Wie Franziskus nach innen blickt: Drei Ereignisse, mit denen der Papst im vergangenen Jahr die Kirche verändert hat

„Vorbildlichkeit, um die Skandale zu vermeiden, die die Menschen innerlich verletzen und die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses bedrohen.“ – So schärfte Papst Franziskus der Kurie in seiner Weihnachtsansprache in Rom seine Grundmaxime ein.

Häufig wird behauptet, Franziskus blicke aus dem Vatikan an die Ränder. Doch der Papst geht genau anders herum vor: Er blickt von den Rändern auf den Vatikan und auf alle Katholiken. Es gibt einen Unterschied zwischen beiden Perspektiven: Die erste fragt, was kann ich für die Menschen an den Rändern tun. Die zweite fragt: Wie soll ich sein, damit ich an den Rändern wirken kann?

Doch der Papst weiß, dass die Kirche nicht einfach so an die Ränder gehen kann. Dafür muss eine interne Vorbereitung geleistet werden. Dafür hat Franziskus im vergangenen Jahr konkrete Schritte eingeleitet.

Wie der Papst die Kirche reinigt

Konkret sind für Franziskus vor allem die Probleme in der Kurie. Nachdem der Missbrauch der Kirche in den vergangenen Jahren zu schaffen gemacht hat, kommt sie derzeit wegen der Misswirtschaft im Vatikan negativ in die Schlagzeilen.

Benedikt XVI. hatte erste Schritte gegen Verschwendung und schwarze Kassen eingeleitet. Diese betrafen vor allem die Vatikanbank. Aber auch die Dikasterien neigen laut Berichten von Enthüllungsjournalisten zu einer unkontrollierten Geldpolitik. Die Folge: Keine Stelle weiß genau, über welche Mittel die anderen verfügen. Zugleich kämpft der Vatikan mit eben diesem Enthüllungsjournalismus, der sich aus undichten Quellen hinter den Leoninischen Mauern speist. Papst Franziskus geht gegen beide vor. So hat er neue Institutionen eingerichtet, deren Aufgabe die Zusammenführung und Überwachung der Finanzen ist. Diese Behörden meinen es ernst, wie die Kontrolle der Glaubenskongregation zeigt, von der Medien in den vergangenen Wochen berichteten. Zugleich hat der Vatikan gegen zwei ehemalige Mitarbeiter, den Prälaten Lucio Angel Vallejo Balda und die PR-Beraterin Francesca Chaouqui, wegen Weitergabe von Dienstgeheimnissen einen Prozess eröffnet und die beiden zwischenzeitlich verhaften lassen.

Familiensynode trägt ihren Namen nicht umsonst

Auch die Familiensynode dieses Jahres richtete sich mehr nach innen. Zwar waren in den Medien besonders die kontroversen Themen dominant und auch auf der Synode wurde um diese Fragen gerungen. Den Hauptteil der Erörterungen und den größten Teil des Abschlusstextes machen aber abstrakte Überlegungen aus, die vor allem eines wollen: Die Familie stärken. Dafür haben sich die Synodenväter am Stil des jesuitischen Papstes orientiert und drei Schritte im Abschlussdokument vollzogen: Sehen, Urteilen, Handeln. In diesem Sinne betrachtet die Synode die Familie in ihren derzeitigen unterschiedlichen Lebensvollzügen, beobachtet die Probleme, die dadurch entstehen und erarbeitet Hinweise für eine „differenzierte Pastoral“. Die Zulassung der Wiederverheirateten zu den Sakramenten kommt dabei nicht direkt vor.

Der dritte Teil des Abschlussdokumentes verdeutlicht die Zielsetzung noch einmal. Er trägt den Titel: „Das Evangelium der Familie heute in den unterschiedlichen Lebenszusammenhängen verkünden“. Sie soll als die Keimzelle des Lebens, auch im religiösen, gestärkt werden. Denn die Menschen werden zuvorderst in der Familie sozialisiert und geprägt. Ist das gemeinsame Leben der Eltern dort gelungen und die Erziehung der Kinder geglückt, ist eine Grundlage für eine gute Zukunft gelegt, auch für eine gute Zukunft der Kirche, wenn sie dazu einen Beitrag leistet.

