Besinnlichkeit to go

Der Advent wird als Zeit der Besinnlichkeit bezeichnet, in der man sich auf das Weihnachtsfest vorbereitet. In den Predigten zu den Adventssonntagen hören wir den Aufruf uns bewusst eine Auszeit zu nehmen. Immer mehr Bistümer setzen zunehmend dabei auf digitale Angebote, um besinnliche Impulse für die Adventszeit zu geben. Doch sind solche Angebote auf WhatsApp und Co. vereinbar mit „Besinnlichkeit“?

Besinnlichkeit – Was ist das?

Im Woxikon Wörterbuch wird Besinnlichkeit als „stimmungsvolle Zeit, in der Menschen zum Nachdenken und Innehalten kommen“ bezeichnet. Der Begriff tritt auch in Kombination mit Adjektiven wie „nachdenklich“, „leise“ und „aufmerksam“ auf. Wir wünschen uns gegenseitig vor Weihnachten „frohe und besinnliche Festtage“ und im Radio spielt „Stille Nacht“. Die Aufforderung zu Ruhe und Auszeit ist allgegenwärtig. Viele Kirchengemeinden bieten im Advent besondere Meditationsabende oder Exerzitien an. Besonders in Großstädten zeigen die leicht steigenden Besucherzahlen, dass Angebote gefragt sind um sich eine Auszeit vom Weihnachtsstress zu gönnen. Doch viele schaffen es in der Vorweihnachtszeit nicht diese Veranstaltungen wahrzunehmen, wollen aber dennoch nicht auf die geistlichen Impulse im Alltag verzichten. Dafür werden von den Kirchen immer mehr sogenannte „Online-Adventskalender“ angeboten, welche die Nutzer täglich mit spirituellen Inhalten versorgen sollen.

AppVentskalender

Fast sämtliche deutschen Bistümer haben einen digitalen Adventskalender auf ihrer jeweiligen Homepage. Dort werden täglich geistliche Impulse in Form von Bildern, Videos, Texten oder Bibelzitaten veröffentlicht. Doch immer mehr Veranstalter richten sich aktiv an die Netzgemeinde und versenden die Impulse über E-Mail, WhatsApp oder Social Media. So brauchen sich Nutzer nicht mehr täglich die Mühe machen und auf die jeweilige Internetseite gehen. Sie können die Inhalte direkt und überall auf ihr Handy empfangen und auch sofort mit anderen teilen. Die Impulse via Messenger sollen vor allem Jugendliche ansprechen und die Möglichkeit schaffen, „inmitten von Geschenkekauf und Weihnachtsstress kurz innezuhalten und diese besondere Zeit selbst als Geschenk wahrzunehmen“, heißt es vom KAB-Diözesanverband aus dem Bistum Münster. Um die Inhalte zielgruppengerecht zu transportieren, setzen die Organisatoren verstärkt auf visuelle und auditive Impulse. „Das kann ein kurzes Video oder ein schneller Song sein.“ Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigt, dass die Impulse via E-Mail oder WhatsApp auf viel Resonanz stoßen. Im vergangenen Jahr haben einige Veranstalter mehrere Tausend Anmeldungen für ihren digitalen Adventskalender vermeldet.

Die Frage, die sich allerdings stellt, ist, ob die spirituellen Impulse bei den Nutzern nur ankommen oder auch aufgenommen werden. Groß ist die Gefahr, dass sich die Inhalte in der eingehenden Datenmenge aus Nachrichten, Bildern und Chats verlieren und nur noch gesehen, aber nicht aufmerksam wahrgenommen werden. Den Text hinter Türchen Nummer 3 liest man eventuell gerade während man auf die Bahn wartet. Die letzten Zeilen werden dann vielleicht nur noch überflogen, weil die Durchsage den Zug ankündigt. Der Impuls wird abgehakt, das Handy in der Tasche verstaut und die Alltagsroutine fortgesetzt. Das Video von Türchen Nummer 8 wird unterbrochen, weil eine eingehende WhatsaApp Nachricht aufpoppt und unsere Aufmerksamkeit beschlagnahmt.

Kann sich so Besinnlichkeit einstellen?

Wir leben im digitalen Dauerstress. Forscher gehen davon aus, dass wir alle 18 Minuten auf unser Smartphone schauen. Das sind circa 88 Mal am Tag. Wir sind rund um die Uhr in Empfangsbereitschaft. Eigentlich eine gute Voraussetzung für den Advent, geht es an Weihnachten doch darum den menschgewordenen Gott in unserer Mitte zu empfangen. Doch unsere Empfangsbereitschaft richtet sich an eingehende Nachrichten. Eine Studie der Techniker Krankenkasse von 2017 hat festgestellt, dass der ständige Konsum des Smartphones verhindert, dass man sich entspannen und konzentrieren kann. Selbst wenn das Smartphone nicht in Gebrauch, sondern nur in Sichtweite ist, lenkt es ab. Es ist zu verlockend einmal kurz „zu checken“ wer geschrieben hat. Wir schaffen es nicht mehr richtig uns nur noch auf eine Sache zu konzentrieren. Doch genau das macht die Besinnlichkeit während der Adventszeit aus: entspannen und das Weihnachtsfest mit der Geburt Christi in den Fokus nehmen.

