Gewalt in Paris (09.01.2015)

Was passiert mit der Religion?

Als der Arbeitgeberpräsident Schleyer 1977 überfallen und die Lufthansamaschine von palästinensischen Terroristen nach Mogadischu in Somalia entführt wurde, hielt Deutschland den Atem an. Beide Anschläge brachten den Staat in große Bedrängnis, weil mit diesen Aktionen elf RAF-Mitglieder, vor allem die in Stammheim Einsitzenden, freigepresst werden sollten. Die Entführer wurden durch mehrere Länder von der Polizei verfolgt. Als die in Stammheim einsitzenden RAF-Mitglieder, nachdem sie von der Erstürmung der Maschine in Mogadischu erfahren hatten, Selbstmord begingen, wurde Hans Martin Schleyer von seinen Entführern erschossen. Seine Leiche wurde im Elsass am 17. Oktober 1977 gefunden. Damit schien der deutsche Terrorismus wieder versiegt, obwohl es ein Herbst des Terrors wurde.

Der Terrorismus sieht sich moralisch gerechtfertigt
Wir lernen seit den beiden Anschlägen auf das World Trade Center und jetzt durch den auf die Pariser Satirezeitschrift, dass die Gewaltbereitschaft unter der Oberfläche überlebt hat. Dabei gehen die Täter mit der Überzeugung vor, die Moral auf ihrer Seite zu haben. Die damaligen Täter haben für ihr Handeln ebenso moralische Qualitäten beansprucht: In ihrem Bekennerschreiben sprechen sie von „einer kläglichen Existenz“ des Getöteten, der als SS-Mitglied umstritten war. Sie unterstellten Bundeskanzler Schmidt, dass er den Tod Schleyers bewusst einkalkuliert habe. Dass die vier Stammheimer Häftlinge sich selbst umgebracht hatten und nicht, wie dem Staat unterstellt wurde, von Wächtern getötet wurden, konnte erst mit der Akteneinsicht nach dem Ende der DDR eindeutig geklärt werden. Die Verwicklung der DDR in die Förderung des palästinischen Terrorismus ist von Wolfang G. Schwanitz durch Archivdokumente ausreichend belegt worden. Diese Unterstützung des RAF-Terrorismus durch staatliche Stellen der DDR ist übrigens noch zu wenig aufgearbeitet.
Es bleibt aus der deutschen Geschichte die Erkenntnis, dass mit Terrorismus zu rechnen ist und die Täter ihr Tun moralisch zu rechtfertigen suchen. Wie im Nationalsozialismus wird Schleyer als eine unwürdige Kreatur hingestellt, deren Tod völlig gerechtfertigt ist. Die NSU-Gruppe hat dann auf eigene Faust zwischen 2000 und 2006 Ausländer, türkische und griechische Kleinunternehmer, ermordet. Zwei der drei Beteiligten begingen 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach Selbstmord.

Kampf gegen den Staat, Krieg gegen den Westen
Es war aber auch wie bei den Anschlägen in New York, Washington und Paris für die RAF der Staat das Ziel ihrer Überfälle. Der Staat sollte gezwungen werden, Personen, die unter Anklage stehen, freizulassen. Die Attentate in New York wie in Paris werden damit gerechtfertigt, dass sich die Terrorgruppen im Namen des Islam im Krieg mit dem Westen befinden. Das gilt für Amerika schon länger, so erklärte es der Revolutionsführer Chomeini zum Gegner der Islamischen Republik.  Da der Staat über Gewaltmittel verfügt, schien es auch aus der Sicht der RAF gerechtfertigt, ebenso Sprengstoff und Schusswaffen zu nutzen.

Religion zentrales Motiv der Gewalt?
Der Vergleich mit der RAF und dem NSU-Trio zeigt einmal, dass Religion nicht notwendig Ingredienz für Gewalthandlungen ist. Während sich die Mitglieder der „Roten Armee Fraktion“ schon im Namen dem linken Spektrum zurechneten, berufen sich die Mitglieder des „National-Sozialistischen Untergrunds“ auf diese Doktrin, die im sog. Dritten Reich ebenso Gewalt propagierte. Der Terrorismus, der sich auf den Islam beruft, ist im Übrigen erst in zweiter Linie gegen den Westen gerichtet. In erster Linie richtet er sich gegen Liberalität und Moderne in der eigenen Region. Der Bürgerkrieg in Syrien ist ein Krieg zwischen Sunniten und Schiiten, hier konkreter Alawiten. Iran unterstützt den syrischen Präsidenten, einen Alawiten. Diese sind eine Richtung im Islam, die sich wie die Schiiten auf Ali, einen Verwandten des Propheten beruft. Die Spannungen im Irak gehen auch auf den Gegensatz zwischen Schiiten und Sunniten zurück. Saddam Hussein stütze sich auf die Sunniten, aber nach der Eroberung des Irak durch die westliche Koalition gewannen Schiiten, die Mehrheit der Bevölkerung, die Oberhand. Der als Kalifat angelegte sog. Islamische Staat ist aus der sunnitischen Minderheit des Irak geboren, dem Sunniten in Syrien folgten. Er will für die Sunniten einen eigenes Großreich errichten, das sich sowohl gegenüber den Kurden wie den Schiiten im Irak und den Alawiten in Syrien abgrenzt. Solche konfessionelle Gewalt kennt Europa aus der Reformationszeit und besonders Deutschland aus dem Dreißigjährigen Krieg.

