Darf man Schweigen verbieten?

Mit dem Vatikan-Finanzchef Kardinal Pell muss sich zurzeit der ranghöchste Geistliche der katholischen Kirche vor Gericht wegen Kindesmissbrauch verantworten. In seiner Heimat Australien hat eine der höchsten Ermittlungskommissionen nun reagiert und fordert die Aufhebung des Beichtgeheimnisses. In der katholischen Kirche ist man empört über das Ersuch. Weltweit ist eine Debatte darüber entbrannt, wie uneingeschränkt das Beichtgeheimnis gelten darf.

Täter werden durch das Beichtgeheimnis geschützt

Die Kommission zur Aufklärung von Kindesmissbrauch durch Institutionen hat 85 Empfehlungen ausgesprochen, um das australische Strafrecht im Bezug auf die Strafverfolgung bei sexuellem Missbrauch von Minderjährigen zu reformieren. Darunter fiel auch die Forderung Fälle von Kindesmissbrauch, die während einer Beichte gestanden werden, anzeigepflichtig zu machen. Dadurch gäbe es einen Ausnahmefall für das Beichtgeheimnis. Geistliche, die dieser Pflicht nicht nachkommen, sollen strafrechtlich belangt werden. Australiens Bischöfe reagierten empört auf die Forderung. Sie lehnen eine staatliche Einmischung vehement ab. Der Erzbischof von Melbourne, Denis Hart, behauptet, er wäre eher bereit ins Gefängnis zu gehen, als das Beichtgeheimnis zu brechen. Den Empfehlungen der Kommission waren unter anderem Aussagen voraus gegangen, laut denen Täter in der Beichte den Missbrauch an Minderjährigen gestanden und die Absolution erhalten hatten. Diese wurde als Freispruch der Straftat verstanden, woraufhin die Täter mit Ausblick auf die Absolution in der nächsten Beichte, rückfällig geworden sind.

 

Beichte ist nicht gleich Schuldfreispruch

Bei der Beichte erhalten die Pönitenten die Möglichkeit innerhalb eines Vertrauensraums ihre Sünden auszusprechen ohne ein Urteil oder eine Verurteilung befürchten zu müssen. Der zentrale Aspekt liegt hierbei auf der Bereitschaft zur Buße. Ziel der Beichte ist es sich von der Schuld zu befreien und diesen Freispruch vom Beichtvater, der an dieser Stelle als Bindeglied zwischen Gott und den Menschen tritt, zu erhalten. Der Geistliche ist jedoch nicht zur Erteilung der Absolution verpflichtet und kann sie an gewisse Bedingungen knüpfen. Neben der ehrlichen Reue und dem Aussprechen der Schuld gehört der Vorsatz das Verhalten zu ändern oder den Schaden zu bereinigen als Voraussetzung für den Erhalt der Lossprechung. Der Beichtvater hat so die Möglichkeit den Täter zu einer Selbstanzeige zu bewegen, indem er diese als Bußübung für den Erhalt der Absolution auferlegt. Der Beichtstuhl ist folglich kein Waschautomat bei dem man automatisch eine Reinwaschung seiner Sünden erhält, solange man sie nur ausspricht.

Kirchenrecht oder Staatsrecht?

Das Beichtgeheimnis ist seit dem IV Laterankonzil 1215 fest im Kirchenrecht verankert und kann somit als eine der ältesten Datenschutzregelungen betrachtet werden. Laut Kanonischem Recht ist „das Beichtgeheimnis unverletzlich. Dem Beichtvater ist es daher streng verboten, die Pönitenten durch Worte oder auf irgendeine andere Weise und aus irgendeinem Grund irgendwie zu verraten.“ Eine Verletzung wird automatisch mit Exkommunikation bestraft. Das Beichtgeheimnis gilt absolut. Der Beichtvater darf folglich auch vor Gericht nicht über den Inhalt der Beichte aussagen. Rechtlich gesehen unterliegen Religionsgemeinschaften der staatlichen Ordnungsgewalt, da sie wie andere Institutionen auch als innerstaatliche gesellschaftliche Verbände angesehen werden. In Deutschland gilt jedoch keine laizistische Trennung von Staat und Religion. Deshalb gewährt der Staat den Religionsgemeinschaften eine besondere Stellung, sodass Kirchen eine andere Behandlung erhalten als andere gesellschaftliche Gruppierungen. Die Aufgaben des Staates sind säkular, weshalb der Staat nicht in die innere Organisation der Kirchen eingreifen oder das Religiöse gestaltet darf. Die staatlichen Gesetze können die Selbstbestimmung der Religionsgemeinschaften jedoch einschränken. Für Geistliche und Seelsorger gilt, genau wie für andere Berufsgeheimnisträger das Zeugnisverweigerungsrecht. Selbst bei schwerwiegenden Straftaten wie Mord sind sie nicht dazu verpflichtet die Tat anzuzeigen. Gleiches gilt mehrheitlich auch in anderen Staaten

