Türkei vs. Weihnachten

Eine deutsche Schule in der Türkei verbietet ihren Lehrern, über Weihnachten zu sprechen. Diese Meldung erregte Anfang der Woche großes Aufsehen. Auslöser war eine E-Mail an die deutschen Lehrer der Schule. Nach Protesten rudert die Schule zurück. Über Weihnachten darf wieder gesprochen werden. Glaubhaft ist das nicht. Es hat den Anschein: Die Türkei möchte in ihrem Land kein christliches Weihnachtsfest. Wenn dem so ist rückt der mögliche EU-Beitritt der Türkei in weite Ferne.

Der Fall Lisesi

Das deutsch-türkische Gymnasium Istanbul Lisesi hat eine lange Tradition. Bereits 1915 gab es dort die ersten deutschen Lehrer. Zurzeit unterrichten am Gymnasium 35 deutsche Lehrer, die von deutschen Steuern bezahlt werden. Der andere Teil des Lehrkörpers ist, wie die Schulleitung, türkischstämmig. Die Schule möchte den Kulturaustausch der beiden Länder stärken. Sie ist eine deutsche Auslandsschule, die von Türken besucht wird. Mit entsprechenden Leistungen kann jeder die Schule besuchen. Gebühren gibt es nicht. Die Schüler können das Abitur erwerben und damit an deutschen Universitäten studieren.

In einer E-Mail der Leitung der deutschen Abteilung der Schule hieß es: „Es gilt nach Mitteilung der türkischen Schulleitung eben, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird“.  Auch die Teilnahme des Schulchors am Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat ließ die türkische Schulleitung unterbinden. Der Schulleiter war im letzten Jahr direkt vom Bildungsministerium der AKP eingesetzt worden.

Deutsche Politiker verurteilten das Vorgehen. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sprach von einem Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Das Vorgehen sei „ein erneuter Beweis, dass die Erdogan-Türkei alle Brücken nach Europa abreißt“. Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir erinnerte an das Vorhandensein von Christen lange Zeit bevor Türken und Muslime anatolischen Boden betreten hätten. Er warf dem Staatsoberhaupt der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, vor, „auch die letzten Reste an religiöser und ethnischer Vielfalt gründlich auszumerzen, wenn er sich selbst von harmlosen Weihnachtsliedern in seiner Herrschaft bedroht fühlt“.

Erdoğan selbst hat sich zu dem Fall nicht geäußert. Die Reaktion der Schulleitung auf die Kritik lautet: Beschwichtigung um jeden Preis. Die Lage soll richtiggestellt werden. Man selbst habe nie ein Weihnachtsverbot erlassen. AKP-Mitglieder fanden heftige Worte gegen die Kritik aus Deutschland. Zu heftige. Die Aussagen der Schulleitung sind nicht glaubwürdig. Was steckt dahinter?

Angst um die eigene Religion

Ein Verbot, Weihnachten im Unterricht zu thematisieren, entspreche nicht der Wahrheit und hätte es niemals gegeben, so die Schulleitung in einer Stellungnahme. Allerdings hätten die deutschen Lehrer „vor allem in den letzten Wochen Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt, die nicht im Lehrplan vorgesehen ist“. Es seien Aussagen getroffen worden, „die von außen betrachtet den Weg für Manipulationen frei machen“.

Der Dementierung des Verbots stehen die Aussagen der Lehrer gegenüber. Sie hätten Anweisungen erhalten, auf Adventsfeiern, Weihnachtslieder und Adventskalender zu verzichten.

Von ihrer konservativen Seite zeigte sich die Leitung bereits im letzten Schuljahr. Ein türkischer Lehrer war zwangsversetzt worden, nachdem er sich kritisch über den Propheten Mohammed geäußert hatte.

Mustafa Sentop, der Vorsitzende der Verfassungskommission im türkischen Parlament, twitterte: „Reißt euch zusammen. Das hier ist die Türkei. In einer Staatsschule kann die religiöse/politische Propaganda des deutschen Staates gegenüber Kindern dieses Landes nicht gestattet werden.“

Die Aussage zeigt das Problem: Die Türkei hat Angst vor einer Christianisierung der Schüler. Christliche „Manipulationen“ und „Propaganda“ sollen verhindert werden. Den islamisch geprägten Schülern darf unter keinen Umständen das Christentum als Alternative vorgeführt werden. Politik und Schulleitung hegen ein Misstrauen gegen die eigenen Bürger. Keiner soll christlich werden oder von dem System abfallen.

Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Türkei und Deutschland. Während in Deutschland immer mehr Moscheen gebaut werden, ist es in der Türkei nicht einmal möglich, an einer deutschen Schule über Weihnachten zu sprechen. Zudem wird ein politisches Abkommen missachtet.

Gegen das Kulturabkommen

Im Kulturabkommen zwischen Deutschland und der Türkei wurde 1957 festgelegt: „Die Vertragsparteien werden bemüht sein, sich gegenseitig dabei zu unterstützen, ihren Völkern die Kenntnis der Kulturgüter des anderen Landes zu vermitteln.“

Gegen diese Vereinbarung verstößt die Türkei, wenn in dem Gymnasium den Lehrern verboten wird, über Weihnachten zu sprechen. Weihnachten ist Bestandteil der deutschen Kultur und ein Wissen darüber sollte Schülern, von denen viele ein Studium in Deutschland anstreben, nicht vorenthalten werden.

Die Türkei in der EU?

Das christliche Weihnachtsfest hat im Verständnis der aktuellen türkischen Regierung keinen Platz. Zensur und ein Verfall in konservativ-religiöse Denkmuster, die den Islam über die anderen Religionen erheben, sind an der Tagesordnung. Erdoğan spricht davon, eine „religiöse Generation“ heranziehen zu wollen, die korantreu ist und nicht gegen das System agiert. Es soll Stärke gezeigt werden. Ausländische Einflüsse müssen beseitigt werden. Die Lage der Christen wird immer schwieriger. Kirchenschließungen und eine ablehnende Haltung sind an der Tagesordnung.

Die Türkei schottet sich unter Erdoğan immer weiter ab. Wohin der Weg läuft ist unklar. Ein EU-Beitritt wird bis auf Weiteres unmöglich sein. Wer so mit dem Kulturgut anderer Länder umgeht, hat in einer demokratischen Staatengemeinschaft nichts verloren.

Lukas Ansorge

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