Ziellose Ökumene?

Die Treffen mit unterschiedlichen Religionsvertretern, in Lund, Kreta, Tiflis, Kuba, Turin und anderen Städten zeigten, dass der Papst sich um den ökumenischen Dialog bemüht. Kardinal Koch äußerte sich kritisch indem er sagte, dass die Ökumenebewegung ziellos sei. Meist werden keine gemeinsamen Ziele artikuliert. Jedoch wird über ein gemeinsames Miteinander gesprochen, aber wie die Gräben überwunden werden können, bleibt unklar.

500 Jahre Luther

Am 31. Oktober traf Papst Franziskus in Schweden ein. Zusammen mit der lutherischen Kirche von Schweden, begeht er den Reformationstag. Das Treffen ist das erste seiner Art in Lund, zumal die Feier zu 500 Jahren Reformation begangen wurde. Der Papst setzt damit ein starkes Zeichen für die Ökumene und betet zusammen mit den lutherischen Bischöfen das ökumenische Gebet. Entscheidend ist hierbei nicht das gemeinsame Gebet, sondern die gemeinsame Erklärung zwischen der schwedischen Lutherischen und Katholischen Kirche. Eines der wichtigsten Themen der Deklaration: Das Abendmahl. Beide Parteien erklären, dass die religiösen Gemeinschaften sich nach einem gemeinsamen Abendmahl sehnen und dass das eines der Ziele der Einheit zwischen Lutheranern und Katholiken sei.

Undefiniert bleibt der Weg zum Ziel. Zwar wird in ökumenischen Räten weiterhin über eine Lösung für die Mariologie, Eucharistie und das Evangelium diskutiert. Nach außen hin wird kein konkretes Ziel definiert, sondern überwiegend geschildert, dass beide Kirchen sich innerhalb von 50 Jahren ökumenischen Dialog angenähert haben. Ebenso wird beschrieben, dass die Taufe beide Konfessionen miteinander verbindet. Der Weg liegt im gemeinsamen Gebet und in der Verständigung zwischen den Gläubigen, sowie den Kirchenoberhäuptern. Eine Einigung in theologischen Fragen, wird der nächste Schritt sein, um den weiten Graben, den die teils heftigen Auseinandersetzungen mitverursacht haben, zu überwinden.

Die Orthodoxen als Glaubensbrüder

Ökumenische Treffen zwischen der Orthodoxen und Katholischen Kirche gab es in den letzten Jahren haufenweise: Kuba, Tiflis, Kreta. Der Besuch der unterschiedlichen Konfessionen, kurz nach dem Amtsantritt des Papstes, war mehr auf die Ökumene zwischen Orthodoxer und Katholischer Kirche ausgerichtet, als zwischen den anderen Konfessionen. Dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. wurde ein Ehrenplatz gestellt. Diese Geste zeigt eine tiefe Verbundenheit zur Orthodoxie.

In der Ökumene zwischen Orthodoxen und Katholiken wurden ebenso wie zwischen Lutheranern und Katholiken, viele Erklärungen verfasst. Die Ausführungen sind selten von theologischer Natur, sondern von politischen Zielen geprägt. In der Erklärung von Kreta, geht es vorzugsweise um eine christliche Flüchtlingspolitik. Hingegen wurde sich auf Kuba für die Hilfe im Nahen Osten ausgesprochen. Es gab dennoch ein gemeinsames Ziel, neben der humanitären Hilfe: Die Einheit der Christenheit. In den Dokumenten wird größtenteils von „Brüdern“ oder „Geschwistern“ gesprochen. Ebenso wird gesagt, dass aufgrund historischer Ereignisse die Kirchen getrennt sein und diese Geschehnisse aufgearbeitet werden sollen.

Das Bestreben ist hierbei genauso beschrieben wie in den Dokumenten von Lund, dennoch zeigt sich kein gemeinsamer Weg, sondern nur das gewünschte Ziel. Das Treffen des Papstes in Georgien lässt aber vermuten, was eine gemeinsamen Richtungen wäre: Der freundschaftliche Kontakt zu anderen Konfessionen. In Georgien nämlich wurde Papst Franziskus seitens der Georgisch orthodoxen Gläubigen als Ketzer und Herätiker beschimpft, was auf die religiöse Bildung der Gesellschaft rückschließen lässt. Die Kirche Georgiens gilt neben der russischen Kirche, als konservativste Kirche der Orthodoxie.

Wohin führen weitere Wege?

Papst Franziskus wird seinen Weg für die Verständigung zwischen religiösen Gruppen weiter gehen. Er wirkt als Botschafter der Einheit. Aufgrund seiner ständigen Besuche oder Treffen mit religiösen Oberhäuptern, versucht der Pontifex ein Vorbild für die Ökumene zu sein. Dokumente und Erklärungen  sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dennoch sind die Gesten, die der Papst auf seinen Treffen zeigt, große Schritte zu einer belebten Ökumene. Papst Franziskus nimmt den Gläubigen die Angst vor den anderen Religionen und versucht die Angst der anderen Religionen gegenüber der Katholischen Kirche zu nehmen. Er reist in die Länder, in denen der Dialog in geringem Maße gefördert wird.

