Missionare – vereinigt euch!

Missionarische Anmaßung und pessimistische Untergangs-Ängste werden der Kirche in Deutschland keinen Aufbruch bringen. Statt plakativer Manifeste sollten Pfarreien und geistliche Gemeinschaften aufeinander zugehen – ohne ideologische Vorurteile. Für solche Kooperationen gibt es erfolgreiche Vorbilder.

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der fortschreitenden Säkularisierung. Schon seit Mitte der 60-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde das Schreckensszenario einer „Stadt ohne Gott“ (Harvey Cox, 1965) an die Wand gemalt. „Je moderner Gesellschaften sein werden, umso mehr werde Gott aus ihrem Leben verschwinden“, fasst der berühmte österreichische Religionssoziologe Paul Michael Zulehner die inzwischen modifizierte Säkularisierungsthese zusammen. Denn der Trendforscher Matthias Horx machte in den 1990-er Jahren eine „Respiritualisierung“ ausfindig, das heißt, ein wachsendes Interesse für Religion als Alternative zum „Leben als letzte Gelegenheit“ (Marianne Gronemeyer), gerade in den europäischen Großstädten (außer Paris).  Doch offenbar profitieren die schrumpfenden Volkskirchen nicht von dieser neuen spirituellen Suchbewegung.

Stadtmissionen und „mehr“

Anfang des Jahrtausends starteten vier Kardinäle sogenannte „Stadtmissionen“: mehrtägige Events in Wien, Paris, Lissabon und Brüssel – als Kooperation von neuen geistlichen Gemeinschaften und Pfarreien. Los ging es 2003 in Wien, unter dem Motto: „Öffnet die Türen für Christus“. Kirchentür öffnen, Passanten einladen, eine Kerze anzuzünden, anbeten: Menschen in den Kirchenraum einladen – und umgekehrt: Hinausgehen dahin, wo die Menschen sich aufhalten: Straße, Schule, Arbeitsplatz, Straßenbahn, Café, Kneipe, Supermarkt, um mit Menschen über Jesus Christus ins Gespräch zu kommen. Daraus entwickelt hat sich die Bewegung der „Nightfever“-Gebetsabende und das Gebetshaus von Johannes Hartl in Augsburg. Dort versammelten sich Anfang des Jahres 11.000 junge Christen zur „MEHR-Konferenz“ und gaben die Losung aus: „The Church must send or the Church will end. – Eine Kirche, die nicht missioniert, wird nicht mehr sein.“

Geht die Kirche unter?

Zehn Thesen für das „Comeback der Kirche“, ein „Mission Manifest“ soll man unterschreiben und sich selbst dazu verpflichten, ein Jahr lang „eine bestimmte Aufgabe“ zu übernehmen, damit „mein Land zu Jesus findet.“ So weit, so plakativ. Das Buch „Mission Manifest“ steht bereits auf Platz 16 der Spiegel-Bestseller-Liste. Einige Kommentatoren reagieren mit Unverständnis: Ist denn die Arbeit der kirchlichen Verbände und Pfarreien, die zahlenmäßig ein Vielfaches mobilisieren, nichts mehr Wert?

Ich finde die Initiative grundsätzlich begrüßenswert, teile jedoch nicht die kulturpessimistische Sicht, dass Kirche untergehe oder für „nichts“ stehe, wenn sie nicht „freudig und überzeugend“ auf „alle“ zugehe. Das ist naiv und gefährlich – etwa, wenn ich im Erstkontakt mit muslimischen Geflüchteten sofort, deren Taufe im Hinterkopf habe. Was ist denn, wenn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ein Asylgesuch ablehnt, und der Betroffene durch eine Rückkehr ins Heimatland in Lebensgefahr gerät, weil dort keine Religions- und Glaubensfreiheit herrscht?

Naiv und anmaßend

Ins gleiche Horn der Naivität stößt auch Sophia Kuby, wenn sie für möglichst heterogene Pfarrgemeinschaften plädiert: „Wenn der Anwalt mit dem Fabrikarbeiter, die Obdachlose mit der Unternehmensberaterin, der Marokkaner mit dem Deutschen, die alleinerziehende Mutter mit dem kinderlosen Ehepaar christliche Gemeinschaft bilden – beginnen die Menschen, wie Gott zu lieben.“ Und: „Sie werden in Scharen kommen, wenn sie in der Kirche finden, was ihnen heute so sehr fehlt: Annahme und Zugehörigkeit.“

Das ist nicht Kommunikation auf Augenhöhe, sondern missionarische Anmaßung im schlechten Sinne, nach dem Motto: ‚Ich habe das Heil für dich; ich weiß, dass du leidest, weil du aus meiner Sicht moralisch falsch lebst, und ich weiß, was dir fehlt…‘ Hat Frau Kuby schon einmal was vom bundesweiten Prozess der Pfarreienfusionen und vom Problem kirchlicher Milieuverengung gehört?

Kooperation und Ökumene sind gefordert

Wenn aus dieser neuen Missions-Bewegung nicht nur ein plakativer Bestseller-Erfolg werden soll, sondern ein wirklicher Anstoß zu einem Aufbruch in der katholischen Kirche des deutschsprachigen Raumes, dann braucht es vor allem das: Ein Aufeinander-Zugehen von Pfarreien und geistlichen Gemeinschaften, ohne ideologische Vorurteile. Diese Art von Mission wurde in den vier Stadtmissionen erfolgreich ausprobiert und vorgelebt. Dass die katholischen Teilnehmer der „MEHR-Konferenz“ sich für missionarische Gemeinsamkeit unter anderem von ihren anwesenden evangelischen Geschwistern im Glauben haben segnen lassen, ist ein prophetisches Zeichen. Missionare aller Konfessionen und Länder – vereinigt euch!

Gunnar Bach

2 thoughts on “Missionare – vereinigt euch!

  1. Dass beide großen Kirchen in Deutschland und Europa vor radikalen Umbrüchen stehen bzw. mitten drin, das ist nichts Neues!
    Dass eine radikale Säkularisierung schon seit langer Zeit Kirche und ihre Hoffnung von innen her durchkreuzt, ist auch nichts Neues.
    Dass insbesondere die Katholische Kirche ihre Chancen zur Erneuerung vertan hat, weil sie das Vat. II Konzil weitgehend wegdrückt und es schon durch eine neue Klerikalisierung weitgehend geschafft hat, das macht diese Kirche so widerspenstig für Reformen, die vom Kern her kommen.
    Papst Franziskus wird bekämpft- in der Kirche, weil er auf allen Ebenen Aufbruch und Radikalität einfordert, das macht es schwer, sich Bewegungen anzuschließen: “Glaube ist schön”, “Jesus ist dein Freund” usw. Wenn Kirche nicht mehr aneckt, dann dient sie auch nicht mehr. Das ist das Problem unserer Zeit, weil alles so glatt laufen muss, obwohl es gar nicht glatt zugeht . Kirche muss voran gehen in einer neuen reformerischen Praxis auf dem Weg Jesus entgegen nach Galiläa.

  2. „Das ist naiv und gefährlich – etwa, wenn ich im Erstkontakt mit muslimischen Geflüchteten sofort, deren Taufe im Hinterkopf habe. Was ist denn, wenn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ein Asylgesuch ablehnt, und der Betroffene durch eine Rückkehr ins Heimatland in Lebensgefahr gerät, weil dort keine Religions- und Glaubensfreiheit herrscht?“

    Was ist denn, wenn der Moslem ungetauft bleibt und weiterhin in extremer Höllengefahr schwebt?

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