War das Grab an Ostern leer?

Das Neue Testament berichtet von den Frauen, die am Ostermorgen das Grab, in das Jesus am Karfreitagabend gelegt worden war, leer vorgefunden haben. Diese Berichte werden von vielen Exegeten als Legenden eingestuft. Tatsächlich habe der Leichnam noch im Grab gelegen und die Erzählungen sind Fiktion. Diese Theorie ist aus zwei Gründen fraglich: In den biblischen Texte gibt es keine Anzeichen dafür und wenn es Reliquien von Jesus gegeben hätte, wäre das geheim zuhalten gewesen?

Das Grab musste als leer hingestellt werden, weil Jesus auch mit seinem Leib auferstanden ist

Für Maria von Magdala, für die anderen Frauen, die zum Grab kamen, für Petrus und Johannes war das Grab leer. Für viele Bibelwissenschaftler ist der weggewälzte Stein dagegen nur eine nachträglich entwickelte Legende, die logischerweise erzählt werden musste, wenn Jesus tatsächlich als Auferstandener leibhaftig erschienen sein soll. Für sie steht fest: Jesus war so tot, dass er nicht in dieses Leben zurückgekommen ist. Er hatte seinen Tod vorausgeahnt und ging wohl nicht davon aus, dass der in dieses Leben zurückkehren würde. Er sollte in ein anderes Leben auferstehen. Daraus folgt eigentlich: Sein Leichnam musste wie der anderer Verstorbener im Grab liegen. Das leere Grab musste von den Anhängern Jesu deshalb postuliert werden um seine leibhafte Auferstehung plausibel zu machen. Denn wenn er leibhaftig auferstanden ist, dann muss sein Grab leer sein. Die Geschichte des leeren Grabes ist damit eine Erfindung der ersten Christen.

Der Sprung zwischen zwei Gedanken bleibt

Wer diese Schlussfolgerung, die Geschichte vom leeren Grab sei eine bloße Legende, nicht mit vollzieht, kann leicht in den Geruch eines theologischen Naivlings geraten. Ehe man sich aber mit der Rolle des Naivlings abfindet, muss man mit dem Denken innehalten. Ist die oben skizzierte Schlussfolgerung einfach so möglich?

Basis der Argumentation ist die naturwissenschaftliche Ebene. Ein Leichnam löst sich nicht in drei Tagen restlos auf.  Die daraus gefolgerte Behauptung, das leere Grab sei Produkt einer Legendenbildung und nicht real leer gewesen, scheint logisch stringent zu sein. Doch diese Legende ist nicht auf der naturwissenschaftlichen Ebene überprüfbar, sondern ist auf der psychologischen angesiedelt. Es ist erst einmal nur eine Hypothese, die besagt: die Anhänger haben, um ihre Predigt von der leiblichen Auferstehung Jesu zu untermauern, die Legende vom leeren Grab entwickelt. Lassen sich in der Überlieferung Hinweise finden, die zumindest vermuten lassen, es habe in dem Grab noch etwas gegeben? Diese Andeutungen müssten von den Vertretern der These, das Grab sei nicht leer gewesen, angeführt werden. Drei gewichtige Punkte sprechen gegen die Hypothese der Legendenbildung:

1. Die biblischen Texte tendieren zur Eindeutigkeit.

Die Textsammlung aus vier Evangelien, Apostelgeschichte, Briefen und Apokalypse geht insgesamt davon aus, dass Jesus nicht ein gewöhnlicher Toter ist, für den es irgendwann ein Weiterleben nach seinem Ableben gibt, sondern dass mit ihm etwas Entscheidendes passiert ist. Die These lautet etwa so: „Der Grabstein war weggerollt, er ist nicht verwest, nicht nur seine Seele ist dem Tod entronnen, sondern auch sein Leib.“ Da die heute vorliegenden Texte erst später aufgeschrieben wurden, hätte die Erfindung eines leeren Grabes in den Gemeinden weiter erzählt werden müssen und damit auch überprüft worden sein. Es hat sich um einen größeren Personenkreis gehandelt. Paulus beschreibt im 1. Korintherbrief, den er um das Jahr 55, also etwa 20 Jahre nach den Ereignissen geschrieben hat, die die Anzahl der beteiligten Personen eher konstatierend:

Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als Letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der «Missgeburt». 1 Kor. Kap. 15, 3-8

2. Die Christen verehren die Reliquien Verstorbener

Die Reliquien der Märtyrer genießen seit den Anfangszeiten Verehrung. Das zeigt, wie die Christen zwischen ihren Heiligen und Jesus unterschieden haben. Über den Gräbern der Märtyrer wurden Kirchen erbaut und ihre Reliquien verehrt. Es gibt eine solche Kirche auch für Jesus. In der Grabeskirche, bei der nach der Tradition das Grab Jesu lag, werden jedoch keine Gebeine Jesu verehrt. Die Reliquienverehrung wird nicht auf Jesus angewandt. Die Christen unterscheiden zwischen normalen Toten, deren Gebeine sie verehren und dem besonderen Schicksal Jesu.

