Missbrauch – 5 Jahre danach (30.01.2015)

Es geht um Minderwertigkeitsgefühle und dann erst um Sex

Im Januar 2010 hat der Rektor des Jesuitenkollegs in Berlin Sexuelle Übergriffe auf Schüler öffentlich bekannt gemacht. Für die katholische Kirche bedeutete das einen Absturz ihrer gesellschaftlichen Reputation. Obwohl keine Institution in der Prävention inzwischen so viele Maßnahmen ergriffen hat, bleibt der Makel “Kinderschänder” an ihr haften. Was sind Gründe für dieses Desaster und was ist nach den fünf Jahren deutlich geworden?

Die Institution hat die Täter gedeckt

Zwar war es nicht wie bei der Odenwaldschule, dass die Spitze der Institution in den Missbrauch verwickelt war, jedoch haben die Personalverantwortlichen der Diözesen und Orden die Priester, welche die Distanz zu den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen überschritten hatten, nicht aus ihren sensiblen Aufgabenbereichen herausgenommen. Sie wurden einfach versetzt und auch nicht den staatlichen Gerichten überantwortet. Für dieses Versagen der Institution gibt es mehrere Gründe.

Die Aufklärung durch die Personalverantwortlichen muss das sonst geltende Solidaritätsgebot beiseite schieben, nämlich dass die Täter Mitglied einer festen Gemeinschaft, eines Ordens oder der Priesterschaft eines Bistums sind. Die Verantwortlichen fühlen sich zuerst einmal dafür verantwortlich, ihre “Mitbrüder”, so der interne Sprachgebrauch, zu schützen. Dann ist es eine heikle Problematik, die man besser nicht zum Thema macht. Das hatte zur Folge, dass es keine Vorgehensweise gab, mit solchen Vorkommnissen angemessen umzugehen. Anstatt das Problem aktiv anzugehen, wurde geschwiegen und die Täter wurden einfach nur versetzt.
Hinzu kam die Peinlichkeit für eine Institution, die in der Öffentlichkeit wegen ihrer strikten moralischen Vorgaben zur Sexualität angegriffen wurde. Wie konnte sie zu den Übergriffen öffentlich stehen, ohne dass sie zugleich der Irrigkeit ihrer Vorstellungen zur Sexualität überführt würde. Das zentrale Personal, das über die für die Glaubensgemeinschaft entscheidende Ritenkompetenz verfügt, scheitert gerade in dem Bereich, in dem die Katholische Kirche sich sehr deutlich positioniert hat. Im Kopf der meisten Zeitgenossen stellt sich sofort eine Verbindung her, die sich bis heute nicht aufgelöst hat: Rigide Sexualmoral führt zum Missbrauch. Je rigider, desto gefährdeter: Der Zölibat ist die Ursache. Aber gerade das stimmt nicht:

Nur etwa 20% der Täter haben eine verfehlte sexuelle Orientierung

Wenn es um Missbrauch geht, sind es erst einmal sexuelle Übergriffe. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass die Täter in ihrer Sexualität gestört und deshalb auf Minderjährige hin orientiert sind. Die Aufarbeitung der Vorfälle zeigt jedoch, dass das Motiv bei der Mehrzahl der Täter in einer anderen Persönlichkeitproblematik liegt, nämlich mit Kindern das zu versuchen, was sonst nicht oder zu wenig gelingt. Es geht beim Missbrauch überraschender Weise um Unsicherheit, Schwierigkeiten in der Kommunikation, mangelnde Akzeptanz. Diese sollen dadurch kompensiert werden, indem der Betroffene sich Kinder unterwirft. Das muss nicht im Feld der Sexualität geschehen, es geht auch mit Prügelexzessen. Aber einer Öffentlichkeit diesen Zusammenhang verständlich zu machen, ist nicht zuletzt deshalb schwierig, weil Sexualität mit Zuneigung, Zärtlichkeit und überhaupt den romantischen Gefühlswelten in Verbindung gebracht wird, nicht jedoch mit Machtausübung. Auch das lange öffentlich inszenierte Gerichtsverfahren gegen den Meteorologen Jörg Kachelmann hat für diesen Zusammenhang nicht die Augen geöffnet. Auch die nicht wenigen Filme, die Gewalt im Zusammenhang mit Sexualität darstellen oder das Faktum des Sadomasochismus haben weder die katholische Kirche noch die Medienschaffenden dazu gebracht, sich mit einer Seite des Menschlichen zu beschäftigen, die in der weltweit organisierte Kinderprostitution ihren deutlichsten Ausdruck findet. Dass sowohl von den Kirchen wie den Medien propagierte Gutmenschentum verstellt den Blick auf diese dunklen Seiten der menschlichen Triebstruktur.

