Sterbehilfe – Schutz vor Missbrauch (12.06.2015)

Den Sterbeprozess begleiten, nicht abkürzen

Der CDU-Politiker und Vizepräsident des Bundestages Peter Hintze hat den Gesetzentwurf zum Verbot der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe kritisiert. Er könne zu einer möglichen Bestrafung von Ärzten führen, wenn diese Beihilfe zu einem Suizid leisten. Dies zerstöre das “intime Verhältnis” zwischen Arzt und Patient. Er fordert bereits seit längerem, Ärzten grundsätzlich die Beihilfe zum Suizid zu erlauben. Ist das für die Ärzte zumutbar?

Der Arztberuf ist ein Heilberuf

Der Auftrag eines Arztes ist, den Patienten zu heilen oder, wenn das nicht möglich ist, die Symptome zu lindern. Eine direkte Tötung oder die Mithilfe daran steht diesem Auftrag nicht nur ethisch entgegen. Gerade das intime Verhältnis und vor allem die grundsätzliche Ungleichheit zwischen Arzt und Patient verlangen es, den Arzt aus der aktiven Sterbehilfe herauszuhalten. Denn in dem Verhältnis „Arzt-Patient“ sollte kein Druck ausgeübt werden und der Arzt nicht in die Rolle kommen, Druck auszuüben. Denn auch der Arzt steht wieder in Abhängigkeiten, nicht nur von den Angehörigen. Schwerkranke verursachen oft hohe Kosten. Leicht ist die Schwelle überschritten, den Schwerkranken zu fragen, ob weitere teure Therapie oder Pflege notwendig sei. Ähnliche Probleme stellen sich auch in der Familie. „Muss Oma wirklich noch Jahre im Altersheim leben? Das ist doch völlig unnütz!“ Beim Schwangerschaftsabbruch kann man die Mechanismen beobachten. Vielen Frauen wird zur Abtreibung geraten, wenn bei dem Fötus eine Behinderung entdeckt wird. Dabei war keine Gesellschaft bisher materiell so gut ausgestattet, um sich um ein behindertes Kind kümmern zu können.

Wie steht es mit dem Sterbewillen der Schwerkranken?

Die Ermöglichung des Suizids soll qualvolle Schmerzen vermeiden. Doch eine gute palliative Versorgung kann schon heute Schmerzen lindern. Im Fall von extremen Schmerzen und Angstzuständen kann der Arzt den Patienten sogar sedieren. In diesem künstlichen Koma werden dann keine Reize mehr wahrgenommen. Solche Praktiken können unter Umständen das Leben verkürzen. Dies wird aber nicht beabsichtigt, sondern nur als notwendiges Risiko der Behandlung eingegangen. Daher ist es ethisch nicht mit einer aktiven Sterbehilfe gleichzusetzen. Dieses Risiko ist vielmehr mit dem Risiko anderer Behandlungen zu vergleichen, etwa Operationen am offenen Herzen.

Doch die Hauptfurcht der Betroffenen ist nicht die vor Schmerzen, sondern die Befürchtung, die Kontrolle zu verlieren und zur Last zu fallen. In unserer auf Selbstbestimmung und Effizienz getrimmten Gesellschaft wird der Verlust der Selbstbestimmung als Strafe empfunden. Anderen zur Last zu fallen, wird als Schuld erlebt. Das ist aber nicht nur eine Frage an die Schwerkranken. Die anderen, wir, müssen den Kranken und Leidenden zusagen, dass wir die Last tragen werden, weil sie für uns nicht überflüssig sind, sondern als Ehepartner, Eltern, Geschwister und Freunde wichtig sind. Wir dürfen sie in diesen Situationen wie ein unbrauchbar gewordenes Spielzeug nicht fallen lassen.

Das Leben nicht entwerten

Wenn sich ein junger gesunder Mensch das Leben nimmt, gilt es als tragisch. Es gibt große Anstrengungen, Suizidversuche zu verhindern. Die Telefonseelsorge ist ursprünglich als Hilfe für Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, von dem anglikanischen Geistliche Chad Varah im Jahr 1953 aufgebaut worden. Das Leben dieser Menschen hat einen Wert, den wir schützen. So groß die Probleme dieser Menschen auch sind, sie begründen nicht die Rationalität ihrer Suizide und können nicht den Wert ihres Lebens außer Kraft setzen. Die Sterbehilfe kehrt diese Voraussetzungen um. Schmerzen und Angst sind immer Teil des Lebens, ebenso die Gewissheit seines Endes. Wenn das Gut „Leben“ dem Menschen an einem bestimmten Punkt abgesprochen wird, verliert es seinen unbedingten Wert. Er kann also abgewogen und, wenn opportun, nicht anderen Prioritäten untergeordnet werden.

Wir, die Gesellschaft, gerät in einen Widerspruch, wenn sie auf der einen Seite Selbstmord verhindern will und auf der anderen Seite die Tore öffnet, auf Schwerkranke Druck auszuüben, damit diese der Sterbehilfe zustimmen.

Einfühlsame Begleitung im Sterbeprozess

Die Argumente für die Sterbehilfe haben ihre Überzeugungskraft verloren, seit es Hospize gibt. Hier kann sich jeder überzeugen, dass mit Sterbenden auch anders umgegangen werden kann als dass man sie der ärztlich begleiteten Sterbehilfe überantwortet. Die Lösung in Krankheit und Leid ist nicht, das Sterben des Menschen herbeizuführen, sondern die Menschlichkeit im Sterben zu stärken. Die Rolle des Arztes ist dabei, nach allen sinnvollen Therapien, die Linderung von Schmerzen und die Erklärung des Geschehens für den Patienten und die Angehörigen.

Philipp Müller
kath.de-Redaktion

2 thoughts on “Sterbehilfe – Schutz vor Missbrauch (12.06.2015)

  1. paradox…
    wird nicht mit dem “Versprechen auf ewiges Leben ” der Tod mit einem Tabu belegt ?
    Und wird nicht jedes psycho-physische Defizit zum Stigma,dem eine milliardenschwere Industrie zu Leibe rückt ?
    Vor dem Missbrauch im Sterbeprozess ( -der mit der Geburt beginnt !) hilft einzig die Patientenverfügung.
    Hier sollte allerdings- auch von der Kanzel herab- ” Druck ” gemacht werden.

    • Liebe Kähny,
      in der Frage geht es meiner Einschätzung nach, nicht darum, den Tod mit einem Tabu zu belegen. Es geht eher um die Frage ob wir auf der einen Seite Leben schützen und es Menschen absprechen sich rational für den Suizid entscheiden zu können und auf der anderen Seite Menschen gerade das zugestehen. Darüber hinaus denke ich, dass die Hoffnung an ein Leben nach dem Tod ein Tabu gerade löst, da wir unter dieser Vorrausicht deutlich entspannter auf das Thema schauen können. Ich stimme dir zu, dass eine Patientenverfügung hilft Missbrauch, aber auch Überforderung im Fall der Fälle zu verhindern.
      Gruß
      Philipp Müller

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