Auf dem Weg in einen neuen Kalten Krieg? (20.02.2015)

Der Rückzug der ukrainischen Truppen aus Debalzewe war klug. Nicht nur, weil dadurch vielen ukrainischen Soldaten das Leben erhalten blieb, sondern auch, weil offenkundig wurde, welches Spiel Putin und die prorussischen Rebellen spielen.

Putin treibt doppeltes Spiel – mit Erfolg

Während Putin mit der einen Hand verhandelt, schickt er mit der anderen russische Soldaten als Freiwillige ins Donezbecken. Russische Soldaten werden, wie die russische Zeitung „Kommersant“ berichtet, als Freiwillige in die Ukraine gelockt, um „den Donbass vor den Aggressionen des Westens zu verteidigen.“ Von dieser Strategie lässt Putin nicht ab, sie war ja bisher erfolgreich. Am Verhandlungstisch gibt es keine russischen Soldaten in der Ukraine und auf dem Schlachtfeld haben die Separatisten mit russischen Waffen Erfolg. Es deutet vieles darauf hin, dass sich die Separatisten nach Debalzewe der nächsten Stadt, Mariupol zuwenden, um einen Landkorridor zur Krim zu schaffen.

Waffen in die Ukraine?

Putin hat darauf hingewiesen, dass sich Russland in diesem Konflikt militärisch nicht unter Druck setzen lasse. Gegen die Soldaten der Ukraine funktionieren Putins Waffen. Seine Erweiterungspolitik mit militärischen Mitteln ist bisher vom Erfolg gekrönt. Er hat sich die Krim einverleibt und durch das zweite Abkommen von Minsk auch weitgehend das Donezbecken. Er ist hemmungslos bereit, Menschen zu opfern.

Vor diesem Hintergrund mutet die Forderung amerikanischer Politiker geradezu zynisch an, die Ukraine mit Waffen auszustatten. Das Ergebnis lässt sich allzuleicht vorhersehen. Putin wird sich davon nicht beeindrucken lassen. Er wird genügend Freiwillige russische Soldaten finden, die in der Ukraine kämpfen. Die Ukraine wird so in einen selbstzerfleischenden Krieg getrieben und noch mehr geschwächt. Was von den amerikanischen Waffen noch übrig wäre, fiele in die Hände der Russen. Je schwächer die Ukraine ist, desto sicherer wähnt Putin sie in seinen Händen.

Putins Plan

Eine militärische Lösung für diesen Konflikt gibt es nicht. Denn jede militärische Aktion wird vor allem die Ukraine schwächen – und dies liegt in Putins Plan. Sein Vorteil ist, dass er im Gegensatz zu vielen anderen einen solchen hat. Auf einer Welle der Popularität ist er dabei, die Führungsrolle Russlands unter den slawischen Brüdervölkern wiederherzustellen.

Gorbatschow wird nicht gehört

Es ist erstaunlich, wie wenig Aufmerksamkeit dem Weckruf von Michail Gorbatschow geschenkt wird. Er wirft den USA vor, ihren Einfluß nach dem Zusammenbruch der alten Machtblöcke hemmungslos erweitert  und dadurch für Russland ein Bedrohungsszenarium geschaffen zu haben. Mit anderen Worten, die USA haben aus der Sicht Gorbatschows zu wenig dafür getan, eine neue Weltordnung zu schaffen, in der Russland eine entscheidende Rolle spiele. Weil Putin nun diese Scharte wieder auswetzen will, reitet er auf einer Welle der Popularität.

Europa ist gefragt

Dieses Szenarium ist gefährlich. Es läßt kaum eine andere Wahl, als Russland einerseits auf seine Verantwortung hinzuweisen  – und die Wirtschaftssanktionen weiter zu verstärken, auch wenn dies Opfer kostet. Jede militärische Intervention in der Ukraine würde Putin Wasser auf die Mühlen spülen und weiter in ein Wiederaufleben des Kalten Krieges treiben. Dies sollte sich Europa angesichts der aktuellen Herausforderungen durch den internationalen Terrorismus und Fundamentalismus nicht leisten wollen.