Zölibat und Missbrauch

Die einfache Schlussfolgerung, dass mit Abschaffung des Zölibats auch zugleich die Missbrauchsproblematik gelöst würde, scheint nicht nur beim Zentralkomitee des Laienkatholizismus im Hinterkopf zu lauern, sondern auch bei den der Aufklärung verpflichteten Journalisten. Das ist mit dem Kurzschluss zu vergleichen, man könne das Aidsvirus durch Ausgabe von Kondomen besiegen. Wenn nur etwa 20% der auffällig gewordenen Priester sexuell auf Kinder hin orientiert sind, die anderen, die sich Kinder unterwerfen, aber mit anderen persönlichen Problemen ringen, dann kann die Reaktion der Institution Kirche nicht allein darin liegen, die Kontrollmechanismen zu perfektionieren, sondern auch die Priesterrolle zu entlasten. Es ist auch eine Frage an die katholischen Laien, ob sie tatsächlich den perfekten Priester brauchen, kommunikativ hoch begabt, das absolute Vorbild, den Menschen nahe und möglichst wie ein Familienvater erlebbar, theologisch aufgeschlossen und noch vieles mehr. Hat nicht die ganze Missbrauchsdebatte dazu geführt, dass die Priester wie die Politiker zum Freiwild öffentlich geäußerter Unterstellungen gemacht werden, weil sie es niemandem recht machen können. Warum sich noch exponieren, wenn man nur mit überzogenen Erwartungen und bei Nichterfüllung mit Prügeln rechnen muss.

Lernergebnisse: Nicht die Täter, sondern die Betroffenen sowie die Verantwortung der Institution

Es ist deutlich, dass das Problem nicht einfach mit ein paar Regelungen aus der Welt geschafft werden kann. Es gibt aber auch Lernergebnisse. So haben die Jesuiten sich bei der Verarbeitung der Missbrauchsfälle an den Erkenntnissen der USA orientiert:

– Die Institution muss sich auf die Seite der Opfer stellen.

– Weiter muss sich die Institution zu ihrer Verantwortung bekennen. Es muss ein öffentliches Schuldeingeständnis geben. Das ist für die Opfer entscheidend. Denn diese tragen die Erfahrung mit sich, dass die Institution die Täter geschützt hat. Dabei geht es nicht nur um die Verletzung des Intimbereichs, sondern um die Erfahrung, dass offensichtliches Unrecht von den Verantwortlichen gedeckt wurde. Dieser falsch verstandene Chorgeist fällt auf die Institution zurück. Nicht nur wird die einzelne Autoritätsperson zum Feind der Minderjährigen, sondern die ganze Institution selbst. Wenn die Heute Verantwortlichen sich zu einem Schuldeingeständnis durchringen, obwohl die Vorfälle länger zurückliegen und sie gar keine persönliche Verantwortung haben könnten, entspannt das die Situation und die Opfer fühlen sich endlich als solche anerkannt. Dass Geld gezahlt wird, hat eher symbolischen Charakter. Mit Geld kann der seelische Schaden nicht abgegolten werden, wohl aber müssen Therapien bezahlt werden.

