Heiratsverbot nach einer Scheidung – eine Frage der Gerechtigkeit (16.10.2015)

Die lateinische Kirche erlaubt nach einer Scheidung keinem der Partner eine neue Heirat. Sie ist überzeugt, damit dem Willen Jesu zu entsprechen. Ein gewichtiges Argument leiten Verfechter dieser Regelung daraus ab, dass mit dem Verbot einer neuen Heirat die Unauflöslichkeit der Ehe gesichert werde. Das ist plausibel. Denn wenn man nach einer Scheidung einfach wieder heiraten könnte, wäre eine Scheidung tatsächlich weniger problematisch. Aber was ist z.B. mit dem Partner, der alleine steht, weil der andere sich neu verliebt hat? Er bzw. sie müssten nicht nur den Verlust der Gemeinschaft ertragen, sondern mit dem Alleinsein sozusagen für die Treulosigkeit des anderen doppelt “büßen.

Der Mensch darf nicht zum Mittel gemacht werden

Mit dem Argument, das Heiratsverbot stütze die Unauflöslichkeit der Ehe, wird die Kirche dem verlassenen Partner kaum gerecht. Wenn er bzw. sie an der Ehe festhalten wollten, können sie eigentlich nicht für die Untreue des anderen haftbar gemacht werden. Es trifft hier die Maxime zu, der Mensch dürfe nicht zum Mittel für einen anderen Zweck gemacht werden. Diese gründet darin, dass die einzelne Person der höchste Wert ist. Mit dem Heiratsverbot wird aber der Wert der Unauflöslichkeit über die Selbstbestimmung des verlassenen Ehepartners gestellt.

Die Logik des Ehewillens

Die katholische Kirche erklärt den Heiratswilligen, dass mit der Heirat das Verbot einer zweiten Ehe akzeptiert wird, natürlich solange der Partner lebt. Diejenigen, die kirchlich heiraten wollen, wissen das nicht nur, sondern wollen den Entschluss einer lebenslangen Partnerschaft unter den besonderen Segen Gottes stellen. Das gegenseitige Versprechen soll “halten”. Es erscheint als logische Folge, dass mit diesem Versprechen eine zweite Heirat ausgeschlossen ist. Mit einem zweiten Blick entsteht allerdings die Frage, ob die Kirche diese Logik auch erzwingen darf. Sie hat das Argument auf ihrer Seite, dass nicht wenige verlassene Partner dieser Logik folgen, indem sie nicht mehr heiraten.

Wird der einzelne aber an einer erneuten Heirat gehindert, obwohl er bzw. sie nicht alleine leben will, ist das ein Eingriff in das Selbstgestaltungsrecht, der ethisch schwer zu rechtfertigen ist. Das gilt vor allem dann, wenn der andere in einer neuen Beziehung lebt und damit eine Rückkehr in die frühere Partnerschaft versperrt ist. Dieses Heiratsverbot muss auch angesichts eines gesellschaftlichen Umfeldes gerechtfertigt werden, das den verlassenen Partner in das schiefe Licht stellt, nicht zu einer Partnerschaft fähig zu sein. Nicht wenige Filme und Romane stellen dar, wie Partner sich als zu wenig attraktiv fühlen, weil der andere sich neu verliebt hat. Verlassenwerden wird in vielen Fällen als Demütigung erlebt und kann daher eigentlich nicht von der Kirche mit einem Heiratsverbot noch verschärft werden.

Die Abwägung auf der ethischen Ebene zeigt auf der einen Seite, das das Verbot einer neuen Heirat der Logik der gegenseitigen Hingabe entspricht, eben diese Hingabe durch den Vorbehalt einer möglichen zweiten Partnerschaft zu unterspülen. Zum anderen ist es ein Eingriff in das Selbstgestaltungsrecht einer Person, sie zum Alleinsein zu verpflichten. Jedoch hat die Kirche nicht nur die innere Logik des Eheversprechens als Grundlage für das Heiratsverbot, sondern auch den Auftrag Jesu, nicht zu lösen was Gott verbunden hat. Die Frage ist, ob Jesus ein solches Heiratsverbot damit verbunden hat.