In Australien gibt es bisher jedoch kein einheitliches Gesetz zur Regelung des Beichtgeheimnisses vor Gericht. Da Australien ein Bundesstaat ist, obliegt das Strafrecht den einzelnen Territorien. Die Mehrheit der Territorien hat keine festgeschriebenen Richtlinien, die das Beichtgeheimnis regeln, sondern stützt sich auf das sogenannte Fallrecht. Die Rechtsfindung fundiert auf vorangegangenen Präzedenzfällen.

 

 

Lockerung der Schweigepflicht würde Vertrauensräume zerstören

Die Schweigepflicht für bestimmte Berufsgruppen und Würdenträger ist fester Bestandteil unserer Gesellschaft und schützt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und Privatsphäre. Besonders bei Ärzten oder Seelsorgern spielt diese Schweigepflicht eine herausragende Rolle. Personen, die sich an diese Berufsgruppen wenden tun das im Vertrauen auf die Geheimhaltung über den Inhalt des Gesprächs. Würde im Falle des Beichtgeheimnisses nun eine Ausnahmeregelung getroffen und die Verpflichtung zur Geheimhaltung für einige Fälle gelockert werden, würden Pönitenten Geistlichen gehemmter und womöglich unaufrichtiger entgegentreten. Ohne das uneingeschränkte Beichtgeheimnis gäbe es keine Vertrauensräume, sodass Straftäter nicht mehr zur Beichte gehen würden. Darüber hinaus wäre durch die Aufhebung des Beichtgeheimnisses in Fällen von Kindesmissbrauch die erste Hemmschwelle überschritten, sodass auch weitere Ausnahmen der Geheimhaltung in anderen Straffällen nicht mehr abwegig wären.

 

Es scheitert an der Umsetzung

Das Thema Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche erfährt besonders in den vergangenen zehn Jahren weltweit eine andauernde mediale Präsenz. Die Kirche sieht sich zunehmend in der Kritik Fälle von Missbrauch durch Würdenträger vertuscht oder die Aufarbeitung behindert zu haben. Als Reaktion darauf fordern immer wieder Politiker verschiedener Länder das Beichtgeheimnis im Falle von Straftaten an Minderjährigen und Schutzbefohlenen außer Kraft treten zu lassen. Doch auch Freikirchen und andere Religionsgemeinschaften wissen um das angekratzte Bild der Kirche und fordern wie die Missbrauchskommission in Australien eine Abschaffung der uneingeschränkten Schweigepflicht. Die Umsetzung dieser Forderung würde sich allerdings nur schwerlich gestalten lassen und würde allein auf der Gewissenhaftigkeit von Beichtvätern basieren. Eine strafrechtliche Verfolgung von Geistlichen, die der geforderten Meldepflicht nicht nachkommen, wäre nur möglich, wenn diese der Justiz namentlich genannt werden. Das wiederum würde voraussetzen, dass sich Täter oder Opfer selbst an die Justiz wenden und somit eine Anzeige seitens des Beichtvaters überflüssig werden würde. Andernfalls würden es nur diktatorische Methoden, wie die systematische Abhörung von Beichtstühlen, möglich machen, Geistliche, die Kindesmissbrauch nicht angezeigt haben, rechtlich zu belangen.

Kerstin Barton

One thought on “Darf man Schweigen verbieten?

  1. vielleicht haben ja die Australier recht, wenn sie dem “Schicksal”/”Gott”/etc.die Verantwortung überlassen und nicht dem “höheren Primaten”…
    – “…Wohlstand/Gesundheit mehren und Schaden abwenden- so wahr mir Gott helfe…!”
    – es sind die “Geheimnisträger”, die das Vertrauen an den Spieltischen des Lebens verspielt haben.

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