Wieso das Christentum bleiben wird

76 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 34 Jahren sagen, sie können auch ohne den Glauben an einen Gott glücklich sein. Gott und damit seine irdischen Netzwerke, die Religionen, scheinen damit bei der jungen Generation ausgedient zu haben. Dennoch ist das Christentum nicht tot zu kriegen. Noch immer stellt es zentrale Deutungen in Fragen von Kultur und Sinn für die Gesellschaft zur Verfügung. Aber wenn der Glaube an Gott out ist, wieso hält sich das Christentum so hartnäckig?

Christentum als Religion der Agrargesellschaft

Wie alle Religionen spiegelt das Christentum die Bedürfnisse der Menschen in jener Zeit besonders prägend wieder, in der es entstanden ist. Die Veränderung der Gesellschaft und der Wirtschaft wirken sich daher auf die Religion aus.
Das Christentum hat sich in einer antiken Agrarkultur entwickelt. Als theistische Religion weist es Gott als Herrscher der Welt aus. Zu diesem Herrscher hat der Mensch eine besondere Beziehung und hebt sich damit vom Rest der Schöpfung ab.
Es ist damit eine typische Religion einer Agrarkultur, die meistens theistische Religionen ausgeprägt haben, da sie die Erfahrungen der Bauern am besten widerspiegeln: Der Mensch ist den Naturgewalten ausgeliefert, seinerseits aber Herr über die ihn umgebende Natur und die Tiere.

Was das Christentum besonders macht

Das Christentum hat sich gegenüber den paganen Opferkulten der Antike untere anderem aus zwei Gründen durchgesetzt:
Durch die Erlösungstat Jesu erstreckte sich dessen Heilsangebot bis ins Jenseits. Während bei Homer ein lebender Bettler noch besser dran war als ein König im Totenreich, bot das Christentum seinen Anhängern auch nach dem Tod die Gemeinschaft mit Gott, der Familie und das ewige Glück, sogar in einem neuen Leib, nach der Wiederkunft Christi.
Zu den jenseitigen Vorteilen konnte das Christentum seinen Anhängern seit dem 4. Jahrhundert auch die Protektion durch das römische Kaisertum bieten. Während in den Jahren vor der konstantinischen Wende kaum 5 bis 8 Prozent der Bevölkerung des römischen Reiches an Christus glaubten, war im 6. Jahrhundert die überwiegende Mehrzahl der Menschen im Oströmischen Reich und den ehemaligen römischen Gebieten Europas Christen.

Der Humanismus drängt das Christentum ab

Seit einigen hundert Jahren macht der Humanismus dem Christentum seine führende Stellung streitig. Der Humanismus hat den himmlischen Vater aus der Hierarchie Gott zu Mensch gelöscht. Der Homo Sapiens ist nun allein auf der Bühne des Welttheaters, bestimmt nur noch von den Naturgesetzen und seinem eigenen Wünschen.
In den ersten Jahrhunderten war der Humanismus nur die Religion einer kleinen geistigen Elite. Ihre Ideen distanzierten sich immer mehr von den Lehren der Kirchen.
Erst mit der Aufklärung begannen die Kräfte salonfähig zu werden, die sich explizit gegen das Christentum wandten, wie die französischen Aufklärer Voltaire und Rousseau. Und erst mit der französischen Revolution und der industriellen Revolution verbreiteten sich die humanistischen Ideen dieser Eliten in der Bevölkerung.

Religion für die Wissensgesellschaft

Seit der Industrialisierung hat sich das Wirtschaften des Menschen mehr verändert, als in den 3000 Jahren zuvor. Die Landwirtschaft verschwand als führender Wirtschaftszweig, neue Siedlungen und Städte entstanden, die Menschen wurden im Zuge der Binnenmigration aus ihren traditionellen Zwängen und Verbindungen herausgerissen und neue Konfessionen wie der Kommunismus und der Liberalismus entstanden als Teil des Humanismus.
Der Humanismus schaffte es so aus den Gelehrtenstuben und Presseorganen hinaus, indem es sich als Religion der Wissenschaft etablierte. Religion und Wissenschaft schließen sich nicht notwendigerweise aus. Die Wissenschaft erklärt, wie Menschen funktionieren, nicht, wie sie sich verhalten sollen. Dafür sind die Religionen zuständig. Allerdings kommen letztere nicht ohne bestimmte Fakten aus, die sie postulieren, etwa, dass es einen Gott gibt.
Einige dieser Behauptungen können aber von Wissenschaftlern widerlegt werden. Die moralischen Aussagen von Religionen können die Wissenschaftler hingegen nicht widerlegen. So kann zwischen drei Aussagen der Religionen unterschieden werden: dem moralischen Urteil; der Tatsachen-Feststellung; und der aus beidem abgeleiteten praktischen Anweisung.
Da der Humanismus ohne eigene Tatsachenbehauptungen auskommt, stützt er sich allein auf die Erkenntnisse der Wissenschaft. Das macht ihn so attraktiv. Zudem stellt er den Menschen in den Mittelpunkt. Er braucht daher keinen Gott, den die Wissenschaft ohnehin nicht vermessen kann. So bildet sich das Dream-Team der Moderne.

