Der Trend zum Kirchenaustritt

Kirchenaustritte gehören in Deutschland zur Tagesordnung. 2016 traten über 352000 Christen aus der katholischen oder evangelischen Kirche aus. Ein jeder Austritt wirft die Frage auf, ob die vermittelte Botschaft noch Relevanz im Leben der Menschen hat. Um dem Problem der Austritte zu begegnen, versuchen die Kirchen Gründe zu klären, die Christen dazu bewegen, sich von der Kirche abzuwenden. So auch das Bistum Essen. Im Rahmen einer Studie wurden Personen aus dem Bistum zu der Thematik des Kirchenaustritts befragt. Nun liegen die Ergebnisse vor. Wie lässt sich die Studie bewerten? Und ist der Trend zum Kirchenaustritt noch aufzuhalten?

Die Studie

Die Studie wurde unter dem Titel „Kirchenaustritt – oder nicht? Wie Kirche sich verändern muss“ veröffentlicht. Neben den Ergebnissen einer Internet-Umfrage, an der sich über 3000 Menschen beteiligten, wurden auch 40 Interviews mit aus der Kirche Ausgetretenen ausgewertet.
Als wesentliche Gründe für den Austritt benennt die Studie „Entfremdung“ und „fehlende Bindung“. Die Kirche wird von vielen Personen als nicht mehr zeitgemäß erlebt.

Deutlich wird dies im Umgang mit Homosexuellen und wiederverheiratet Geschiedenen. Für viele Mitglieder entscheidend ist die Qualität der Seelsorge vor Ort. Besonders wichtig sind die Erfahrungen, die Menschen bei persönlichen Gottesdiensten wie Taufe, Trauung oder Beerdigung machen. Diese Erfahrungen prägen das kirchliche Bild der Betroffenen ein ganzes Leben und sind oftmals der Grund, in der Kirche zu verweilen. Schließlich gibt es ohne das Zahlen von Kirchensteuern keine kirchliche Hochzeit/Beerdigung. Die Studie spricht in diesem Zusammenhang von einem „Kosten-Nutzen-Kalkül“. In der Gruppe der 25- 35-Jährigen ist die Anzahl der Kirchenaustritte besonders hoch. Gerade ihnen steht die heutige Gesellschaft mit ihrer Geschwindigkeit und Pluralität nahe. Um die Kirche den Bedürfnissen der Zeit entsprechend umzugestalten, braucht es ihr Engagement.

Auswertung der Studie

Damit die Kirche trotz gesellschaftlicher Veränderungen relevant bleibt, muss sich ihr Erscheinungsbild massiv wandeln. Zu diesem Schluss kommt auch die Studie und schlägt vor, am Image der Rückschrittlichkeit zu arbeiten. Besonderer fokussiert werden soll die Gruppe der 25- bis 35-Jährigen. Herausfordernd ist laut der Studie das Verhalten gegenüber den über 90 Prozent der Kirchensteuerzahlenden, die nicht regelmäßig den Gottesdienst besuchen. Sie zu Erreichen sei ein großes zukünftiges Ziel für das Bistum.

Konkrete Folgen der Studie

Ausführlich beschäftigt sich die Studie mit dem Finden der Gründe warum Gläubige aus der Kirche austreten. Vernachlässigt werden allerdings konkreter Vorschläge, die etwas an dem Schwund ändern könnten. Die Ergebnisse lesen sich zwar schön aber was tatsächlich passieren soll bleibt unklar.


Im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger sprach der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, von immer pluraleren Formen der Verbundenheit und des Zugehörigkeitsgefühls zur Kirche. Er schlägt vor „kirchliche Lebensräume“ zu schaffen, in denen die Gläubigen frei handeln können und mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden. Ein solcher Lebensraum seien z.B. Segnungsgottesdienste für Neugeborene, deren Eltern den Segen Gottes für ihr Kind erbitten es aber nicht gleich taufen lassen möchten. 
Überspitzt gesagt: „Taufe light“ als Mittel aus der Krise. Natürlich muss die Kirche die sich wandelnden Bedürfnisse ihrer Mitglieder ernst nehmen aber die eigentlich Probleme liegen auf einer ganz anderen Ebene. Einer Ebene, auf die das Bistum keinen Einfluss hat.

Wer kann den Trend noch aufhalten?