Auch Papst Franziskus fordert für den Advent mehr „Aufmerksamkeit und Wachsamkeit.“ Besonders während der Advents- und Fastenzeit empfiehlt der Papst häufiger in der Bibel zu lesen und das Handy aus der Hand zu legen. Er selbst hat ein zwiespältiges Verhältnis zu Smartphones und Sozialen Medien. Einerseits hat er seit bereits 5 Jahren einen eigenen Twitteraccount und lässt täglich in mehreren Sprachen twittern. Andererseits mahnt er immer wieder im Umgang mit Handys, sich vor Reizüberflutung und einer mangelnden Urteilsfähigkeit zu schützen. Er betont: „Unter all den Kontakten und Chats des Alltags sollte an erster Stelle der goldene Faden des Gebetes stehen“.

Unbewusst besinnen?

Natürlich muss man sich nicht ohne technische Geräte zu Hause oder in der Kirche verkriechen, um sich eine Auszeit vom Alltag zu nehmen und innezuhalten. Mit dem Angebot eines christlichen Adventskalenders für das Handy passen sich die Kirchen ein Stück weit dem Zeitgeist an. Denn gerade in der Weihnachtszeit spüren Viele das Bedürfnis nach Spiritualität, die sonst nichts mit der Kirche anfangen können. Die Kommunikationsabteilung des Bistums Essen baut auf ein „Konzept aus Information, Seelsorge und Unterhaltung“ um religiöse Inhalte auf einfache Weise zugänglich zu machen. Manchmal reicht einem auch schon die bewusste Entscheidung für den Empfang der täglichen Impulse, um sich der Weihnachtsbotschaft ein Stück weit auseinander zu setzen. Selbst wenn ein Türchen einmal unbeachtet bleibt oder ein Video im Schnelldurchlauf angesehen wird, bleiben sie im Chatverlauf erhalten und können immer wieder rezipiert werden. Veranstalter aus dem Bistum Münster bieten Nutzern sogar die Möglichkeit auf die WhatsApp Impulse zu reagieren und versprechen auf jede Reaktion auch eine Antwort. Der Gedanke, mit einem Klick ein wenig Besinnlichkeit zu erhalten und sie ganz einfach in der Hosentasche verstauen zu können, erscheint besonders in der stressigen Zeit vor Weihnachten eine gute Idee. Doch es fordert auch eine gewisse Selbstdisziplin sich dabei nicht von Newstickern und anderen Benachrichtigungen auf dem Smartphone überreizen zu lassen.

Kerstin Barton

One thought on “Besinnlichkeit to go

  1. Sehr geehrte Frau Barton,
    in unserer Pfarrei haben wir nach Advent 2016, Fastenzeit 2017 die 3. Whatsappaktion. Neben den täglichen Impulsen im Advent und den 2 x wöchentlichen Impulsen in der Fastenzeit, werden die Texte zum Nachlesen auf unsere Homepage eingestellt. 243 Abonnenten im Advent 16, 373 in der Fastenzeit und 327 zurzeit interessieren sich dafür. Aufgrund der jeweils über 100 Rückmeldungen auf einen Feedbackbogen sehe ich, dass viele Menschen eine Sehnsucht haben, auf die Impulse gewartet haben, um: da gibt es mehrere Antworten – Konsum ist nicht alles, Innehalten am Tag, Impuls kann ich mehrmals lesen, an andere verschicken, mit anderen ins Gespräch kommen. Auch die Altersverteilung ist sehr unterschiedlich. Und was da manchmal an persönlichen Antworten, kurze Schilderung von Lebenssituationen kommt, ist für mich als Gemeindereferent beeindruckend. Auch sagen nicht wenige, dass sie mit der Kirche nicht (mehr) viel am Hut haben, die Impulse aber gerne lesen. Übrigens hatte ich im Advent 2016 keine, in der Fastenzeit 2 und zurzeit nur eine Abmeldung. Auf jeden Fall ist die Aktion eine Gelegenheit auf Menschen zuzugehen. Wenn Sie mehr wissen wollen, können Sie sich gerne an mich wenden.
    Mit freundlichen Grüßen Hubert Magin

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