– Wie keine andere Institution haben die Kirchen eine für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen verpflichtendes Schulungsprogramm eingerichtet. Aus Schaden ist man wirklich klug geworden. Vor dieser Anstrengung scheuen Sportverbände, Heime u.a noch zurück. Sie werden nicht darum herumkommen. Denn die Opfer sind ja Kinder. Sie können das Verhalten des Priesters, Trainers, Erziehers noch gar nicht einordnen. Zudem ist es für die Täter nicht schwierig, den Kindern ein Schweigegebot aufzuerlegen. Deshalb muss das Umfeld sensibilisiert werden, auf Verhaltensauffälligkeiten der Kinder zu reagieren.

Eines lässt sich offensichtlich nicht ändern: Diejenigen, die wohl in der Pubertät eine bestimmte sexuelle Orientierung entwickelt haben, können diese nich ablegen. Die Faktoren, die zu dieser Orientierung führen, sind noch nicht bekannt. Deshalb gibt es therapeutisch bisher nur die Möglichkeit, mit dieser Veranlagung zu leben. Da man Kindern leicht ein Schwiegen auferlegen kann, melden sich die Missbrauchsopfer meist erst im Erwachsenenalter.

Was durch die mediale Fixierung auf die Priester geschehen ist, bedarf dringend einer Korrektur, nämlich dass die Mehrzahl der Opfer nicht Jungen, sondern Mädchen sind.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion

Von Eltern und Kaninchen (23.01.2015)

Der lockere Sprachstil des Papstes, der Gläubige verwirrt und manche verletzt

Die Kirche soll nach den Worten von Papst Franziskus neue Wege beschreiten und „an die Peripherie gehen“, so der römische Bischof in seiner Predigt am Gründonnerstag. Er selbst geht seither mit gutem Beispiel voran und besuchte in der vergangenen Woche die Philippinen, wo er mit sechs Millionen Menschen eine heilige Messe feierte. Die Reise stellte damit nicht nur einen neuen Rekord in der Kirchengeschichte der Neuzeit auf, sondern wollte auch ein Zeichen für die Armut und die Situation der Kirche in dem asiatischen Inselstaat setzen. Nicht zuletzt war seine Reise eine Reaktion auf die katastrophale Zerstörung der Region durch den Taifun Haiyan, der im November 2013 über die Inseln fegte.

Selbst die Kaninchenzüchter melden sich zu Wort

Nun, da die Reise zu Ende ist, schaut der Mediennutzer auf die Reaktionen und stellt fest, dass nicht etwa die Predigten und Begegnungen des Papstes auf den Philippinen die Rangliste in der öffentlichen Wahrnehmung anführen, sondern die päpstlichen Aussagen zum „Faustschlag“ im Zusammenhang mit den schrecklichen Terror-Anschlägen in Frankreich und der „Karnickel“-Vergleich im Blick auf eine verantwortete Elternschaft. Es handelt sich dabei nicht um Worte, die im Rahmen einer Predigt vor Tausenden von Gläubigen gesprochen wurden, sondern um Interviewaussagen, die der Papst im Flugzeug tätigte.

Mit Wohlwollen betrachtet, könnte man feststellen, dass Papst Franziskus es schafft, dass sich Kaninchenzüchter mit seiner Philippinenreise beschäftigen. So meldete sich Erwin Leowsky, Präsident des Zentralverbandes Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter, zu Wort und stellte den Vergleich des Papstes mit Blick auf die Tiere richtig. Der Papst aktiviert also mit seinen Äußerungen die Peripherie. Das ist sicher.

Sarkastisch gesehen könnte der Papst zukünftig auch Werbeträger der Kaninchenzüchterlobby werden, da eine solche mediale Aufmerksamkeit dieser Sparte der Kleintierzucht im deutschsprachigen Raum wohl noch nie zuteil wurde. Selbst in deutschen und österreichischen TV-Nachrichten fand die Aussage von Leowsky zur besten Sendezeit ihren Platz.

