Bürger statt Bomben: Was der Friede im Orient braucht

„Nichts ist verloren durch den Frieden, alles kann verloren werden durch den Krieg.“ rief Papst Pius XII. am 24. August 1939 den Staatenlenkern zu, als über Europa die Furcht vor einen nahenden Krieg umherging. Die Worte des Papstes halfen nichts. Wenige Tage später, am 1. September 1939, entfesselte Hitler in Europa den Zweiten Weltkrieg. Der Westen beginnt dieser Tage erneut, gegen den Terror in den Kampf zu ziehen, dieses Mal gegen den IS. Sind die Worte des Papstes auch heute, in unseren gegenwärtigen Konflikten, noch aktuell?

Clausewitz: Krieg ist Zwang

Der preußische General Carl von Clausewitz schrieb in seinem Buch „Vom Kriege“, dass jeder Krieg ein Akt der Gewalt sei zu dem Zweck „den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“. Krieg ist also Zwang, der nicht nur den unmittelbar Beteiligten, also den Soldaten, auferlegt wird, sondern auch den Menschen, die im Gebiet der Kampfhandlungen leben. Das Ziel kann dabei durchaus verständlich sein, etwa die Niederschlagung des IS. Doch Frieden kann nicht kurzfristig erbombt, sondern er muss auch langfristig aufrechterhalten werden.

Seit 100 Jahren versucht der Westen, die Völker des Orients zum Frieden zu zwingen. Die alten Mächte errichteten Kolonien, genannt Mandatsgebiete, steckten Grenzen neu, förderten Diktatoren, marschierten mit ihren Truppen ein und wieder ab. Denn wer zum Frieden zwingen will, der muss die Gezwungenen auch ständig kontrollieren. Das kann er entweder durch eigene Truppen erledigen oder er kann diese Aufgabe delegieren. Doch diese Konzepte sind gescheitert.

Frieden durch Krieg: Ein gescheitertes Konzept

Das führt die aktuelle Sicherheitslage vor Augen. Kenneth Roth, Executive Director von Human Rights Watch, zeigte das im März in Frankfurt. Laut Roth hängt der Aufstieg des IS mit der Politik der irakischen Regierung zusammen. Unter Ministerpräsident al-Maliki seien die Sunniten in den vergangenen Jahren massiv diskriminiert worden. Die Ungerechtigkeiten und Übergriffe des Sicherheitsapparats hätten immer mehr zugenommen. Viele Sunniten, gerade ihre Eliten, hielten es daher für besser, unter der Herrschaft des IS zu leben.

Doch auch der ständige Einsatz von westlichen Truppen ist keine Lösung, wie das Beispiel Afghanistan zeigt. Zwar herrschte eine gewisse Ruhe, solange die NATO-Soldaten in großer Zahl vor Ort waren. Doch die Regierungen können ihren Wählern eine ewige Präsenz der Truppen in fernen Weltgegenden nicht mehr erklären. Das koloniale Zeitalter, indem Großbritanniens Arbeiter bereitwillig höhere Steuern für die Navy zahlten um das Empire zu verteidigen, sind vorbei.

Alternativen für den Nahen Osten

Für Roth bieten daher Krieg und Zwang keine Lösung. Er schlägt ein Gegenmodell vor: Entwicklung und Freiheit. Denn wenn sich Regionen entwickeln könnten und den Menschen eine Perspektive böten, neigten die Menschen der zivilen Perspektive zu. Nur wer keine Alternative mehr sehe, wähle Krieg und Terror. Denn mit Ausnahme weniger Fanatiker sei das für die Menschen immer die schlechtere Wahl.

Roth führt in diesem Kontext einen fast vergessenen Schlüsselbegriff ein: Die Menschenrechte. Entwicklungen im wirtschaftlichen und rechtlichen Sinne sind in der Geschichte meistens mit ihnen verbunden gewesen. Sie sind also keine “lockeren Werte”, so Roth, sondern die Basis zur Lösung von Konflikten.

Keine Freiheit im Orient. Auch dank des Westens

Gerade an Menschenrechten, besonders an Freiheit, fehlt es aber im Nahen Osten. Abgesehen von Israel ist kein Staat dieser Region eine freiheitliche Demokratie, in der Menschen frei nach ihrem Glück streben können. Selbst die Türkei, der liberalste Staat der Region, der offiziell säkular ist, tendiert unter der AKP-Regierung eher zu Repression als zu einer freiheitlichen Gesellschaft. In den anderen Ländern herrschen entweder mehr oder weniger chaotische Zustände, wie im Libanon und im Irak oder säkulare Diktaturen wie in Ägypten bzw. absolute muslimische Monarchien wie Saudi-Arabien und Kuweit.