Wie die Studie richtig feststellt sind es weder Kirchensteuern noch fehlende Angebote, die Menschen aus den Kirchen treiben. Vielmehr können sich die Menschen nicht mehr mit den von der Kirche vertretenden Ansichten identifizieren. Warum sich die katholische Kirche gegen Homosexualität, weibliche Priester oder Kondome stellt fragen sich auch viele Gläubige. Für diese Fragen kann die Studie keine Lösungsansätze bieten. Denn gelöst werden können sie nicht in Essen sondern Rom. Wenn die katholische Kirche in einer pluralen und individualistischen Gesellschaft noch Gehör finden möchte, muss sie sich gegenüber diesen und anderen kritischen Fragen öffnen. Sie muss sie ernst nehmen und Diskussionen zulassen. Nur dann gibt es eine Hoffnung, den steigenden Kirchenaustrittszahlen Einhalt zu gebieten.

Lukas Ansorge

5 thoughts on “Der Trend zum Kirchenaustritt

  1. Wenn nach dem Nutzen gefragt wird, ist eine Antwort letztlich unmöglich. Die Kirche ist kein Konsumgut. Ist sie eine Ermutigung zum Erkennen und Handeln? Wie kann sie dies sein, ist die entscheidende Frage. Oft verhindert sie befreiendes Handeln. Da muss sich einiges ändern. Das kann kein Einzelner beantworten. Wo gibt es solche inspirierende Gemeinschaften, die einladen können?
    Wo haben wir sie entdeckt?!!!!!!!!!!!!!
    Solange wir uns vor dieser Entdeckungsreise fürchten oder positive Antworten immer kritisch zerlegen, wird es keine Antwort geben, scheint mir.

  2. …der Fisch stinkt vom Kopf her…
    da helfen nicht Purpur, nicht Weihrauch.
    In alten Schläuchen hält sich kein neuer Wein…

  3. Nach 45 Jahren als Kirchensteuerzahler in der Diözese EICHSTÄTT bin ich ein direkt Betroffener des 50-Millionen-Verlustes von Kirchensteuermitteln aufgrund von ungesicherten Investitionen in Florida und Texas. Kein gewissenhafter Familienvater würde so mit Geld umgehen. Schamlos wird trotzdem bei einer Beendigung der Kirchensteuerzahlung mit dem Knüppel der Exkommunikation gedroht. Wenn der Kirchensteuerzahler infolgedessen mit einer genauen Zweckbindung seiner Zahlungen antwortet, wird diese Zweckbindung arrogant ignoriert. Viele treten deshalb still aus der Kirche aus.

  4. 1. Bitte die Rechtschreibung besser kontrollieren, die Texte im Internet sind voller Fehler, manchmal kaum noch lesbar…
    2. Es ist immer wieder dasselbe: Die klassischen Reizthemen werden als einzig relevant angesehen, dabei ist das Problem vielschichtiger. Man müsste bei der Mitgliedschaft ohne eigenes Einverständnis beginnen… dann über die generelle Pluralisierung und Individualisierung nachdenken (die alle anderen Institutionen wie Vereine, Gewerkschaften und Parteien genauso trifft), über die Botschaft des Evangeliums an sich, und dann auch über einladende Gemeinden / Gemeinschaften sowie Vorbilder, die überall fehlen. Die Aufnahme der angedeuteten Kritikpunkte würde uns nicht retten, wie ein Blick auf die Evangelische Kirche zeigt, der es noch schlechter ergeht. Das sind nur fadenscheinige Argumente…

  5. Ich sehe im Begriff der Entfremdung für Kirchenaustritt ein wichtiges Schlüsselwort.
    Und ich sehe diesen Begriff nicht nur vordergründig sondern auch durchaus im Verstehen on Entfremdung als einem Schlüsselbegriff aus der marxistischen Analyse. und wende es auf das Eigentum aller Getauften und Suchenden an.
    Im Laufe der Kirchengeschichte bis hin zum II. Vatikanischen Konzil hat es diesen Prozess der Entfremdung des Glaubens-und hoffnungsgutes durch die besitzergreifenden Mächte und Kreise gegeben. Erst mit Martin Luther und Gutenberg war ein Ende der Entfremdung eingeleitet, da z. B. die Bibel den Menschen zugänglich gemacht worden ist- mit schwerem Anlauf. Leider ist die Überwindung der Entfremdung ins Stocken geraten, da viele bestimmende Kreise das Vat. II. zurückfahren möchten. Dem ist entgegenzuhalten: Gott ist nicht in Formel abzufassen sondern er will gesucht werden, wie er schon lange mit Menschen und unter Menschen lebt, denen Gottes vorrangige Option gilt. Selbst die Feier der Eucharistie wird mit in den Prozess der Entfremdung eingebunden, da es nur katholisch geweihten Priestern vorbehalten ist, diese zu feiern und somit wird selbst dieses zentrale Ereignis für den Glauben und für das Leben aus der Hoffnung den Menschen entfremdet. Und als Letztes: nicht überall setzt sich der Geist der Aufklärung durch, Dialog und Dialektik haben es mitunter schwer in der Kath. Kirche

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