Sprüche bleiben hängen, Botschaft leidet Schaden

Im Rückblick auf einige vergangene Aussagen des Papstes vor Medienvertretern ist festzustellen, dass er immer wieder versucht, die Botschaft durch einen flotten Spruch „locker“ erscheinen zu lassen. Er möchte die Aussagen nicht allzu abstrakt und wirklichkeitsfern formulieren, sondern versucht, sie durch eine treffende, teils lustige Erklärung, verständlich in die Gegenwart zu bringen. Sein guter Wille zur passenden Erläuterung wird aber häufig ins Gegenteil verkehrt. So bleibt im aktuellen Fall in der Öffentlichkeit nicht etwa seine Verteidigung der Enzyklika Humanae Vitae von Papst Paul VI. und die darin grundgelegte Unvereinbarkeit künstlicher Verhütungsmittel mit der katholischen Lehre hängen, sondern sein Vergleich mit den Kaninchen. Das führt dazu, dass viele Mediennutzer meinen, gerade Katholiken brauchen Verhütungsmittel, damit die Kinderzahl nicht überhand nimmt. Dieses Verständnis spiegelt sich auch in der Aussage des bereits erwähnten Präsidenten des Zentralverbandes Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter, der sagte: „Er sollte vielleicht mal darüber nachdenken, solche Redensarten gehen zu lassen und dafür die Verhütung freigeben. Das wäre meiner Meinung nach eher angebracht, als solche dummen Sprüche loszulassen.“ Egal wie jeder sich zur katholischen Sexualmoral verhält, bleibt festzustellen: Der Papst schadet sich selbst und seiner Botschaft mit seinen „Sprüchen“ und Vergleichen. Sie dienen ihm in seiner Kommunikation nach außen hin nicht und seinem intendierten Ziel, nämlich die Botschaft verständlicher zu machen.

Journalisten sind dankbar: der Papst als Garant für amüsierende Aufmerksamkeit

Das mag an zwei journalistischen Grundsätzen liegen: erstens der Aufmerksamkeit und zweitens dem Kürzen. Diese beiden Grundsätze sind keine Neuigkeit, sollten dem Papst aber, meiner Meinung nach, deutlich nahegelegt werden.

Die Journalisten brauchen Aufmerksamkeit, damit der Nutzer oder Leser ihre Zeitung kauft oder auf einen Artikel im Internet klickt. Dazu eignen sich diese Aussagen des Papstes wunderbar. Daher resultiert zum Teil auch das gestiegene mediale Interesse am Papst, weil er immer für eine „Überraschung“ gut ist, oder wie heute.de im aktuellen Fall schreibt: „Er bewies damit wieder einmal, dass er die Welt mit spontanen Bemerkungen amüsieren kann.“ Amüsieren ist, zum Teil auch zum Leidwesen in der Medienlandschaft, ein Grundbestandteil heutiger Programme und Zeitschriften. Aus dem Papst lässt sich also medial etwas machen. Er amüsiert einerseits oder ruft andererseits Protest und Ablehnung mit seinen Aussagen hervor. Beides lässt sich, medial betrachten, ausgezeichnet vermarkten.

In Zeiten von Kurznachrichtendiensten und Social Media gilt noch mehr der zweite Grundsatz: es muss kurz und auf dem Punkt sein. Dieser Trend scheint sich in der aktuellen Entwicklung der vergangenen fünf Jahre noch verstärkt zu haben. Zwar gibt es Print- und Onlinemedien, die profund und ausführlich über Themen berichten. Dennoch werden die Nachrichten für die breite Masse der Bevölkerung immer kürzer. Diesem Prinzip folgend werden dann auch mehrtägige Papstreisen verzerrt dargestellt. Das kann sogar bis in einzelne Aussagen hineingehen. Im aktuellen Fall haben aber alle Medien die Aussage des Papstes richtig in den Zusammenhang mit den kirchlichen Aussagen einer verantworteten Elternschaft und der Ablehnung von künstlichen Verhütungsmitteln gestellt. Dennoch bleiben im medialen Bewusstsein der Öffentlichkeit immer kürzere Aussagen und Zusammenhänge von komplexen Vorgängen hängen. Für die Medienschaffenden bleibt die Herausforderung, trotz der erwarteten Kürze dennoch die Inhalte oder die Zusammenhänge von Aussagen möglichst vollständig und wahrheitsgemäß wiederzugeben.

