Das Wort Gottes bleibt … aber wie? (05.05.2015)

Gedanken zum Gottesbekenntnis in einer unheilen Welt

Kürzlich ging ich zur Mittagspause in die Innenstadt von Fulda. Ich war auf dem Weg vom Dom zur Stadtpfarrkirche als ich am Bonifatiusdenkmal am Stadtschloss vorbei kam. Eine ältere Frau stand vor dem Denkmal und las vor: „Verbum Domini manet in aeternum.“ Die offensichtlich gut gebildete und auch situierte Frau übersetzte ohne eine Hilfe und ohne Zögern: „Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit“. Daraufhin lachte ihr Mann verächtlich laut los und rief aus: „Ach Gott, ach Gott, nein wirklich nicht.“ Offensichtlich war er mit dem Satz unterhalb der Statue des Heiligen Bonifatius nicht einverstanden. Er fand ihn geradezu lächerlich und absurd. Seine Frau schwieg und sie gingen weiter. Vielleicht traute sie sich nicht, Widerspruch einzulegen.

Ich traute mich auch nicht, ihn auf sein lautes Lachen anzusprechen. Ich hätte es tun können, schließlich forderte er ja zu einer Reaktion auf. Aber ich hatte nicht den Mut zum Bekenntnis. Daniel Böcking formulierte es in dieser Woche in schriftlicher Form. Der stellvertretende Chefredakteur von „Bild.de“ outete sich angesichts mordender IS-Horden als Christ und ermahnte andere zum offenen Bekenntnis und zum Handeln in Nächstenliebe. Schließlich sterben in der arabischen Welt Christen für ihren Glauben und christliche Symbole und Gotteshäuser werden geschändet. Sein Text hat in sozialen Netzwerken viel Anklang und Zustimmung gefunden. Auch ich stimme ihm zu, kann aber auch die Kritiker verstehen, die der Redaktion von „Bild.de“ vorwerfen, im Alltagsgeschäft nicht immer der „Hort der Nächstenliebe“ zu sein.

Mit Blick auf die eingangs beschriebene Szene scheint es mir wichtig, die Geisteshaltung des ablehnenden Mannes zu erfassen. Ein Grund für seine Haltung im Anblick der Bonifatiusstatue kann eine schlechte persönliche Erfahrung sein, die er mit der Kirche und dem Wort Gottes gemacht hat. Darüber hinaus kann es auch sein, dass er gar keine Erfahrung mit dem Christentum hat und er es nur als frühes Kulturgut versteht. Erschreckend ist die Tatsache, dass er es mit einer persönlichen Abwertung verbindet. Glauben und das Wort Gottes hat für ihn etwas Rückständiges, etwas Lächerliches. Bemerkenswert aber bleibt, dass er das Wort „Gott“ in seiner Alltagssprache kennt, drückte er ja seine Ablehnung – bewusst oder unbewusst – mit „Ach Gott, ach Gott“ aus. Er nutzte die Formel, um etwas herunterzuspielen und deutlich zu machen, dass es keinesfalls dem göttlichen Status gleich kommt. So hat er aber dennoch eine Vorstellung von Gott, wenngleich vielleicht auch nicht bewusst.

Diese verbale Verwendung kann eine kleine, wenn auch wacklige Brücke zum Gespräch sein. Sie zeigt, dass der Mann zumindest in seinem Wortschatz eine noch transzendente Macht kennt. Das ist auch immer wieder bei Unglücken festzustellen. „Oh Gott“, wird da von vielen vor Schreck und eher aus Reflex statt aus Überlegung oder gar aus Überzeugung ausgerufen. Sicher wird es einigen auch in dieser Woche über die Lippen gekommen sein, angesichts der schrecklichen Folgen des Erdbebens in Nepal. Immer dann, wenn für uns „eine Welt zusammenbricht“, überschreiten viele – zumindest in der ersten verbalen Reaktion – jene Welt hin zu Gott. In diesem Zusammenhang lässt sich feststellen, dass das Wort „Gott“ bleibt.

