Von Eltern und Kaninchen (23.01.2015)

Der lockere Sprachstil des Papstes, der Gläubige verwirrt und manche verletzt

Die Kirche soll nach den Worten von Papst Franziskus neue Wege beschreiten und „an die Peripherie gehen“, so der römische Bischof in seiner Predigt am Gründonnerstag. Er selbst geht seither mit gutem Beispiel voran und besuchte in der vergangenen Woche die Philippinen, wo er mit sechs Millionen Menschen eine heilige Messe feierte. Die Reise stellte damit nicht nur einen neuen Rekord in der Kirchengeschichte der Neuzeit auf, sondern wollte auch ein Zeichen für die Armut und die Situation der Kirche in dem asiatischen Inselstaat setzen. Nicht zuletzt war seine Reise eine Reaktion auf die katastrophale Zerstörung der Region durch den Taifun Haiyan, der im November 2013 über die Inseln fegte.

Selbst die Kaninchenzüchter melden sich zu Wort

Nun, da die Reise zu Ende ist, schaut der Mediennutzer auf die Reaktionen und stellt fest, dass nicht etwa die Predigten und Begegnungen des Papstes auf den Philippinen die Rangliste in der öffentlichen Wahrnehmung anführen, sondern die päpstlichen Aussagen zum „Faustschlag“ im Zusammenhang mit den schrecklichen Terror-Anschlägen in Frankreich und der „Karnickel“-Vergleich im Blick auf eine verantwortete Elternschaft. Es handelt sich dabei nicht um Worte, die im Rahmen einer Predigt vor Tausenden von Gläubigen gesprochen wurden, sondern um Interviewaussagen, die der Papst im Flugzeug tätigte.

Mit Wohlwollen betrachtet, könnte man feststellen, dass Papst Franziskus es schafft, dass sich Kaninchenzüchter mit seiner Philippinenreise beschäftigen. So meldete sich Erwin Leowsky, Präsident des Zentralverbandes Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter, zu Wort und stellte den Vergleich des Papstes mit Blick auf die Tiere richtig. Der Papst aktiviert also mit seinen Äußerungen die Peripherie. Das ist sicher.

Sarkastisch gesehen könnte der Papst zukünftig auch Werbeträger der Kaninchenzüchterlobby werden, da eine solche mediale Aufmerksamkeit dieser Sparte der Kleintierzucht im deutschsprachigen Raum wohl noch nie zuteil wurde. Selbst in deutschen und österreichischen TV-Nachrichten fand die Aussage von Leowsky zur besten Sendezeit ihren Platz.

Sprüche bleiben hängen, Botschaft leidet Schaden

Im Rückblick auf einige vergangene Aussagen des Papstes vor Medienvertretern ist festzustellen, dass er immer wieder versucht, die Botschaft durch einen flotten Spruch „locker“ erscheinen zu lassen. Er möchte die Aussagen nicht allzu abstrakt und wirklichkeitsfern formulieren, sondern versucht, sie durch eine treffende, teils lustige Erklärung, verständlich in die Gegenwart zu bringen. Sein guter Wille zur passenden Erläuterung wird aber häufig ins Gegenteil verkehrt. So bleibt im aktuellen Fall in der Öffentlichkeit nicht etwa seine Verteidigung der Enzyklika Humanae Vitae von Papst Paul VI. und die darin grundgelegte Unvereinbarkeit künstlicher Verhütungsmittel mit der katholischen Lehre hängen, sondern sein Vergleich mit den Kaninchen. Das führt dazu, dass viele Mediennutzer meinen, gerade Katholiken brauchen Verhütungsmittel, damit die Kinderzahl nicht überhand nimmt. Dieses Verständnis spiegelt sich auch in der Aussage des bereits erwähnten Präsidenten des Zentralverbandes Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter, der sagte: „Er sollte vielleicht mal darüber nachdenken, solche Redensarten gehen zu lassen und dafür die Verhütung freigeben. Das wäre meiner Meinung nach eher angebracht, als solche dummen Sprüche loszulassen.“ Egal wie jeder sich zur katholischen Sexualmoral verhält, bleibt festzustellen: Der Papst schadet sich selbst und seiner Botschaft mit seinen „Sprüchen“ und Vergleichen. Sie dienen ihm in seiner Kommunikation nach außen hin nicht und seinem intendierten Ziel, nämlich die Botschaft verständlicher zu machen.

Journalisten sind dankbar: der Papst als Garant für amüsierende Aufmerksamkeit

Das mag an zwei journalistischen Grundsätzen liegen: erstens der Aufmerksamkeit und zweitens dem Kürzen. Diese beiden Grundsätze sind keine Neuigkeit, sollten dem Papst aber, meiner Meinung nach, deutlich nahegelegt werden.