Bessere öffentliche Beispiele, Argumentationen vorher überlegen

Für diejenigen, die im Rampenlicht stehen, bedeutet das, ihre Akzente klug und sinnvoll zu setzen. Papst Franziskus wäre gut beraten, die traute Atmosphäre in einem Flugzeug nicht zu unterschätzen und sich seine Beispiele zur Erläuterung bestimmter Fragen vorher genau zu überlegen. Es scheint, als sieht er im Moment des Interviews nur die Journalisten. Sicher ist es gut, mit ihnen einen herzlichen Umgang zu pflegen, wie der Papst ja auch unter Beweis stellte, als er im Flugzeug zum Geburtstag einer mexikanischen Journalistin zwei Kuchen spendierte.

Dennoch muss er die Leser und Nutzer im Blick haben, die seine Aussagen durch die Journalisten vermittelt bekommen. Es genügt nicht, nach dem Kaninchenzitat bei den Journalisten um Verständnis für diesen Vergleich zu bitten. Er muss sich in die Lage hineinversetzen, wie die aktuelle Aussage auf eine Mutter von vielen Kindern wirkt, die treu im Glauben diesen Weg geht und auf einige Dinge verzichten muss. Allein schon der Vergleich zwischen Kindern und Karnickeln, den seine Aussage in Betracht zieht, ist ethisch inakzeptabel, aus anthropologischen und theologischen Grundsätzen ganz und gar. Wie viel mehr müssen es Mütter oder Väter von Kinder sein. Ich bin selbst dreifacher Vater und weiß, dass der Papst mit seiner Aussage keine Familien treffen wollte, hatte er doch auf den Philippinen vor „heimtückischen Angriffen auf die Familie“ gewarnt und sich gegen „die Relativierung der Institution Ehe“ ausgesprochen. Nicht umsonst segnet er ja spontan Kinder am Straßenrand und beglückt damit immer auch wieder ihre Eltern.

Diese Handlungen verlieren dann aber an Aussagekraft, wenn gleichzeitig solche Aussagen durch die Welt gehen, wie die hier angeführte. Der Papst muss an seinem Sprachstil arbeiten. Er darf provokant sein, aber niemanden verletzen.

Franziskus ist immer Papst, egal ob er bei einer Messe zu Millionen Gläubigen spricht, oder in einem Flugzeug zu einem kleinen Teil auserwählter Journalisten. Er spricht auch, dank der Massenmedien, immer zu allen Menschen der ganzen Welt und nicht nur als einfacher Seelsorger zu einem Menschen. Er ist – das ist die Bürde des Papstamtes – nie nur ein Privatmann oder ein einfacher Seelsorger, auch wenn er dies immer wieder in vielen Ansprachen vorgibt sein zu wollen. Das ist gewiss sein Führungsstil und darf es auch sein, aber seine Verantwortung als Papst legt er damit nie ab.

