Die Kohle siegt

Die Kirche von Immenrath, von den Einheimischen liebevoll „Immerather Dom“ genannt, wich nach zwei Abrisstagen am Dienstag dem Braunkohletagebau Garzweiler II. Nicht nur die Kirche, auch der Ort musste verschwinden. Die Bewohner haben seit 2006 neue Wohnsitze zugewiesen bekommen. Aber ist der Braunkohletagebau hier wirklich wichtiger als Kirche und Heimat?

Die ehemalige römisch-katholische Kirche des Ortsteils Immerath der Stadt Erkelenz (NRW) wurde am 9. Juli 1891 als St. Lambertus geweiht und war fast 130 Jahre das Wahrzeichen des Ortes. Die Kirche stand unter Denkmalschutz und war die einzige Kirche im weiten Umkreis mit einer Doppelturmfassade. Trotz Protesten der Bevölkerung konnte der Erhalt oder wenigstens eine Versetzung der Kirche nicht umgesetzt werden. Die Anwohner demonstrierten gegen den Abriss von Dorf und Dom mit Slogans wie „Sauberer Strom erhält den Dom“, „Arbeitsplätze können nicht alles rechtfertigen“ und „Dom statt Kohle“, aber vergebens.

„Ohne diese Kirche wird Immerath tot sein“,so eine Betroffene. Damit wird dem einst so idyllischen Ort die Seele herausgerissen und der Todesstoß versetzt. „Erst dann werde ich wahrscheinlich realisieren, dass alles vorbei ist. Dann werden bestimmt die Tränen fließen“.

RWE in der Defensive

Ursprünglich war eine Sprengung der Kirche geplant.  Darauf wurde aber verzichtet. Bürgerinitiativen vermuten, die Bilder eines für die Braunkohle in die Luft gejagten Hauses des Herrn wären zu empörend für einige gewesen. Gegenüber der taz äußert RWE den Abriss mit Bagger und Abrissbirne durchzuführen jedoch als „rein technische und kostenmäßige Erwä­gungen“.  Für die Schaulustigen wurde sogar ein Unterstand errichtet und die Presse vorab über die Details informiert. Dieses Vorgehen sehen die Braunkohlegegner als Beweis für die Defensivposition RWEs. Michael Zobel, Waldpädagoge und Braunkohlegegner, sagte der taz: „Die sind schon viel weiter, als sich nach außen zugeben; alle wissen, dass es mit der Braunkohle zu Ende geht, auch RWE weiß es.“ RWE will mit dem Ausstieg zusätzlich Geld verdienen, vermuten die Umweltaktivisten, und von Bund und Ländern Abschaltprämien und Entschädigungen verlangen, wie es ja auch schon beim Atomausstieg versucht wurde.

Das Gesuch der Immenrather den Abriss bis Ende März zu vertagen lehnte RWE ab, obwohl diese bisher nur bis zum 31.03.2018 eine Genehmigung für den Tagebau haben. „Warum soll man mit dem Abriss des Immerather Domes nicht diese drei Monate warten können, ohne dass „die Welt untergeht“? Kommentiert ein Betroffener die Schlagzeile des Abrisses. Ein Anderer schreibt: „So wie einen Rodungsstop für Naturdenkmäler brauchen wir einen Abrissstop für Kulturdenkmäler.[…] Aber vor Allem: RWE soll endlich merken, dass es schon längst tot ist!“

Doch die Immenrather sind nicht die Einzigen, die diese Erfahrung machen mussten. Die Abbaufläche von Braunkohle entspricht in Deutschland in etwa der Größe des Saarlandes. Um diesen Abbau zu gewährleiten wurden etwa 300 Siedlungen aufgegeben und mehr als 100.000 Menschen umgesiedelt. Allein das Abbaugebiet Garzweiler, dem der Immenrather Dom weichen muss, hat in 50 Jahren etwa 16 Orte und Kirchen verdrängt.

Heimat

Die Kirche im Dorf ist der Inbegriff von Heimat. Konnte man den eigenen Kirchturm nicht mehr sehen, befand man sich auf Reisen. In der Kirche spielten sich wichtige Ereignisse des Lebens ab: Taufe, Hochzeiten, Weihnachten, Ostern und Beerdigungen. Für Menschen, die ihr Zuhause verlassen haben, ist es oftmals schön die Straßen ihrer Kindheit wiederzusehen und sich an Erlebnisse zu erinnern. Das alles ist für die ehemaligen Bewohner von Immenrath nicht mehr möglich. Der Begriff Heimat steht auch für die eigene Existenz, Identität und Sicherheit. Das müssen sich die ehemaligen Bewohner nun an einem anderen Ort neu erschaffen.

Wie tief die Sehnsucht nach Heimat in den Menschen verankert ist, sieht man auch in den vielen Vertriebenenverbänden, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden sind und heute noch immer existieren. Die Sehnsucht nach Heimat, Sicherheit und der Erinnerung an positive Erlebnisse ist etwas zutiefst Menschliches.

Und jetzt

Obwohl ein Ende des Braunkohleabbaus in Sicht ist, da Klimawandel, Gesellschaft und Politik der Braunkohle im Nacken sitzen, werden weiter Dörfer umgesiedelt, Kirchen zerstört, Tote umgebettet, Wälder gerodet und Autobahnen verlegt. Bis 2025 sollen die Orte Keyenberg, Kuckum, Berverath, sowie Unter- und Oberwestrich umgesiedelt werden.

Der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, plädiert für die Braunkohle. Er will Belgien mit deutschem Braunkohlestrom versorgen, damit die maroden belgischen Atommeiler abgeschaltet werden können. Die deutschen Klimaziele hält er für „überambitioniert“. In der Tradition der NRW-Ministerpräsidenten würdigte er in seiner Neujahrsansprache „die Tugenden der Bergleute“.

Der Neuanfang

Der Ort in dem die Bewohner jetzt leben heißt Neu-Immenrath. Eine eigene Kirche werden sie nicht mehr erhalten, obwohl das der Wunsch der Bevölkerung war. Das Bistum Aachen stimmte jedoch dem Bau einer Kapelle zu, in die vier der sechs Kirchenglocken aus dem 15. Und 17. Jahrhundert umziehen sollen.

Obwohl vor allem die älteren Bewohner mit Wehmut auf ihr altes Zuhause zurückblicken, versuchen sie den Neuanfang zu wagen. „Zum Schluss war das Leben hier nur noch trist. Darum waren wir letztlich schon froh und erleichtert, als es losging“, so ein Betroffener im Interview mit der Frankfurter Rundschau, als er über die Umsiedlung sprach. Für Viele hat sich die Umsiedlung im Endeffekt auch finanziell gelohnt, sagt er. „Wer sich nicht ganz dumm angestellt hat oder versucht hat, RWE einen Strick zu drehen, der ist als Gewinner aus der Sache rausgegangen.“

Eine Betroffene sieht es wehmütiger: „Heimisch fühle ich mich dort aber noch nicht“. „Unsere Nachbarn von damals wohnen jetzt nicht mehr neben uns. Viele Immenrather sind gar nicht in die neue Siedlung umgezogen, sondern bauten sich neue Häusern in den anderen Ortschaften“, so die Rentnerin.

In „Alt“-Immenrath stehen nur noch wenige Häuser, für viele der Kinder und Jugendlich ist es ein Geisterdorf und eine Mutprobe durch die verlassenen Straßen zu wandern. Für die neue Generation ist Neu-Immenrath ihr Zuhause. Heimat ist nicht nur das, was es einmal war, sondern auch was man dazu macht.

Julia Westendorff

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