Die falschen Probleme der Kirche

Es wird munter gestritten in der Kirche: Zölibat, Homosexualität, wiederverheiratete Geschiedene, Zulassung zur Kommunion bei ökumenischen Paaren, Weiheämter für Frauen und weitere Themen. Doch auf welcher Grundlage wird überhaupt gestritten? Wie wir uns und diese Probleme verstehen, ist der Ausgangspunkt, um sie zu beantworten.

Wir brauchen eine gemeinsame Grundlage, um diese Fragen zu diskutieren. Eine einheitliche Sprache und Vorstellungen, die von allen Beteiligten akzeptiert und verstanden werden. Nur wenn es eine gemeinsame Grundlage gibt, können wir verstehen, was der andere meint. Von der Grundlage aus besteht die Möglichkeit die Probleme anzugehen und eine konstruktive Diskussion zu erreichen. Ohne diese Grundlage bleibt nur die Möglichkeit, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, mit Emotionen zu überzeugen oder seine Position mit Gewalt durchzusetzen. Eine andere Meinung wird dabei gefährlich und kann nicht toleriert werden. Es gibt keine Chance gemeinsam zu Lösungen zu kommen und Fehler, auch in der eigenen Meinung, zu korrigieren.

Sprache klären

Um sinnvoll über Themen zu diskutieren, muss es allen Beteiligten möglich sein, die benutzten Begriffe zu verstehen. Aber selbst bei allgemein gebräuchlichen Begriffen ist nicht immer ein einheitliches Verständnis gegeben. Beim Begriff der Menschenwürde stellt sich etwa die Frage, ab wann sie gilt. Darüber hinaus kann mit Menschenwürde sowohl gemeint sein, dass menschliches Leben, wenn immer möglich, zu schützen ist. Aber auch Leben aktiv zu beenden, wenn es eines Menschen nicht mehr würdig erscheint.

Diese Unterschiede im Verständnis unserer gemeinsamen Sprache verhindern den Diskurs und müssen durch Reflexion und gegenseitiges Erklären ausgeglichen werden.

Weltsicht erörtern

Neben der Sprache ist die gemeinsame Weltsicht entscheidend für den Dialog. Also wie wir uns selbst und unserer Umwelt sehen und welche Werte wir einzelnen Dingen und Konzepten geben.

Diskussionen zum Umgang mit der Umwelt sind nicht möglich, solange eine Seite eine rein funktionale und mechanische Sicht der Welt vertritt, die andere Seite aber die Natur als eine eigenwertige Sache versteht. Die erste Position schließt Werte in der Natur aus, während die andere sie explizit voraussetzt.

In allen Fragen ist die Sicht der Welt Voraussetzung. Bei Fragen, die den Menschen betreffen, muss auch eine Anthropologie vorausgesetzt werden. Diese Anthropologie kann explizit oder implizit sein, doch sind Aussagen über das menschliche Handeln immer von der Vorstellung vom Menschen abhängig. Hinter der Hook-up Kultur etwa, steht eine implizite Vorstellung vom Menschen. Handlungen am eigenen und fremden Körper haben in dieser Vorstellung keine Bedeutung, weil es jeweils nur der Körper und nicht die Person ist. Damit ist Sexualität nur von Einwilligung abhängig und wird nicht mit Beziehungen in Verbindung gebracht. Sich sexuell auszuleben, ohne damit einen tieferen Sinn zu verbinden, ist für eine solche Sicht des Menschen kein Problem. Wer hingegen eine Sicht des Menschen hat, in der Körper und Geist eine Einheit bilden, kann die Hook-up Kultur prinzipiell nicht nachvollziehen. Unterschiedliche und unvereinbare Vorstellungen vom Menschen machen einen sinnvollen Dialog unmöglich.

Für die Möglichkeit eines Dialoges braucht es keine vollkommene Übereinstimmung in der Weltsicht. Jedoch muss ausreichend Ähnlichkeit und der Wille vorausgesetzt werden, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen und ihn verstehen zu wollen.

Kirche verdeutlichen

Für innerkirchliche Fragen muss neben der Sprache und der Weltsicht auch klar sein, was die Kirche ist. Was es bedeutet Christ zu sein. Worin sich die Gemeinschaft der Glaubenden begründet. Welche Ansprüche an die Kirche gestellt werden, von Gesellschaft, Mitgliedern, geschichtlicher Verantwortung und der Offenbarung. Ohne diese dritte Bedingung ist es unmöglich, innerkirchliche Fragen zu diskutieren. Eine allgemeine Weltsicht, die auch säkular funktioniert, reicht nicht aus, da die Kirche nicht einfach ein Teil der Gesellschaft ist, sondern seine Existenz und Aufgabe durch die Offenbarung aus einer transzendenten Quelle erhält.

Bevor in der Kirche um Detailfragen gerungen wird, muss erst einmal die erodierte Grundlage eines katholischen Weltverständnisses reaktiviert werden. Wir brauchen eine Rückbesinnung und eine neue Erklärung auf die Grundlagen unseres Glaubens und der sich daraus ergebenden Vorstellung von der Welt. Nicht um sich darin gut zu fühlen, sondern um dialogfähig zu werden untereinander und mit der Welt.

Philipp Müller

2 thoughts on “Die falschen Probleme der Kirche

  1. Triumph der Dummheit…
    der häufigste Kriegsgrund ist die – in der Mission begründete – konfessionsgebundene Machtgier.
    Die Konfession – d a s Hindernis für ein der Transzendenz würdiges Ethos ?

  2. Alles schön und gut. Das, was der Autor einfordert, hat doch Jahrhunderte lang die Kirche praktiziert und dafür Menschen schrecklich zugerichtet, die von der Wahrheit abgewichen waren.
    Di Aufklärung und vorher schon die Reformation brachten gerade für die Katholische Kirche Ernüchterung im Denken und Handeln und “Ertüchtigung” im wissenschaftlichen Diskurs.
    Und je mehr die Theologie als Wissenschaft fei entfaltet wird, um so mehr fallen Vorstellungen und vor allem Ideologien. Das ist gut so; denn Gott lässt sich nicht fassen und einbinden in eine alles verbindliche Ideologie. Der Autor hat Recht, Fragen nach Zölibat, nach Homosexualität sind zunächst erscheinend sekundäre Themen, aber der Diskurs über solche Fragen sagt viel über die Art und Weise aus, wie und mit welcher Freiheit und Würde existentielle Frage behandelt und formuliert werden.

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