Wieso die „Ehe für alle” für die Kirche Chancen bietet

Am vergangenen Freitag hat der Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen. Vertreter der katholischen Kirche haben sich gegen das Gesetz ausgesprochen. Dabei ist sie die folgerichtige Weiterführung einer Entwicklung der vergangenen 200 Jahre und bietet auch für die Kirche Chancen.

Geschichte der Zivilehe

Die christlichen Gemeinschaften haben die gesellschaftliche Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert als Machtverlust erfahren. Denn sie bedeutete das Ende einer homogenen Kultur, in der die Kirche über das Leben der Gläubigen umfassend bestimmen konnte. Freilich gelang es ihr lange Zeit noch, einen erheblichen Teil der Bevölkerung, besonders aber die staatliche Gesetzgebung, in ihrem Sinne zu beeinflussen. Noch das Grundgesetz ist ganz im christlichen Geist geschrieben und versteht Ehe daher ausschließlich als Verbindung zwischen Mann und Frau.

Dennoch hat die Kirche durch die Säkularisierung zunehmend an Einfluss auf die staatliche sanktionierte Ehe verloren. Bevor in Deutschland die Zivilehe eingeführt wurde, war der einzige reguläre Weg, eine gültige Ehe einzugehen, der über den Traualtar. Also mussten sich auch Atheisten oder Kirchenferne vom Pfarrer trauen lassen, selbst wenn sie diese Praxis ablehnten. Die Kirche zwang ihr Bild von Ehe den Menschen auf.

Der erste Schlag für die Kirche in Deutschland kam mit den Franzosen, denn der Code Civil führte die Zivilehe links des Rheins ein, dass unter Napoleon besetzt war. Nach dem Sturz des französischen Kaisers versuchten die konservativen Monarchien, mal mit mehr oder weniger Erfolg, das Rad zurückzudrehen.

Versuche der liberalen Parteien, die Zivilehe in den großen Staaten einzuführen, blieben daher erfolglos. Erst der Kampf zwischen Staat und Kirche brachte dann die Zivilehe. 1875 setzte Bismarck sie im Deutschen Reich durch. Zwar blieb die kirchliche Ehe für die meisten ein obligatorischer Zusatz und gerade für religiöse Menschen der relevantere Teil. Doch der Bann war gebrochen und in den nächsten Jahrzehnten entwickelte sich die staatliche Gesetzgebung und kirchliche Vorstellungen immer weiter auseinander. Die letzte Entwicklung in dieser Hinsicht vollzogen die Kirchen, als sie 2009 die Pflicht abschafften, vor der kirchlichen Trauung staatlich zu heiraten.

Geschichte der Befreiung

Was die Kirche an staatlichem Einfluss verloren hat, gewann sie an anderer Stelle. Bis weit in die frühe Neuzeit hinein operierten die Nachfolger Petri eher als italienische Fürsten denn als geistliche Führer. Dieses belastende Verhältnis wurde von Gläubigen und Regierungen wahrgenommen und die geistliche Autorität der Bischöfe von Rom damit geschmälert. Als der Papst hingegen als weltlicher Herrscher immer mehr Land verlor und schließlich zum „Gefangenen im Vatikan“ wurde, war seine geistliche Macht hingegen umso größer, da sie den Rankünen der weltlichen Regierungen scheinbar entzogen waren.

Auch die deutsche Kirche hat von der Trennung von Staat und Kirche profitiert. Zum einen, weil sie im Deutschen Reich nie Staatskirche war. Zum anderen, weil die Zeit bis zur Weimarer Verfassung von Kämpfen geprägt war, in denen der Staat auf die Kirche massiven Einfluss nehmen wollte. In der Kulturkampfzeit brachten selbst die Mitglieder der kirchennahen Zentrumspartei die Idee ins Spiel, eine völlige Trennung von Staat und Kirche sei besser als der Kampf zwischen den beiden Gewalten. Doch auch nach dem Ende des Kulturkampfes in den 1880er Jahren blieb der Einfluss des Staates noch bestehen. So konnte der Staat nicht nur auf die Besetzung der Bischofsstuhl Einfluss nehmen, sondern auch auf die Pfarrstellen. So waren die Entfaltungsmöglichkeiten der Kirche und ihre Unabhängigkeit von der weltlichen Gewalt in Deutschland nie so groß wie seit der Weimarer Republik und, ausgenommen die Zeit des Nationalsozialismus, der Bundesrepublik.