Die Journalisten brauchen Aufmerksamkeit, damit der Nutzer oder Leser ihre Zeitung kauft oder auf einen Artikel im Internet klickt. Dazu eignen sich diese Aussagen des Papstes wunderbar. Daher resultiert zum Teil auch das gestiegene mediale Interesse am Papst, weil er immer für eine „Überraschung“ gut ist, oder wie heute.de im aktuellen Fall schreibt: „Er bewies damit wieder einmal, dass er die Welt mit spontanen Bemerkungen amüsieren kann.“ Amüsieren ist, zum Teil auch zum Leidwesen in der Medienlandschaft, ein Grundbestandteil heutiger Programme und Zeitschriften. Aus dem Papst lässt sich also medial etwas machen. Er amüsiert einerseits oder ruft andererseits Protest und Ablehnung mit seinen Aussagen hervor. Beides lässt sich, medial betrachten, ausgezeichnet vermarkten.

In Zeiten von Kurznachrichtendiensten und Social Media gilt noch mehr der zweite Grundsatz: es muss kurz und auf dem Punkt sein. Dieser Trend scheint sich in der aktuellen Entwicklung der vergangenen fünf Jahre noch verstärkt zu haben. Zwar gibt es Print- und Onlinemedien, die profund und ausführlich über Themen berichten. Dennoch werden die Nachrichten für die breite Masse der Bevölkerung immer kürzer. Diesem Prinzip folgend werden dann auch mehrtägige Papstreisen verzerrt dargestellt. Das kann sogar bis in einzelne Aussagen hineingehen. Im aktuellen Fall haben aber alle Medien die Aussage des Papstes richtig in den Zusammenhang mit den kirchlichen Aussagen einer verantworteten Elternschaft und der Ablehnung von künstlichen Verhütungsmitteln gestellt. Dennoch bleiben im medialen Bewusstsein der Öffentlichkeit immer kürzere Aussagen und Zusammenhänge von komplexen Vorgängen hängen. Für die Medienschaffenden bleibt die Herausforderung, trotz der erwarteten Kürze dennoch die Inhalte oder die Zusammenhänge von Aussagen möglichst vollständig und wahrheitsgemäß wiederzugeben.

Bessere öffentliche Beispiele, Argumentationen vorher überlegen

Für diejenigen, die im Rampenlicht stehen, bedeutet das, ihre Akzente klug und sinnvoll zu setzen. Papst Franziskus wäre gut beraten, die traute Atmosphäre in einem Flugzeug nicht zu unterschätzen und sich seine Beispiele zur Erläuterung bestimmter Fragen vorher genau zu überlegen. Es scheint, als sieht er im Moment des Interviews nur die Journalisten. Sicher ist es gut, mit ihnen einen herzlichen Umgang zu pflegen, wie der Papst ja auch unter Beweis stellte, als er im Flugzeug zum Geburtstag einer mexikanischen Journalistin zwei Kuchen spendierte.

Dennoch muss er die Leser und Nutzer im Blick haben, die seine Aussagen durch die Journalisten vermittelt bekommen. Es genügt nicht, nach dem Kaninchenzitat bei den Journalisten um Verständnis für diesen Vergleich zu bitten. Er muss sich in die Lage hineinversetzen, wie die aktuelle Aussage auf eine Mutter von vielen Kindern wirkt, die treu im Glauben diesen Weg geht und auf einige Dinge verzichten muss. Allein schon der Vergleich zwischen Kindern und Karnickeln, den seine Aussage in Betracht zieht, ist ethisch inakzeptabel, aus anthropologischen und theologischen Grundsätzen ganz und gar. Wie viel mehr müssen es Mütter oder Väter von Kinder sein. Ich bin selbst dreifacher Vater und weiß, dass der Papst mit seiner Aussage keine Familien treffen wollte, hatte er doch auf den Philippinen vor „heimtückischen Angriffen auf die Familie“ gewarnt und sich gegen „die Relativierung der Institution Ehe“ ausgesprochen. Nicht umsonst segnet er ja spontan Kinder am Straßenrand und beglückt damit immer auch wieder ihre Eltern.

Diese Handlungen verlieren dann aber an Aussagekraft, wenn gleichzeitig solche Aussagen durch die Welt gehen, wie die hier angeführte. Der Papst muss an seinem Sprachstil arbeiten. Er darf provokant sein, aber niemanden verletzen.

Franziskus ist immer Papst, egal ob er bei einer Messe zu Millionen Gläubigen spricht, oder in einem Flugzeug zu einem kleinen Teil auserwählter Journalisten. Er spricht auch, dank der Massenmedien, immer zu allen Menschen der ganzen Welt und nicht nur als einfacher Seelsorger zu einem Menschen. Er ist – das ist die Bürde des Papstamtes – nie nur ein Privatmann oder ein einfacher Seelsorger, auch wenn er dies immer wieder in vielen Ansprachen vorgibt sein zu wollen. Das ist gewiss sein Führungsstil und darf es auch sein, aber seine Verantwortung als Papst legt er damit nie ab.

