Die Rechtsradikalen können nicht gewinnen (10.04.2015)

Tröglitz als Vorbild für Zivilcourage

Wo fremdenfeindliche Parolen erschallen, erheben sich mindestens genauso laute Stimmen, die für Weltoffenheit und Zusammenhalt plädieren. Zu jeder Demo gegen die Aufnahme von Asylbewerbern oder die sogenannte „Islamisierung“ gesellt sich schnell eine „Lieber Bunt statt Braun“- oder „Gegen Nazis“-Demo. Die niedersächsische Stadt Tröglitz wehrt sich und beugt sich nicht dem rechtsradikalen Druck. Andere Orte können sich ein Beispiel daran nehmen.

Tröglitz, ein kleiner Ort in Sachsen-Anhalt, hat in den letzten Wochen traurige Berühmtheit erlangt, als gespaltene Gemeinde. Die einen wollen Flüchtlingen ein Zuhause bieten, andere wollen dies mit roher Gewalt verhindern. Vor einigen Wochen setzten Rechtsradikale und „Wutbürger“ den Bürgermeister der Stadt, Markus Nierth unter Druck, weil er sich für die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzte. Er trat zurück, um sich und seine Familie zu schützen.

Vor einigen Tagen wurde das für die Asylanten vorgesehene Flüchtlingsheim vorsätzlich in Brand gesteckt. Nun bedrohen wütende Rechte auch den für Tröglitz zuständigen Landrat Götz Ulrich nach dem Brandanschlag per E-Mail. Eine der Drohmails fragt den Landrat, ob man weitere Maßnahmen ergreifen müsse, um die Unterbringung der Asylanten zu verhindern. Ob es nun nicht genug sei, nach all dem, was in Tröglitz passiert sei. Eine berechtigte Frage. Reicht es nicht langsam? Haben die Bürger von Tröglitz nicht schon genug erlebt, um zu begreifen, dass Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass niemandem helfen?

Warum Tröglitz wichtig ist

Man könnte meinen, dieser Ort steht als pars pro toto. Was sich hier abspielt, scheint so in immer mehr Ortschaften in ganz Deutschland, in ganz Europa zu passieren. Menschen, die sich für Bedürftige und Schwache einsetzen, werden von Menschen, deren Einstellung weniger offen und herzlich ist, unter Druck gesetzt, sogar bedroht. Deren Einfluss wird nach und nach so groß, dass sie die Ängstlichen und Willensschwachen mit in ihrem Strudel aus Hass, Ignoranz und primitiver Angst reißen. Die Zahl ihrer Anhänger und somit ihre Präsenz wird immer größer. Je größer diese Präsenz, desto mehr wächst ihr Einfluss wiederum auf Politik und Gesellschaft, auf das tägliche Leben. Die Zahl der Übergriffe auf Flüchtlingsheime in Deutschland hat sich 2014 im Vergleich zum Jahr davor verdreifacht, fast 80 Demonstrationen gab es gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, viele im Namen der NPD. Auch in Tröglitz scheint das Böse in Gestalt von NPD-Anhängern und anderer rechtsradikaler und fremdenfeindlicher Bürger die Oberhand zu gewinnen. Die Hoffnung der Asylgegner ist wohl: wenn wir es hier verhindern können, wird es auch nirgendwo sonst Unterstützung für Ausländer geben.

Die Beharrlichkeit der Nächstenliebe

Doch sie täuschen sich. In Tröglitz regt sich trotz allen Versuchen der politisch Rechten die Menschlichkeit. Bereits nach dem Rücktritt des ehemaligen Bürgermeisters wollte Tröglitz weiterhin 40 Asylanten Unterschlupf gewähren und sich nicht von den kleinkarierten Parolen der Flüchtlingsgegner einschüchtern lassen. Das zerstörte Flüchtlingsheim ist zwar ein Rückschlag, doch auch darauf reagiert Tröglitz nüchtern: einige Bewohner stellen ihre Privatwohnungen für die Bedürftigen zur Verfügung. Ebenso zeigt der bedrohte Landrat Ulrich Stärke. Auch für ihn steht trotz der Drohungen weiterhin fest, dass Tröglitz Flüchtlinge aufnehmen wird. Diese kleine Stadt zeigt, dass der Einfluss, den die Rechtsradikalen scheinbar auf Gesellschaft und Politik haben, immer und überall noch überboten werden kann. Das Signal, dass Tröglitz sendet, ist eindeutig: wir erleben Rückschläge, doch unser großes Ziel wird dasselbe bleiben und nicht verhindert werden. Flüchtlinge werden in diesem Ort ein Zuhause finden, und alle werden sich damit abfinden müssen.

