Quantitativ marginal, aber lautstark (28.08.2015)

Studie: Wie rechtskatholische Kreise versuchen, politischen Einfluss zu gewinnen

„Die Überlagerung des Christlichen durch das Rechtskonservative, wie sie am Rand beider Konfessionen zu beobachten ist und neuerdings zu unheiligen politischen Allianzen führt, fordert zu christlicher Ideologiekritik heraus“, schreiben die Publizisten Liane Bednarz und Andreas Püttmann in einer von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) beauftragten Studie mit dem Titel „Unheilige Allianzen – Radikalisierungstendenzen am rechten Rand der Kirchen“. Die Studie ist im Juni in der KAS-Publikationsreihe „Monitor Religion und Politik“ als internes Papier erschienen. Die KAS hat sie nicht online veröffentlicht.

Offenbar möchte man in der CDU-nahen Stiftung auf problematische Tendenzen in  christlich-konservativen Kreisen aufmerksam machen, aber ohne gleichzeitig konservative Wähler zu vergraulen. Einige Inhalte der Analyse waren bereits bei cicero.de und in der Herder Korrespondenz erschienen. Die Studie liegt der kath.de-Redaktion vollständig vor.

„kath.net“ schimpft, KAS schweigt sich aus

Seit Bekanntwerden der Studie werden die Autoren von einem Shitstorm überzogen. Weil die KAS selbst schweigt, gibt stattdessen das konservative Internetportal „kath.net“ den Ton an. Norbert Geis aus der CSU lässt sich dort zu dem Vorwurf hinreißen, Püttmann und Bednarz verrieten das Erbe Konrad Adenauers. Dabei stünde Adenauer wahrscheinlich auf der Seite von Püttmann und Bednarz. Deren Papier zitiert ihn mit einer Rede 1957 in Dortmund: „Nirgendwo prägt sich das Christentum, die christliche Überzeugung stärker aus als in dem Verlangen nach Freiheit“. In dem Papier schreiben die Autoren, konservative Kreise suchten seit Jahren die Nähe der politischen Rechten, bisweilen sogar Russlands und diskreditierten das christliche Ethos der Freiheit.

Kleine, lautstarke rechtskonservative Netzwerke

Die Autoren beobachten „quantitativ marginale, aber lautstarke rechtskonservative Netzwerke“, die in den „weiter schrumpfenden Kirchen an Einfluss gewinnen könnten. Antiwestliche Dekadenzkritik und Kontakte zur ‚Neuen Rechten‘“ gebe es auch „im konservativen Milieu beider großer Kirchen“. Einige Meinungsführer des christlich-konservativen Milieus schätzten an Wladimir Putin seine „werteorientierte“ Politik bei der Verteidigung der traditionellen Familie. Einzelne liebäugelten gar mit einem „autoritären Gesellschaftsmodell, das die demokratischen Institutionen und die politische Kultur in Frage stellt“.

Durch Äußerungen konservativ-katholischer Meinungsführer würden manche Christen dazu verleitet, mit Pegida, der AfD und putinschen Bevölkerungspolitikern zu sympathisieren. Zu den Themen, bei denen rechte Strömungen Zuspruch unter Christen suchten, zählten vor allem „Familie, Homosexualität, Angst vor Überfremdung und vor dem Islam, Verlust der christlichen Identität“.

Christliche Putinversteher

„Die ‚gelenkte Demokratie‘ Russlands, unter Präsident Putin in Richtung einer handfesten Diktatur driftend“, setze einen „kulturkämpferischen Familialismus als Lockstoff für die religiöse Rechte im Westen“ ein. Diese verorte „die Hauptprobleme heutiger Familien nicht etwa in Ehestabilität, Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit, hoher beruflicher Mobilität oder Großstadtmieten“. Ihr Thema sei „der ‚Genderwahn‘, speziell die angebliche, schon im Schulunterricht einsetzende ‚Homosexualisierung‘.“ Dieses Thema sei „zur Brücke zwischen westlichen und russischen, religiösen und rechtspopulistischen ‚Werteverteidigern‘ avanciert“.

Vernetzte Minderheit diffamiert Andersdenkende

Besonders in den „Meinungsblasen religiöser Internet-Parallelwelten“ siege „demagogische Vereinfachung über differenziertere Sichtweisen“. Gemäßigte Vertreter zögen sich zurück oder würden an den Rand gedrängt, „für öffentlichen Einspruch sanktioniert, als ‚Spalter‘ und ‚Nestbeschmutzer‘ diffamiert“, so die Autoren der Studie. Wer anderer Meinung sei, werde persönlich angegriffen. An „selbstkritischer Nachdenklichkeit über den eigenen Beitrag zu Missverständnissen“ fehle es. Eckhard Bieger hat auf explizit.net ähnliche Entwicklungen schon 2011 beschrieben.

