Menschlich verständlich, wirtschaftlich unausweichlich (06.03.2015)

Griechenlands Finanzpoker offenbart den Ernst der Lage

Es scheint, als ob die „jungen Wilden“ aus Griechenland die wirtschaftlich prekäre Lage ihres Landes ganz cool meistern. Gemeint sind der neue griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis. Sie versuchen durch ihren Kleidungsstil einen frischen neuen Regierungsstil zu verkörpern, der das Land wieder aus der Krise bringen soll. Aber wie auch schon das Sprichwort „Kleider machen Leute“ nach innen hin nur selten zutrifft, hilft auch angesichts der großen wirtschaftlichen Probleme Griechenlands nicht nur eine neue politische Garderobe. Es braucht finanzpolitische Kreativität und politische Tatkraft nach innen und außen, gepaart mit Leidensfähigkeit und Ausdauer.

Die Skepsis wächst

Dabei stellt der Finanzpoker die europäischen Partner auf eine harte Prüfung. Der Austritt Griechenlands aus der Eurozone ist heute kein Schreckgespenst mehr, für manche gar eine Erlösung. Anders sind Debatte und Abstimmung vor einer Woche im Deutschen Bundestag nicht zu erklären. Überraschenderweise kam der Großteil der Gegenstimmen zum Regierungsantrag aus dem eigenen Lager. 29 der 32 Nein-Stimmen zur Verlängerung der Griechenlandhilfen stammen aus den Reihen der Union. Trotz der großen Zustimmung im deutschen Parlament wächst die Skepsis, ob die neue griechische Regierung zuverlässig zu ihren Zusagen steht. Wenn Griechenlands Finanzminister Varoufakis von einer „produktiven Undeutlichkeit“ in den schriftlich getroffenen Vereinbarungen spricht, reagieren die anderen Amtskollegen, besonders Wolfgang Schäuble in Berlin, nervös und verärgert. Er habe sich nach den Absprachen mit Griechenland im Bundestag für eine Verlängerung des Hilfspaketes eingesetzt. „Wenn man dann zum gleichen Zeitpunkt sagt, dass das alles gar nicht so gemeint ist, dann ist das kein rücksichtsvoller Umgang mit uns”, so Schäuble im ARD-Bericht aus Berlin.

Griechenland – ein todkranker Patient?

Sofort nach der abgewendeten Pleite sucht die griechische Regierung wieder das Weite. Das Verhalten erinnert an einen Patienten, dem es nach einem ersten Therapieerfolg wieder besser geht. Er springt umher, freut sich über die Luft, die er wieder zum Atmen hat und sieht aber nicht, dass die Krankheit noch nicht geheilt ist. Der Patient droht noch schwerer zu erkranken, weil er sich der notwendigen Therapie verschließt, in der Meinung, es besser zu wissen. Diesem Bild folgend lassen sich auch die Ereignisse in den vergangenen drei Monaten in Griechenland betrachten. Griechenland wirkt wie ein Patient, dem die Todesnachricht verkündet wurde und der die fünf Sterbephasen nach Elisabeth Kübler-Ross durchläuft.
Die erste Phase des „Nicht-wahr-haben-wollens“ war im griechischen Wahlkampf zu beobachten. Es wurden von den beiden heutigen Regierungsparteien vollmundige Versprechen gemacht, als ob die griechische Finanzmisere eine Erzählung aus der antiken Sagenwelt sei. Viele Politiker und Wähler wollten die Situation nicht wahr haben. Sie schoben das Problem auf andere, auf Europa und die Troika – jene seien verantwortlich, nicht die Regierung Griechenlands. Oft werden in dieser Phase auch andere „Ärzte“ konsultiert und so verwundert es nicht, dass führende Politiker der griechischen Regierungsparteien gute Kontakte zu ranghohen Politikern im Kreml haben. Aber aus aktueller Sicht hat Russland auch keine andere Diagnose beziehungsweise hält sich mit Hilfen zurück.
Daher ist die zweite Phase des „Zorns“ verständlich. Griechische Demonstranten zeigten ihre Wut auf Europa und besonders auf die Deutschen in der Person von Angela Merkel. Aus Neid und Zorn werden Anschuldigungen ausgesprochen, derlei es in den vergangenen Monaten viele gab.
Darauf folgt die Phase des „Verhandelns“. Jene Phase bezeichnen Mediziner als sehr kurz. Mit Blick in die aktuellen Reaktionen Griechenlands nach den Hilfspaketverhandlungen fühlt sich der Beobachter bestätigt. Kaum ist das Geld auf dem Konto und die nächsten Verbindlichkeiten können abgelöst werden, schon ist die Phase der Verhandlung vorbei.
Die entscheidende Frage wird sein, ob im Krankheitsbild des Patienten „Griechenland“ nun die Phase der Depression einsetzt. Wirtschaftlich hat sie das Land gewiss schon erreicht. Auch bei vielen Griechen sind Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit Alltag. Ob nun auch die politisch Handelnden „den Kopf“ verlieren und in eine Leere stürzen, bleibt abzuwarten. Fakt ist, dass eine fünfte Phase der Akzeptanz Griechenland in der gegenwärtigen Situation am Besten stehen würde, wie auch immer diese Phase sich ausgestaltet. Denn so menschlich nachvollziehbar die eben erläuterten Phasen und die Reaktionen in Griechenland und seiner Regierung sind, desto wirtschaftlich unausweichlicher ist ein Annehmen der Situation. Nur im Einhalten der nun getroffenen Vereinbarungen kann Vertrauen entstehen, ohne das Griechenland wirtschaftlich und politisch ruiniert wäre – egal ob innerhalb oder außerhalb der Euro-Zone.