Der Westen hat das akzeptiert. Es ist selten, dass sich europäische Regierungen oder die USA aktiv für die Förderung von Menschenrechten einsetzen. Dabei ist die Region gerade derzeit enorm von Europa abhängig. Nikolaus Busse schrieb am 25.12. in der FAZ, der niedrige Ölpreis setze den Golfstaaten immer mehr zu. Sie müssten Kürzer treten. Für die Verwirklichung ihrer politischen Ziele und der Diversifizierung ihrer Wirtschaft werden sie in naher Zukunft auf die Hilfe Europas angewiesen sein. Das ist eine Chance mit weniger Aufwand als bisher für die Menschenrechte einzutreten. Das ist wichtig, denn bislang sind sie Europa kaum etwas wert. Dabei hat der Westen nicht nur die Idee, sondern auch gleich das dazu gehörende Gesellschaftsmodell hervorgebracht.

Politischer Einfluss durch Förderung der Zivilgesellschaft

Die Zivilgesellschaft, das freie Bürgertum, das nach wirtschaftlichem Erfolg, Unabhängigkeit und politischer Partizipation strebt, taucht als Phänomen immer wieder in der Geschichte auf. In der modernen europäischen und amerikanischen Entfaltung hat es bislang seine wirkmächtigste und längste Blütezeit gefunden. Die dadurch geprägten Gesellschaften sind attraktiv, die aktuellen Flüchtlingsströme zeigen das. Natürlich ist ein Modell nicht beliebig übertragbar, die westliche Zivilgesellschaft kann nicht einfach in Kabul oder Teheran eingepflanzt werden.

Aber der Westen kann jene Tendenzen fördern, die für Europas Entwicklung wichtig waren: Meinungsfreiheit, Erwerbsfreiheit, Eigentumsrechte, Selbstorganisation. Was die Menschen im Nahen Osten damit machen, ist ihnen selbst überlassen. Der Westen muss auch Entwicklungen akzeptieren, die anders sind als in seiner eigenen Tradition. Auch in Europa ging nicht alles glatt. Jahrhunderte der Kämpfe, Konflikte und Revolutionen haben die Entwicklung begleitet. Mit dieser Erfahrung kann der Westen den Gesellschaften helfen sich zu entwickeln, wenn diese das wollen. Nicht nur aus Nächstenliebe, sondern auch aus Eigeninteresse.

Das Werk der Menschenrechte ist der Friede

Wenn Freiheit die Lösung für Konflikte ist, dann ist Krieg der falsche Weg, da er immer Zwang bedeutet. Wenigstens mittelfristig. Militärische Operationen können mitunter notwendig sein, denn der IS lässt sich nicht kurzfristig über die Entwicklung einer Zivilgesellschaft stoppen. Doch bei den notwendigen Kampfhandlungen ist Achtsamkeit geboten. Der spanische Jesuit Luis de Molina betont in seinem Thomaskommentar, für eine gerechte Kriegsführung müssten Mittel und Ziel übereinstimmen. Wenn der Westen mit seinen Maßnahmen nicht noch mehr Schaden anrichten will, darf er keinen langen Krieg führen, bei dem er seine Ressourcen in Bomben verbraucht.

In einer globalisierten Welt muss der Westen die Welt mitgestalten. Aber er kann nicht nur die kurzfristige Lösungen wählen. Mittel- und langfristige Konzepte müssen her, um den Frieden zu sichern. Der Wahlspruch von Pius XII. lautete: Opus iustitiae pax – Das Werk der Gerechtigkeit ist der Friede. Für die Regierungen heute gilt: Das Werk der Menschenrechte ist der Friede.

Maximilian Röll

Das wird sein Jahr: So bündelt Franziskus seine Ziele unter dem Banner der Barmherzigkeit

Am 8. Dezember hat Papst Franziskus die Heilige Pforte des Petersdoms aufgestoßen und das Heilige Jahr der Barmherzigkeit für die ganze Weltkirche eröffnet. Er verbindet damit zwei Motive, mit denen die Kirche Jahre prägt. Zum einen das Heilige Jahr oder Jubeljahr, dessen Tradition aus dem Judentum stammt. Zum anderen die Themenjahre, mit denen ein bestimmtes Anliegen in den Blick genommen wird. Die Verbindung beider Formen ist selten. Dem Papst kann daher bei der Kombination Absicht unterstellt werden. Denn dieses Jahr wird für den Papst zum entscheidenden seines Pontifikates werden.

