Die amerikanische Angst vor dem Papst (25.09.2015)

Papst Franziskus ist zurzeit in den USA und mit ihm die Angst der Amerikaner vor ihm. Das erzeugt angesichts der euphorischen Papststimmung in Europa Unverständnis. Das hängt mit der Eigenart der Vereinigten Staate zusammen.

In den USA ist der Kapitalismus unantastbar

Die Vereinigten Staaten sind im Jahr 2015 eines der wenigen Länder, in denen der Kapitalismus positiv besetzt ist. Zwar gibt es immer mal wieder, für amerikanische Verhältnisse, „linke“ oder „sozialistische“ Politiker, die dieses Etikett bereits dann erhalten, wenn sie aus den USA einen Wohlfahrtsstaat nach europäischem Muster errichten wollen. Dennoch wird der Kapitalismus, nicht nur bei den Republikanern, sondern auch bei den meisten Demokraten, als Quelle alles Guten in den USA betrachtet. Ohne Kapitalismus keine Freiheit, kein Wohlstand und vor allem kein „American Dream“. So die Mehrheitsmeinung in den Staaten. Und nun kommt ein Papst, der den Kapitalismus kritisiert hat – oder doch nicht? Franziskus hat für Verwirrung gesorgt.

Daher könnte der Titel eines Ausschnitts aus der Show „The O’Reilly Factor“ des konservativen Moderators Bill O’Reilly beim gleichgesinnten Sender „Fox News“ „Is the Pope a left wing guy“ kaum passender die Angst und Skepsis der Amerikaner ausdrücken. Bill O’Reilly ist gleichsam der Anchorman der Konservativen und selbst irisch-amerikanischer Katholik. O’Reilly möchte den Papst aus der linken „Schmuddelecke“ – anders kann man in den USA eine solche nicht bezeichnen – herausholen und deutet die Papststatements nicht als links, sondern als Einsatz für die Armen. Den Papst etikettiert O’Reilly als „liberal – there is no question about it.“ Nun, liberal ist nicht mehr ganz so angsteinflößend für Amerikaner wie “links”, dennoch mit Skepsis behaftet. „Liberal“ heißt in den USA: Den Klimawandel bekämpfen, das Wirtschaftssystem modifizieren wollen, öffentliche Gesundheitsfürsorge und irgendwas mit „social justice.“ Für viele Amerikaner ist „liberal“ auch zum antikonservativen Kampfbegriff geworden, zu einem Ausdruck von gesellschaftlichen und politischen Überzeugungen, die die amerikanische Tradition, das Höher, Schneller, Weiter durch den Kampf gegen den Klimawandel und die Familie durch Homehe zerstören wollten. Ist der Papst „links“, oder „liberal“ oder doch ganz anders als die medial wirksamen Etiketten es propagieren?

Die Papstrede vor den US-Bischöfen

Franziskus dankte in eine Rede den US-Bischöfen für ihren Einsatz für das Leben und für die Familie. Er unterstützt also den Kampf gegen Abtreibung und für die klassische Familie, später spricht er explizit vom „unschuldigen Opfer der Abtreibung“. Aber der Papst will nicht nur den bisherigen reduzierten Einsatz der US-Bischöfe, der vor allem in der Opposition bestand. So nennt er zu den Herausforderungen, denen sich die Bischöfe stellen müssen, neben Abtreibung auch den Einsatz für Kinder, die an Hunger sterben, für Einwanderer, die eine bessere Zukunft suchen, für Ältere, die krank sind und als Last gelten.

Damit hat der Papst einen Wandel im Denken und Handeln der US-Bischöfe provozieren wollen und eine Agenda vorgelegt, die nach O’Reilly „liberal“ ist oder besser gesagt, die Elemente umfasst, die in den USA als politisch liberal gelten. Die Gleichwertigkeit in der Forderung des Einsatzes vom Kampf gegen Abtreibung und Klimawandel ist revolutionär. Er hat damit nicht wenige konservative Amerikaner und Katholiken gegen sich aufgebracht.