Wieso Barmherzigkeit bei uns anfängt, aber nicht endet

Im Dezember hat der Papst das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eröffnet. Es gehört seit 2000 Jahren zur Kernkompetenz der Kirche, dass sie mit den Ihren großzügig ist und immer neue Wege findet, Reformbestrebungen zu integrieren und über Fehler hinwegzusehen, wenn es geboten sind. Seit die Öffentlichkeit die Kirche eher als strafende Institution wahrnimmt, ist diese Fähigkeit in Vergessenheit geraten. Der Papst holt die Großzügigkeit im Jahr der Barmherzigkeit wieder hervor. Und er legt noch einen drauf, indem er die kommenden Monate nicht nur thematisch einrahmt, sondern sie auch als Heiliges Jahr zu einem Gnadenjahr erklärt. Tausende Heilige Pforten der Barmherzigkeit wurden in den vergangenen Wochen eröffnet und überall können die Katholiken einen vollkommenen Ablass erhalten. Das war bei dem Durchschreiten einer Pforte früher nur in Rom möglich.

Die Katholiken erfahren so möglichst sinnbildlich die Gnade Gottes und die Bereitschaft Jesu und seiner Kirche immer wieder neu mit ihnen anzufangen. Doch die Pforten sind nicht nur für einen schnellen Ablass da, wie Papst Franziskus sagt: „In der Tat ist es nutzlos, alle Heiligen Pforten sämtlicher Basiliken der Welt zu öffnen, wenn die Tür unseres Herzens für die Liebe verschlossen ist, wenn unsere Hände sich dem Geben verschließen, wenn unsere Häuser der Gastfreundschaft verschlossen sind und wenn unsere Kirchen sich der Aufnahme verschließen.” Die Katholiken durchschreiten die Pforten der Barmherzigkeit, um gerüstet zu werden, damit sie selbst Barmherzigkeit schenken können. Der Ablass ist nur dann vollkommen, wenn die Gläubigen vorher gebeichtet haben. In der Beichte stellt sich der Gläubige selbst an den Rand und bekennt seine Sünden, um in der Vergebung wieder von Gott in die Mitte genommen zu werden. Durch die Barmherzigkeit gestärkt, so der Wunsch des Papstes, soll er dann an die Ränder zurückkehren. 

Ein Wort zur Demut

 Der Papst blickte mit vielen Handlungen der vergangenen 12 Monate nach innen, um die Kirche und die Katholiken zu rüsten und aufzumuntern, den Blick nach außen zu richten. Bei allen spektakulären und ungewöhnlichen Aktionen, die der Papst dabei nutzt und die viele Mitarbeiter und Katholiken etwas verzweifeln lassen, versteht sich der Papst wie sein Vorgänger nicht als Herr der Kirche, sondern als „Arbeiter im Weinberg des Herrn.“ Franziskus spricht dabei mit Oscar Romero: „Wir sind Handlanger, nicht Baumeister, Diener, nicht Messias. Wir sind Propheten einer Zukunft, die uns nicht gehört.“

Das Jahr 2016 hat begonnen und liegt als Zukunft vor uns. Papst Franziskus will die Kirche für diese Zukunft rüsten, indem er sie von innen her stärkt. Nicht für sich selbst. Sondern damit die Kirche und die Katholiken immer mehr so werden, wie es die Armen brauchen. Dafür reinigt der Papst die Kirche, konfrontiert sie mit der Realität und Verankert sie in ihrer Kernkompetenz, der Vergebung. 

Die Probleme wie die Früchte dieser Bemühungen werden wir von kath.de für Sie verfolgen. Wir danken Ihnen für Ihre Treue im vergangenen Jahr, das wir gemeinsam überblickt haben und wünschen ein gesegnetes Jahr 2016.

Weitere Rückblicke auf 2015 finden Sie auf unserer Partnerseite hinsehen.net 

Maximlian Röll

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