Die Berichte sind so eingebettet, dass eine von der Hinrichtung Jesu verunsicherte und enttäuschte Anhängerschaft auf die Botschaft, Jesu lebe, skeptisch reagierte. Die Anhänger Jesu, vor allem die Männer, müssen erst “zum Glauben kommen.” Die psychologische Erklärung, die Anhänger Jesu seien durch die Hinrichtung Jesu nicht so beeindruckt gewesen, dass sie von dem Fortbestand seiner Mission überzeugt gewesen wären, findet sich mit keiner Andeutung im Kontext der Berichte von den Erscheinungen Jesu. Wenn also die These, das Grab könne gar nicht leer gewesen sein, mit der psychologischen Hypothese verknüpft wird, die Anhänger Jesu hätten die Berichte erfunden, dann ist die Verknüpfung nicht schlüssig. Es gibt dafür keine überzeugenden Anhaltspunkte im Kontext der Berichte. Vielmehr wird erzählt, dass die Anhänger Jesu erst überzeugt werden mussten. Auch die Erklärung auf der biologischen Ebene muss daher geprüft werden.

3. Reliquien Jesu wären verehrt worden

Die Christen sind bei den anderen Toten, außer bei Maria, immer davon ausgegangen, dass es Reliquien gibt, deren Platz man im Auge behielt. Gäbe es solche Reliquien von Jesus, dann hätten einige seiner Anhänger, nicht zuletzt die Frauen, die am Ostermorgen seinen Leichnam einbalsamieren und endgültig lagern wollten, im Geheimen das Grab weiterhin besucht, wenn der Leichnam Jesu dort gewusst worden wäre. Es wäre wahrscheinlich auch ein Kampf entstanden, ob Reliquien aus dem Grab entnommen werden durften, um anderswo verehrt zu werden. So geschah es mit dem Kreuz. Diesem wurden Splitter entnommen und ins Abendland gebracht. Auch die Gewänder Jesu werden verehrt, aber keine Gebeine oder Zähne.

Es braucht bessere Erklärungen, was mit dem Leichnam Jesu geschehen ist.
Die christliche Tradition argumentiert nicht naturwissenschaftlich oder mit anderen externen Kriterien, sondern nennt als einzige Garantie die Glaubwürdigkeit der Zeugen. Will man diese untermauern oder erschüttern, müssen offensichtlich andere biologische und psychologische Hypothesen entwickelt werden. Die wären dann auch genau zu prüfen. Bis dahin ist man intellektuell nicht minderbemittelt, wenn man sich an die Berichte der Bibel als die einfachere und direktere Erklärung hält.

Eckhard Bieger S.J.

4 thoughts on “War das Grab an Ostern leer?

  1. Sehr geehrter Herr Bieger!
    Mich überzeugt der Rückschluss, dass das Grab Christi leer gewesen sein muss, aus der hier fehlenden Reliquienverehrung nicht:
    1. Die Juden kannten nur eine Grabverehrung – schon wegen der Unreinheit verwesender Körperteile. So wurde auch das Grab Christi von den Judenchristen verehrt, bis dem Kaiser Hadrian ein Ende setzte durch den provozierenden Bau eines Venustempels an diesem Ort.
    2. Eine Reliquienverehrung von Heiligen-Knochen pp. ist erst seit Mitte des 2. Jahrhunderts nachweisbar.
    3. Als die Kaisermutter Helena die Grabstelle Christi gefunden zu haben glaubte und hier den Bau einer Grabeskirche veranlasste, konnte man schon wegen der neutestamentlichen Angaben, übrigens – ähnlich wie bei Maria – auch zur leiblichen Aufnahme in den Himmel (Lk. 24,50-53, Apg. 1, 1-11), gar nicht auf einen Gedanken kommen, hier nach Jesu Gebeinen zu suchen – eine kritische Bibellektüre war dieser Zeit fremd.
    Mit freundlichen Grüßen! Karl Dieter Sorg