Neue Heirat ist kein Ehebruch

So steht es sind er offiziellen, der Einheitsübersetzung der katholischen Kirche. Lukas 16,18 wird dort so wiedergegeben: „… wer eine Frau heiratet, die von ihrem Mann aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“

Diese Übersetzung verpflichtet die westliche Kirche, eine zweite Heirat nicht zuzulassen, will sie dem Wort Jesu treu bleiben. Norbert Baumert, emeritierter Neutestamentler, hat darauf hingewiesen, dass die griechische Vorlage nicht unbedingt mit „entlassen worden ist;“ übersetzt werden muss, sondern dass das Griechische auch eine Verbform hat, die es im Deutschen wie Lateinischen nicht gibt, nämlich das Medium. Da bei dem hier verwendeten Verb Medium und Passiv die gleich Endung haben, kann die Übersetzung auch so lauten: „Die sich von ihrem Mann getrennt hat“. Aus dem griechischen Text bei Lukas lässt sich nicht entscheiden, ob Medium oder Passiv dort stehen.

Der Unterschied ist gravierend: Ob die Frau gemeint ist, die entlassen wurde oder vielmehr die, die sich getrennt hat. Lukas lag die gleiche Aussage Jesu in der früheren Überlieferung bei Markus vor. Hier wird deutlich, dass Jesus nicht über den verlassenen Ehepartner spricht, sondern über den, der den andere „entlassen hat“. Die Aussage einer unehrenhaften Sexualbeziehung bezieht sich auf den neuen Partner, dessen, der sich getrennt hat. Er bringt den Makel der Untreue in die neue Beziehung ein; s. dazu „Jesus rechnet mit Scheidungen.“

Wenn es also nicht eindeutig ist, dass Jesus dem verlassenen Partner eine neue Heirat untersagt hat, dann sollte die katholische Kirche ihre Motivation für eine lebenslange Ehe neu konzipieren. Dazu bestehen große Chancen.

Anwalt einer lebenslangen Beziehung

Die Infragestellung der katholischen Ehelehre, die sich in dem Verbot einer erneuten Heirat zuspitzt, leitet sich nicht aus der genauen Sichtung der Worte Jesu in den Evangelien her, wie sie Norbert Baumert vorgenommen hat, sondern aus der Abkehr der westlichen Gesellschaften von dem Eheideal, das das Christentum von seinen Anfängen her vertreten hat. Diese leitet sich von dem Wort Jesu her: „Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht lösen!“. Gerade weil sich junge Paare an die Kirche wenden, um sich das Eheversprechen im Rahmen einer kirchlichen Feier zu geben und sich so gegenseitig das Ehesakrament zu spenden, besteht die Chance darin, dass die katholische Kirche diese Lebensform stützt und sie auch intensiver in der Öffentlichkeit vertritt.

Wenn das oberste deutsche Laiengremium als Reformbedarf den kirchlichen Segen für eine erneute Heirat in den Vordergrund stellt, untergräbt es den Elan, sich auf eine lebenslange Bindung einzulassen. Gerade die kirchliche Hochzeit will ja die Liebe zum Partner intensivieren, also die Bindung nicht unter den Vorbehalt des Scheiterns stellen. Man fragt sich, ob die katholischen Laien, die sich im Zentralkomitee der deutschen Katholiken zusammenfinden, ihren Kindern und Enkeln gerecht werden, wenn sie die Wiederheirat zum Thema Nr. 1 machen. Wollen die jungen Menschen in den Wirrnissen der Postmoderne mit ihren sich täglich vermehrenden Lebensmodellen nicht gerade von der katholischen Kirche Rückhalt für eine Lebensform.
Jedoch wird die katholische Kirche mit ihrem Heiratsverbot für Geschiedene diese Motivation nicht mehr stärken. Das Verbot steht wie ein verdorrter Baum in einer Gegend, die die Menschen längst verlassen haben.

Das Scheitern auffangen

Die einfache Lösung: „Keine zweite Heirat“ hat ihre Kraft verloren. Die katholische Kirche muss sich neu auf den Auftrag Jesu besinnen, Paare zu stärken, die sich auf eine lebenslange Bindung einlassen wollen. Zugleich muss sie denen Samariterdienste leisten, die mit diesem Konzept gescheitert sind. Das macht verständlich, warum die Synode in Rom neue Lösungen finden muss. Alle Ratschläge, sich dem Zeitgeist endlich anzupassen und das als längst fällige Reform zu propagieren, missachtet den Wunsch vieler junger Paare, für ihren Entschluss, sich lebenslang aufeinander einzulassen, den Segen Gottes zu erhalten.