Die Papstrede vor dem US Kongress

In seiner Rede vor dem US-Kongress setzt der Papst die Gleichwertigkeit der Themen fort: Lebensschutz und Klimaschutz, eine Agenda, die sowohl konservativ als auch progressiv ist. „Abraham Lincoln, Martin Luther King, Dorothy Day and Thomas Merton” nennt der Papst als vier US-Amerikanische Beispiele, die sich für eine bessere Zukunft eingesetzt hätten. Man merkt bei der Rede vor dem Kongress, wie politisch geteilt das Land und die Lager sind. Redet der Papst über den Klimawandel, applaudieren die Demokraten und nur die Demokraten. Diesmal benutzt der Papst das Wort „Abreibung“ nicht. Die Republikaner hat er eher auf seiner Seite, wenn er von Familie spricht. Was konservativ klingt, bekommt republikanischen Applaus. Mehrmals gibt es standing ovations, manchmal wirkt der stehende Applaus merkwürdig unsicher, als wisse man nicht genau was man tun solle.

Doch der Papst gibt konkrete politische Handlungsanweisungen. Er fordert u.a. die Reduzierung der Treibhausabgase, die Abschaffung der Todesstrafe, den Kampf gegen den Hunger in der Welt, die Einschränkung des Waffenverkaufs und Waffenhandels, eine stärkere Ausrichtung am Gemeinwohl und an der Familie.

Der Papst spaltet und eint die USA

Nicht allen hat die Papstrede gefallen. Vor allem wegen seines Einsatzes für den Klimawandel, der in den USA nach wie vor hochumstritten ist, lehnen einige konservative Katholiken die Papstagenda ab. Auf der anderen Seite kann er moderate Köpfe dazu bringen, nicht streng ideologisch getrennt in entweder-oder Kategorien zu denken, so als gehe es entweder um den Kampf gegen Abtreibung oder den Kampf gegen den Klimawandel.

Die Vision dies Papstes ist es, eine umfassende Sozialagenda zu präsentieren, die sich nicht an politischen Grabenkämpfen, sondern, in den Worten des Papstes, am Evangelium orientiert. In einem Land wie den USA ist das ein Husarenritt. Denn sowohl Obama als auch die Opposition würden den Papst gerne für sich vereinnahmen. Doch der Papst verweigert sich der einseitigen Parteipolitik. Es geht ihm nicht um Demokraten oder Republikaner, nicht um Konservative oder Progressive, sondern um Christus.

Josef Jung

Ende des Fortschritts (18.09.2015)

Der Export des Europäischen Modells ist misslungen

Die Flüchtlingsströme konfrontieren uns mit dem Niedergang von Staaten. Bürgerkriege und Korruption nehmen den Jüngeren die Zukunftschancen. Sie wollen in die Länder, in denen ihre Kinder nicht bedroht sind, wo sie Arbeit finden, wo sie wegen ihrer Religion oder ethnischen Zugehörigkeit nicht verfolgt werden. Wie konnte es dazu kommen? All Herkunftsländer, aus denen sie kommen, standen doch einmal unter der Herrschaft einer europäischen Macht. Eigentlich sollten doch alle Nationen so wie wir Europäer werden.

Export der europäischen Lebensform

Europa, das seine Technik, seine militärische Überlegenheit, sein Bildungs- und Gesundheitssystem im 19. Jahrhundert in den Kolonien implementierte, glaube an seinen zivilisatorischen Vorsprung. Selbst die kommunistische Doktrin ließ sich exportieren und wurde z.B. von China übernommen. Zwar war der Export der europäischen Zivilisation auch stark von wirtschaftlichen Interessen durchsetzt, aber er funktionierte nicht zuletzt dadurch, dass Europa mit diesem Überlegenheitsgefühl auch die Durchsetzungskraft entwickelte, so dass heute alle Staatsgebilde ohne den Einfluss Europas nicht zu denken sind. Und kommen die Flüchtlinge nicht gerade deshalb, weil sie von den Ideen Europas überzeugt sind und da leben wollen, wo diese Ideen in der Form des Rechtsstaates verwirklicht sind? Man kann ganz nüchtern sagen: Die Flüchtlingsströme sind eine Folge der europäischen Kolonisation.