Christentum spendet Transzendenz und Ordnung

Und doch hat das Christentum überlebt. In manchen Gesellschaften hat es sogar an Bedeutung gewonnen. Die katholische Kirche erlebte in Europa ein Revival in der Bewegung des Ultramontanismus: Die Religion wurde stärker auf den Papst ausgerichtet; die Kirchlichkeit der Gläubigen nahm zu; neue christliche Parteien entstanden, um die Ansprüche ihrer Gemeinschaften in die Parlamente zu tragen.
Eines der bedeutendsten religiösen Revivals erlebte Russland seit den 1990er Jahren. Von einem kommunistischen, also atheistischen Land wandelte sich Russland zu einer Gesellschaft, in der die orthodoxe Kirche heute eine bedeutende Rolle spielt
Ihr Überleben verdankt das Christentum dabei vor allem seiner Wandlungsfähigkeit und seinen sinnspendenten Narrativen. Die Kirchen besitzen 2000 Jahre Erfahrung darin, alles Glück und alles Elend in einem großen, kosmischen System zu integrieren und dieses mit beeindruckenden Riten und rührigem Personal unter die Menschen zu bringen. Das Sinnpotential des Christentums ist nach wie vor groß genug, um dem Erfolgsgespann Humanismus und Wissenschaft hartnäckige Rückzugsgefechte zu liefern.

System für Staat und Menschen

Das Christentum kann eine weitere Stärke ausspielen, die es seit der konstantinischen Wende entwickelt hat: Es ergänzt das System des Machtstaates um eine transzendentale Ordnung, mit der die Eliten und die Gläubigen gleichermaßen umarmt werden. Seit Konstantin konnte die Kirche den Herrschenden stets ein attraktives Ordnungssystem anbieten: es legitimierte den König und seine Regierung gegenüber der Bevölkerung, der König schützte dafür den Klerus und seine geistige Kontrolle über die Gläubigen.
Wie nötig eine Gesellschaft einen solchen Sinnzusammenhang findet, lässt sich gerade bei Katastrophen erleben. Als über Frankreich ein Pilot sein ein Flugzeug samt Passagieren mit sich in den Tod riss, da standen die Bundeskanzlerin und die Trauernden im Kölner Dom. Die Kirchen spendeten einen von allen akzeptieren Rahmen, in dem sich persönliche Trauer und Gemeinschaft verbinden ließ.

Wissenschaft spendet nur Macht

Das Gespann zwischen Humanismus und Wissenschaft hat trotz seiner Erfolge das Christentum noch nicht besiegt, weil ihm diese Stärken der Kirchen fehlen. Die Wissenschaft spendet weder Sinn noch Moral, sondern nur Macht. Dank ihr können Menschen auf den Mond fliegen. Aber welchen Sinn hat es, auf den Mond zu fliegen? Darauf kann die Wissenschaft keine Antwort geben.
Nachdem Gott von der Bühne des Welttheaters gejagt wurde, kann niemand mehr den Geschehen einen transzendentalen Sinn geben. Auch keine Ordnung mehr, denn seit der Kommunismus mit seiner Geschichtsdeutung bankrott ging, regiert das Chaos des Kapitalismus.
In der Folge regiert der Mensch nicht mehr über die Erde, weil es sein Auftrag ist, sondern nur noch, weil er es kann. Das aber ist vielen zuwenig.

Maximilan Röll

One thought on “Wieso das Christentum bleiben wird

  1. Gut geschrieben aber eines fehlt noch,der Glaube an Jesu Wort:”Du bist
    Petrus,der Fels und auf diesen Felsen will Ich meine Kirche bauen und
    die Pforten der Hoelle werden sie nicht ueberwaeltigen”!Desweiteren,wie
    im Credo gebetet wird:”Er wird wiederkommen,zu richten die Lebenden
    und die Toten….”!
    Daran halten wir fest und sind zuversichtlich!
    Joachim Waldemer

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