Vertrauen in den anderen: er meint es gut

Was derzeit im politischen Dialog zwischen Griechenland und der EU fehlt, ist das gegenseitige Vertrauen in den jeweils anderen Partner und in seine guten Absichten. In der oben zitierten Aussage des deutschen Finanzministers ist dieses mangelnde Vertrauen sichtbar. Ähnlich wird es auf der griechischen Seite bestehen, sonst wäre eine solche Interviewaussage, wie jener von Varoufakis mit der „produktiven Uneindeutigkeit“, nicht recht einzuordnen.
Beeindruckendes Beispiel für ein großes Vertrauen in einen anderen in schier auswegloser Lage ist die biblische Erzählung von Abraham und seinem Sohn Isaak (siehe Buch Genesis 22,1-19). Der Stammvater soll seinen einzigen Sohn opfern – eine Forderung von Gott, die unmenschlich und nicht nachzuvollziehen ist. Aber Abraham nimmt diese ausweglose Situation im festen Vertrauen auf Gott an. Er ist sich sicher, dass Gott es gut mit ihm meint, obwohl er ihm etwas solch Hartes und Grausames zumutet.
Auch wenn die Parallelen zur aktuellen Situation Griechenlands und seiner europäischen Partner weiter her geholt und eigentlich nicht zu vergleichen sind, so brauchen Griechenlands Volk und seine Regierung eben jenes Vertrauen wie bei Abraham, der nämlich trotz aller unmöglichen Forderungen und in einer ausweglosen Situation darauf vertraute, dass es sein (Vertrags-)Partner mit ihm gut meint. Angesichts der so unausweichlichen wirtschaftlichen Lage kann man dieses Vertrauen in den kommenden Monaten Griechenland nur wünschen.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion

Islamistische Hacker (01.03.2015)

Mit roher Gewalt zerstören sie, was sie sehen. Ihre Vorschlaghämmer prallen auf jahrtausendealten Stein. Kunstvolle Statuen, die von lange untergegangenen Kulturen künden, fallen ihrem wahnhaften Eifer zum Opfer. Wer das von dem sogenannten Islamischen Staat (IS) im Internet veröffentlichte Video mit Szenen aus dem Museum in Mossul ansieht, muss über sich ergehen lassen anzusehen, wie die selbsternannten Gotteskrieger nun auch Kulturgüter zerstören. Aufnahmen, die ihren Hass auf Nichtmuslime belegen sollen, gibt es im weltweiten Netz mit den regelmäßig erscheinenden Hinrichtungsvideos schon mehr als genug. Nach den lebenden Menschen scheinen die kriegerischen Extremisten jetzt zudem die Zeugen der Vergangenheit eliminieren zu wollen. Nur was der einfältigen Auslegung des Korans und des muslimischen Bilderverbots des IS nicht widerspricht, wird nicht zerstört.

