Impfen – muss das jeder machen? (26.12.2014)

Die Bundesregierung möchte eine Beratungspflicht über Impfungen vor der Aufnahme in einen Kindergarten festlegen. Im Zuge dessen fordert, unter anderem, der Berufsverband der Kinderärzte eine Impfpflicht für alle Kinder. Doch ist eine solche Impfpflicht überhaupt möglich?

Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung

Eine solche Maßgabe verstößt gegen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Aufgrund dieses Rechtes können Behandlungen nicht erzwungen werden und setzen immer die Einwilligung des Patienten voraus. Da Kinder diese Einwilligung nicht geben können, übernehmen diese Entscheidungen die Erziehungsberechtigten, dies ist das natürliche Recht der Eltern.

Impfung als Ziel gegen persönliche Selbstbestimmung

Das Ziel, die Impfrate zu erhöhen, ist ein legitimes Ziel und Anliegen der Gesellschaft und des Staates, da sie ein Interesse haben, Epidemien zu verhindern. Das rechtfertigt jedoch nicht das Verletzen von Rechten. Eine Einschränkung von Rechten einer Person zur Abwehr von Gefahren ist nur dann möglich, wenn die Gefahr direkt und unmittelbar von dieser Person ausgeht. Wie es zum Beispiel im Fall der Selbstverteidigung immer eine direkte Gefahr geben muss. Ein zweites Beispiel, welches näher an der hier behandelten Thematik liegt, ist die Isolation ansteckender Personen oder Personen die mit ansteckenden Krankheiten in Berührung gekommen sind, bei der eine direkte Gefahr zumindest wahrscheinlich sein muss. Die Impfung bezieht sich aber nicht auf eine direkte Gefahr, sondern auf eine mögliche Ansteckung in der Zukunft. Also obwohl von dem nicht ausreichenden Impfen gesamtgesellschaftlich Gefahren ausgehen, dürfen die Grundrechte nicht verletzen werden, um dieser Gefahr zu begegnen.

Impfzwang durch die Hintertür

Eine Möglichkeit, mit der scheinbar eine Impfpflicht erreicht werden kann, ohne es direkt als Gesetz festzulegen, wäre es vorzuschreiben, dass jedes Kind, das in einen Kindergarten gehen soll, geimpft sein muss. Aber auch eine solche „inoffizielle“ Impfpflicht ist nicht möglich, da ein Kind nicht aufgrund seines Impfstatus benachteiligt werden darf. Denn wenn man ein nicht geimpftes Kind aufgrund des Risikos einer Krankheit anders behandeln kann, warum sollte man dann nicht Frauen bei Bewerbungen aufgrund des Risikos einer Schwangerschaft gegenüber anderen Bewerberinnen zurückstellen? Da wir aber das letztere für falsch halten, müssen wir das auch im ersteren Fall tun.

Beratung statt Gesetzesauflage

So ist die nun besprochene Beratungspflicht der beste Weg mit dem Problem umzugehen, denn zum einen kann es helfen, das Ziel einer höheren Impfrate zu erreichen, ohne dabei die Grundrechte einzuschränken. Zum anderen gibt sie den Eltern Informationen, die für eine gut überlegte Entscheidung Voraussetzung sind. Damit wird die Fähigkeit der Eltern gefördert, gute Entscheidungen zu treffen.

Die Frage im Hintergrund

Hinter dieser und auch anderen Debatten über Kinder und Kindeswohl steht die Frage, ob Eltern adäquat für Kinder sorgen und entscheiden können oder ob der Staat in diese Aufgabe der Eltern eingreifen sollte. Dabei wird häufig mit einzelnen Negativ-Beispielen für eine stärkere Kontrolle und Einschränkung des elterlichen Sorgerechtes argumentiert und mehr Maßnahmen des Staates zum Schutz von Kindern gefordert. Doch ist ein solcher Generalverdacht gegenüber Eltern gerechtfertigt und ist die Institution „Staat“ besser geeignet, für die Kinder zu sorgen? Beides ist nicht der Fall, denn erstens haben Eltern ein natürliches Interesse am Wohl des Kindes, sie sind daher unmittelbar direkt motiviert. Zudem erfüllt die überwiegende Mehrheit der Eltern auch das Sorgerecht in angemessener Weise. Wo dies allerdings nicht gegeben ist, übernimmt ein Vormund das Sorgerecht, also wieder eine natürliche Person und nicht eine staatliche Behörde. Auch wenn das Jugendamt die Aufgabe übernimmt, ist ein Mitarbeiter damit beauftragt, die Vormundschaft auszuüben. Das Gesetz beinhaltet eine kritische Einstellung gegenüber der allgemeinen und zentralen Durchführung des  Sorgerechtes. Die Lösung der Sorgerechtsfrage sollte von einem Grundvertrauen gegenüber den Eltern ausgehen, diese unterstützen, damit sie ihre Aufgabe wahrnehmen können. Erst wenn dies nicht gewährleistet ist, muss das Gesetz Maßnahmen ermöglichen, die das Wohl des Kindes absichern.