Die misslungene Implementierung des demokratischen Systems

Die Kolonien waren keine Demokratien, sondern standen unter der Herrschaft der europäischen Regierungen. Sie sind nicht automatisch Demokratien geworden, als die Völker Asiens und Afrikas nach den selbstzerstörerischen europäischen Weltkriegen ihre Unabhängigkeit durchsetzen. Außer in Indien, Australien und Kanada entstanden keine funktionsfähigen Demokratien. Das Gift der Korruption durchdringt die Nachfolgestaaten in Afrika wie die vom Exportprodukt Kommunismus regierten russischen Satelliten. Trotz dieser Entwicklungen rechnete der Westen mit einem Demokratisierungsschub durch die Arabellion. Sozusagen naturgesetzlich sollten in den Ländern demokratische Staatsformen entstehen. Es waren aber keine der politischen Kräfte, außer vielleicht in Tunis, in der Lage, einen funktionsfähigen Staat mit Bildungs- und Gesundheitssystem, mit Rechtssicherheit und einem funktionsfähigen Parlament zu gestalten. Die Länder werden von rivalisierenden Gruppen, Stämmen, muslimischen Konfessionen und Ethnien bestimmt. Die Spannungen werden nicht durch Verhandlungen gelöst, sondern Gewalt dient als Mittel, die Machtinteressen der Gruppe, Ethnie, Konfession durchzusetzen. Es ist offensichtlich: Demokratie ist keine selbstverständliches Ergebnis der Evolution. Anders als es der Fortschrittsglaube der Moderne annimmt, erleben wir einen Verfall staatlicher Ordnungen, durch westliche Eingriffe beschleunigt.

Die Illusion der Aufklärung

Die Vernunft scheint zwar die Argumente, aber nicht die Kraft zu haben, Frieden herbeizuführen. Genau das hat die Aufklärung, welche die Vernunft zur Herrschaft bringen wollte und dann auch auf dem Altar von Notre Dame in Paris in Gestalt einer Frau inthronisierte, in Europa erlebt. Als die Aufklärung begann, entwickelte Kant eine vernunftbasierte Konzeption der Politik mit dem Ziel eines ewigen Friedens. Als sich die Aufklärung mit der französischen Revolution Bahn brach, schlug die Neuorganisation des Staates in die Herrschaft der Guillotine um und wuchs sich in eine Folge europäischer Kriege aus. Nach dem Wiener Kongress gab es dann ein Jahrhundert lang nur kleinere Kriege, bis sich dann im Ersten Weltkrieg die technische Vernunft durchsetze, um einen Krieg, der bereits im ersten Jahr zu einer Patt-Situation geführt hatte, bis zum Verschleiß aller Ressourcen weiter zu führen. Vernunftgemäß wäre es gewesen, spätestens nach einem Jahr zu einem Ausweg durch Friedensverhandlungen zu kommen. Dann übernahmen Kinder der Aufklärung, vielleicht eher Bastarde, die Meinungsführerschaft, sei es der Biologismus der Rassentheoretiker oder kommunistischen Theorie, nach der der Mensch ein Produkt der Wirtschaftsverhältnisse ist. Schaut man sich die Geschichte der von Europa ausgelösten Weltkriege sowie des Kolonialismus an, dann verwundert das Ergebnis nicht. Die Flüchtlinge, die heute an die Türen Deutschlands klopfen, wollen Einlass in ein Land, das zwar nicht aus dem Ersten, aber aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt hat.

Die Demokratie ist kein Produkt der Evolution

So vernünftig die Begrenzung der Macht durch Wahlen und Parlamente ist, die die Finanzhoheit ausüben und wenn der innere Friede durch eine unabhängige Gerichtsbarkeit und das staatliche Gewaltmonopol der innere Friede gesichert wird, die Vernunft allein reicht nicht, um diesen Strukturen, Verfahrensregeln und politischen Wertvorstellungen Anerkennung zu verschaffen. Denn ein Staat, der für Flüchtlinge so attraktiv ist, lebt nicht allein von funktionierenden Staatsorganen, sondern nicht zuletzt von dem Willen der Bevölkerung für Wahlen, Pressefreiheit, unabhängige Justiz, überhaupt von dem Willen, die Macht der Regierenden zu begrenzen. Die Vernunft kann aufzeigen, dass diese Prinzipien sinnvoll sind, aber die Einsicht in diese Zusammenhänge ergibt sich offensichtlich nicht von selbst, als würde die Evolution dahin steuern. Es ist gerade anders. Eigentlich müsste sich die demokratische Regierungsform durchsetzen, weil sie die wirtschaftlich erfolgreichere ist. Nichts führt so schnell zum Untergang einer Staates, einer Nation wie ein Bürgerkrieg. Eigentlich wissen das auch alle Beteiligten. Aber die menschliche Evolution scheint nicht auf einen Rechtsstaat hinauszulaufen, sondern eher auf Machtdurchsetzung mit Gewalt.

