Papst Franziskus als politischer Vermittler (19.12.2014)

Von den Chancen und Risiken solcher Friedensmissionen

Kuba und die USA haben sich nach Jahrzehnten der Feindseligkeiten wieder einen Schritt aufeinander zu bewegt: Sie wollen ihre diplomatischen Beziehungen wieder aufnehmen und haben Gefangene ausgetauscht. Die Wegbereiter für diese Einigung waren Papst Franziskus und führende Vatikanvertreter. Die Verhandlungen zu dieser “historischen Entscheidung”, wie sie der Papst hoch erfreut betitelte, fanden sogar im Vatikan statt. Obwohl Kuba und die USA nur wenige hundert Kilometer voneinander entfernt sind, reisten Verhandlungsvertreter in den Kirchenstaat, um einen neutralen Verhandlungsort zu garantieren.

Für die Welt: Vatikanische Diplomaten als Friedensboten

Viele hochrangige Vatikanmitarbeiter sind ehemalige Diplomaten. So war beispielsweise Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin Nuntius in Venezuela. Auch sein Stellvertreter Erzbischof Angelo Becciu verkehrte in Washington und Havanna als vatikanischer Diplomat. Beide sollen laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung in den aktuellen Verhandlungen mitgewirkt haben.

Der Vatikan vollzieht mit seinen Botschaften in über 180 Ländern der Welt nicht nur die Rechte eines souveränen Staates. Es geht ihm nach außen hin vielmehr darum, der Regierung des jeweiligen Landes einen zuverlässigen und autorisierten Ansprechpartner in Belangen der römisch-katholischen Kirche gegenüber zu stellen. Dieses Faktum zeichnet die römisch-katholische Kirche im Vergleich zu den anderen großen Weltreligionen aus.

Damit wird die Kirche mit ihren Botschaften sichtbares “Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit” (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium 1). Diese theologische Aussage, die aus dem Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes in der Krippe zu Bethlehem folgt, trifft in letzter Konsequenz auch auf den Sinn und die Daseinsberechtigung der vatikanischen Botschaften zu. Das hatten die Konzilsväter bei der Formulierung dieser Aussage natürlich nicht im Blick. Dennoch beschreibt es eine wesentliche Aufgabe der Botschaften, nämlich die Vermittlung in Streitfragen oder in humanitären Belangen.

Die Botschaften sind dabei natürlich kein Metropolitanbistum. Jeder Bischof darf und kann sich aufgrund der apostolischen Sukzession direkt an den Bischof von Rom wenden. Dennoch bleiben die Botschaften eine Vermittlungs- und Verhandlungsinstanz zur Staatsregierung des jeweiligen Landes. Diese Kontakte haben sich wohl auch im aktuellen Fall von Kuba und der USA ausgezahlt.

Sie leisten damit einen Beitrag zur Friedenssicherung und können dem Papst, durch die persönlichen Kontakte der Diplomaten vor Ort, besser Gehör verschaffen. Dabei stehen die Diplomaten nicht in der Reihe der Nicht-Regierungs-Organisationen, die zum Teil sehr klein sind und daher wenig bewirken können, sondern gehören in die Landesvertretungen. Sie sprechen dann meist für “ihre” Bürgerinnen und Bürger – die katholischen Christen – haben aber dafür keinerlei Druckmittel außer das Evangelium Jesu Christi, den menschlichen Verstand und die Gemeinschaft der Nachfolger der Apostel mit dem Diener der Diener aller – Papst Franziskus – an der Spitze. Aus dieser Perspektive bekommt die  Kirche einen vielerlei geachteten Neutralitätsstatus zugesprochen und kann in Auseinandersetzungen vermitteln. Der Vatikan verfolgt eben keinen Selbstzweck, d.h. im aktuellen Fall erwachsen dem Vatikan keine eigenen Vorteile in der Vermittlung zwischen Kuba und den USA zu.

