Die Familiensynode: „Nun sag, wie hast du’s mit dem Sex?“ (09.10.2015)

Aus Goethes Faust kennt man die „Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Die Analogie der modernen Gesellschaft bestünde darin, diese Frage an die Kirche zu richten und Religion durch „Sex“ bzw. „Sexualität“ zu ersetzen. Denn das Sexualverständnis ist der Kern dessen, wonach die Kirche Homosexualität, Kommunionempfang für Geschiedene und Wiederverheiratete sowie uneheliches Zusammenleben bewertet und beurteilt.

Ehe als einzig gottgewollter Ort der Sexualität?

Wenn die Bischöfe in Rom zum offiziellen Thema: „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ eine Synode veranstalten, kann nicht darüber hinweggefragt werden, was für die Kirche Ehe und Familie von einer Nichtehe oder einer Ehelosigkeit unterscheidet. Es geht primär um erlaubte oder unerlaubte Sexualität. Nach der Taufe ist jeder Christ zur Keuschheit berufen, was der Katechismus der katholischen Kirche unscharf als „die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein“ (Nr. 2337) bezeichnet.

Nach dem Katechismus kann die katholische Lehre wie folgt zusammengefasst werden: Sex vor und außerhalb der Ehe ist Unzucht, (Nr. 2353) Masturbation eine Ordnungswidrigkeit (Nr. 2352) .

Die katholische Lehre verweigert sich bewusst der Moderne

Aus der Zeit gefallen sind nicht nur die Begriffe, sondern auch die Moralvorstellungen. Die Kirche hat in ihren beiden Sexualenzykliken, Casti connubii Pius‘ XI. (1930) und Humanae vitae Pauls VI. (1968), Sexualität an Ehe und Fortpfanzung als einzig erlaubten Ort bzw. Art der Durchführung gebunden. Der Kernsatz in Casti connubii ist der neuscholastische Syllogismus: „Was gegen die Natur ist, ist nicht mit der Natur in Einklang zu bringen“ – als gegen die Natur gelten hier (künstliche) Mittel zur Empfängnisverhütung. Die Enzyklika geht von einem natürlichen Ziel der Sexualität, nämlich Fortpflanzung aus, welches gottgewollt sei. Sie verbindet somit ein biologisches Ziel mit dem Willen Gottes.

Genau diese finale Zweckausrichtung der kirchlichen Sexuallehre ist auch der hermeneutische Schlüssel, um die scharfe Ablehnung homosexueller Akte verstehen zu können, so sagt der Katechismus: „Sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen.“ (Nr. 2357)

Ähnlich argumentiert die neuere und verbindliche Enzyklika „Humanae vitae“ Pauls VI. Sie ist die neueste Enzyklika zum Thema Sexualität und urteilt in Anlehnung an „Casti conubii“: „Wenn jemand daher einerseits Gottes Gabe genießt und anderseits – wenn auch nur teilweise – Sinn und Ziel dieser Gabe ausschließt, handelt er somit im Widerspruch zur Natur des Mannes und der Frau und deren inniger Verbundenheit; er stellt sich damit gegen Gottes Plan und heiligen Willen.“

Die Kirche weiß, dass sie damit im Widerspruch zur Zeit und gelebten Praxis steht. Sie sieht sich aber mit dieser Lehre in der Tradition und meint mit dieser Position den Willen Gottes zu verkünden.

Moderne Sexualität und Lebensformen: Ehe ad experimentum und Patchworkfamilien

Heute leben nahezu 100% aller Paare schon vor der Ehe zusammen und sind sexuell aktiv. In den Umfragen zur Synode wurde diese Art des Zusammenlebens mitunter von der Kirche als „Ehe ad experimentum“ – Ehe auf Experiment bezeichnet. Damit fühlt sich jedoch keiner richtig behandelt. Heute heiraten viele wegen der Ausbildung, des Studiums und gesellschaftlichen Wandels erst mit 30 oder später. Aber seit der Pubertät entdeckt der Mensch seine Sexualität. Die Lebenszeit zwischen sexueller Reife und Ehe kann so schon 15 Jahre und mehr ausmachen. Aus der Psychologie ist klar, dass der Mensch ein sexuelles Wesen ist, nicht bloß ein vernünftiges oder arbeitendes. Was daher in gewissen kirchlichen Dokumenten als „ungeordnet“ oder, vor allem im 19. Jahrhundert als „lüstern“ beschrieben wird, kann dann durchaus eine ganz normale und natürliche Form der Entdeckung der Sexualität sein.

Wenn eine Ehe scheitert, gehen viele oft eine neue Ehe ein, in der sie auch wie in der ersten sexuell leben. Wenn dann noch Kinder aus der vorherigen Ehe mit in die neue hineinkommen, nennt man dies „Patchworkfamilie“. Bei Enthaltsamkeit wäre der Kommunionempfang möglich, bei aktiver Sexualität ist jeder Akt nach dem Eherecht der Kirche ein „Ehebruch“. So erklärt sich auch der Ausschluss von den Sakramenten, gelten diese drei Sünden: Mord, Glaubensabfall und Ehebruch in der Kirchensprache als „schwerwiegende Materie“, mitunter als Todsünde. Die Ausdrucksweise ist heftig, dennoch kommt man um sie nicht herum, wenn man die Theorie hinter der offiziellen Pastoral verstehen will. Nur wenn dieses Verständnis geändert wird, kann eine andere Praxis amtlich werden.

Die Kirchengeschichte beweist, dass Wandel möglich ist

Der Dreh- und Angelpunkt bei jeder Reform in Fragen der Kommunion und Homosexualität liegt also in der Sexuallehre. Das kirchliche Lehramt begründet diese maßgeblich, wie die Erklärung Persona Humana (1975) zusammenfasst, mit dem „Empfinden der Gläubigen“ und einer „objektiven sittlichen Ordnung“. Das Ordo-Denken war vor allem in der neuscholastischen Theologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bedeutend.

Doch ein Wandel ist möglich. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil diente das Ordo-Denken der Abwehr moderner Menschen- bzw. Freiheitsrechte wie Religions- Meinungs- Presse- und Gewissensfreiheit. Wer die Wahrheit habe, so das Argument, dürfe den Irrtum nicht zum Recht verhelfen, denn „dann stürzt ihre ohnehin zum Bösen geneigte Natur rasend schnell in den Abgrund, und Wir sehen wahrhaftig den Höllenpfuhl offen“, so kanzelte Gregor XVI die heutigen Menschenrechte ab. Heute setzten sich gerade Katholiken für Religionsfreiheit ein. Was damals vom Teufel war, gilt heute auch der Kirche als anerkanntes Menschenrecht.

Wenn es also bereits einmal eine kopernikanische Wende in der Kirche gab, wieso soll es sie kein zweites Mal geben?

Josef Jung

Zu diesem Thema vgl. auch das Dossier von hinsehen.net Nicht Sex, sondern Sexualität

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