Religion rechtfertigt Gewalt am besten
Wenn man die Phänomene vergleicht, dann scheint Gewalt unter der Oberfläche zu lauern. Sie ist immer mit einem Anspruch verbunden, der auf den ersten Blick am schnellsten durch Gewalt zu verwirklichen ist.  Zur Durchsetzung des Anspruchs braucht es jeweils eine Rechtfertigung, die im Moralischen gesucht werden muss. Das ist deshalb notwendig, weil Gewaltanwendung sehr viel stärker nach Rechtfertigung verlangt als eine Forderung, die ohne Gewaltdrohung erhoben wird.  Auch die Religion, welcher Ausprägung auch immer, kann ihre Missionsanstrengungen mit Gewalt vorantreiben oder neue religiöse Strömungen durch Gewalt unterdrücken. Die Christen erfuhren in den Jahrhunderten der Gründungzeit die Gewalt, später setzten sie diese als Herrscher ein. Allerdings ist es eine Mär, dass Karl d.Gr. Krieg gegen die Sachsen geführt habe, um sie zu christianisieren. Die ersten Feldzüge waren die Antwort der Franken auf sächsische Raubzüge. Als man die Sachsen militärisch nicht zur Ruhe bringen konnte, wählte man mit hohem personellem Aufwand die Christianisierung. 300 Jahre später wurde nach vergeblichem Waffeneinsatz das Gebiet östlich der Elbe durch sächsische Siedler und durch die Zisterzienser und Franziskaner christianisiert.
Ein Hauptfaktor, der den Terror ermöglicht, ist die Solidarisierung. Die RAF konnte sich in ihren Anfangszeiten auf ihr persönliches Netz und auf Sympathien der Studierenden stützen. So war es anfangs möglich, dass nach Einbruch der Dunkelheit ein RAF-Mitglied bei Bekannten schellte, um dort übernachten zu können. Die erhoffte Solidarisierung, vor allem der Arbeitnehmer, blieb aber aus. Überträgt man diese Beobachtung auf die heutige Terrorszene, dann haben Muslime es nicht leicht, sich zu distanzieren, wenn im Namen Allahs Terrorakte verübt werden und dann noch die Durchsetzung der Scharia versprochen wird, obwohl sie Gläubige grausam treffen kann. Das ist auch deshalb für einen Muslim nicht so einfach, weil der Islam durch seinen Gründer keine so deutliche Abgrenzung von der Gewalt und vom Staat kennt wie das Christentum.

Auch der Islam muss eine strikte Grenze zur Gewalt ziehen
Das Christentum hat inzwischen gelernt, dass Gewalt im Namen der Religion zum stärksten Gegenargument gegen die Religion wird. Das Attentat in Paris stellt alle Muslime vor die gleiche Frage. Sie werden sich zu einer Antwort durchringen müssen. Das liegt im eigenen Interesse, denn die Gewalt wendet sich zuerst einmal gegen die eigenen Glaubensgenossen. Irgendwann wird die Religion, die Gewalt zulässt, zur Rechenschaft gezogen. Es wird auch im Islam eine Aufklärung einsetzen, die sich nicht auf eine religiöse Autorität beruft, sondern auf die Vernunft. Wie die Aufklärung nicht zuletzt aus den bitteren Erfahrungen der Religionskriege dem Christentum entgegengeschlagen ist und es als beherrschende Macht aus der Öffentlichkeit vertrieben hat, wird der Islam auch einmal vor den Richterstuhl der Vernunft gezogen werden.

Der Dialog zwischen Christentum und Islam sollte dieses Thema in den Mittelpunkt stellen. Denn auch die anderen Religionen werden durch Terrorismus in ihrer Glaubwürdigkeit bedroht. Es ist das gleiche Interesse, das Christen und Muslime wie auch Hindus und Buddhisten leiten sollte, nämlich die Glaubwürdigkeit der Religion zu bewahren. In einer globalisierten Welt lässt sich diese Frage nicht regional begrenzen. Der Weg ist noch weit. Der Angriffskrieg auf den Irak hat den Westen in den Augen von Muslimen in Frage gestellt. Westler müssen sich fragen: Lohnt der Einsatz von Waffen ein solches Ergebnis oder war es doch richtig, gegen Bagdads Diktator vorzugehen? Paris hat gezeigt: Wir können nicht mehr in der Zuschauerrolle bleiben.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion

2 thoughts on “Gewalt in Paris (09.01.2015)

  1. Liberte,Egalite,Fraternite…(franz. Revolution , 1789),

    die Redakteure der “Charlie” landeten,ähnlich wie die des “Stürmer”(1923-1945), auf dem Mist,mit welchem sie La Fraternite bewarfen.
    Solidarität mit Schreibtischtätern und Brunnenvergiftern … ? Nein !
    Mitleid …? Ja !

  2. So furchtbar die Katastrophe in Paris war,so muss doch gefragt werden
    duerfen,was wird von den Karikaturisten gefordert?Ist es Pressefreiheit
    oder Narrenfreiheit?Ist es die Freiheit,die alles darf,die ueber alle Gefuehle
    hinwegfegen darf oder waere es nicht an der Zeit,zu ueberlegen,ob der
    Anstand gegenueber den religioesen Gefuehlen von Abermillionen Menschen
    wieder in den Vordergrund ruecken sollte?Wollen die Presseleute den Krieg
    unbedingt zu uns in’s Land holen,um ihre Vorstellung von Pressefreiheit zu
    verwirklichen.Ich finde,das wird ihrer Verantwortung nicht gerecht!
    Mit freundlichen Gruessen!
    Joachim Waldemer

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