Ende des Fortschritts (18.09.2015)

Der Export des Europäischen Modells ist misslungen

Die Flüchtlingsströme konfrontieren uns mit dem Niedergang von Staaten. Bürgerkriege und Korruption nehmen den Jüngeren die Zukunftschancen. Sie wollen in die Länder, in denen ihre Kinder nicht bedroht sind, wo sie Arbeit finden, wo sie wegen ihrer Religion oder ethnischen Zugehörigkeit nicht verfolgt werden. Wie konnte es dazu kommen? All Herkunftsländer, aus denen sie kommen, standen doch einmal unter der Herrschaft einer europäischen Macht. Eigentlich sollten doch alle Nationen so wie wir Europäer werden.

Export der europäischen Lebensform

Europa, das seine Technik, seine militärische Überlegenheit, sein Bildungs- und Gesundheitssystem im 19. Jahrhundert in den Kolonien implementierte, glaube an seinen zivilisatorischen Vorsprung. Selbst die kommunistische Doktrin ließ sich exportieren und wurde z.B. von China übernommen. Zwar war der Export der europäischen Zivilisation auch stark von wirtschaftlichen Interessen durchsetzt, aber er funktionierte nicht zuletzt dadurch, dass Europa mit diesem Überlegenheitsgefühl auch die Durchsetzungskraft entwickelte, so dass heute alle Staatsgebilde ohne den Einfluss Europas nicht zu denken sind. Und kommen die Flüchtlinge nicht gerade deshalb, weil sie von den Ideen Europas überzeugt sind und da leben wollen, wo diese Ideen in der Form des Rechtsstaates verwirklicht sind? Man kann ganz nüchtern sagen: Die Flüchtlingsströme sind eine Folge der europäischen Kolonisation.

Die misslungene Implementierung des demokratischen Systems

Die Kolonien waren keine Demokratien, sondern standen unter der Herrschaft der europäischen Regierungen. Sie sind nicht automatisch Demokratien geworden, als die Völker Asiens und Afrikas nach den selbstzerstörerischen europäischen Weltkriegen ihre Unabhängigkeit durchsetzen. Außer in Indien, Australien und Kanada entstanden keine funktionsfähigen Demokratien. Das Gift der Korruption durchdringt die Nachfolgestaaten in Afrika wie die vom Exportprodukt Kommunismus regierten russischen Satelliten. Trotz dieser Entwicklungen rechnete der Westen mit einem Demokratisierungsschub durch die Arabellion. Sozusagen naturgesetzlich sollten in den Ländern demokratische Staatsformen entstehen. Es waren aber keine der politischen Kräfte, außer vielleicht in Tunis, in der Lage, einen funktionsfähigen Staat mit Bildungs- und Gesundheitssystem, mit Rechtssicherheit und einem funktionsfähigen Parlament zu gestalten. Die Länder werden von rivalisierenden Gruppen, Stämmen, muslimischen Konfessionen und Ethnien bestimmt. Die Spannungen werden nicht durch Verhandlungen gelöst, sondern Gewalt dient als Mittel, die Machtinteressen der Gruppe, Ethnie, Konfession durchzusetzen. Es ist offensichtlich: Demokratie ist keine selbstverständliches Ergebnis der Evolution. Anders als es der Fortschrittsglaube der Moderne annimmt, erleben wir einen Verfall staatlicher Ordnungen, durch westliche Eingriffe beschleunigt.

Die Illusion der Aufklärung

Die Vernunft scheint zwar die Argumente, aber nicht die Kraft zu haben, Frieden herbeizuführen. Genau das hat die Aufklärung, welche die Vernunft zur Herrschaft bringen wollte und dann auch auf dem Altar von Notre Dame in Paris in Gestalt einer Frau inthronisierte, in Europa erlebt. Als die Aufklärung begann, entwickelte Kant eine vernunftbasierte Konzeption der Politik mit dem Ziel eines ewigen Friedens. Als sich die Aufklärung mit der französischen Revolution Bahn brach, schlug die Neuorganisation des Staates in die Herrschaft der Guillotine um und wuchs sich in eine Folge europäischer Kriege aus. Nach dem Wiener Kongress gab es dann ein Jahrhundert lang nur kleinere Kriege, bis sich dann im Ersten Weltkrieg die technische Vernunft durchsetze, um einen Krieg, der bereits im ersten Jahr zu einer Patt-Situation geführt hatte, bis zum Verschleiß aller Ressourcen weiter zu führen. Vernunftgemäß wäre es gewesen, spätestens nach einem Jahr zu einem Ausweg durch Friedensverhandlungen zu kommen. Dann übernahmen Kinder der Aufklärung, vielleicht eher Bastarde, die Meinungsführerschaft, sei es der Biologismus der Rassentheoretiker oder kommunistischen Theorie, nach der der Mensch ein Produkt der Wirtschaftsverhältnisse ist. Schaut man sich die Geschichte der von Europa ausgelösten Weltkriege sowie des Kolonialismus an, dann verwundert das Ergebnis nicht. Die Flüchtlinge, die heute an die Türen Deutschlands klopfen, wollen Einlass in ein Land, das zwar nicht aus dem Ersten, aber aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt hat.

Die Demokratie ist kein Produkt der Evolution

So vernünftig die Begrenzung der Macht durch Wahlen und Parlamente ist, die die Finanzhoheit ausüben und wenn der innere Friede durch eine unabhängige Gerichtsbarkeit und das staatliche Gewaltmonopol der innere Friede gesichert wird, die Vernunft allein reicht nicht, um diesen Strukturen, Verfahrensregeln und politischen Wertvorstellungen Anerkennung zu verschaffen. Denn ein Staat, der für Flüchtlinge so attraktiv ist, lebt nicht allein von funktionierenden Staatsorganen, sondern nicht zuletzt von dem Willen der Bevölkerung für Wahlen, Pressefreiheit, unabhängige Justiz, überhaupt von dem Willen, die Macht der Regierenden zu begrenzen. Die Vernunft kann aufzeigen, dass diese Prinzipien sinnvoll sind, aber die Einsicht in diese Zusammenhänge ergibt sich offensichtlich nicht von selbst, als würde die Evolution dahin steuern. Es ist gerade anders. Eigentlich müsste sich die demokratische Regierungsform durchsetzen, weil sie die wirtschaftlich erfolgreichere ist. Nichts führt so schnell zum Untergang einer Staates, einer Nation wie ein Bürgerkrieg. Eigentlich wissen das auch alle Beteiligten. Aber die menschliche Evolution scheint nicht auf einen Rechtsstaat hinauszulaufen, sondern eher auf Machtdurchsetzung mit Gewalt.

Europa und die USA exportieren ihre Autos, ihre Maschinen und bringen als Touristen Geld ins Land. Ihre Staatsform können sie nicht implementieren. Exportweltmeister werden zu Zielen von Flüchtlingen, nicht zu Vorbildern für die Organisation von Staaten. Das Wertsystem der Aufklärung reicht nicht.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion

One thought on “Ende des Fortschritts (18.09.2015)

  1. Futterneid…
    jede Krise hat ihr:” …mach´s Beste daraus !”.
    Fortschritt kann gelingen durch Im- und Export von ” pax et iustitia “.
    Die aktuelle islamische Revolution und die entspr. orthodoxe Reaktion zeigen die Unfähigkeit der Eliten, die dem primitiven Futterneid ebenso verfallen sind wie die “Wutbürger”.

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