Eine der nächsten Stationen des Papstes ist der Besuch des 50. Jahrestages der charismatischen Erneuerung im Jahr 2017 im Circus Maximus. Das Treffen ist während der ökumenischen Gespräche entstanden. Dazu erzählt der Papst, er sei selbst der größte Kritiker der Charismatiker gewesen, während seiner Zeit als jesuitischer Provinzial in Buenos Aires. Er fügte hinzu, dass er heute anders denke, wenn die Treffen gut gemacht sind. Genau diese Entwicklung, welche Franziskus selbst erlebt hat, versucht er in den Gläubigen zu bewirken und geht als Beispiel voraus.

Alexander Radej

Ein tiefer Graben

Papst Franziskus besuchte vom 30.09 bis 02.10.2016 Georgien und Aserbaidschan. Jedoch wurde seine Reise nicht von allen Georgiern mit freudiger Stimmung aufgenommen. Konservative Kleriker und Verbände wetterten im Vorfeld gegen den Besuch des Papstes. Am Ende steht die Absage des gemeinsamen Gebetes zwischen Papst Franziskus und Patriarch Ilja II.

Sobald der Besuch des Papstes in einem Land ankündigt wird, freuen sich die katholischen Gläubigen des Landes. In Georgien war das anders. Als Papst Franziskus seinen Besuch ankündigte, rumorte es schon bei der Union für orthodoxe Eltern in Georgien. Laut den geistlichen orthodoxen Führern ist der Besuch des Papstes ein großer Fehler.

Die Ablehnung war so groß, dass Massen auf die Straße gingen, um gegen den Papst zu demonstrieren. Transparente mit „Erzketzer“ oder Aussprüchen wie „Der Papst will Georgien mit seinem Besuch zu einer katholischen Kolonie machen.“, sprachen für sich. Was war das Problem des Besuches?

Tiflis lud den Papst ein

Der Besuch des Papstes ist seitens des Katholikos-Patriarchen Ilja II., dem obersten Bischof für ganz Georgien, forciert worden. Umso unverständlicher sind die Proteste seitens der orthodoxen Geistlichen. Georgien ist aber seit jeher nicht dafür berühmt, sich für die Ökumene mit den Katholiken einzusetzen. Kurz vor dem Panorthodoxen Konzil auf Kreta sagte die Georgische Kirche Bartholomaios I., dem Patriarchen von Konstantinopel, für das Konzil ab. Für sie war ein Passus entscheidend, der den Namen „Katholische Kirche“ akzeptierte. Die Delegationen, die im Vorfeld die Konzilsdokumente entworfen haben, hatten im Konzilsdekret geschrieben, dass die Orthodoxen, den historischen Namen der Katholischen Kirche akzeptiere. Das macht die Katholiken, aus orthodoxer Sicht, nicht zur Kirche im theologischen Sinne, trotzdem darf sie als solche genannt werden. Das wollte die georgisch orthodoxe Kirche nicht.

Die konservative Haltung der Georgischen Kirche spiegelte sich auch beim Papstbesuch wieder. Entscheidend war für die Demonstranten, das gemeinsame Gebet zwischen Ilja II. und Papst Franziskus zu verhindern. Das schafften sie auch. Ilja II. erteilte dem Papst eine freundliche Absage. Höchstwahrscheinlich wollte der Patriarch die orthodoxe Bevölkerung beruhigen und seine Position als Patriarch in Frage stellen lassen. Ilja II. ist im Vorfeld bei der russischen Kirche in Ungnade gefallen. Er hatte sich für eine Monarchie unter der Führung der Bagraditen-Dynastie, die von von Zar Nikolaus abgesetzten wurden, eingesetzt.

Ebenso wäre die Außendarstellung des Patriarchates gefährdet und die Teilkirche könnte als zu „ökumenefreudig“, gar unionswillig, auffallen. Das Patriarchat hingegen gab offiziell bekannt, dass sie die dogmatischen Unterschiede als einen Grund dafür ansah, das gemeinsame Gebet abzusagen.

Der einsame Papst

Trotz alledem flog der Papst nach Georgien. Er traf Ilja II. und wechselte ein paar freundliche Worte mit ihm. Am 01.10. feierte der Papst eine Messe im Micheil-Meschi-Stadion, das knapp 27.000 Plätze hat. Gekommen waren 3.000 von 110.000 Gläubigen. Nicht nur die geringe Anzahl der Gläubigen ist verwunderlich, sondern auch die fehlende Teilnahme einer orthodoxen Delegation während des Gottesdienstes. An diesem Morgen wurden keine Vertreter der Georgisch Orthodoxen Kirche im Stadion gesichtet.

Der tiefe Graben wird nicht schmaler

Seit Jahren diskutieren Orthodoxe und Katholiken miteinander. Das Schisma von 1054 wurde noch lange nicht überwunden, auch wenn Annäherungen zu beobachten sind. Immer wieder aufs Neue wird Öl in das Feuer des Schismas gegossen. Aufgrund der früh entstandenen Trennung zwischen Ost- und Westkirche, entstanden theologische Unterschiede. Diese Unterschiede müssten aufgearbeitet werden, damit die Kirchen sich annähern können.

