Quo vadis, Russland?

Die russisch-orthodoxe und die katholische Kirchen sind in den vergangenen Jahren gemeinsam Wege der Ökumene gegangen. Der Papst plant nun Moskau zu besuchen. In den Medien ranken sich Gerüchte, Putin möchte sich mit Franziskus und nutze den Patriarchen, um die Beziehungen zu verbessern. Jedoch stehen die russischen Medien und die Bevölkerung dem Papst kritisch gegenüber und kritisiert den Westen. In welche Richtung bewegt sich die russische Papstpolitik und was will Patriarch Kyrill I. mit einem Treffen in Moskau bewirken?

Der Papst stehe als potenzieller Verbündeter der russischen Politik auf der Agenda. Putin möchte mit der Unterstützung des Papstes seine Machtstellung in Russland stärken. Franziskus sei in Russland, aufgrund seiner bescheidenen Haltung, hoch angesehen. Russen vermissen die Demutshaltung bei ihrem Patriarchen, welcher sich teure Uhren zu kaufen scheint und einen Mercedes fährt. Das berichten westlichen Medien.

Jedoch sieht die Realität anders aus. Papst Franziskus wird in Russland stark kritisiert und Patriarch Kyrill hat Angst, seinen Einfluss auf die Ukrainische Kirche, aufgrund der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Gemeinden zu verlieren. Es herrscht sogar Kritik, unierte Kirchen hätten sich auf dem Euromaidan beteiligt und den Umsturz in der Ukraine mitverursacht.

Ukraine und ihre katholische Kirche

Unvergessen ist der Streit um die Ukraine. In westlichen Medien größtenteils die politische Ebene geschildert. Im Westen scheint man keinen Zusammenhang zwischen Staat und Kirche zu sehen und dieses Bild projizierte man auch auf die Ukraine. Jedoch ist und war die Situation anders. Das Land war schon immer ein umkämpfter Ort der Kirchen. Es gibt drei große Kirchen in der Ukraine: Die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, welche mit Rom uniert ist, die Ukrainisch Orthodoxe Kirche, die zum Moskauer Patriarchat gehört, und die Ukrainische Kirche des Kiewer Patriarchats, die weder von katholischer noch von Orthodoxer Kirche anerkannt ist.  Besonders der Einfluss aus Moskau passte der ukrainischen Kirche nicht. Die unierten Kirchen erstarkten nach und nach und die Sorge einer Expansionspolitik seitens Rom wuchs.

Als die Ukrainekrise auf dem Maidan ihren Anfang gefunden hat, meldeten sich viele Kleriker auf beiden Seiten zu Wort. Moskautreue Priester hetzten gegen den Putsch und den Westen mit ihrer römischen Kirche, unierte Kirchen hetzten gegen Moskau. Letzten Endes wurde ein Demonstrationszug Richtung Kiew organisiert, indem tausende Menschen in die Hauptstadt marschierten. Die, vor allem Moskautreuen, Demonstranten haben für den Frieden in der Ukraine protestiert, da sie das Leid ihres Heimatlandes satthatten.

Der Kampf der Politik ist ebenso der Kampf der Kirchen. In den Gemeinden wird bis heute noch Politik betrieben. Die stark nationalistisch geprägten Orthodoxen Kirchen sind oft ein Ort wo Politik gemacht wird. Nicht nur, dass am Nationalfeiertag Russlands, in den Kirchen weltweit die Nationalhymne stolz angestimmt wird. Das verurteilen viele Priester und Bischöfe. Jedoch gibt es diese Fälle immer wieder.

Der Papst spielt hier eine entscheidende Rolle. Er kann ein Vermittler zwischen der Ukraine und Russland sein, da er nicht in Europa aufgewachsen ist. Sein Verständnis ist ein anderes. Wäre es ein europäischer Papst, würde die Ökumene nicht weiter voranschreiten, da die Angst vor dem Westen weiterhin vorherrscht.

Der Westen als Häretiker

Nicht nur während der Ukrainekrise ist der Westen für die Ostkirche ein großer Feind. Kritik gegen den Westen und die katholische Kirche ist Alltag in Orthodoxen Kirchen. Meist sind es ehemalige Katholiken, welche zur Orthodoxie konvertiert sind, die gegen den Westen hetzen. Die Katholische Kirche habe ihre Wurzeln vergessen und folgt seit der Kirchenspaltung 1054 nicht mehr den Lehre Christi. Sie würde das Fasten vernachlässigen um den Konsumwahn des Kapitalismus gerecht zu werden. Die Sünde sei dem Westen auf die Stirn geschrieben, da sie ungerechte Kriege führe und die Ordnung der Welt durcheinanderbringt.

Was erstmal als Propaganda anzusehen wäre, gilt hier als Realität in Orthodoxen Kirchen. Oft wird darüber gesprochen, wie der Westen dem Satan in die Hände gefallen ist und die Politiker neben der Kirche auch alle Menschen manipulieren. Der schreckliche Mammon ist nicht nur Europa, sondern ganz besonders die USA. Hier sei die Idee des Satans, der Kapitalismus, ausgebrütet worden.

In Georgien wurde in großem Ausmaße gegen den Papst demonstriert, sodass sogar ein geplantes gemeinsames Gebet zwischen dem georgischen Patriarchen und Papst Franziskus abgesagt werden musste. Der Pontifex wurde als Herätiker und als „Beschützer der Schwulen“ tituliert. Er solle nicht nach Georgien reisen und seine katholische Expansionspolitik fortführen. Diese Szenen wären auch in Russland zu sehen, wenn der Papst zu Besuch wäre.

Gehts noch?

Was hiesige Medien berichten, besonders im Katholischen, geht auf keine Kuhhaut mehr. Der Papst würde der perfekte Mitspieler für Putins Politik sein. Nur wegen ausgeliehenen Reliquien des Heiligen Nikolaus? Was soll eigentlich bedeuten, der Papst habe die Russisch Orthodoxe Kirche, als einzige kanonische Kirche deklariert? Weiß man denn nicht, dass der Papst sich mit solchen Aussagen die Ökumene zum Ökumenischen Patriarch von Konstantinopel und allen anderen Kirchen gefährdet? Außerdem, warum sollte der Russische Patriarch eifersüchtig auf den Pontifex sein? Diese Fragen bleiben schlichtweg in den Medien unbeantwortet.

Klar ist, Papst Franziskus als Aushängeschild für Putins Politik zu nutzen, würde in der russischen Bevölkerung abgelehnt werden. Da helfen auch ausgeliehene Reliquien nichts, denn das Problem ist viel tiefer in den Köpfen der Menschen verankert. Der papstfreundliche Kurs des Patriarchen knüpft an das Treffen von Kuba an. Besonders an das deklarierte Ziel, Frieden im Nahen Osten zu schaffen. Ein weiterer Grund für das Treffen mit Putin ist, dass Staat und Kirche in Orthodoxen Ländern nicht vollkommen getrennt sind, sondern es immer ein Zusammenspiel zwischen beiden Größen gibt. Letzten Endes macht der Papst das, was er in Georgien getan hat: Er begibt sich in den Dialog mit den Ostkirchen und scheut dabei nicht vor Protesten gegen ihn zurück. Er wird aber sicherlich nicht Putins antidemokratische Haltung befürworten oder seinen westlichen Koalitionspartner spielen.

Alexander Radej

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