und sie sieht sie vielleicht Jahre später erst bei der Hochzeit wieder. Die Lage ist dramatisch, man kann auch sagen katastrophal. Es scheint immer weniger möglich, Menschen von Christus zu überzeugen. Glaube ist peinlich und lächerlich geworden. Selbst in der Kirche trifft man nicht selten auf Scham, wenn es um Glaube und Kirche geht. Die gesellschaftlichen Vorbilder scheinen längst außerhalb zu sein und ein Bekenntnis zum Atheismus macht beliebter als das Bekenntnis „Katholik“ zu sein. Freude, Spaß und Lifestyle jedenfalls werden nicht mit Kirche verbunden. „Wir machen hier Sterbebegleitung“, sagte mir mal ein Pfarrer, als es um die Zukunft der Gemeinden ging.  Hier gipfelten Jahrzehnte von Pastoralerfahrung in der traurigen Erkenntnis: Es geht letztlich nur darum, den Untergang möglichst menschlich zu verwalten. An eine Umkehr wird nicht mehr geglaubt

Das Schwinden des Glaubens hat eine lange Tradition

In der Geschichte der Kirche und des Christentums ist es nie perfekt gewesen und stets gab es Probleme, Krisen und Auseinandersetzungen. Dass die Kirchlichkeit der 50er Jahre nicht ewig wehren kann, ist selbstverständlich. Was aber neu scheint, ist das Phänomen, dass es diesmal nicht um Fragen der Kirchlichkeit oder Frömmigkeit geht, sondern um den Gottesglauben. Im 18. und mehr noch im 19. Jahrhundert, stößt man auf das Phänomen des bekennenden Atheismus, bei dem es nicht mehr um katholisch oder evangelisch, um Messopfer oder Erinnerungsmahl, sondern um die Leugnung Gottes selbst geht. Eine andere Strömung, die bei Gott nur ein Fragezeichen setzt, der Agnostizismus, das Nichtwissen und Achselzucken zur Frage nach Gott und Glaube, ist dabei heute sehr populär geworden, mitunter bereits eine Mehrheitsposition. Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère macht in seinem Buch „Reich Gottes“ genau auf den modernen agnostischen Zeitgeist aufmerksam. Glauben kann er nicht mehr, allein schon, um in seinen französischen Intellektuellenkreisen ernst genommen zu werden: „mir wurde klar, dass ich mich dafür schämte“, so seine Bewertung einer Konfrontation über seinen Glauben. Aber auch zum Glaubensinhalt selbst stellten sich für ihn kritische Fragen ein, die keine Lösung fanden. Patrick Blossier zitierend schreibt Carrère: „wie schauerlich weht uns dies Alles, wie aus dem Grabe uralter Vergangenheit an! Sollte man glauben, dass so Etwas noch geglaubt wird?“ Carrère beantwortet dies für sich selbst so: „Herr, ich gebe dich auf. Gib du mich nicht auf.“ Über sich sagt er, er sei „ein Ungläubiger, ein Agnostiker – nicht mal gläubig genug, um Atheist zu sein.“
Immerhin scheint bei Carrère die Sehnsucht bei gleichzeitiger Unmöglichkeit ihrer Erfüllung noch da zu sein. Ist nicht genau hier der Ort, wo Kirche ansetzen muss?

Bevor es um Reformen geht, muss über den Glauben geredet werden

Was also will man mit neuen Fenstern, wenn die Kirche brennt? Das Beispiel Carrères scheint symptomatisch für abertausende christliche Biographien zu sein. Er hat seine Entscheidung wohl aus der ganz persönlichen Erfahrung abhängig gemacht. Und dieser Glaubensverlust ist es, der die Kirche wie ein Brand bedroht. Hier wäre es wichtig, Wege zu finden, wie Menschen im Glauben gefestigt und gestärkt werden können. Es erinnert an die Frage Jesu, die besonders für Europa hochaktuell ist: „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?“ (Lk, 18,8).
Am Ende zählt, ob der Glaube bewahrt und vermehrt werden kann. Was muss geschehen, damit die Talfahrt nicht immer weitergeht? Sicher scheint, dass Verbands- und Strukturkatholizismen wenig bringen werden, da aus ihnen auch bisher kaum missionarische Impulse hervorgingen. Die Erneuerung wird wohl von kleinen christlichen Gruppen ausgehen, die aus sich heraus missionarisch und ansprechend wirken und so ganz neue Impulse setzen. Die Mitarbeit der Laien für die Glaubensverkündigung ist wichtiger denn je, um in Gesellschaft und Alltag die Rolle des Glaubens aufzuzeigen. Die Worte, die der hl. Franziskus einst empfangen haben soll, scheinen heute akuter denn je: „Geh, Franziskus, und bau meine Kirche wieder auf, die, wie du siehst, in Trümmern liegt.“

Josef Jung