Philipp Müller

Papst Franziskus als politischer Vermittler (19.12.2014)

Von den Chancen und Risiken solcher Friedensmissionen

Kuba und die USA haben sich nach Jahrzehnten der Feindseligkeiten wieder einen Schritt aufeinander zu bewegt: Sie wollen ihre diplomatischen Beziehungen wieder aufnehmen und haben Gefangene ausgetauscht. Die Wegbereiter für diese Einigung waren Papst Franziskus und führende Vatikanvertreter. Die Verhandlungen zu dieser “historischen Entscheidung”, wie sie der Papst hoch erfreut betitelte, fanden sogar im Vatikan statt. Obwohl Kuba und die USA nur wenige hundert Kilometer voneinander entfernt sind, reisten Verhandlungsvertreter in den Kirchenstaat, um einen neutralen Verhandlungsort zu garantieren.

Für die Welt: Vatikanische Diplomaten als Friedensboten

Viele hochrangige Vatikanmitarbeiter sind ehemalige Diplomaten. So war beispielsweise Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin Nuntius in Venezuela. Auch sein Stellvertreter Erzbischof Angelo Becciu verkehrte in Washington und Havanna als vatikanischer Diplomat. Beide sollen laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung in den aktuellen Verhandlungen mitgewirkt haben.

Der Vatikan vollzieht mit seinen Botschaften in über 180 Ländern der Welt nicht nur die Rechte eines souveränen Staates. Es geht ihm nach außen hin vielmehr darum, der Regierung des jeweiligen Landes einen zuverlässigen und autorisierten Ansprechpartner in Belangen der römisch-katholischen Kirche gegenüber zu stellen. Dieses Faktum zeichnet die römisch-katholische Kirche im Vergleich zu den anderen großen Weltreligionen aus.

Damit wird die Kirche mit ihren Botschaften sichtbares “Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit” (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium 1). Diese theologische Aussage, die aus dem Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes in der Krippe zu Bethlehem folgt, trifft in letzter Konsequenz auch auf den Sinn und die Daseinsberechtigung der vatikanischen Botschaften zu. Das hatten die Konzilsväter bei der Formulierung dieser Aussage natürlich nicht im Blick. Dennoch beschreibt es eine wesentliche Aufgabe der Botschaften, nämlich die Vermittlung in Streitfragen oder in humanitären Belangen.

Die Botschaften sind dabei natürlich kein Metropolitanbistum. Jeder Bischof darf und kann sich aufgrund der apostolischen Sukzession direkt an den Bischof von Rom wenden. Dennoch bleiben die Botschaften eine Vermittlungs- und Verhandlungsinstanz zur Staatsregierung des jeweiligen Landes. Diese Kontakte haben sich wohl auch im aktuellen Fall von Kuba und der USA ausgezahlt.

Sie leisten damit einen Beitrag zur Friedenssicherung und können dem Papst, durch die persönlichen Kontakte der Diplomaten vor Ort, besser Gehör verschaffen. Dabei stehen die Diplomaten nicht in der Reihe der Nicht-Regierungs-Organisationen, die zum Teil sehr klein sind und daher wenig bewirken können, sondern gehören in die Landesvertretungen. Sie sprechen dann meist für “ihre” Bürgerinnen und Bürger – die katholischen Christen – haben aber dafür keinerlei Druckmittel außer das Evangelium Jesu Christi, den menschlichen Verstand und die Gemeinschaft der Nachfolger der Apostel mit dem Diener der Diener aller – Papst Franziskus – an der Spitze. Aus dieser Perspektive bekommt die  Kirche einen vielerlei geachteten Neutralitätsstatus zugesprochen und kann in Auseinandersetzungen vermitteln. Der Vatikan verfolgt eben keinen Selbstzweck, d.h. im aktuellen Fall erwachsen dem Vatikan keine eigenen Vorteile in der Vermittlung zwischen Kuba und den USA zu.

