Leben aus dem Baukasten?

In seiner Silvesterpredigt hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki die CRISPR/Cas-Methode, mit der die DNA von Lebewesen gezielt geschnitten und verändert werden kann, kritisiert. Er warnte vor einer Kreation von Leben nach dem Baukastensystem und unterstrich das Recht auf Leben von Menschen mit Behinderungen. Die Debatte um eine mögliche Manipulation des Erbguts ist nicht neu, gewinnt aber durch die CRISPR/Cas-Methode an Bedeutung. Erstmals können auch kleinste DNA-Abschnitte genaustens und kostengünstig verändert werden. Gesellschaft und Kirche müssen sich entscheiden, wie sie sich zu dieser Entwicklung verhalten. Überwiegen die Chancen am Ende die Risiken und die ethischen Bedenken?

Die CRISPR/Cas-Methode

CRISPR/Cas (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) ist eine biochemische Methode, mit deren Hilfe Gene auf der DNA von Pflanzen, Tieren oder Menschen gezielt herausgeschnitten und durch andere ersetzt werden können. Zum ersten Mal wissenschaftlich dokumentiert wurde die Methode im Jahr 2012. 2015 erklärte  sie die wissenschaftlichen Fachzeitschrift Science zum „Breakthrough of the Year“. Im Augenblick wird daran geforscht, das Verfahren dazu zu verwenden, Nutzpflanzen durch die Einfügung von Erbinformationen robuster oder ertragreicher zu machen. Hierbei ist der eingefügte DNA-Abschnitt sehr klein und in vielen Fällen verwandten Pflanzensorten entnommen. Die neu entstandene Sorte enthält daher keine artfremde DNA. Unklar ist bisher, wie oft bei der Verwendung der Methode fehlerhafte Schnitte auftreten. Wird durch das Verfahren das Erbguts eines Menschen verändert, ist diese Modifikation nicht mehr rückgängig zu machen und wird sich auch auf seine Nachkommen auswirken.

Die Chancen der Methode

Neben dem bereits genannten Anwendungsbereich in der Landwirtschaft sind es vor allem menschliche Erbkrankheiten, die die Wissenschaftler mit Hilfe des Einsatzes der Methode an Embryonen vermeiden möchten. Aber auch andere Krankheiten wie z.B. Malaria sollen mit Hilfe von CRISPR/Cas geheilt bzw. ausgerottet werden. So könnte eine dauerhafte Veränderung der Gene der Anopheles-Mücke, die Malaria überträgt, die Krankheit an ihr Ende bringen.

Die Kritik an der Methode

Die Kritik am Einsatz der Methode kommt von vielen Seiten. Neben den Kirchen sprechen sich auch immer wieder Ethiker und Mediziner gegen eine Anwendung des Verfahrens aus. Grundsätzlich sind in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz künstliche Veränderungen in der menschlichen Keimbahn verboten. Einen sogenannten „Designermenschen“ soll es nach deutschem Recht nicht geben. Weitere Kritik kommt in Form der Missachtung des menschlichen Anspruchs auf körperliche Selbstbestimmung und Unversehrtheit. Der ungeborene Mensch, an dem die Methode angewandt wird, hat seine Zustimmung dazu niemals äußern können. Auch die Auswirkungen auf Natur und Umwelt sind bisher nicht abzusehen. So würde z.B. die angesprochene Veränderung des Erbguts der Anopheles-Mücke einen massiven Eingriff in das Ökosystem bedeuten. Ob dies verantwortbar ist, bleibt diskussionswürdig. Überhaupt geht es bei der Thematik immer darum zu diskutieren, ob eine Veränderung des Erbguts, und sei es nur zu therapeutischen Zwecken, verantwortbar ist. Die katholische Kirche nimmt in dieser Diskussion den  Platz des Kritikers ein, der auf das menschliche Recht der Unversehrtheit pocht. Nach der 2008 erschienen Instruktion Dignitas personae, ist bereits die Verwendung von menschlichem Erbgut zu therapeutischen Forschungszwecken zu unterlassen. Die Position der katholischen Kirche vertritt Kardinal Woelki in seiner Predigt. Durch CRISPR/Cas erhielten die Menschen die Möglichkeit , Schöpfer zu spielen und einen vermeintlich besseren Menschen zu designen. Leben dürfe nicht nicht „das Produkt eines Designers sein, sondern eine unglaublich kostbare und unberechenbar schöne Schöpfung Gottes.“

Der Umgang mit der Methode

Die Forschung zu CRISPR/Cas kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Von daher muss es in der Gesellschaft darum gehen, die Methode und ihre Möglichkeiten kritisch zu hinterfragen und über ihren Gebrauch zu diskutieren. Die Kirchen können sich hierbei in ihrer Rolle als Kritiker stark machen für das Recht auf unversehrtes Leben eines jeden, und insbesondere auch behinderter Menschen. Vom deutschen Staat werden sie hierbei in vielen Fällen durch Gesetze unterstützt. Anders sieht die Lage in den USA oder China aus. Hier wird in der Wissenschaft bereits offen von genetisch manipulierten Babys gesprochen. Solche Entwicklungen in Deutschland zu unterbinden ist gleichermaßen die Aufgabe von Kirche, Staat und Gesellschaft. Wie es mit den anderen Anwendungsbereichen aussieht, muss in offenen Diskussionen geklärt werden. Die Resultate betreffen die ganze Gesellschaft. Von daher muss jede Position sorgsam betrachtet und abgewogen werden. Die Methode ist zu vielschichtig, um sie als Ganzes abzulehnen. Gerade Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen könnte z.B. dabei helfen, das Welthungerproblem zu lösen. Wichtig ist und bleibt aber auch hier der aktive Diskurs.

Lukas Ansorge

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