Europa und die USA exportieren ihre Autos, ihre Maschinen und bringen als Touristen Geld ins Land. Ihre Staatsform können sie nicht implementieren. Exportweltmeister werden zu Zielen von Flüchtlingen, nicht zu Vorbildern für die Organisation von Staaten. Das Wertsystem der Aufklärung reicht nicht.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion

Vergebung ist ein Geschenk (04.09.2015)

Der Erlass von Papst Franziskus zur Vergebung von Abtreibungen zeigt: die Kirche will Leid lindern, sie will Sünde vergeben, nicht nur jenen, die von einer Abtreibung betroffen sind.

Das neue Schreiben zum Heiligen Jahr

Papst Franziskus hat die bestehenden Regeln über Beichte und Abtreibung ausgesetzt. Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit dürfen alle Priester auch bei Abtreibungen die Absolution erteilen. Frauen, die eine Abtreibung durchgeführt haben, als auch die daran Beteiligten, können um Vergebung bitten und diese auch erhalten. Bislang war diese Absolution in den meisten Ländern nur den Bischöfen oder ihren Beauftragten möglich. Nun kann sie in allen Staaten erteilt werden.

Leben ist heilig, nicht nur für Christen

Die Kirche vertritt dabei auch weiterhin die Position, dass jedes Leben heilig, somit unantastbar ist. Nicht nur gläubige Christen vertreten diesen Standpunkt. Im Grundgesetz ist fest verankert, dass jeder Mensch Würde besitzt, egal welchen Alters, Geschlechts oder Religion er/sie ist. Wann diese Würde beginnt, ab welchem Zeitpunkt der Entwicklung von einem „Menschen“ die Rede ist, darüber streiten sich noch immer viele Menschen, nicht nur Katholiken oder Mediziner.

Geschenk begründet keine Ansprüche

Bisher vorgebrachte Kritik an der Entscheidung des Papstes beruht auf einem grundsätzlichen Missverständnis, nämlich aus einer Geste der Barmherzigkeit Ansprüche abzuleiten. Kritische Stimmen fordern, die Kirche solle endlich vom Sündendenken abweichen. Doch damit reagieren sie auf die Regelung des Papstes mit einer Forderung. Doch Barmherzigkeit ist ein Geschenk. Es widerspricht der Logik des Geschenks, als Beschenkter Forderungen zu stellen.

Die Aufgabe der Kirche

Franziskus weiß um die Rolle der Kirche im Leben vieler Menschen. Er kennt den Wunsch vieler Sünder, die Vergebung und Unterstützung der Kirche zu erhalten. Darin besteht die Aufgabe der Kirche: nicht zu verurteilen und an den Pranger zu stellen, sondern Trost, Vergebung und Barmherzigkeit zu spenden.

Die Bedeutung für Betroffene

Viele, die von einer Abtreibung direkt oder indirekt betroffen sind, tragen psychische Narben und Schmerzen mit sich. Doch ihre Schuld kann ihnen vergeben werden, in diesem Jahr einfacher als sonst. Diese Chance kann für viele ein Grund sein, sich wieder mehr der Kirche zuzuwenden, ihr wieder mehr Vertrauen zu schenken und in ihr Gottes Liebe zu finden.

Die Kirche versteht und vergibt

Franziskus weiß, dass viele die Prinzipien der Kirche nicht mehr verstehen. Er möchte diese Prinzipien jedoch nicht einfach über den Haufen werfen. Wer ein Menschenleben beendet, begeht eine Sünde. Daran wird sich auch nach dem Heiligen Jahr nichts ändern. Dennoch öffnet der Papst die Pforten, bemüht sich um Kompromisse und macht Schritte auf die Menschen zu. Franziskus ruft in Erinnerung, dass Christus, und damit die Kirche, reuigen Sündern Barmherzigkeit schenkt. Doch aus diesem Geschenk der Gnade kann man keine Ansprüche ableiten.

Judith Wallacher
kath.de-Redaktion