Es sind auch die jahrhundertealten Erfahrungen der Seelsorge wie der heutigen Eheberatung ernst zu nehmen. Wie eine lebenslang gelebte Partnerschaft ein Geheimnis in sich trägt, so auch das Auseinandergehen von Paaren. Selten ist es der eine, dem allein die Veranwortung zugesprochen werden kann. Ob für den Neuanfang oder zur Überwindung einer Ehekrise, es wird nicht ohne eine Neukonzeption des Bußsakramentes gehen. Da die jetzige Form der Beichte nur noch von wenigen Katholiken praktiziert wird, hätte die Synode die große Chance, neue Formen für dieses Vermächtnis Jesu an zu finden, nämlich zu binden und dann zu lösen, damit trotz Krisen und auch Scheitern ein Neuanfang ermöglicht wird.

Eckhard Bieger S.J.

Dieser Beitrag schließt an die mehr biblische Spurensuche in „Jesus hat mit dem Scheitern gerechnet“

Die Familiensynode: „Nun sag, wie hast du’s mit dem Sex?“ (09.10.2015)

Aus Goethes Faust kennt man die „Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Die Analogie der modernen Gesellschaft bestünde darin, diese Frage an die Kirche zu richten und Religion durch „Sex“ bzw. „Sexualität“ zu ersetzen. Denn das Sexualverständnis ist der Kern dessen, wonach die Kirche Homosexualität, Kommunionempfang für Geschiedene und Wiederverheiratete sowie uneheliches Zusammenleben bewertet und beurteilt.

Ehe als einzig gottgewollter Ort der Sexualität?

Wenn die Bischöfe in Rom zum offiziellen Thema: „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ eine Synode veranstalten, kann nicht darüber hinweggefragt werden, was für die Kirche Ehe und Familie von einer Nichtehe oder einer Ehelosigkeit unterscheidet. Es geht primär um erlaubte oder unerlaubte Sexualität. Nach der Taufe ist jeder Christ zur Keuschheit berufen, was der Katechismus der katholischen Kirche unscharf als „die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein“ (Nr. 2337) bezeichnet.

Nach dem Katechismus kann die katholische Lehre wie folgt zusammengefasst werden: Sex vor und außerhalb der Ehe ist Unzucht, (Nr. 2353) Masturbation eine Ordnungswidrigkeit (Nr. 2352) .

Die katholische Lehre verweigert sich bewusst der Moderne

Aus der Zeit gefallen sind nicht nur die Begriffe, sondern auch die Moralvorstellungen. Die Kirche hat in ihren beiden Sexualenzykliken, Casti connubii Pius‘ XI. (1930) und Humanae vitae Pauls VI. (1968), Sexualität an Ehe und Fortpfanzung als einzig erlaubten Ort bzw. Art der Durchführung gebunden. Der Kernsatz in Casti connubii ist der neuscholastische Syllogismus: „Was gegen die Natur ist, ist nicht mit der Natur in Einklang zu bringen“ – als gegen die Natur gelten hier (künstliche) Mittel zur Empfängnisverhütung. Die Enzyklika geht von einem natürlichen Ziel der Sexualität, nämlich Fortpflanzung aus, welches gottgewollt sei. Sie verbindet somit ein biologisches Ziel mit dem Willen Gottes.

Genau diese finale Zweckausrichtung der kirchlichen Sexuallehre ist auch der hermeneutische Schlüssel, um die scharfe Ablehnung homosexueller Akte verstehen zu können, so sagt der Katechismus: „Sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen.“ (Nr. 2357)

Ähnlich argumentiert die neuere und verbindliche Enzyklika „Humanae vitae“ Pauls VI. Sie ist die neueste Enzyklika zum Thema Sexualität und urteilt in Anlehnung an „Casti conubii“: „Wenn jemand daher einerseits Gottes Gabe genießt und anderseits – wenn auch nur teilweise – Sinn und Ziel dieser Gabe ausschließt, handelt er somit im Widerspruch zur Natur des Mannes und der Frau und deren inniger Verbundenheit; er stellt sich damit gegen Gottes Plan und heiligen Willen.“

Die Kirche weiß, dass sie damit im Widerspruch zur Zeit und gelebten Praxis steht. Sie sieht sich aber mit dieser Lehre in der Tradition und meint mit dieser Position den Willen Gottes zu verkünden.