Medienschelte als „Standardrepertoire“

Typisch für die Szene sei die „Immunisierung gegen Kritik“. Statt Fakten zu prüfen und Argumente zu wägen, würden „Motive behauptet und Verschwörungstheorien verbreitet. Tatsächlich vorkommende Stigmatisierungen frommer Christen durch linksradikale Antifa-Eiferer“ würden benutzt, „um auch seriöse, belegte Kritik an mangelhafter Abgrenzung zur nationalistischen Rechten zu diskreditieren“. Undifferenzierte Medienschelte und der Vorwurf einer „Kampagne“ gehörten dabei zum „Standardrepertoire“. Dies führe zu einem „ausgeprägten Freund-Feind-Denken“, das „einen Verlust von Dialogbereitschaft und Lernfähigkeit“ fördere. „Selbst konservative Kritiker der Rechtsdrift“ würden als „Verräter und Opportunisten diffamiert“ und als „Autoren, Redner oder Kuratoren ‚aussortiert‘.“

„Kirchliche Medien“ verlinken radikale Seiten

Manche auf den ersten Blick „unverdächtige Internetseiten verlinken, empfehlen oder zitieren auch Plattformen, die rechtes Gedankengut verbreiten“. So könnten Leser von ihrem „als kirchlich vertrauenswürdig eingestuften Medium“ auf Seiten gelangen, die „politisch radikale Vorstellungen“ propagierten. „Kath.net“ und „Idea.de“ verwiesen oder verlinkten immer wieder auf die „Junge Freiheit“, die „rechtsnationale, geschichtspolitisch Revisionismus“ transportiere. Aber auch auf christlichen Seiten selbst schleiche sich politische Radikalisierung ein. Sie geschehe durch eine „Verähnlichung von Demokratie und Diktatur mit der Behauptung oder Insinuation, in Deutschland bestehe keine Meinungsfreiheit mehr“.

Kritik von Bischof Oster

Den Passauer Bischof Stefan Oster zitieren die Autoren als einen „Hoffnungsträger des konservativen Katholizismus“. Bischof Oster schrieb angesichts dieser Entwicklungen am 28. Februar auf Facebook über das Internetportal „kath.net“:

Er beobachte dort eine „zunehmend tendenziöse Berichterstattung“ und den „Versuch oder zumindest entstehenden Effekt, eine Polarisierung (…) in klar identifizierbare Lager voranzutreiben. Es ist allzu offensichtlich, dass einige Gläubige von kath.net favorisiert werden und andere als nicht katholisch oder nicht mehr katholisch gelten. In den Foren wird solche Polarisierung in der Regel vertieft und die Redaktion tut aus meiner Sicht zu wenig, um wirklich auch differenzierte Positionen hören und verstehen zu wollen und zu würdigen“.

Er, Oster, halte es „für besonders problematisch, vor allem solchen Menschen, die aus der Sicht der kath.net-Redaktion nicht den rechten Glauben zu teilen scheinen, allzu schnell unlautere Motive (etwa Macht- und Karrierestreben, Selbstdarstellung o.ä.) zu unterstellen oder von Foren-Teilnehmern unterstellen zu lassen“ und mahnte, dass „das Ringen um Argumente und Gegenargumente auch sehr gut ohne die persönliche Diffamierung Anderer auskommen kann und sollte. Die Kirche und ihre Gläubigen sind komplexer als nur schwarz und weiß oder gut und böse. Diesen Eindruck von Komplexitätsreduktion gewinnt man aber sehr leicht, wenn man die Seite auch nur ein paar Tage verfolgt.“

Medienmärtyrer nicht bestätigen

Wer eine scharfmacherische Sprache, die jede Kritik als “Verleumdung” markiert, durch Schweigen hinnimmt, bestätigt die selbst ernannten Medienmärtyrer in ihrer Opferrolle. Die Konrad-Adenauer-Stiftung täte gut daran, mit dem Beitrag von Liane Bednarz und Andreas Püttmann auch öffentlich in die Offensive zu gehen. Anderenfalls passiert genau das, was die beiden beschreiben: Man begünstigt “unheilige Allianzen” von Christen mit jenen, die innerlich bereits demokratische Überzeugungen verlassen haben, und überlässt ihnen das Feld.

Matthias Alexander Schmidt
kath.de-Redaktion

Barmherzigkeit in Gerechtigkeit (07.08.2015)

„Ich fordere von euch nicht, dass ihr mir irgendwelche Opfer bringt, sondern dass ihr barmherzig seid.“ Diese Worte Jesu hat sich Papst Franziskus auf die Fahnen geschrieben. Er will an die Ränder gehen, die gesellschaftliche wie die kirchlichen, und dort den Menschen nicht mit Strenge, sondern mit Barmherzigkeit begegnen. Doch der Papst versteht darunter kein laissez-faire, indem alle alles können und dürfen. Er hat die Kommunion bislang nicht für Wiederverheiratete Geschiedene frei gegeben. Denn Gott ist nicht nur der Barmherzige, sondern auch der gerechte Richter, das weiss der Papst. Daher ist Barmherzigkeit nicht der einfachste Weg, sondern ein Auftrag, sie in Gerechtigkeit zu üben. Das wird durch aktuelle Ereignisse bestätigt.