Das muss ihm auch in Argumentationen bewusst sein und zukünftig besser gelingen. Wenn er in diesen Tagen als negatives Beispiel einer verantwortungsvollen Elternschaft eine Frau anführt, die bereits sieben Kaiserschnittentbindungen hatte und nun mit ihrer achten Schwangerschaft seiner Ansicht nach Gott herausfordere, lässt dieses Beispiel bei vielen Mediennutzern Fragen offen. Sicherlich auch bei der Frau selbst, die der Papst mit seiner Aussage in große Not bringt. Was soll sie nun tun? Das achte Kind abtreiben? Das würde der Papst bestimmt nicht wollen und wollte es sicher niemals so ausdrücken. Aber Außenstehenden könnte dieser Schluss nahe liegen. Mit solchen Beispielen werden unklare Antworten gegeben und theologische Diskussionen vor und mit Journalisten abgewürgt. Diese Gespräche müssen erst im Bischofskollegium geführt werden, bevor auf einzelne Beispiele in aller Öffentlichkeit eine profunde und auch mit der kirchlichen Lehre zu vereinbarende Antwort gegeben werden kann.

Erfolgversprechender scheint mir, den moraltheologischen Grundsatz der verantworteten Elternschaft zu stärken und in seinen vielfältigen Dimensionen neu zu beleben. Es braucht neue Konzepte in Bildungsarbeit, Pastoral und missionarischer Arbeit, um diesen Grundsatz in den verschiedenen Kulturen vorzuleben und zu implementieren. Dabei kann der Papst entscheidende Impulse liefern und so viele gläubige Familien auf der Welt in ihrem Alltag stärken und ihnen Kraft und Orientierung spenden.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion

Die Ohnmacht der Geheimdienste (16.01.2015)

Warum der Terrorismus so nicht auszutrocknen ist

Die Morde in Paris zwingen, vieles zu überdenken. Hier soll es um die bisherige westliche Strategie gehen. Diese Strategie besteht darin, die Geheimdienste mit immer größerem Überwachungspotential auszustatten. In Paris hat sich aber gezeigt, dass die Geheimdienste die Täter vorher nicht identifiziert haben. Der Irrtum, den Geheimdiensten die Lösung des Problems anzuvertrauen, liegt auch in der Propaganda der Terroristen begründet. Sie sprechen von einem Krieg gegen den Westen. Sind die Geheimdienste aber auf diese „Angreifer“ richtig eingestellt?

Geheimdienste richten sich auf den äußeren Feind

Die Aufgabe der Geheimdienste ist es, Angriffe feindlicher Armeen frühzeitig zu erkennen und die Verteidigung darauf einzustellen bzw. frühzeitig den Angriff zu vereiteln. Der Irakkrieg, den Bush junior führte, wurde mit Erkenntnissen der Geheimdienste gerechtfertigt. Das Bombenpotential Saddam Husseins sollte vernichtet werden. Die Kubakrise war auch eine Prävention der USA. Die Geheimdienste hatten entdeckt, dass Russland dabei war, Atomwaffen direkt vor ihrer Haustür zu stationieren. Neben den Spionen, die in die staatlichen Stellen des Gegners eingeschleust werden, haben zuerst Aufklärungsflugzeuge und dann Satelliten die Erkenntnisquellen der Geheimdienste erweitert. Es ist also jeweils eine ausländische staatliche Macht, deren Absichten wie auch deren konkrete militärische Vorbereitungen Ziele der Geheimdienste sind. Anders als im Falle des Iraks unter Saddam Hussein sind die Gruppen, die Terroranschläge planen und denen auch die Durchführung gelingt, keine Staaten. Sie greifen vielmehr auf eine Rechtsordnung zurück, die vor dem Gewaltmonopol des modernen Staates liegt.