Moderne Sexualität und Lebensformen: Ehe ad experimentum und Patchworkfamilien

Heute leben nahezu 100% aller Paare schon vor der Ehe zusammen und sind sexuell aktiv. In den Umfragen zur Synode wurde diese Art des Zusammenlebens mitunter von der Kirche als „Ehe ad experimentum“ – Ehe auf Experiment bezeichnet. Damit fühlt sich jedoch keiner richtig behandelt. Heute heiraten viele wegen der Ausbildung, des Studiums und gesellschaftlichen Wandels erst mit 30 oder später. Aber seit der Pubertät entdeckt der Mensch seine Sexualität. Die Lebenszeit zwischen sexueller Reife und Ehe kann so schon 15 Jahre und mehr ausmachen. Aus der Psychologie ist klar, dass der Mensch ein sexuelles Wesen ist, nicht bloß ein vernünftiges oder arbeitendes. Was daher in gewissen kirchlichen Dokumenten als „ungeordnet“ oder, vor allem im 19. Jahrhundert als „lüstern“ beschrieben wird, kann dann durchaus eine ganz normale und natürliche Form der Entdeckung der Sexualität sein.

Wenn eine Ehe scheitert, gehen viele oft eine neue Ehe ein, in der sie auch wie in der ersten sexuell leben. Wenn dann noch Kinder aus der vorherigen Ehe mit in die neue hineinkommen, nennt man dies „Patchworkfamilie“. Bei Enthaltsamkeit wäre der Kommunionempfang möglich, bei aktiver Sexualität ist jeder Akt nach dem Eherecht der Kirche ein „Ehebruch“. So erklärt sich auch der Ausschluss von den Sakramenten, gelten diese drei Sünden: Mord, Glaubensabfall und Ehebruch in der Kirchensprache als „schwerwiegende Materie“, mitunter als Todsünde. Die Ausdrucksweise ist heftig, dennoch kommt man um sie nicht herum, wenn man die Theorie hinter der offiziellen Pastoral verstehen will. Nur wenn dieses Verständnis geändert wird, kann eine andere Praxis amtlich werden.

Die Kirchengeschichte beweist, dass Wandel möglich ist

Der Dreh- und Angelpunkt bei jeder Reform in Fragen der Kommunion und Homosexualität liegt also in der Sexuallehre. Das kirchliche Lehramt begründet diese maßgeblich, wie die Erklärung Persona Humana (1975) zusammenfasst, mit dem „Empfinden der Gläubigen“ und einer „objektiven sittlichen Ordnung“. Das Ordo-Denken war vor allem in der neuscholastischen Theologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bedeutend.

Doch ein Wandel ist möglich. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil diente das Ordo-Denken der Abwehr moderner Menschen- bzw. Freiheitsrechte wie Religions- Meinungs- Presse- und Gewissensfreiheit. Wer die Wahrheit habe, so das Argument, dürfe den Irrtum nicht zum Recht verhelfen, denn „dann stürzt ihre ohnehin zum Bösen geneigte Natur rasend schnell in den Abgrund, und Wir sehen wahrhaftig den Höllenpfuhl offen“, so kanzelte Gregor XVI die heutigen Menschenrechte ab. Heute setzten sich gerade Katholiken für Religionsfreiheit ein. Was damals vom Teufel war, gilt heute auch der Kirche als anerkanntes Menschenrecht.

Wenn es also bereits einmal eine kopernikanische Wende in der Kirche gab, wieso soll es sie kein zweites Mal geben?

Josef Jung

Zu diesem Thema vgl. auch das Dossier von hinsehen.net Nicht Sex, sondern Sexualität

Christen zuerst? (02.10.2015)

Zehntausende Flüchtlinge kamen in den vergangenen Monaten in die Europäische Union. Allein in Deutschland werden in diesem Jahr bis zu 800.000 Asylsuchende erwartet. Während kurzfristig eine „Wir schaffen das“-Euphorie herrschte, nimmt die Sorge derzeit zu. Eine knappe Mehrheit der Befragten sorgen sich laut aktuellem ARD-Deutschlandtrend über die zunehmende Zahl der Flüchtlinge. Das bedeutet eine Steigerung von 13 Prozent der Besorgten allein gegenüber dem Vormonat. Zudem zieht die Bundesregierung mit dem neuen Asylgesetz die Zügel wieder fester an. Und Bundesinnenminister Thomas de Maizière spricht im Bundestag von einer Ankommenskultur, die von den Flüchtlingen eingefordert werden muss.