Daraus folgt …

Die „Ehe für alle“ bietet der Kirche daher Chancen. Denn indem weitere christliche Vorstellungen von Ehe aus der Gesetzgebung entfernt werden, braucht sich die Kirche nicht mehr dem Vorwurf auszusetzen, sie zwinge Menschen ihre Version von Ehe durch den Staat auf.

Daher ist eine saubere Trennung zwischen der staatlichen und der religiösen Sphäre sinnvoll. Mit der „Ehe für alle“ ist eines der letzten Bänder zerschnitten, das die kirchliche und die staatlichen Vorstellungen noch miteinander verbindet.

Von dieser selbstgewählten Last unfreiwillig befreit, kann sich die Kirche mit der Frage beschäftigen, wie sie selbst zur Homosexualität steht. Die theologische Debatte kann sich auf die eigenen Grundlagen besinnen, um die Frage im binnenkirchlichen Raum zu klären.

5 thoughts on “Wieso die „Ehe für alle” für die Kirche Chancen bietet

  1. … eine Chance steckt z.B. in einem neuen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, mit Menschen, denen ihre Kirchenzugehörigkeit und ihre Glaubenspraxis nach wie vor viel bedeuten!
    Wir brauchen für unsere Seelsorge dringend eine offizielle liturgische Form, um von Scheidung betroffenen Paaren den Segen Gottes zuzusprechen. Es wäre eine der vorrangigsten Hausaufgaben für Liturgiewissenschaftler und Pastoraltheologen. Es müsste in absehbarer Zeit etwas gefunden werden, das es bisher als liturgische Form einfach noch nicht gab!!!
    Die drastische Zunahme von Ehescheidungen ist eine gesellschaftliche Realität, die auch vor unseren Kirchentüren nicht halt macht. Es sind auch Menschen betroffen, die nach wie vor gläubig sind, die in kirchlichen Einrichtungen, Schulen … gerne und engagiert arbeiten.
    Wenn wir Menschen, deren erste Ehe gescheitert ist und die in einer zweiten ihr Glück gefunden haben, weiter ins sakramentale Abseits stellen, handeln wir nicht nur unbarmherzig und der Liebe zuwider. Wir zwingen wertvolle Schwestern und Brüder, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (gerade auch in Schule, Erziehung und Jugendpastoral) bisweilen sogar zur Lüge oder zum Exodus hin zu anderen Glaubensgemeinschaften.
    Die Möglichkeit der Annullierung einer Ehe darf nicht der einzige Weg zu
    einem neuen Ehe- und Familienglück sein! (Wieso eine aus Liebe und tiefer
    Überzeugung geschlossene und gelebte Ehe später eigentlich doch keine gewesen sein soll, ist zudem schwer nachzuvollziehen.)
    Unbeschadet der Sakramentalität der Ehe benötigen wir dringend eine Segensform, die die Lebenssituation von Paaren am Anfang einer neuen Beziehung ernst nimmt und ihnen die Nähe und Liebe Gottes ausdrücklich zusagt.
    Neue Worte und neue Gesten sollten hierfür einen wohltuenden Rahmen
    schaffen, der auch die dahingehend immer wieder angefragten Seelsorger
    endlich entlastet und aus einem Dilemma befreit.