Für die Kirche: Ein Symbol weltkirchlicher Verbundenheit

Um diese Neutralität in aller Transparenz zu sichern, werden in den vatikanischen Diplomatendienst auch nur Diözesanpriester aufgenommen, keine Ordensleute. Jene könnten nämlich im Verruf stehen, zuerst dem Vorteil des eigenen Ordens zuzuarbeiten und dann der katholischen Kirche. Die Entsendung von jährlich insgesamt etwa 30 Priestern aus allen Bistümern der Welt setzt zudem ein Zeichen der weltkirchlichen Verbundenheit. Zwar handelt es sich dabei nur um eine “Gabe” an die Verwaltungsstruktur und nicht etwa um eine Aussendung im Sinne von Missionspriestern. Dennoch lernen die Kandidaten im Zuge der Ausbildung verschiedene Länder und die jeweilige Situation der Menschen vor Ort kennen. Damit garantiert der Vatikan, dass später in der Verwaltung der Kurie zukünftig nicht nur studierte “Schreibtischtäter”, sondern Seelsorger an leitenden Stellen sitzen, die die Not der Gläubigen vor Ort aus eigenem Erleben kennen.

Für die Ökumene: eine Bedrohung oder gar der Verlust der Neutralität?

Politische Vermittlungsbemühungen sind immer auch eine Gratwanderung zwischen den Konfliktparteien. Am Beispiel der Ukraine lässt sich verdeutlichen, dass schon der Friedenswille des Papstes als Parteinahme verstanden werden kann. Die russisch-orthodoxe Kirche könnte die Vermittlungen des Papstes als eine Hilfe für die USA verstehen und damit die Neutralität des vatikanischen Handelns in Frage stellen.

Dieser Gedankengang ist insofern nicht absurd, als dass Metropolit Hilarion, Leiter der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, bereits Mitte Oktober während seiner Rede im Rahmen der Familiensynode im Rom den anwesenden griechisch-katholischen (mit Rom unierten) Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk scharf attackierte. Er wolle in der Ukraine eine einzige geeinte Ortskirche schaffen und die Gläubigen von der Mutterkirche des Moskauer Patriarchats losreißen. Großerzbischof Schewtschuk widersprach gemeinsam mit dem New Yorker Erzbischof Kardinal Timothy Dolan in einem Radiointerview dieser Darstellung.

Später erklärte Schewtschuk, dass er die autonome ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats als einzig rechtmäßig betrachte und die Griechisch-Katholischen in der Ukraine nur für Demokratie und Bürgerrechte einträten, sich aber parteipolitisch neutral verhielten. Hilarion äußerte sich in den russischen Medien zufrieden über diese Klarstellung. Den Verweis auf die politische Neutralität kennt aber auch das Moskauer Patriarchat unter Kyrill und verwendet ihn in Bezug zum politischen Handeln Putins. In gleichem Atemzug propagiert sie aber, wie am Beispiel der Ukraine sichtbar, die Bedeutung des Moskauer Patriarchats über die Grenzen Russlands hinaus und verbindet sich damit indirekt mit dem Großmachtstrebens Putins.

Diese ökumenischen Zusammenhänge muss der Vatikan im Blick haben und zukünftig darauf achten, in seinen Vermittlungen nicht zum Handlanger politischer Interessen von beteiligten Staaten zu werden. Sonst büßt er seine Neutralität ein, wie es allzu oft schon in der Geschichte geschehen ist. Vermutlich wurde deshalb auch bereits schon 1701 die vatikanische Diplomatenakademie gegründet. Ein Verlust der Neutralität schadet nicht nur der Kirche, sondern auch dem Frieden und der Ausbreitung des Evangeliums in der Welt.

Letztlich bleibt eine jede Vermittlung immer ein “Spagat” zwischen Friedensinitiative und Provokation. Das war bei den Ereignissen in Bethlehem vor 2000 Jahren nicht anders: Einerseits verkündeten Engel den Frieden, weil der Erlöser der Welt geboren wurde, andererseits kamen Soldaten und töteten Kinder. Möge Gottes Sohn in ihren Herzen und Familien als Friedensbringer in wenigen Tagen geboren. Gesegnete Weihnachten.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion

One thought on “Papst Franziskus als politischer Vermittler (19.12.2014)