Selbst wenn die Orthodoxen Geistlichen dazu bereit wären, zusammen mit der Katholischen Kirche, einen Schritt aufeinander zuzugehen, wären die Laien bei Weitem nicht bereit für diesen Schritt. Denn die Laien besitzen, genau wie einige Geistliche, eine zu starke Identifizierung zwischen nationaler Zugehörigkeit und Religion. Der Erzfeind der östlichen Nationen ist nach wie vor der Westen und der religiöse Feind die Katholische Kirche.

Alexander Radej

Zusammenarbeit trotz theologischer Unterschiede

Durch seine Grußworte an die Waldenser und Methodisten, deren Synode am 26.08. in Turin beginnt, hat Papst Franziskus in den Medien für Erstaunen gesorgt. Der Pontifex sprach sich für eine gemeinsame Arbeit im Bereich Umweltschutz und Flüchtlingshelfen aus, aber nicht von einer gemeinsamen communio. In den vergangenen Monaten hat sich der Papst auch mit den Orthodoxen Christen über ein gemeinsames Vorgehen in der Flüchtlingskrise und dem Umweltschutz korrespondiert und Erklärungen unterzeichnet.

Papst Franziskus reicht in seinem Grußwort den Waldensern die Hand und plädiert für eine gemeinsame Zusammenarbeit der Katholischen Kirche und der christlichen Gemeinschaft. Dabei ist die Geschichte der beiden christlichen Gemeinschaften von Ablehnung geprägt.  Die Waldenser entstanden im 12. Jahrhundert in Italien und Süddeutschland als Gemeinschaft religiöser Laien. Vor ihrem Rückzug in die Südalpen wurden sie von der Inquisition als Herätiker verfolgt. Papst Franziskus hatte mit seiner Grußbotschaft zur Synode der Waldenser und Methodisten ein neues Kapitel eröffnet, da er sich für einen gemeinsamen Weg zwischen beiden Gemeinschaften ausgesprochen hat.

Der Pontifex plädierte für ein gemeinsames Engagement der Katholiken mit den Waldensern in Fragen des Naturschutzes und der Flüchtlingshilfe, wobei der Papst besonders die Opfer des Syrienkrieges in den Blick nahm. Er betonte aber auch die Unterschiede zwischen den Kirchen und sagte, diese seien nicht von der Hand zu weisen.

Nicht der erste Fall

Wie die Päpste vor ihm bemüht sich Franziskus, trotz theologischer Gräben, um die Zusammenarbeit mit verschiedenen Religionen in sozialen, umweltpolitischen und ethischen Fragen. Neben den Waldensern sind auch die Orthodoxen ein wichtiger Kooperationspartner. Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. trafen sich bereits auf Kreta und unterzeichneten eine Erklärung. In dieser steht die gemeinsame Arbeit für Umweltschutz und Flüchtlingshilfe im Vordergrund. Auch mit dem Russischen Patriarchen Kyrill gab es eine ähnliche Erklärung auf Kuba. Franziskus war der erste Papst, der sich mit einem russischen Patriarchen getroffen hat.

Zusammenarbeit oder communio?

Die Erklärungen mit der Orthodoxen Kirche und die Gespräche mit den Waldensern deuten nicht auf eindeutigen Schritte Richtung communio, welche die vollkommene Kirchengemeinschaft beschreibt, hin. Eher wird eine gemeinsame Arbeit betont, die eine bessere Zukunft versprechen soll. Dabei bezieht sich der Papst auf Ziele, welche der christlichen Kultur bekannt sein dürfte, nämlich die Liebe zu Gottes Schöpfung.

Einer gemeinsamen Arbeit steht nichts im Wege, wenn sich auch die Kirchen theologisch unterscheiden. Zwischen Orthodoxen und Katholiken gibt es einige, aber nicht viele theologische Unterschiede. Die Katholische Kirche weist hingegen viele Unterschiede zu den Waldensern auf, welche seit dem 16. Jahrhundert dem Calvinismus anhängen. Deswegen ist der Kontakt zwischen Papst und Waldenser als Zeichen so bedeutend. Beide Gemeinschaften können aber aufgrund der eines gemeinsamen Zieles zusammenarbeiten.

Die communio kann so mit Leben erfüllt werden. Wenn alle christlichen Religionen gemeinsam für dieselben Werte einstehen und die Gläubigen sich durch das gemeinsame Engagement der Ziele kennenlernen, ist viel gewonnen. Denn eine communio kann leichter hergestellt werden, wenn die unterschiedlichen Religionen, insbesondere Katholische, Orthodoxe Kirche und Protestantische Gemeinschaften, sich kennen lernen. Denn die Mitglieder der verschiedenen Kirchen kennen die Mentalität und Tradition der Anderen nicht. Somit ist ein gemeinsamer Standpunkt schwer auszumachen. Dabei können Kooperationen die Brücke zwischen den unterschiedlichen Traditionen und Mentalitäten sein und ein besseres Verständnis füreinander fördern.

Alexander Radej