Welche Theologie hat Papst Franziskus?

Welche Theologie hat Papst Franziskus?

Papst Franziskus ist für viele ein Rätsel. Die Zahl derer, die ihn bejubeln ist groß, andere halten ihn hingegen für „naiv“, „zu modern“ oder „noch zu konservativ.“ Kann man neben den Gunstzuweisungen und kirchenpolitischen Zuschreibungen auch eine theologische Richtung ausmachen, die als Grundlage des päpstlichen Handelns gelten kann? Was ist die theologische Prägung und Ausrichtung des Papstes?

Franziskus, der Jesuit

Seit 1958 ist Franziskus Mitglied des Jesuitenordens. Als solcher gibt es vor allem einen Person, die prägend für seine Spiritualität und wohl auch Theologie ist: Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuitenordens. Ignatianische Spiritualität heißt, dass die Unterscheidung der Geister eine zentrale Rolle spielt. Insofern hat Franziskus gelernt zu fragen: Was kommt von Gott, was nicht? Wo finde ich wahren und bleibenden Trost? Was ist eine Verführung aus falschen Motiven? Als Jesuit lebt er spirituell gleichsam in permanenter Selbstreflexion. Theologisch ist er kirchenhistorisch von der Konzils- und Nachkonzilszeit geprägt. Ein wichtiger theologischer Lehrer für ihn war Lucio Gera, der eine Art argentinische Form der Befreiungstheologie vertrat und Kirche an der Seite der Armen sah. Insofern kann man, fragt man nach den theologischen Grundlagen seiner Pastoral, beim Konzept von Gera gewisse Antworten finden.

Franziskus als Freund Franz von Assisis

Zu dieser Option für die Armen, einer Ausrichtung, die vor allem in den ersten Jahren nach dem Konzil wichtig war, passt auch sein Papstname, der Novum und Auftrag zugleich ist: Franziskus. Bergoglio nennt sich nicht nach einem Vorgängerpapst, sondern nach einem armen Bettelmönch und Ordensgründer. Den Namen gab er sich nach eigenen Angaben, weil Cláudio Hummes, Franziskaner und ehemaliger Erzbischof von Sao Paolo nach der Wahl Bergoglios diesem gesagt haben soll: „Vergiss die Armen nicht!“. Damit vereint Franziskus in seinem Namen auch sein Profil der Theologie an der Seite der Armen.

Theologia Crucis

Während seiner ersten Predigt nach seiner Wahl zum Papst, am 14. März 2013 vor den Kardinälen sagte der Papst: „Wenn wir ohne das Kreuz gehen, wenn wir ohne das Kreuz aufbauen und Christus ohne Kreuz bekennen, sind wir nicht Jünger des Herrn: Wir sind weltlich, wir sind Bischöfe, Priester, Kardinäle, Päpste, aber nicht Jünger des Herrn.“ In diesem Sinne kann man in seiner Theologie einen deutlichen Bezug auf das Kreuz ausmachen und in diesem inhaltlichen Sinne von einer modernen „Theologia Crucis“ – einer Theologie des Kreuzes reden. Gewisse Formen einer kreuzorientierten Theologie ziehen sich durch das Mittelalter, in dem „Pestkreuze“ an Bedeutung gewannen, in der frühen Neuzeit war die Betonung des Kreuzes gegenüber der scholastischen und spekulativen Theologie bedeutend und in neuester Zeit beschäftigten sich Theologen wie Hans-Urs von Baltasar verstärkt mit einer Kreuzestheologie und einer Erlösungslehre, die das Kreuz in den Mittelpunkt rückt.

Theologie, die bei den Lebenswirklichkeiten der Menschen ist

Wichtig scheint Papst Franziskus, nahe an den Menschen zu sein. Kreuzestheologie hat immer einen antitriumphalistischen Zug, es  geht darum das erlebte Leid theoretischen Konzepten vorzuziehen. Den Ausgangspunkt bildet hier oft die Erfahrung, nicht eine abstrakte Vernunft. Insofern hat diese Theologie auch einen kritischen Impuls gegenüber allzu schematischen Glaubens- und Theologievorstellungen, die ewige Wahrheiten dem konkreten Erlebnis vorziehen.

Franziskus will die Menschen erreichen und bewegen, nicht das Wissen über Gott, nicht eine Heilslehre, sondern das Berührwerden von Gott, das Erfahren von Gnade und Barmherzigkeit scheinen für ihn die treibenden Kräfte seiner Theologie und seines Glaubens zu sein. Das nun stattfindende Jahr der Barmherzigkeit passt daher genau in sein theologisch-pastorales Verständnis, das die Einheit von Glaube und Tat betrachtet. Glaube ist nach dem Papst auf Handlungen ausgerichtet. Durch die Barmherzigkeit soll die Gnade gegeben werden, die zu Handlungen befähigt, welche die Welt wandeln können.

Josef Jung

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