    • Ich bin froh, dass eine Diskussion in Gang kommt.
      Ich möchte nur auf den Gedankensprung hinweisen: Auch wenn die Juden Gräber geschlossen hielten, weil Tote für unrein galten – folgt daraus nicht, dass der Leichnam Jesu noch im Grab lag. Das ist nur eine Erklärung, warum eventuell der bericht vom
      leeren Grab eine Legende ist. Wissenschaft muss aber nicht nur mögliche Erklärungen diskutieren, sondern auch Beweise beibringen. Das muss mit dem Gesamt der Überlieferung in Einklang gebracht werden. Es muss also eine Wahrscheinlichkeit geben, dass die Anhänger Jesu seinen Leichnam weggebracht haben. Die schriftlichen Quellen gehen aber davon aus, dass die Anhänger Jesu nicht mit einer Rückkehr des Gekreuzigten rechneten. Da die biblischen Texte schon 20 Jahre nach den Geschehnissen niedergeschrieben wurden, muss man diese erst einmal als die Quelle nehmen, die näher am Geschehen sind. Und dann bleibt die Frage: Wie konnte eine Legende vom leeren Grab entwickelt werden, ohne dass die Augenzeugen Einspruch erhoben hätten. Es braucht also eine bessere Begründung, warum das Grab nicht leer gewesen sein soll.

  2. Sehr geehrter Herr Bieger!
    Mich überzeugt der Rückschluss, dass das Grab Christi leer gewesen sein muss, aus der hier fehlenden Reliquienverehrung nicht:
    1. Die Juden kannten nur eine Grabverehrung – schon wegen der Unreinheit verwesender Körperteile. So wurde auch das Grab Christi von den Judenchristen verehrt, bis dem Kaiser Hadrian ein Ende setzte durch den provozierenden Bau eines Venustempels an diesem Ort.
    2. Eine Reliquienverehrung von Heiligen-Knochen pp. ist erst seit Mitte des 2. Jahrhunderts nachweisbar.
    3. Als die Kaisermutter Helena die Grabstelle Christi gefunden zu haben glaubte und hier den Bau einer Grabeskirche veranlasste, konnte man schon wegen der neutestamentlichen Angaben, übrigens – ähnlich wie bei Maria – auch zur leiblichen Aufnahme in den Himmel (Lk. 24,50-53, Apg. 1, 1-11), gar nicht auf einen Gedanken kommen, hier nach Jesu Gebeinen zu suchen – eine kritische Bibellektüre war dieser Zeit fremd.
    Mit freundlichen Grüßen! Karl Dieter Sorg

  3. Die Auseinandersetzung darüber, ob das Grab Christi nach der Auferstehung leer war oder nicht, erinnert u.a. an die frühkirchlichen Auseinandersetzungen etwa zwischen Arianern und Nestorianern, wo es um die Göttlichkeit und / oder Menschlichkeit Christi ging.
    Das Christus als Messias Gott und Mensch in eins ist, bleibt unabdingbare Voraussetzung des kirchlich christlichen Glaubens, da davon die Realität der Erlösung abhängt (worauf u.a. auch Paulus hinweist). Denn da der Widerspruch zum allen gemeinsamen göttlichen Ursprung, infolge des sogenannten “Sündenfalls”, nachdem er vor dem Hintergrund der Unendlichkeit einmal Realität geworden war, nicht aus eigener Kraft innerhalb der Schöpfung wieder überwunden werden konnte, hätte ein rein menschlich-geschöpflicher Christus niemanden erlösen können.
    Wir brauchen uns zudem nur einmal die in den Evangelien bezeugten Totenerweckungen durch Christus zu vergegenwärtigen, um uns bewusst werden zu können, dass Gott in Christus offenbar auch Herr über den Tod ist. Auch wenn wir uns heutzutage mit “Wundern”, im Kontext unseres materialistisch-naturwissenschaftlichen Zeitalters – also mit allem was wir nicht “messen” können und was über diese zeitliche Wirklichkeit hinausreicht – schwer tun. Immerhin ergeben sich da im Rahmen der neuesten Quantenphysik ganz neue Perspektiven; auf die hier näher einzugehen allerdings den Rahmen sprengen würde.
    Es handelt sich bei den von Christus in den Evangelien berichteten Geschehnissen natürlich nicht um eine rein innergeschöpfliche, kosmische und damit naturwissenschaftlich messbare Wirklichkeitsdimension, sondern letztendlich in erster Linie um eine, wenn auch in sich durchaus vernunftgemäße Glaubenswirklichkeit.
    Und jeder muss in Freiheit für sich selbst entscheiden, inwieweit das für ihn in seiner diesseitgen Lebenswirklichkeit annehmbar ist.
    Wir leben gegenwärtig in einer Zeit weit verbreiteter religiöser Indifferenz und Beliebigkeit, wo viele keinen rechten Zugang zum Glauben mehr finden. Hierzu ist zumindest anzumerken, dass der Atheismus in Wahrheit ja auch nur ein Glaube ist, der im übrigen noch weniger beweisbar ist, als der monotheistische Glaube …

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