Für die Kirche: Ein Symbol weltkirchlicher Verbundenheit

Um diese Neutralität in aller Transparenz zu sichern, werden in den vatikanischen Diplomatendienst auch nur Diözesanpriester aufgenommen, keine Ordensleute. Jene könnten nämlich im Verruf stehen, zuerst dem Vorteil des eigenen Ordens zuzuarbeiten und dann der katholischen Kirche. Die Entsendung von jährlich insgesamt etwa 30 Priestern aus allen Bistümern der Welt setzt zudem ein Zeichen der weltkirchlichen Verbundenheit. Zwar handelt es sich dabei nur um eine “Gabe” an die Verwaltungsstruktur und nicht etwa um eine Aussendung im Sinne von Missionspriestern. Dennoch lernen die Kandidaten im Zuge der Ausbildung verschiedene Länder und die jeweilige Situation der Menschen vor Ort kennen. Damit garantiert der Vatikan, dass später in der Verwaltung der Kurie zukünftig nicht nur studierte “Schreibtischtäter”, sondern Seelsorger an leitenden Stellen sitzen, die die Not der Gläubigen vor Ort aus eigenem Erleben kennen.

Für die Ökumene: eine Bedrohung oder gar der Verlust der Neutralität?

Politische Vermittlungsbemühungen sind immer auch eine Gratwanderung zwischen den Konfliktparteien. Am Beispiel der Ukraine lässt sich verdeutlichen, dass schon der Friedenswille des Papstes als Parteinahme verstanden werden kann. Die russisch-orthodoxe Kirche könnte die Vermittlungen des Papstes als eine Hilfe für die USA verstehen und damit die Neutralität des vatikanischen Handelns in Frage stellen.

Dieser Gedankengang ist insofern nicht absurd, als dass Metropolit Hilarion, Leiter der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, bereits Mitte Oktober während seiner Rede im Rahmen der Familiensynode im Rom den anwesenden griechisch-katholischen (mit Rom unierten) Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk scharf attackierte. Er wolle in der Ukraine eine einzige geeinte Ortskirche schaffen und die Gläubigen von der Mutterkirche des Moskauer Patriarchats losreißen. Großerzbischof Schewtschuk widersprach gemeinsam mit dem New Yorker Erzbischof Kardinal Timothy Dolan in einem Radiointerview dieser Darstellung.

Später erklärte Schewtschuk, dass er die autonome ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats als einzig rechtmäßig betrachte und die Griechisch-Katholischen in der Ukraine nur für Demokratie und Bürgerrechte einträten, sich aber parteipolitisch neutral verhielten. Hilarion äußerte sich in den russischen Medien zufrieden über diese Klarstellung. Den Verweis auf die politische Neutralität kennt aber auch das Moskauer Patriarchat unter Kyrill und verwendet ihn in Bezug zum politischen Handeln Putins. In gleichem Atemzug propagiert sie aber, wie am Beispiel der Ukraine sichtbar, die Bedeutung des Moskauer Patriarchats über die Grenzen Russlands hinaus und verbindet sich damit indirekt mit dem Großmachtstrebens Putins.

Diese ökumenischen Zusammenhänge muss der Vatikan im Blick haben und zukünftig darauf achten, in seinen Vermittlungen nicht zum Handlanger politischer Interessen von beteiligten Staaten zu werden. Sonst büßt er seine Neutralität ein, wie es allzu oft schon in der Geschichte geschehen ist. Vermutlich wurde deshalb auch bereits schon 1701 die vatikanische Diplomatenakademie gegründet. Ein Verlust der Neutralität schadet nicht nur der Kirche, sondern auch dem Frieden und der Ausbreitung des Evangeliums in der Welt.

Letztlich bleibt eine jede Vermittlung immer ein “Spagat” zwischen Friedensinitiative und Provokation. Das war bei den Ereignissen in Bethlehem vor 2000 Jahren nicht anders: Einerseits verkündeten Engel den Frieden, weil der Erlöser der Welt geboren wurde, andererseits kamen Soldaten und töteten Kinder. Möge Gottes Sohn in ihren Herzen und Familien als Friedensbringer in wenigen Tagen geboren. Gesegnete Weihnachten.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion

Es geht um die Familie! (12.12.2014)

Die außerordentliche Bischofsynode zur Familienpastoral in Rom ist vorbei und der Vatikan bereitet sich auf die Nachfolgeversammlung im Jahr 2015 vor. So hat der Vatikan einen Bericht zur Synode veröffentlicht und zugleich einen Fragenkatalog für die Vorbereitung der nächsten Weltbischofssynode vorgelegt. Auch gab es Äußerungen des Papstes zum Thema. Dabei wird klar: Was sich Familiensynode nennt, will auch Familiensynode sein, und nicht Sexsynode.