  2. Sehr geehrter Herr Roell,
    das ist ein Trost, wie der Fuchs ihn sich gab, als er die Trauben nicht erreichen konnte. Es geht ja nicht um das Verhältnis von Kirche und Staat, sondern von gläubigen Christen in der Gesellschaft: Da sich diese öffentlich – etwa in ihren Verbänden oder im ZdK – zu dem Problem gar nie im Sinne unseres Glaubens geäußert haben, haben sie selbst den Eindruck erweckt, dass ihnen diese Frage, damit ihre eigene Eheauffassung, nebensächlich sei. Man hat es der offiziellen Verlautbarung einiger Bischöfe überlassen, sich zu positionieren, als “das Kind schon im Brunnen lag”. Das sieht nach dann nach Gängelung aus. Die kirchliche Lehre zu den gleichgeschlechtlichen Beziehungen steht fest, ist richtig und bedarf keiner größeren Überlegungen. Wichtiger wäre es, zu überlegen, wie die Kirche, also WIR, die positiven Aspekte der christlichen Eheauffassung für den einzelnen, die Kinder, die Gesellschaft und ihren Zusammenhalt überzeugender verkünden und vorleben könnten. Es fehlt am Glauben und deshalb kann man ihn auch nicht mehr artikulieren. Dazu gibt es eine Aussage Christi vom Salz, das seine Kraft verloren hat und hinausgeworfen wird.

  3. Vielen Dank für Ihren interessanten Artikel. Ich freue mich vor allem, dass er nicht einfach diese Standard Reaktion ist. Die überschrift regt mich an über den Auftrag der Kirche generell nachzudenken. Wenn Sie von einer Chance für die Kirche sprechen, frage ich mich ob es nicht eigentlich um eine Chance für die Menschen gehen muss? Ich bin dankbar, dass der derzeitige Papst immer wieder deutlich macht, dass es der Kirche nicht um sich selber gehen kann. Die Kirche hat einen Auftrag für die Welt, der wir angehören. Also frage ich mich worin liegt die Chance bei dieser Entscheidung “Ehe für alle”. Als ein zentrales Anliegen des Auftrages der Kirche (weil zentral im Leben Jesu, wie in den Evangelien geschildert) sehe ich den Schutz der Würde des Menschen (sowie aller Geschöpfe). Ich bin ich davon überzeugt, dass diese Entscheidung des Bundestages ein wichtiger Schritt ist um die Würde vieler Menschen zu verteidigen und sie gegen Diskriminierung zu schützen. Freilich müssen wir als Kirche (zusammen mit so vielen anderen Religionen) anerkennen, dass wir Hauptursache der Diskriminierung von Homosexuellen sind. Leider müssen wir auch anerkennen, dass der Staat uns vormacht, worin wir eigentlich Vorreiter sein sollten nämlich im Kapf gegen Diskriminierung und der Anerkennung der Würde aller Menschen. Insofern ist es wohl sicher auch eine Chance für die Kirche unsere Schuld einzugestehen und unserem Auftrag gerechter zu werden. Vielen Dank

  4. Ich bin darüber als Demokrat froh, dass Ehe für alle” jetzt auch vom Bundesrat “durchgewinkt” worden ist. Allerdings vermag ich Ihre Freude nicht in der Weise zu teilen, wie Sie es gerne hätten.
    Selbstverständlich: in unserem Land definiert seit Bismarck das bürgerloche Recht die Ehe. Daran gibt es auch nichts zu rütteln. Dass jedoch die Ehe zwischen Frau und Mann du später die Familie mit den unmündigen Kindern nicht besser geschützt wird das halte ich für fatal. Und als Christ erlaube ich mir den Hinweis, dass unsere biblische Tradition unseren Gott so bezeugt, dass er in uns Menschen seine ihm ähnlichen Geschöpfe sieht, wenn wir den Eros nicht unterdrücken, entfalten und Nachkommenschaft zeugen. und dafür sorgen.

  5. Die Polarität ist die allumfassende Bedingung unserer Leben, unseres Planeten, unseres Universums, der belebten und der unbelebten Welt. Auf der Ebene der Atome sind es die positiv und die negativ geladenen Teilchen. Auf der Ebene des biologischen Lebens sind es die weiblichen und männlichen Geschöpfe.Wir müssen in diesen Zeiten verstärkt unser NEIN benutzen, für uns selbst, für unsere Leben. Haben wir Geduld – Gott läßt keine Türme in den Himmel wachsen. Das tausendjährige Reich dauerte auch nur 12 Jahre, bevor es sich selbst vollständig vernichtet hatte.

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