Nicht zurückweichen

In Zeiten von Krieg und Terror, in denen es mehr Flüchtlinge gibt als je zuvor, braucht es Mut und Menschlichkeit. Die Rechtsradikalen können nicht gewinnen, weder in Tröglitz noch anderswo, weil es überall Menschen gibt, die Zivilcourage zeigen. Wer für seine eigenen Überzeugungen einsteht, wehrt sich damit gegen die Kleinkariertheit von Neonazis und zeigt: Ausländerhass und Wut gegen Flüchtlinge sind Probleme, aber sie können angegangen und gelöst werden, in Tröglitz und an vielen anderen Orten.

Judith Wallacher
kath.de-Redaktion

6 thoughts on “Die Rechtsradikalen können nicht gewinnen (10.04.2015)

  1. Ich freue mich über Ihre bewegende Stellungnahme, Frau Wallacher!
    Leider gibt es die exemplarischen Beispiele für entsprechende menschenverachtende Haltungen und Äußerungen gleich um die Ecke, etwa bei dem “katholischen” Bloggerkollegen – Zitat gelöscht auf Grund von beleidigenden Inhalten – (Anmerkung der kath.de-Redaktion)

    Liebe Grüße
    Peter Friedrich

    • Lieber Herr Friedrich,

      wir freuen uns über Kommentare, Anregungen und selbstverständlich auch Kritik zu den Wochenkommentaren unserer Autoren. Mit der Kommentarfunktion möchten wir einen Raum bieten, mit den Autoren und anderen Lesern ins Gespräch zu kommen.

      Gezielte Angriffe auf andere katholische Blogger gehören nicht dazu! Ihr Kommentar wurde daher teilweise gelöscht.

      Mit freundlichen Grüßen

      Dario Hülsmann
      http://kath.de/seiten/team.html#dh

      • Lieber Herr Hülsmann,

        selbstverständlich enthielt mein Beitrag beleidigende Inhalte. Ein gezielter Angriff jedoch war es mitnichten. Möglicherweise liegt hier ein Mißverständnis vor. Um es noch einmal in aller Klarheit zu unterstreichen:
        Ich ZITIERTE – von der Redaktion gelöscht – (Begründung: siehe oben)

  2. Guten Abend,

    ich finde Ihren Kommentar sehr vernünftig und angebracht. Sie haben meines Erachtens Recht, wenn Sie vor gerade die Angst vor dem Fremden als Ursache der ausländerfeindlichen Proteste ausmachen. Diese Angst müssen wir in unseren Gemeinden aber überwinden, sowohl als Staatsbürger als auch als Christen. Das Böse wird dort deutlich, wo zur Angst der Hass auf Fremde hinzutritt.
    Das Osterfest, das wir gerade gefeiert haben, sollte uns aber ins Gedächtnis rufen, dass in Gottes Reich weder die Angst noch der Hass das letzte Wort haben. Die Hoffnung und das Gebot der Liebe, das Jesus uns mit auf den Weg gegeben hat, müssen und werden letztlich auch die Angst überwinden. Und wo die Angst nicht mehr da ist, kann auch der Hass keine Wurzeln mehr schlagen. Unterstützen wir diejenigen, die sich dafür engagieren, mit Gebeten und eigenem Tun, dann wird die Hoffnung mit jedem Tag ein bißchen realer. Wie Sie selbst sagen, gibt es auch in Tröglitz dafür schon mehr als gute Ansätze.

    Ich erlaube mir nur eine kleine geografische Richtigstellung: Tröglitz ist keine Kleinstadt in Niedersachsen, sondern ein Dorf in Sachsen-Anhalt, Ortschaft der Gemeinde Elsteraue in Sachsen-Anhalt (Burgenlandkreis).

    Mit freundlichen Grüßen,

    Christian Köhler

    • Lieber Herr Köhler,

      danke für Ihren Kommentar und für den geografischen Hinweis. Sie haben natürlich vollkommen recht damit. Unsere Redaktion hat Tröglitz im Text nun von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt verlegt.

      Mit frdl. Grüßen aus der kath.de-Redaktion
      Matthias Schmidt, Redakteur

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