Theo Hipp
kath.de-Redaktion

Sind Reliquien Ramsch und das Zuckerfest Blödsinn? (13.02.2015)

Oder muss man sich über einen Bremer Pfarrer ärgern?

Eine Predigt vom 18.1. in der Bremer Martini-Kirche hat viele Reaktionen hervorgerufen und inzwischen die Seiten der bundesweiten Medien erreicht. Was sonst nur dem Papst zu gelingen scheint, ein evangelischer Pfarrer schafft es – zumindest wird mal über eine Predigt diskutiert.

Es geht um Götzendienst, den der Prediger von einem alttestamentlichen Text aus dem Buch der Richter herleitet. Dort hat Gideon einen Baals-Altar eingerissen und die Holzstatue der Göttin Astarte als Feuerholz für ein Stieropfer benutzt.

Religiöse Symbole und Figuren wegschaffen

Pfarrer Latzel nimmt diesen Text zum Anlass, seine Gemeinde aufzufordern (bei Minute 9 in der Predigt), die Buddha-Statue von ihrem Platz zu nehmen, Talisman und Amulette nicht zu tragen, den Glückspfennig wegzuwerfen, keinen Christophorus am Rückspiegel aufzuhängen und sich nicht zum muslimischen Zuckerfest einladen zu lassen. Er insistiert darauf, dass Gott das nicht wolle und zitiert dafür das Alte Testament, in dem Jahwe als ein eifersüchtiger Gott genannt wird, der keine Götter neben sich duldet. Er intensiviert seine Worte noch durch die Übersetzung des Namens Gideon, das „der Hacker“ (bei Minute 17:30) bedeutet. Also nicht ein Hacker, der im Internet tätig ist, sondern der den Baals-Altar zerhackt.

Im Verlauf der Predigt kommen die Themen der Reformationszeit zur Sprache, Verehrung der Heiligen und der Reliquien. Allerdings gerät der Prediger in eine Wertung, die auf einer Falschaussage beruht. Er unterstellt den Katholiken, dass sie Heilige und Reliquien „anbeten“ und „an den Papst glauben“. Dass so etwas zu Zeiten Luthers vorkam, erklärt nicht, warum ein Pfarrer im Jahr 2015 an diesen Zöpfen weiter flicht. Man kann sich als evangelischer Theologe informieren, was die Katholiken tatsächlich unter Reliquien- und Heiligenverehrung verstehen. Da wäre Pfarrer Latzel vielleicht auf Vergessenes gestoßen, was seinem Hauptanliegen zumindest einmal gedient hat, nämlich dem entscheidenden Glaubensschwund entgegenzutreten, den beide Kirchen in ihren Reihen verzeichnen – der sich nicht zuletzt am abnehmenden Glauben an die leibliche Auferstehung festmacht.

Reliquien – Warten auf die Auferstehung der Körper

Das Wort Reliquie, nämlich was zurückgelassen wurde, stellt die Frage, was mit dem Zurückgelassenen eigentlich geschehen soll. Wem gilt die Verehrung? Es ist natürlich der heilige Mensch, denn bei Reliquien ist immer der genannt, dem sie zugeordnet werden. Aber anders als die Darstellung der toten Sowjetführer im Kreml zielt die Verehrung nicht auf die konservierte leibliche Präsenz, sondern auf die Zukunft, wenn nämlich die Leiber aus den Gräbern herausgerufen werden, um sich mit der Leibseele der Verstorbenen zur Auferstehung in der himmlischen Welt zu vereinen. Deshalb ließen sich z.B. die französischen Könige in Saint Denis neben dem Sarkophag des ersten Bischofs der Stadt, Dionysius, begraben, um mit seinem Leib in den Sog der Auferstehung und so in den Himmel zu gelangen.