Dürfen Christen bevorzugt werden 

Wenn aber über strengere Grenzkontrollen, Abschreckung und Grenzen der Aufnahmefähigkeit gesprochen wird, dann wirft das die Frage auf, nach welchen Kriterien Asylsuchende in Europa aufgenommen werden sollen. In Osteuropa gibt es derzeit dazu auch eine religionspolitische Antwort: Sie wollten nur Christen aufnehmen, erklärte die Regierung der Slowakei im Sommer. Geht das denn? Kann es eine besondere Solidarität für Christen geben, was automatisch die Muslime diskriminiert?

Asylrecht gilt für alle Menschen, nicht allein für Christen

Für manche ist die Antwort klar: Nein!
Es darf keine Einschränkung des Rechtes auf Asyl geben. Asyl ist ein Menschenrecht, also verstößt es gegen die Menschenwürde, wenn man die einen Menschen gegenüber den anderen bevorzugt und einigen das Recht auf Asyl verweigert oder es einschränkt.

Europa hat zwar christliche Wurzeln. Die Aufklärung und die Entwicklungen der Moderne und Postmoderne haben die Gesellschaften des Westens aber ihrem Erbe entwachsen lassen. Man kann also nicht mehr sagen, Europa sei dezidiert christlich. Viele orientalische Christen teilen hingegen ein hohes Maß an Kultur mit den Muslimen. Beide Gruppen sind daher genauso viel und genauso wenig geeignet für die Integration in die moderne westliche Gesellschaft.

Und im Blick auf die Christen widerspricht es deren eigenen Wertvorstellungen, andere Menschen auszuschließen, nur weil sie nicht die eigene Religion teilen. Im Gegenteil, es hat stets in Krisenzeiten des Christentums Attraktivität erhöht, dass sich seine Gläubigen nicht nur um die eigenen Mitglieder gekümmert haben, sondern um alle Menschen, die in Not geraten sind und ausgegrenzt wurden.

Dagegen spricht die geringe Bedeutung von abstrakten Rechtsbegriffen und kurzfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen. Für die Mehrheit der Bevölkerung, die nicht an der Bildung der veröffentlichten Meinung teilhat und die noch immer auf dem Land und in kleineren Städten lebt, gelten andere Grundsätze: Gefühle vor Rechtsvorstellungen, Wahrnehmung vor Theorien, Selbstverständnis gegenüber den Neuen.

Zeit ist jetzt ein Diskriminierungsfaktor 

Das Prinzip Christen-zuerst heißt aber nicht, Nur-Christen. Ein solcher Ansatz widerspräche dem Christentum, das gerade in der Debatte  auf einmal wieder eine Rolle spielen soll. Dennoch wird es eine systematisch Diskriminierung von Asylsuchenden notwendigerweise geben müssen. Das ist schon jetzt der Fall. Schon die Entscheidung der Kanzlerin, Menschen aus Ungarn nach Deutschland zu holen, hat jene Flüchtlinge diskriminiert, die es bislang nicht bis nach Ungarn geschafft haben. Was macht sie besser oder schlechter, als jene, die zwischen Budapest und Österreich über die Autobahn gewandert sind? Und wenn erst das neue Asylgesetz im Bundestag verabschiedet wird, verschlechtert das die Lage für die Neuankömmlinge. Zeit ist aber einer der ungerechtesten Diskriminierungsfaktoren. Es ist besser, andere Maßstäbe anzusetzen. Religion kann einer davon sein, auch weil sie in den Regionen, aus denen die Flüchtlinge kommen, ungemein wichtiger ist.

Wenn undogmatisch und praxisorientiert gedacht wird, dann gibt es gute Gründe, warum man Christen-zuerst sagen kann. Christen haben es relativ leicht, einen Zugang zu den Kirchen als bedeutenden, flächendeckenden Sozial- und Bildungsträgern zu finden. Moscheevereine können aufgrund ihrer Geschichte noch nicht das Potential der Großkirchen abrufen. Gerade Christen brauchen Hilfe, weil sie in ihrer Heimat besonders bedroht werden. Die meisten Flüchtlinge in Europa kommen derzeit aus Gebieten, in denen es massive Christenverfolgungen gibt. Zudem empfinden viele Menschen gegenüber christlichen Flüchtlingen mehr Gemeinsamkeiten und glauben an eine größere Integrationsbereitschaft, auch weil viele Christen im Nahen Osten überdurchschnittlich gebildet sind.