Das muss ihm auch in Argumentationen bewusst sein und zukünftig besser gelingen. Wenn er in diesen Tagen als negatives Beispiel einer verantwortungsvollen Elternschaft eine Frau anführt, die bereits sieben Kaiserschnittentbindungen hatte und nun mit ihrer achten Schwangerschaft seiner Ansicht nach Gott herausfordere, lässt dieses Beispiel bei vielen Mediennutzern Fragen offen. Sicherlich auch bei der Frau selbst, die der Papst mit seiner Aussage in große Not bringt. Was soll sie nun tun? Das achte Kind abtreiben? Das würde der Papst bestimmt nicht wollen und wollte es sicher niemals so ausdrücken. Aber Außenstehenden könnte dieser Schluss nahe liegen. Mit solchen Beispielen werden unklare Antworten gegeben und theologische Diskussionen vor und mit Journalisten abgewürgt. Diese Gespräche müssen erst im Bischofskollegium geführt werden, bevor auf einzelne Beispiele in aller Öffentlichkeit eine profunde und auch mit der kirchlichen Lehre zu vereinbarende Antwort gegeben werden kann.

Erfolgversprechender scheint mir, den moraltheologischen Grundsatz der verantworteten Elternschaft zu stärken und in seinen vielfältigen Dimensionen neu zu beleben. Es braucht neue Konzepte in Bildungsarbeit, Pastoral und missionarischer Arbeit, um diesen Grundsatz in den verschiedenen Kulturen vorzuleben und zu implementieren. Dabei kann der Papst entscheidende Impulse liefern und so viele gläubige Familien auf der Welt in ihrem Alltag stärken und ihnen Kraft und Orientierung spenden.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion

5 thoughts on “Von Eltern und Kaninchen (23.01.2015)

  1. Der Papst wäre in Zukunft besser beraten, nicht mehr( isb. bei solchen anstrengenden Unternehmungen) in Begleitung von Journalisten zu reisen und von derartigen Interaktionen abzusehen. Wir alle neigen unter bestimmten Gegebenheiten zu einseitigen Äußerungen und Kommentaren, das tun wir und es passiert uns auch. Nur können wir das in der Regel auf eine unkomplizierte Weise wieder besser in die Balance bringen, zurechtrücken, ggf. bedarf es dazu auch einer persönlichen Entschuldigung. Tja, was dieser Papst da so sagt, ist nicht immer unprofessionell, teils einseitig, und gleichermaßen irgendwie sehr jesuanisch – so kommt es mir vor. Er soll sich ja als EB oftmals in den argentinischen Armeleutevierteln aufgehalten haben, sich diese Viertel ergangen haben, hat sich mit den Menschen dort vertraut gemacht, auf sie eingelassen -(wo läuft denn ein EB bei uns in den verschrienen Wohnvierteln rum? – da wird er ja wohl Einblick gewonnen haben in manche Praxis katholischer Eheleute – ohne” “Rammler” keine “Karnickel”. Vielleicht hat er da gelernt Klartext zu reden, war das Drumherum einfach ein Luxus. Er wird sich als Papst verbessern, dazu lernen.

  2. Ich hätte mir auch gewünscht, dass papst Franziskus nicht von Journalisten in dieser beengenden Atmosphäre des Flugzeuges zu solchen Äußerungen hätte verletien lassen. Sie schaden einerseits seiner geistlichen globalen Autorität, andererseits sprechen daraus auch Ehrlichkeit und Authentizität..
    Und angesichts der viel gravierenden Fragen an die menschliche Humanität und der uneingeschränkten Glaubwürdigkeit gegenüber dem Leben durch den Bürgerkrieg in der Ukraine, durch Menschenverfolgung und Ermordung von Hunderten durch religiöse Terroristen und angesichts der weltweiten Veramrmung durch erbarmungslose Globaliseirung wird die Äußerung des Papstes relativiviert.

  3. Die Aussage des grossartigen Papstes Franziskus ist eine pointierte Aussage. Mit dieser Aussage will er nicht auf die Karnickel hinweisen, sondern auf die VERANTWORTUNG! Anstatt sich über Bild von den Karnickeln zu ent-setzen, wäre es von den oftmals alles wissenden Kommentatoren besser, das Thema VERANTWORTUNG den Menschen nahe zu bringen!

  4. Die Papstschelte ist scheinheilig:
    jedermann/frau weiss um den Zusammenhang von Armut und Missachtung des Lebens. Mithin- Missachtung der Frau !
    Mit seinem Karnickelvergleich legt der Papst den Finger in den Eiterherd einer von den Reichen ausgebeuteten und vermüllten ” Mutter Erde “…

  5. Bei einem zwei DIN A 4 Seiten langen Kommentar zu den etwas “lockeren” Formulierungen des Papstes Franziskus im Flieger nach Rom wäre es angebracht gewesen vor den zähflüssigen moraltheologischen Erwägungen und wohlmeinenden Ratschlägen erst einmal den veröffentlichten Wortlaut, z.B. KNA voranzustellen. Im Vergleich zu den intellektuell überhöhten Aussagen eines Benedikt XVI. kommt Gott sei Dank Franziskus ohne diesen Intellektizismus aus und erreicht den christlichen Normalmensch und macht unseren christlichen Glauben zum Tagesgespräch und regt zu eigenen Reflexionen an. Weiter so Papst Franziskus!

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