Auch die Verehrung der Heiligen ist kein Totenkult noch soll sie deren irdische Präsenz verlängern. Vielmehr werden sie als Bewohner des Himmels verehrt und so auch in den Kirchen auf Fresken, in den Glasmalereien und durch Skulpturen dargestellt. Wenn sich die Gemeinde zum Gottesdienst versammelt, sind nicht nur Engel zugegen, so auch abgebildet in der Bremer Martinikirche, wo Latzel Pfarrer ist, sondern die Gemeinde nimmt an der himmlischen Liturgie teil. Diese wird in der Offenbarung des Johannes beschrieben. Dort ist von einer großen Zahl Menschen die Rede, die trotz aller Drangsale in den Himmel gelangt sind. Die Heiligenverehrung bleibt also auch ein Ausdruck des Glaubens an ein Leben nach dem Tod.
In der Predigt werden noch andere Themen angesprochen, so ein Haus für die Religionen. Der Pfarrer lehnt theologische Gemeinsamkeit mit den Muslimen ab. Gottesdienste zum Schulanfang mit einem katholischen Priester und einem Iman bezeichnet er „als Sünde“. Das Zuckerfest der Muslime wird als Blödsinn bezeichnet (Minute 17). Bei Minute 18:30 heißt es dezidiert: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“.

Warum Ramsch, dicker alter fetter Herr, großer Mist

Latzel verschärft seine Predigt noch, indem er Buddha einen „dicken, alten, fetten Mann“ nennt (Minute 9:35). Einen Buddha auf der Kommode stehen zu haben, wird als „Götzendienst“ bezeichnet. Er rückt die Buddha-Statue in die Nähe okkulter Praktiken und Hexen-Veranstaltungen. Ebenso ordnet Latzel die Reliquien- und Heiligenverehrung der Katholiken in die Nähe des Götzendienstes. „Dieser ganze Reliquiendreck …“ heißt es bei Minute 21). Und: „Was da Lehre ist in der katholischen Kirche, ist ganz großer Mist“ (Minute 21:17).

Nach dem ersten Hören stimmt man erst einmal den Kritikern zu: Mit der Verächtlichmachung des Islam, des Hinduismus, der katholischen Kirche wird ein Geist des Ausgrenzens, des Unfriedens gesät. Nicht nur Muslime, auch die Evangelische Kirche, der Synkretismus unterstellt wird, kann sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Dann entsteht aber die Frage: Wie begründet der Pastor seine Aussagen? Mit dem Text aus dem Buch der Richter. Gott wolle das, sonst tritt Götzendienst ein. Gibt es nicht mehr an Begründung?  Auch beim zweiten Anhören entdeckt man eigentlich nur eine Aussage „Nur Jesus, Jesus…“. Es ist die theologische Dürftigkeit, die die verbalen Entgleisungen des Predigers offenbar  notwendig machen.

Fragen an die Martinigemeinde in Bremen

Der Audiomitschnitt der Predigt ist offiziell. Er ist nicht mit einem iPhone im Kirchenraum aufgenommen, sondern über die Mikrofonanlage der Kirche mitgeschnitten und dann über die Homepage der Gemeinde zugänglich gemacht. Der Vorstand der Gemeinde hat sich ausdrücklich hinter diese Predigt gestellt. Darf man die Gemeindeverantwortlichen, wenn sie schon diese u.a. Predigten der Öffentlichkeit zugänglich machen, fragen:

  1. Ist Bremen mit der religiösen Situation zur Zeit Gideons zu vergleichen?
  2. Kann es der Wille Gottes sein, sich so abzugrenzen und das dann noch in dieser offensiven Sprache?
  3. Wollen wir nicht von den Muslimen, dass sie die Idee der Scharia aufgeben, dass nämlich überall da, wo der Islam gepredigt wird, das Gemeinwesen, also auch Bremen, unter das Gesetz des Korans gestellt werden muss? Was der Martinigemeinde erlaubt zu sein scheint, muss auch den Muslimen billig sein.
  4. Ist es nicht vielmehr der Wille Gottes, dass die Religionen aufeinander zugehen.
  5. Und schließlich: Ist der Gott der Martinigemeinde ein so eifersüchtiger Gott, dass er keine Buddha-Statue auf der Kommode erträgt?

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion

Hier der Link zum Audiomitschnitt der Predigt:

http://www.st-martini.net/audio/2015/2015_0118la.mp3