Europa ist vom Christentum geprägt

Für jeden Menschen gibt es ein Recht auf Asyl, aber in Deutschland wie in der EU gibt es kein Recht auf Asyl, was die meisten Flüchtlinge anstreben. Sowenig jemand ein Recht darauf hat, in München-Schwabing Asyl zu finden, sowenig ein Recht darauf, in Hessen oder ausschließlich in Deutschland. Wenn darüber diskutiert wird, Menschen in der ganzen EU zu verteilen, dann gilt nur das Recht eines jeden Menschen, aus einem Kriegsgebiet zu entkommen, aber nicht an einem Ort seiner Wahl aufgenommen zu werden. Viele Syrer aber fliehen nicht aus den Kriegsgebieten, sondern aus Auffanglagern im Libanon, Jordanien und der Türkei.

Anders als diese islamischen Länder ist Europa aber immer noch stark vom Christentum geprägt und wird im innenmuslimischen Diskurs, bei aller Bewunderung, als Land der Ungläubigen bezeichnet. Aus ihrer Sicht zurecht. Zwar haben die Großkirchen massiv an Einfluss verloren und die meisten Menschen leben heute an wesentlichen Regelungen des Christentums vorbei, wenn man etwa an die Sexualmoral denkt. Aber noch immer machen die Mitglieder aller Kirchen die absolute Mehrheit der Bevölkerung aus, haben die meisten Bürger zumindest an Lebenswenden direkten Kontakt zu Pastoren und Pfarrern. Am wichtigsten ist, dass unsere Vorstellungen von Gott und Religion, von sozialer Tätigkeit und Menschenbild, christlich durchprägt sind. Jenseits von atheistischen Selbstermächtigungen und kirchlichem Gejammer sind die Aufklärung und das Christentum noch immer die entscheidenden Elemente, die unser Denken und Handeln bestimmen. Bei allen Unterschieden bietet ihre Religion den Christen für ein Miteinander und für Integration wesentliche Startvorteile.

Das Christentum kannte zu aller Zeit auch eine Hierarchie der Hilfeleistungen, trotz seines universalen Charakter. Seine Neuerung war nicht, alle Menschen bei begrenzten Mitteln in gleicher Weise zu bedenken. Sondern die Christen haben als erste überhaupt Menschen außerhalb der eigenen Gemeinschaft in die karitativen Tätigkeiten integriert. Darin liegt eine Forderung an die Christen bis heute: Niemand darf sich nur für die Menschen interessieren, die seinen Glauben teilen, wohl aber vorrangig für sie.

Globale Allianz für Flüchtlinge

Maß und Mitte sind in fast allen philosophischen Richtungen der Beginn der Weisheit. Es ist vernünftig, einen besonderen Blick auf die christlichen Flüchtlinge zu haben, auch wenn nach wie vor jeder Flüchtling ein Recht auf Asyl hat. Anlässlich beschränkter Kapazitäten in Europa kann das dazu führen, dass Muslime darunter leiden können. Das weitet aber den Blick. Denn Europa kann nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Muss es auch nicht. Bislang gibt es zahlreiche muslimische Länder, die sich weigern, den Geflohenen Obdach zu bieten, etwas das reiche Saudi-Arabien. Das wird auch in der islamischen Welt kritisch gesehen. Ärmere muslimische Staaten ächzen hingegen unter der Last der Flüchtlinge. Ein Christen-zuerst-Faktor darf dabei nicht isoliert angewandt werden. Die reichen muslimischen Staaten müssen gedrängt werden, ihre Grenzen zu öffnen, die Armen brauchen die Unterstützung des wohlhabenden Westens. Es bedarf einer globalen Allianz, die sich um alle Flüchtlinge kümmert, die derzeit auf der Flucht sind und die Menschen nach verschiedenen Faktoren aufteilt, von denen einer auch die Religion ist.

Maximilian Röll
kath.de-Redaktion