Das wird sein Jahr: So bündelt Franziskus seine Ziele unter dem Banner der Barmherzigkeit

Am 8. Dezember hat Papst Franziskus die Heilige Pforte des Petersdoms aufgestoßen und das Heilige Jahr der Barmherzigkeit für die ganze Weltkirche eröffnet. Er verbindet damit zwei Motive, mit denen die Kirche Jahre prägt. Zum einen das Heilige Jahr oder Jubeljahr, dessen Tradition aus dem Judentum stammt. Zum anderen die Themenjahre, mit denen ein bestimmtes Anliegen in den Blick genommen wird. Die Verbindung beider Formen ist selten. Dem Papst kann daher bei der Kombination Absicht unterstellt werden. Denn dieses Jahr wird für den Papst zum entscheidenden seines Pontifikates werden.

Von Anfang an hat Papst Franziskus Barmherzigkeit als sein Leitwort formuliert. Schon bei seinem ersten Angelusgebet sprach er über das Buch „Barmherzigkeit“ von Walter Kardinal Kasper und setzte seine Gedanken bei der ersten Messe in der vatikanischen Pfarrei Sant’ Anna fort. Der Papst ist davon überzeugt, darauf nicht selbst gekommen zu sein: „der Heilige Geist will etwas“ sagte er im Interview mit der Zeitung „Credere“. Auch weitere Gesten des Papstes deuten darauf hin, etwa wenn er am Gründonnerstag die Füße von Häftlingen wäscht. Franziskus hält die Barmherzigkeit also für das Kernanliegen seines Pontifikates. Daher verwebt er es mit weiteren Aspekten, durch die er der Kirche neuen Schwung geben will.

Warum aus einer Pforte viele werden

Der Papst hat immer wieder von der Dezentralisierung gesprochen. Der Vatikan sei zu klein, um eine so große Weltkirche zu gestalten. Entsprechend müsse vieles vor Ort geschehen. Diesen Gedanken setzt Franziskus mit den Heiligen Pforten in vielen Kirchen auf der Welt um. Früher gab es nur wenige solcher Pforten und sie lagen fast immer in Rom. Denn das christliche Jubeljahr wurde ursprünglich eingeführt, um mehr Menschen an die Apostelgräber zu locken und mit dem Pilgerstrom auch die Macht und Wirkung des Papstes zu vergrößern. Entsprechend wurden die Heiligen Jahre vor allem pilgernd begangen. Hunderttausende Menschen kamen nach Rom, um hier Ablässe zu erwerben. Das ändert Franziskus.

Er hebt die Konzentration auf die Ewige Stadt auf. Rom ist zwar immer noch Mittelpunkt der Feiern der Heiligen Jahres, weil der Papst als ihr Initiator dort ist. Aber Heilige Pforten gibt es überall. Seit dem achten Dezember werden in vielen Kirchen des Erdkreises Heilige Pforten geöffnet.

Damit ist eine Aufgabe an die Kirchen vor Ort verbunden. Die Bischöfe und Priester sollen nicht auf den Papst warten und denken, es spiele sich alles Wesentliche in Rom ab. Da, wo ihre Heiligen Pforten sind, dort sollen sie den Menschen konkrete Angebote unterbreiten, damit diese stärker zur Barmherzigkeit finden. In vielen Bistümern gibt es entsprechende Initiativen, etwa im Bistum Limburg, wo am Dom regelmäßig Beichten gehört werden. Damit entspricht das Bistum in diesem Punkt dem Wunsch des Papstes.

Barmherzigkeit soll jeder da üben, wo es geboten ist

Denn die Katholiken sollen in den kommenden 12 Monaten nicht nur möglichst oft durch Kirchentüren gehen. Sondern auch ihr Leben auf die Frage zu überprüfen, wo sie selbst Barmherzigkeit üben können. Konkret wird das etwa in Österreich umgesetzt, wo das Jahr unter dem Zeichen der Flüchtlingskrise steht. Barmherzig-sein bedeutet dort die Frage an jeden Katholiken, wie er mit Menschen umgeht, die ungefragt in sein Land kommen und seine Hilfe beanspruchen.

Barmherzigkeit braucht auch persönliche Umkehr. Sowohl persönlich, besonders in der Beichte, aber auch kirchenpolitisch, damit die Kirche innerlich zu einer Einheit findet. In Deutschland ist der Gedanke der Umkehr etwa im Bistum Limburg besonders notwendig. Schon 2013 forderte der Papst die Limburger Katholiken und besonders ihre Führung zur Umkehr auf, um die Krise unter Bischof Tebartz-van Elst zu überwinden. Aus Umkehr kann Versöhnung wachsen, die etwa in Limburg dringend notwendig ist. Passenderweise übernimmt Tebartz-van Elst im Kontext des Heiligen Jahres einige Aufgaben.

Der Schlüssel zur Neuevangelisierung

Nach seinem Rücktritt wurde der Limburger Altbischof Delegat des Rates für Neuevangelisierung. Dieses Dikasterium hat die Aufgabe, das Heilige Jahr von Rom aus zu gestalten. Damit erhält das Jahr eine Stoßrichtung nach außen, zu jenen Völkern, die sich zunehmend von der Kirche und vom Christentum abwenden. „Seht, wie sie einander lieben“, sagten die Heiden nach Tertullian über die frühen Christen. „Seht, wie sie gegenüber sich und den anderen barmherzig sind“, sollen die säkular geprägten Menschen des Westens sagen: so kann Franziskus interpretiert werden. Für Tertullian gewann die Kirche durch den Eindruck der Heiden einen Teil ihrer Attraktivität. Durch die Barmherzigkeit soll die Kirche wieder anziehender für die Menschen werden. Wenn das gelingt, wird die Neuevangelisierung gefördert.

Die Bewährungsprobe des Papstes

Das Jahr der Barmherzigkeit wird für Papst Franziskus zur Bewährungsprobe. In diesem Jahr konzentrieren und konkretisieren sich viele seiner Ziele und Projekte. Die Dezentralisierung wird sowohl organisatorisch als auch spirituell geprobt, die praktische Nächstenliebe sowie die Umkehr sollen bei jedem Gläubigen gefördert werden und die Mission soll in Schwung kommen. Franziskus ist ein Papst, der seit 2013 vieles angestoßen hat. Allerdings wird beklagt, viele Handlungen seien bislang isoliert oder unklar, ihnen fehle Konsistenz und Dauerhaftigkeit. Gelingt es ihm jetzt, diese Bewegungen im Jahr der Barmherzigkeit zusammenzuführen, wird ihn sein Werk überdauern.

Maximilian Röll

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