Rechtssetzung außerhalb des staatlichen Rechts

Es ist nicht nur bei den Terrorangriffen so, auch bei den sog. Ehrenmorden beansprucht die Sippe, die Volksgruppe, selbst für „Recht zu sorgen“. Sie erwartet nicht, dass der Staat ihnen ihr Recht zurückgibt, sondern setzt selbst ihren Rechtsanspruch durch. In Familien, die sich streng dem Islam verpflichtet fühlen, bringt der Vater oder der Bruder die Tochter um, wenn diese vor der Eheschließung schwanger geworden ist. Hier wird das Wort „Rache“ in seiner ursprünglichen Bedeutung wieder deutlich: Die Rechtsordnung ist verletzt und muss wieder hergestellt werden. Es geht also nicht um Rache, sondern um die Wiederherstellung der Ordnung. Die Attentäter von Paris beriefen sich ebenfalls auf einen Ehrenkodex, sie wollten die Ehre des Propheten wieder herstellen, also eine gestörte Ordnung wieder ins Gleichgewicht bringen. Wie können aber die staatlichen Stellen besser erkennen, wo Menschen den Anspruch erheben, außerhalb des staatlichen Gewaltmonopols für Recht zu sorgen? Die Totalüberwachung zeigt, dass nur mit eheblichen Einschränkungen der demokratischen Spielregeln die Geheimdienste ihren Auftrag erfüllen können.

Totalüberwachung hat auf die Dauer ihren Preis

Wenn es innerhalb eines Staates Gruppierungen gibt, die außerhalb des Gewaltmonopols und des staatlichen Rechtssystems „Recht setzen“, dann muss der Staat alle diese Menschen überwachen. Da er Terror-Verdächtige nicht nur in bestimmten Gruppierungen suchen muss, sondern diese auch als einzelne aktiv werden, muss er möglichst alle Bürger erfassen. Das war auch der Auftrag, den Erich Mielke der Geheimpolizei der DDR gegeben hatte. Als die geheimdienstliche Erfassung, die u.a. Bürger ausfindig machen sollte, die der Vorbereitung der „Republikflucht“ verdächtigt wurden, bei 30% der Bevölkerung angekommen waren, fiel die DDR in sich zusammen. Ebenso laufen die Demokratien, die die Terrorabwehr den Geheimdiensten überantworten, auf eine Totalüberwachung hin, die in absehbarer Zeit das gesellschaftliche Leben strangulieren wird. Anders als in der DDR ist es den Bürgern in Deutschland und anderswo noch nicht bewusst, dass sie mit ihrem Handy und ihrem Internetanschluss einer Totalüberwachung unterliegen, die die DDR so perfekt gar nicht aufbauen konnte. Nur wusste in der DDR jeder, dass die Stasi überall ihre informellen Mitarbeiter hatte. Das Handy scheint dagegen immer noch eher eine Aura der persönlichen Verfügbarkeit und damit von erweiterten Freiheitsräumen zu umgeben.

Es ist eine Frage der Rechtsordnung

Wenn es Sonderzonen der Rechtsfindung gibt, dann ist das kein Problem der Geheimdienste, sondern der Durchsetzung des Gewaltmonopols des Staates. Dann müssen aber Fememorde wie die Attentate in die gleiche Rubrik eingeordnet und eben mit den Methoden bearbeitet werden, die die Staaten seit dem Barock entwickelt haben, um das Gewaltmonopol durchzusetzen. Eine Fortführung vorstaatlichen Rechts gab es übrigens im Duell, da wurde scharf geschossen.  Das wurde auch vom Staat geduldet. Für die jetzige Situation mit vielen Zuwanderern können die Staaten aber nicht mehr zulassen, dass Gruppierungen selbst Recht setzen. Diese falsche Toleranz bereitet Überfällen wie auf die Pariser Satirezeitschrift den Boden. Nicht die Beobachtung der Bürger, sondern die Verhinderung von eigenen Rechtsräumen ist die Aufgabe, der sich Frankreich nicht gestellt hat. Es gibt dort Wohnviertel, in denen z.B. keine Miete gezahlt wird und in die sich die Polizei nicht mehr hineintraut. Dass sich da eigene Vorstellungen von Recht und Ordnung entwickeln, muss nicht überraschen. Die Integration dieser Viertel in die staatliche Rechtsordnung mindert die Terrorismusgefahr, nicht der Ausbau der Geheimdienste.

Eckhard Bieger
kath.de-Redaktion