Von Anfang an hat Papst Franziskus Barmherzigkeit als sein Leitwort formuliert. Schon bei seinem ersten Angelusgebet sprach er über das Buch „Barmherzigkeit“ von Walter Kardinal Kasper und setzte seine Gedanken bei der ersten Messe in der vatikanischen Pfarrei Sant’ Anna fort. Der Papst ist davon überzeugt, darauf nicht selbst gekommen zu sein: „der Heilige Geist will etwas“ sagte er im Interview mit der Zeitung „Credere“. Auch weitere Gesten des Papstes deuten darauf hin, etwa wenn er am Gründonnerstag die Füße von Häftlingen wäscht. Franziskus hält die Barmherzigkeit also für das Kernanliegen seines Pontifikates. Daher verwebt er es mit weiteren Aspekten, durch die er der Kirche neuen Schwung geben will.

Warum aus einer Pforte viele werden

Der Papst hat immer wieder von der Dezentralisierung gesprochen. Der Vatikan sei zu klein, um eine so große Weltkirche zu gestalten. Entsprechend müsse vieles vor Ort geschehen. Diesen Gedanken setzt Franziskus mit den Heiligen Pforten in vielen Kirchen auf der Welt um. Früher gab es nur wenige solcher Pforten und sie lagen fast immer in Rom. Denn das christliche Jubeljahr wurde ursprünglich eingeführt, um mehr Menschen an die Apostelgräber zu locken und mit dem Pilgerstrom auch die Macht und Wirkung des Papstes zu vergrößern. Entsprechend wurden die Heiligen Jahre vor allem pilgernd begangen. Hunderttausende Menschen kamen nach Rom, um hier Ablässe zu erwerben. Das ändert Franziskus.

Er hebt die Konzentration auf die Ewige Stadt auf. Rom ist zwar immer noch Mittelpunkt der Feiern der Heiligen Jahres, weil der Papst als ihr Initiator dort ist. Aber Heilige Pforten gibt es überall. Seit dem achten Dezember werden in vielen Kirchen des Erdkreises Heilige Pforten geöffnet.

Damit ist eine Aufgabe an die Kirchen vor Ort verbunden. Die Bischöfe und Priester sollen nicht auf den Papst warten und denken, es spiele sich alles Wesentliche in Rom ab. Da, wo ihre Heiligen Pforten sind, dort sollen sie den Menschen konkrete Angebote unterbreiten, damit diese stärker zur Barmherzigkeit finden. In vielen Bistümern gibt es entsprechende Initiativen, etwa im Bistum Limburg, wo am Dom regelmäßig Beichten gehört werden. Damit entspricht das Bistum in diesem Punkt dem Wunsch des Papstes.

Barmherzigkeit soll jeder da üben, wo es geboten ist

Denn die Katholiken sollen in den kommenden 12 Monaten nicht nur möglichst oft durch Kirchentüren gehen. Sondern auch ihr Leben auf die Frage zu überprüfen, wo sie selbst Barmherzigkeit üben können. Konkret wird das etwa in Österreich umgesetzt, wo das Jahr unter dem Zeichen der Flüchtlingskrise steht. Barmherzig-sein bedeutet dort die Frage an jeden Katholiken, wie er mit Menschen umgeht, die ungefragt in sein Land kommen und seine Hilfe beanspruchen.

Barmherzigkeit braucht auch persönliche Umkehr. Sowohl persönlich, besonders in der Beichte, aber auch kirchenpolitisch, damit die Kirche innerlich zu einer Einheit findet. In Deutschland ist der Gedanke der Umkehr etwa im Bistum Limburg besonders notwendig. Schon 2013 forderte der Papst die Limburger Katholiken und besonders ihre Führung zur Umkehr auf, um die Krise unter Bischof Tebartz-van Elst zu überwinden. Aus Umkehr kann Versöhnung wachsen, die etwa in Limburg dringend notwendig ist. Passenderweise übernimmt Tebartz-van Elst im Kontext des Heiligen Jahres einige Aufgaben.

Der Schlüssel zur Neuevangelisierung

Nach seinem Rücktritt wurde der Limburger Altbischof Delegat des Rates für Neuevangelisierung. Dieses Dikasterium hat die Aufgabe, das Heilige Jahr von Rom aus zu gestalten. Damit erhält das Jahr eine Stoßrichtung nach außen, zu jenen Völkern, die sich zunehmend von der Kirche und vom Christentum abwenden. „Seht, wie sie einander lieben“, sagten die Heiden nach Tertullian über die frühen Christen. „Seht, wie sie gegenüber sich und den anderen barmherzig sind“, sollen die säkular geprägten Menschen des Westens sagen: so kann Franziskus interpretiert werden. Für Tertullian gewann die Kirche durch den Eindruck der Heiden einen Teil ihrer Attraktivität. Durch die Barmherzigkeit soll die Kirche wieder anziehender für die Menschen werden. Wenn das gelingt, wird die Neuevangelisierung gefördert.

