Das katholische Schisma: Kirche zwischen Sentimentalismus und Traditionalismus

“Schisma”, “Spaltung” – diese Worte rufen Ängste in der katholischen Kirche hervor. Denn in der Kirche gilt der Leitsatz: “In necessariis unitas” – im Notwendigen Einheit. Über die Frage was notwendig ist, gibt es jedoch keinen Konsens. So stehen sich verschiedene Lager unversöhnt gegenüber.

Kirche ist plural

Da die katholische Kirche kein monolithischer Block ist, sondern nach ihrem Selbstverständnis Gottes Werk für alle Menschen, kann Kirche nur plural sein. Das heute vorliegende unterschwellige Schisma bezieht sich auf die Frage, ob und wie Glaube und Vernunft zusammengehen. Es gibt neben dem Mehrheitskatholizismus zwei Ausprägungen, die beide aus der Auseinandersetzung mit der Moderne erwachsen sind.

Traditonalismus vs Sentimentalismus

Einige suchen Trost und Schutz in der Antihaltung des Traditionalismus. Demnach sei die (Post)Moderne ein Phänomen gesellschaftlicher Dekadenz. Zu großer Wohlstand und Freiheit habe die Menschen gottlos werden lassen. Die Lösung liege in der lateinischen Messe, einer klaren Linie und in “ewigen Wahrheiten”. Andersdenkende werden zu “Häretikern” erklärt. Man macht es sich gemütlich in selbstgerechter Sicherheit der ewigen Wahrheit und sieht alle Päpste nach Pius XII. als modernistisch an. Mitunter mischen sich Verschwörungstheorien in die Erklärungsversuche, warum die Kirche sich auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil modernisierte. Wichtige Schlagworte für dieses Lager sind: “Wahrheit”, “Irrtum”, Tradition”.

Andere wiederum haben Vernunft aus ihrem Glaubensleben gestrichen und suchen Trost in dem, was ihre Gefühle ihnen sagen. Sich wohlzufühlen, dafür sei Kirche da. Im chaotischen und kalten Universum eine Heimat finden, ankommen wie man ist, das sind mitunter die religiösen Motivationsgründe in einer individualistischen Zeit. Die Kirche wird dabei aus der Lebensrealität herausgerissen und der Gottesdienst wird zum Wohlfühlprogramm. Gott wird gefühlt, so wie alles Gute, Wahre und Schöne. Danach geht man hinaus in eine rationalisierte Welt. Zum Denken ist die Welt da, zum Wohlfühlen die Kirche. Für diese kirchliche Gruppe zählen Schlagworte wie: “Gefühl, Herz, Liebe”.

Beide Lager haben sich de facto gegenseitig exkommuniziert

Problematisch wird es, wenn beide Lager aufeinanderprallen. Die Traditionalisten haben eine klare Kante, verstehen Kirche vor allem klerikal-hierarchisch und werden jene, die sich am Gefühl orientieren, verketzern. Die Wahrheit allein habe Rechte und führe zum Heil, daher seien Häresievorwürfe nicht inhuman, sondern eine heilsnotwendige Pastoral.

Die Freunde der Gefühlskirche hingegen lehnen so eine Position ab. Sie wollen Kirche für alle sein und halten derart scharfe Ausdrucksweisen für inhuman und ausgrenzend. Dennoch haben sie ihre Überzeugungen, die unvereinbar sind mit entschiedenem Traditionalismus. Sie werden niemanden explizit exkommunizieren, aber durch “Liebesentzug”, d.h. durch Missachtung oder Sprüche der anderen Seite zu erkennen geben, dass sie unerwünscht ist.

Wie kann es da noch zur Einheit kommen?

Beide Bewegungen sind Auseinandersetzungen des Glaubens mit der modernen Welt. Traditionalismus ist Verweigerung gegenüber der Zeit, Sentimentalismus die Flucht des Glaubens in eine emotionale Parallelwelt. Es ist die Aufgabe der Theologie, hier zu vermitteln: Kirche ist weder in der Tradition gefangen, noch nur eine Sache für Gefühlsverliebte. Es geht um den ganzen Menschen, es geht um Glaube und Vernunft und darum, diese nicht als Gegensätze zu sehen. Man braucht weder in die Vergangenheit zu flüchten und diese fromm zu verklären, noch muss die Vernunft außen vor bleiben. Ein tragfähiger Glaube muss sowohl die emotionale als auch die rationale Dimension beinhalten. Vor dieser Herausforderung steht die Kirche wie jede/r einzelne Glaubende.

Josef Jung

One thought on “Das katholische Schisma: Kirche zwischen Sentimentalismus und Traditionalismus

  1. Ich fühle mich ertappt;–)) Mich nerven die Trationalisten und die Erlaubnis der lateinischen Messe. Ich finde dies unnötig und spalterisch. Auch sehe ich bei mir eher einen sentimentalisischen Glauben. Ich muss immer wieder bewusst einen Stopp machen und mich errinnern, dass der Glaube nicht nur in der Kirche stattfindet, nicht ein wohlfühl Prgramm, ist, sondern geerdet sein muss. Es ist keine Flucht. Möge der allmächtige Gott mir helfen dabei.

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