  1. “Euer Merkwürden” hält Jesus von Nazareth für einen Idioten (im ursprünglichen Wortsinn verstanden) wie sich selbst, aber das war er selbstverständlich nicht: Wahre Nächstenliebe ist nicht “Solidarität”, sondern im Gegenteil vollkommene marktwirtschaftliche Konkurrenz! Ein typisches Beispiel für Solidarität ist ein Kartell. Die Mitglieder des Kartells schließen die gegenseitige Konkurrenz aus und verhalten sich untereinander solidarisch, um gemeinsam überhöhte Verkaufspreise zu erpressen. Darum gibt es Kartellgesetze, die solche Machenschaften verbieten sollen – aber nicht verhindern können, solange das elementare Geldstreik- und Bodenmonopol immer größere und mächtigere Konzerne hervorbringt, die mittelständische Unternehmen entweder in den Ruin treiben oder einfach aufkaufen.

    Tatsächlich war der Prophet Jesus von Nazareth der erste Denker in der bekannten Geschichte, der nach einem halben Jahrtausend in totaler geistiger Umnachtung nicht nur die wirkliche Bedeutung der Erbsünde wieder erkannte (Auferstehung),…

    (NHC II,3,21) Diejenigen, die sagen: “Der Herr ist zuerst gestorben und dann auferstanden”, sind im Irrtum. Denn er ist zuerst auferstanden und dann gestorben. Wenn jemand nicht zuerst die Auferstehung erwirbt, wird er sterben.

    …sondern auch die einzige Lösung (Erlösung) zu ihrer Überwindung beschrieb:

    (NHC II,2,1) Wer die Erklärung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.

    (NHC II,2,44) Wer den Vater lästern wird, dem wird man vergeben; wer den Sohn lästern wird, dem wird man vergeben; wer aber den heiligen Geist lästern wird, dem wird man nicht vergeben, weder auf der Erde noch im Himmel.

    (NHC II,2,55) Wer nicht seinen Vater hasst und seine Mutter, wird mir nicht Jünger sein können. Und wer seine Brüder nicht hasst und seine Schwestern und nicht sein Kreuz trägt wie ich, wird meiner nicht würdig sein.

    (NHC II,2,105) Wer den Vater und die Mutter kennen wird, er wird Sohn der Hure genannt werden.

    (NHC II,2,106) Wenn ihr die zwei zu einem macht, werdet ihr Söhne des Menschen werden. Und wenn ihr sagt: “Berg, hebe dich hinweg!”, wird er verschwinden.

    Mutter = Summe aller Ersparnisse
    Hure = Finanzkapital
    Brüder und Schwestern = Sachkapitalien
    Berg = Rentabilitätshürde
    Tod = Liquiditätsfalle
    Vater (der Kultur) = Kreditangebot
    Sohn = Kreditnachfrage
    heiliger Geist = umlaufgesichertes Geld (heilig = gesichert; Geist = Geldumlauf)

    (NHC II,2,113) Seine Jünger sagten zu ihm: “Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?” Jesus sagte: “Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: “Siehe hier oder siehe dort”, sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.” ***

    Königreich des Vaters = Natürliche Wirtschaftsordnung

    *** (Silvio Gesell, Vorwort zur 3. Auflage der NWO, 1918) “Die Wirtschaftsordnung, von der hier die Rede ist, kann nur insofern eine natürliche genannt werden, da sie der Natur des Menschen angepasst ist. Es handelt sich also nicht um eine Ordnung, die sich etwa von selbst, als Naturprodukt einstellt. Eine solche Ordnung gibt es überhaupt nicht, denn immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat.”

    Die Natürliche Wirtschaftsordnung ist einfach zu verstehen und es gibt niemanden, der sie bewusst ablehnt. Ihr einziger Gegner ist der künstliche Archetyp Jahwe = Investor im kollektiv Unbewussten, der vor Urzeiten erfunden wurde, um die halbwegs zivilisierte Menschheit an ein darum bis heute fehlerhaftes Geld (Zinsgeld mit parasitärer – der wesentlichen Tauschfunktion widersprechenden – Wertaufbewahrungsfunktion) anzupassen, solange noch niemand über das Wissen verfügte, das Geld an den Menschen anzupassen.

    In technischer Hinsicht ist das heute relativ einfach, und auch in psychologischer Hinsicht ist es einfach:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2014/10/eigennutz-und-gemeinnutz.html

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