Unterscheidung zwischen Opfern und Auslösern

Bei der Generalaudienz am Mittwoch nahm Franziskus das Thema der wiederverheirateten Geschiedenen auf. Er mahnte, man dürfe sie nicht wie Exkommunizierte behandeln, sondern die Christen müssen sich ihnen besonders widmen. Dabei verwies er aber auf eine Unterscheidung von Papst Johannes Paul II. Dieser hatte in seinem Schreiben Familiaris Consortio unterschieden zwischen “dem, der eine Trennung erlitten, und demjenigen, der sie ausgelöst hat“. Oft sprechen pastorale Mitarbeiter von jenen, die unverschuldet Opfer einer Scheidung geworden sind. Sie will der Papst besonders in den Blick nehmen. Den Auslösern aber scheint er nicht in gleicher Weise mit Barmherzigkeit begegnen zu wollen. Er macht also nicht gleich, was nicht gleich ist, sondern bemüht sich, Barmherzigkeit in Gerechtigkeit walten zu lassen.

Barmherzigkeit ist keine Toleranz

Ein weit verbreitetes Missverständnis ist zudem die Verwechslung der Barmherzigkeit mit moderner Toleranz. Tolerant ist heute, wer über nichts urteilt und mehr oder weniger alles gleich gut findet. Das meint aber Barmherzigkeit bei Franziskus nicht. Das Tauziehen um den neuen französischen Botschafter im Vatikan verdeutlicht das. Schon im Januar ernannte die französische Regierung den Diplomaten Laurent Stefanin zum neuen Gesandten im Kirchenstaat. Der Vatikan aber verweigert ihm bislang die Anerkennung, obwohl der Posten nach dem Ausscheiden des vorherigen Botschafters seit März unbesetzt ist. Grund ist die sexuelle Orientierung des homosexuellen Diplomaten. Laut Experten befürchtet die Kurie, dass ein Partner des derzeit noch allein lebenden Stefanin einen Skandal auslösen würde, wenn er etwa zu Audienzen erscheint. Diese Woche berichteten nun sogar einige Medien, der Papst habe sich mit Stefanin getroffen und ihm persönlich die Ablehnung mitgeteilt. Das zeigt ein Muster. Der Papst geht auf Menschen zu, spricht sie persönlich an, wie er es auch von seinen Seelsorgern erwartet. Aber er hält an der Lehre der Kirche über sexuelle Orientierung fest. Wer sich dem aus freiem Willen widersetzt, wird respektiert, aber er trägt auch die Konsequenzen. Indem er den Menschen auf Augenhöhe begegnet, bemüht sich der Papst um Barmherzigkeit, indem er ihnen die Konsequenzen ihrer Entscheidung erklärt, um Gerechtigkeit.

Ernstfall Limburg

Das Barmherzigkeit aber nicht nur die Aufgabe des Lehramtes ist, sondern auch der Menschen in der Kirche, zeigt der Fall Limburg. Mittlerweile ist Bischof Tebartz-van Elst in Rom, wo ihm in der Kurie eine neue Aufgabe gegeben wurde. Er hat sein Amt verloren, was unvermeidlich war, wird aber nicht fallengelassen. Zugleich fordert Rom vom Bistum, Barmherzigkeit gegenüber allen Beteiligten walten zu lassen. Doch das wird in der Diözese bei einigen Führungskräften anders verstanden. Einige lautstarke Vertreter in Limburg verlangen Barmherzigkeit nur für diejenigen, die sich durch den Bischof verletzt fühlen. Tebartz-van Elst aber soll büßen, nicht nur mit dem Verlust seines Amtes und dem massiven Mobbing, das er durchstehen musste. Einige im Bistum wollen ihn auch finanziell bluten sehen. Sie forderten das im Diözesansynodalrat und gaben ihre Wünsche an die Medien weiter. Dass Tebartz-van Elst nicht nur an sich selbst, sondern auch an Probleme und Personen im Bistum gescheitert ist, wird wohlfeil ignoriert. Eine solche Haltung, die keinen Begriff von Gerechtigkeit hat, dient nicht der Versöhnung. Das weiss man im Vatikan. In Limburg hingegen hat man sich noch nicht den Anspruch klar gemacht, den Barmherzigkeit auch an die eigene Person stellt.

Barmherzigkeit in Gerechtigkeit

Jesus Christus ist Retter und Richter in einem. Das weiss Papst Franziskus, der die Barmherzigkeit ins Zentrum seiner Verkündigung stellt. Das Bild von der richtenden Kirche vermeidet er geschickt. Doch in seiner Verkündigung ist die Barmherzigkeit nicht von der Gerechtigkeit getrennt. Dadurch wird erstere nicht zu Verfügungsmasse degradiert, die uns das Leben bloß vereinfacht. Sie ist vielmehr Auftrag an die Kirche und die Gläubigen, Barmherzigkeit in Gerechtigkeit zu üben.

Maximilian Röll