Stille Post

Ende September hatten mehrere Kardinäle in einem Brief an Papst Franziskus um Klärung bezüglich des Schreibens „Amoris Laetitia“ gebeten. Die Antwort blieb zunächst aus. Nun hat sich der italienische Jesuit Antonio Spadaro in die Debatte eingeschaltet und verkündet, der Papst habe schon geantwortet.

Kardinäle an die Öffentlichkeit

Der emeritierte Kölner Kardinal Joachim Meisner, der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller, Carlo Kardinal Caffarra, früherer Erzbischof von Bologna, und US-Kardinal Raymond Leo Burke, geistlicher Leiters des Malteserordens, hatten einen Brief an Papst Franziskus geschrieben. In diesem forderten sie mehr Klarheit über den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen.

Papst Franziskus hatte im päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“ zu Ehe und Familie mehr Barmherzigkeit in der Anwendung der kirchlichen Morallehre angekündigt. Die Kardinäle erklärten daraufhin es gebe „eine ernste Verunsicherung vieler Gläubiger und eine große Verwirrung“. Auf ihren Brief erhielten sie jedoch keine Antwort und gingen daher an die Öffentlichkeit.

„Ohrfeige für den Papst“

Vier Tage nach der Veröffentlichung erklärte Papst Franziskus in einem Interview mit der italienischen Zeitung „Avvenire“, jene, die Bedenken äußern, „verstehen es weiter nicht.“.

Der Chef des vatikanischen Berufungsgerichts, Pio Vito Pinto, wertete das Schreiben als „Ohrfeige für den Papst“. Zum Umgang mit den vier Kardinälen riet Pinto: „Ein bisschen mehr beten, ruhigbleiben, basta. Offiziell hat diese Aktion keinen Wert.“

Unverständnis für Meisner

Laut Pintos ist es Aufgabe der Kardinäle, dem Papst in seiner Amtsausübung zu helfen, nicht ihn zu behindern oder ihm Vorschriften zu machen.

Er hob dabei gerade auf Kardinal Meisner ab, der dem emeritierten Papst Benedikt XVI. sehr nahe steht. Das mache seine Rolle noch unverständlicher, so Pinto. Denn Meisner müsse wissen, dass Benedikt und Franziskus in ihrer Sicht auf gescheiterte Ehen übereinstimmen.

Angst über ihren Rang müssen die Kardinäle aber nach Pinto nicht haben. Zwar habe der Papst prinzipiell die Möglichkeit, einem Kardinal seinen Rang zu nehmen, werde dies aber aller Voraussicht nach nicht tun. „Franziskus ist ein Leuchtturm an Barmherzigkeit und hat unendliche Geduld. Es geht ihm um Zustimmung, nicht um Zwang“, sagte Pinto.

Kritik von allen Seiten

Auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, kritisiert den Brief an den Papst. „Damit unterlaufen sie gerade den Perspektivenwechsel des Heiligen Vaters.“ Er sieht darin eine Verletzung der Kollegialität und kritisiert diese Art der unaufrichtigen Kirchenpolitik.

Für Sternberg besteht die Gefahr darin, Wunden aufzureissen, und somit der Kirche und ihrer Glaubwürdigkeit zu schaden. Er rät den Bischöfen daher, „Mut zum Streit in der Sache als Weg zum Frieden“ zu betrachten und als Bischöfe einen Kurs anzusagen, wie sie persönlich mit „Amoris Laetita“ umgehen wollen.

Alle Antworten sind da

Der italienische Jesuit Antonio Spadaro, der Papst Franziskus nahesteht, hat sich zu der Debate geäußert. Der Papst liebe den Dialog, „wenn dieser loyal und ehrlich und zum Besten der Kirche“ geführt werde, sagte Spadaro, der auch Direktor der Jesuitenzeitschrift „Civiltà Cattolica“ ist. „Die Fragen der vier Kardinäle sind schon während der Synode gestellt worden, wo es einen umfassenden, tiefgehenden und vor allem offenen Dialog gegeben hat“, so Spadaro. „Alle Punkte des Schlussberichts der Synode sind von einer qualifizierten Mehrheit gebilligt worden, das zeigt das hohe Niveau der erzielten Übereinstimmung.“

Das Papstschreiben „Amoris Laetitia“, das die Ergebnisse der zwei Bischofssynoden aus den Jahren 2014 und 2015 bündelt, sei „die reife Frucht der Synode“, und auf der Synode seien „schon längst alle nötigen Antworten gegeben worden“.

Entscheidung im Einzelfall

Der Brief der vier Kardinäle stellt unter anderem die Frage, wie denn jetzt genau die Regelung für wiederverheiratete Geschiedene aussehe. Dürfen sie im Einzelfall zur Kommunion gehen oder nicht? Auch hier hat „Amoris Laetitia“ nach Spadaros Ansicht „die Antwort schon gegeben, und auf klare Weise“. Es gehe um einen „Weg der Unterscheidung unter Leitung eines Hirten, bei dem im Einzelfall anerkannt werden kann, dass es Grenzen gibt, wegen denen die Verantwortung und die Schuld weniger schwerwiegend sind“. In solchen Fällen „öffnet das Papstschreiben die Möglichkeit, zur Beichte und Eucharistie zu gehen“, so Spadaro.

Dialog ist wichtig

Spadaro betont, dass alle Kardinäle „das Recht hätten, den Papst zu fragen, was sie wollen“. „Ein gut begründeter und diskreter Dialog, der ohne Medienbegleitung und ohne Polemik auskommt, ist immer nützlich.“ Was den Brief der vier Kardinäle betreffe, hätten diese doch selbst geschrieben, dass „eine ruhige und respektvolle Diskussion“ nottue. So sehe er das auch.

Für den Jesuiten ist klar, dass „die große Mehrheit der Kardinäle und Bischöfe“ auf der Seite des Papstes steht. „Nur einige wenige leisten gegen Amoris Laetitia Widerstand.“

Insgesamt bedeutet das für die Kardinäle, Bischöfe und andere Kirchenvertreter, dass sie selbst Flagge zeigen müssen. Jeder muss entscheiden, wie er sich im Einzelfall verhält und diese Verantwortung nicht auf den Papst abschieben. Diese Eigenverantwortung zeigt ebenfalls eine weitere Neuerung im Pontifikat von Papst Franziskus: die Kirche öffnet sich für die Partizipation aller. Die Einzefallentscheidung, wie sie in „Amoris Laetitia“ verlangt wird, ist ein erster Schritt dorthin.

Julia Westendorff

One thought on “Stille Post

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*