Die Bewährungsprobe des Papstes

Das Jahr der Barmherzigkeit wird für Papst Franziskus zur Bewährungsprobe. In diesem Jahr konzentrieren und konkretisieren sich viele seiner Ziele und Projekte. Die Dezentralisierung wird sowohl organisatorisch als auch spirituell geprobt, die praktische Nächstenliebe sowie die Umkehr sollen bei jedem Gläubigen gefördert werden und die Mission soll in Schwung kommen. Franziskus ist ein Papst, der seit 2013 vieles angestoßen hat. Allerdings wird beklagt, viele Handlungen seien bislang isoliert oder unklar, ihnen fehle Konsistenz und Dauerhaftigkeit. Gelingt es ihm jetzt, diese Bewegungen im Jahr der Barmherzigkeit zusammenzuführen, wird ihn sein Werk überdauern.

Maximilian Röll

Evangelisierung nach Franziskus

Vor gut zwei Jahren hat Papst Franziskus das apostolische Schreiben „Evangelii Gaudium – Freude des Evangeliums“ vorgestellt, das als Programmschrift des Papstes gehandelt wurde. Zeit zu schauen, welche Kernbotschaft sich seitdem im Tun des Papstes bewahrheitet hat.

Evangelisierung ganz praktisch

In dem Schreiben spricht Franziskus die Gemeinden vor Ort an. Dabei nimmt er jeden Gläubigen in die Verantwortung, indem er schreibt: „Jeder Getaufte ist, unabhängig von seiner Funktion in der Kirche und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Träger der Evangelisierung“.  Dies wird nach seinen Beobachtungen aber oft eingeschränkt durch eine „übertriebene Sorge um die persönlichen Räume der Selbständigkeit und der Entspannung“, die Aufgaben und Engagement als bloßes Anhängsel  erleben ließen. Ebenso herrsche vielerorts ein „bürokratisches Verhalten, mit dem auf die einfachen oder auch komplexeren Probleme des Lebens unserer Völker geantwortet wird.“

Franziskus drängt in dem Schreiben darauf, sich an den Sorgen und Nöten der anderen zu orientieren, und nicht um sich selbst zu kreisen. Dabei gelte die Aufmerksamkeit besonders den materiell Armen und den Ausgeschlossenen der Gesellschaft. Evangelisierung könne demnach nur in konkreten Kontexten stattfinden. Im praktischen Handeln und in der Zuwendung werde der Glaube greifbar.

Auf welch einfachen Wegen der frohen Botschaft unbürokratisch Ausdruck verliehen werden kann, hat der Papst seitdem vorgemacht. Etwa in kurzen Telefonaten mit Menschen, die ihm ihre Sorgen geschrieben hatten. Im Kontakt zu den Obdachlosen Roms hat Franziskus für alltagstaugliche Hilfe sorgen können, indem er u.a. Waschmöglichkeiten zur Verfügung stellt. Neben dieser Verantwortung vor Ort wurde im Tun von Franziskus aber auch die Verantwortung jedes Getauften gegenüber der Gesamtkirche besonders deutlich, als er zur Vorbereitung der Welt-Bischofssynode in Rom die Gläubigen der Ortskirchen über die Berufung und Sendung der Familie befragen ließ. Vergleichbares hatte es vorher nicht gegeben.

Erfahrung teilen

In seinem Apostolischen Schreiben versucht Franziskus neben dem praktischen Umgang, auch die Art und Weise der Verkündigung einer Reinigung zu unterziehen. Die Homilie sieht er als den „Prüfstein, um die Nähe und die Kontaktfähigkeit eines Hirten zu seinem Volk zu bewerten.“  Dabei müsse der Hirte den Inhalt aus der Betrachtung der Hl. Schrift aufsaugen und bei der Weitergabe auf „die Wärme des Tons seiner Stimme, die Milde des Stils seiner Sätze und die Freude seiner Gesten“ achten. Nur wer selbst berührt wurde, könne demnach Zeugnis geben.

Gleiches gelte für die übrigen Gläubigen, da keine Motivation ausreiche, „wenn man nicht aus eigener Erfahrung davon überzeugt ist, dass es nicht das Gleiche ist, Jesus kennen gelernt zu haben oder ihn nicht zu kennen“.

Das Franziskus weiß, wovon er spricht, das zeigen seine eigenen Predigten und Reden, die auch von Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen große Zustimmung finden. Dies zeigte sich zuletzt bei seiner Afrikareise, bei der er in einer von christlichen und muslimischen Milizen geschundenen Region die richtigen Worte und den passenden Ton gefunden hat.

Fazit

Franziskus möchte auf eine innere Haltung hinweisen, die im Evangelium zum Ausdruck kommt. Dabei geht es um einen gelebten Glauben, der sich aus der Begegnung mit Gott speist und sich mit Zuversicht dem Nächsten zuwendet, den er in seinen Freuden und Sorgen ernst- und annimmt.

Dominique Humm