Der, im übertragenden Sinn gemeinte, Blutrausch des IS an den Statuen des antiken Ninive und anderer Stätten erinnert an die umstrittene Predigt des Pastors Olaf Latzel. Dieser hatte im Januar dieses Jahres in der St.-Martini-Kirche in Bremen an den biblischen Richter Gideon erinnert und die Gläubigen dazu aufgefordert reinen Tisch zu machen. Seiner Meinung nach müsse aufgeräumt werden mit Buddha-Figuren im Wohnzimmer, Christophorus-Plaketten im Auto und Talismännern am Körper eines Christen. Treffend bemerkte der Geistliche dazu, dass der Name des biblischen Gideon auf Deutsch Hacker oder Holzfäller bedeute und von „umhauen, verbrennen, hacken, Schnitte ziehen“ komme. Das, was Pastor Latzel gefordert hat, setzt der Islamische Staat in die Tat um. Die Anhänger des IS verstehen sich als Gideone, als jene, die den Willen ihres Gottes ernst nehmen und ausführen.

Ohne Frage besteht ein Unterschied zwischen den Forderungen des Bremer Predigers und den Aktionen im Irak. Olaf Latzel hat, gewiss in einer zu harschen Sprache, die persönliche Reinigung der Gläubigen gefordert. Er bezeichnete es sogar als die Pflicht der Christen, sich schützend vor verfolgte Muslime zu stellen. Der IS respektiert auf seinem faktischen Staatsgebiet keine andere Meinung als die eigene und bringt dies martialisch mit Schwertern, Gewehren und Hämmern zum Ausdruck. Dennoch: Beide fordern eine rigorose Abkehr von allem, was nicht mit dem Willen Gottes vereinbar zu sein scheint.

Große Empörung haben beide hervorgerufen. Pastor Latzel brachte die Bremische Evangelische Kirche gegen sich auf, die beriet, ob ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden sollte. Pastore der Hansestadt widersprachen ihrem Mitbruder und forderten ein offenes und buntes Bremen. Die IS-Hacker haben nun die UNESCO auf den Plan gerufen. Die Generaldirektorin der Organisation der Vereinten Nationen forderte eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates. Sie fürchte weitere irreparable Schäden am Kulturgut der Region. Dieser dringliche Hinweis auf die Bedrohung durch den IS ist sehr wichtig und er zeigt das Ausmaß an Zerstörungswillen, der von diesen Islamisten ausgeht. Weitere historische Beispiele, wie die Sprengung der vier riesengroßen Buddha-Statuen in Afghanistan 2001 und die Verwüstung der Bibliotheken in Timbuktu 2012 durch Al Kaida unterstreichen die Bedrohung.

Dennoch müsste die Empörung über die menschenverachtenden Hinrichtungen um ein vielfaches größer sein. Viele Zehntausende werden wegen ihres Glaubens, der in den Augen der IS-Ideologen der falsche ist, entführt, gefoltert und hingerichtet. Dass historischen Statuen die Köpfe eingeschlagen werden ist dramatisch, doch, dass lebendige Menschen zerstört werden ist mehr als ein Skandal. Diese Toten sind der unwiederbringliche Verlust, der viel mehr beklagt werden müsste. Wegen der viel zu zahlreichen christlichen Märtyrer und anderen gemarterten Menschen müsste sich die Weltgemeinschaft, gleich ob Muslime, Juden, Christen oder Andersgläubige, zu einem entschiedenen Handeln gegen den IS durchringen. Den leidenden Menschen zu helfen ist nicht einfach und bringt viele diplomatische und militärische Probleme mit sich. Doch die von den islamistischen Hackern Verfolgten benötigen unsere konkrete Hilfe. Mehr als die jahrtausendealten Statuen.

Roland Müller
kath.de-Redaktion