Sollte das Christentum mehr und mehr zur Randerscheinung werden und nicht mehr mit dem Leben und auch unserer Kultur verbunden sein, könnte dies bedeuten, dass auch unbewusste Reaktionen nicht mehr mit Gott verbunden werden. Ganz so düster, würde ich die Zukunft aber nicht einschätzen. Denn es bleibt im Menschen eine Neugierde und Sehnsucht grundgelegt, Grenzen zu überschreiten. Das tun wir in der Forschung und Wissenschaft genauso wie in der Wirtschaft oder der Politik. Ob jede Grenzüberschreitung zum Wohl des Menschen oder der Schöpfung ist, sei hier dahin gestellt. Es gibt diese Grenzüberschreitungen, die sich beispielsweise auch im Tourismus zeigen. Menschen machen in „anderen Welten“ Urlaub und finden jenes oder jenes Land faszinierend. Einige wollen auch auf das „Dach der Welt“ steigen, gehen dazu ins Himalaja und wollen dort ihre Grenzen überschreiten. Dieser Trend hatte auch Nepal erfasst.

Das Grenzenüberschreiten scheint also im Menschen grundgelegt. Das garantiert, dass er in einer bewussten oder unbewussten Form auch immer über das Göttliche nachdenken wird. Die Neugierde über das Unbekannte kann auch zu Gott führen. Nicht zuletzt deshalb fühlen sich viele Zeitgenossen von den fernöstlichen Religionen angezogen. Neben jenen positiven Zugänge zum Glauben wird der Menschen sich aber jene Fragen auch stellen, wenn er durch schreckliche Ereignisse an Grenzen gestoßen wird. Ein Erdbeben ist naturwissenschaftlich erklärbar, ein Schutz davor bautechnisch machbar – das menschliche Leid in Schutt und Trümmern nach einer solchen Katastrophe ist dagegen unvorstellbar und kaum fassbar.

Aufgrund dieser positiven wie auch leider negativen Grenzerfahrungen wird Gott in Zukunft ein Thema bleiben. Insofern wird auch das Wort Gottes in Ewigkeit bleiben. Da hat das Bonifatiusdenkmal in Fulda schon irgendwie recht. Nur bleibt es eine Herausforderung, dass es Menschen braucht, die in aller Demut Zeugnis von ihrer Erfahrung mit Gott geben. Das kann im Christentum in still gelebter Nächstenliebe passieren. Es muss nicht das große Bekenntnis auf großer medialer Bühne sein.

Ein Beispiel für eine solche Form liefert der 1. Mai. Er wird seit 1886 als Tag der Arbeiterbewegung von vielen politischen Lagern begangen. Papst Pius XII. verknüpfte den Tag 1955 mit dem Heiligen Josef als Patron der Arbeiter. Damit feiern viele katholische Arbeitnehmerbewegungen an diesem Tag einen Heiligen, der in der Bibel nicht ein einziges Wort mündlich gesagt hat. Was er aber getan hat, ist, dass er Maria im Auftrag Gottes nicht verlassen hat. Er hätte es tun können, weil das Kind nicht von ihm war. Aber er stellte Maria nicht bloß, sondern blieb in Treue und Fürsorge bei ihr und bei Jesus.

Der Heilige Josef sah sich also vor eine Grenze gestoßen und mag vielleicht auch „Oh Gott“ im ersten Moment ausgerufen haben. Er wird dann wohl gebetet haben und entschied sich mit der Hilfe Gottes für eine Grenzüberschreitung. Er lebte in Stille ein gesellschaftliches Novum und blieb bei seiner Frau. Er praktizierte eine kleine Revolution, ganz ohne Krawall, Demonstrationen und großes Aufsehen. Das ist, so finde ich, die schönste Form, die christliche Botschaft – Gottes Wort – in die Welt hinaus zu tragen. Dann wird für mich am deutlichsten sichtbar, dass jenes Wort Frieden und Hoffnung angesichts der großen Nöte der Zeit stiftet und das bleibt.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion

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