Das Wort Familie hat im Laufe der Geschichte zahlreiche Wandlungen erfahren, besonders in den letzten Jahrzehnten. Von der bürgerlichen Kleinfamilie – Vater, Mutter, Kinder – ist Familie immer mehr zu einem Konzept geworden, indem Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, wie die evangelische Kirche jüngst in einem umstrittenen Papier für sich feststellte. So können selbst Wohngemeinschaften als Familien bezeichnet werden. Und tatsächlich haben in der Lebensrealität vieler Menschen WG-Bewohner und Freunde den Platz der vormals biologisch gegründeten Familie eingenommen. Das ist eine Folge der Individualisierung. Der sich selbst verwirklichende Mensch ist immer stärker auf sich allein gestellt und muss sich seine Lebenskreise selber suchen. Von diesem Denken – vom Individuum her – war auch die Diskussion um die Synode geprägt. In der Berichterstattung sowohl der Medien, aber auch in den Kirchen vor Ort, waren die Wiederverheiratet Geschiedenen und die Homosexuellenfrage besonders heiße Themen. Was darf Kirche diesen Menschen gebieten und verbieten, wenn sie als Gläubige gelten und Mitglieder der Kirche sein wollen? Um diese Fragen dreht sich das Interesse.

Drei Säulen der Familie

Darüber geriet in Vergessenheit, dass das Überthema der Synode die Familie war, also eine korporative Gemeinschaft. Bis heute hat die Kirche den modernen Individualismus nicht vollständig übernommen, sondern ist noch stark in einem korporativen Denken verhaftet. Traditionell kommt in diesen Vorstellungen der Gemeinschaft eine hohe Rolle zu, mitunter wird sie sogar höher als das Individuum gewertet. Ethik ist in diesem System das Verhalten des Einzelnen zur und in der jeweiligen Gemeinschaft. Zugleich hängt das Glück des Menschen wesentlich davon ab, dass er sich zur Gemeinschaft oder den Gemeinschaften in eine gute Beziehung setzt.

Zugleich ist Familie in der katholischen Vorstellung nach wie vor eine Gemeinschaft, die auf drei Säulen beruht: erstens der biologischen Komponenten, der Verbindung zweier Menschen, aus der Kinder hervorgehen und dem daraus entstehenden System der Verwandtschaft; zweitens der Treue, der Loyalität dieser Menschen zueinander, zunächst der Eltern zueinander, dann der Kinder zu den Eltern etc.; drittens der Sakramentalität, der ehelichen Verbindung zweier Menschen vor und mit der Hilfe Gottes.

Keine Verengung der Debatte

Dabei ist sich das Lehramt bewusst, dass es auch andere Formen des Zusammenlebens geben kann. Diese bleiben aber in der kirchlichen Vorstellung der Familie im lehramtlichen Sinne nachgeordnet. Gemäß dem korporativen Denken ist es für den Menschen sinnvoll, in einer möglichst guten Gemeinschaft zu leben. Die Familie ist aber für die Kirche die beste Gemeinschaft, die einen Menschen durch das Leben tragen und begleiten kann. Daher drehen sich ihre Überlegungen darum, wie diese Gemeinschaften durch Krisen erhalten werden können und nicht darum, Ersatzgemeinschaften bloß zu legitimieren, denen nach kirchlicher Lehre ein Defizit innewohnt.

Das hat Papst Franziskus in dieser Woche indirekt in einem Interview bestätigt. So sprach sich der Papst gegen eine Verengung der Frage der Wiederverheirateten auf den Bereich des Kommunionempfanges aus. Eine bessere Integration dieser Menschen in die Ortsgemeinde ist ihm wichtiger, als einfach nur ein Problem zu kitten, dass aus kirchlicher Sicht durchaus weiterhin besteht. Noch deutlicher wird dies bei der Homosexuellenfrage, in der es dem Papst nicht darum geht, homosexuelle Lebensgemeinschaften zu behandeln, sondern das Verhältnis der Homosexuellen zu ihren Familien.

Stabile Partnerschaft ist Wunsch der meisten Menschen

Mit diesem Ruf gegen eine Verengung der Debatte kommt der Papst auch dem Wunsch vieler Gläubiger nach. Hatte doch die Umfrage vor der Familiensynode diesen Jahres vor allem zweierlei ergeben: Die Menschen wollen von der Kirche weniger belehrt werden, dafür wünschen sie sich von ihr mehr Förderung der Familien. Und tatsächlich sind sogenannte Lebensabschnittspartnerschaften zwar für viele Menschen eine Realität, aber kein Wunsch. Wenn eine Beziehung zwischen zwei Menschen ernster wird, dann wünschen sich beide statistisch gesehen am Häufigsten, es möge für ewig halten. Sie wollen grundsätzlich auch Kinder haben. Damit entsprechen ihre Wünsche weitgehend jenem Bild, das die Kirche von Familie hat. Auch eine Trauung ist bei vielen theoretisch vorgesehen. Der Unterschied zwischen Lehramt und den Partnern ist aber: Die Kircher fordert die Einhaltung dieses Ideals ein, die Menschen hingegen dispensieren sich davon und gehen, wenn notwendig, neue Beziehungen ein. Das ist eine Folge des Individualismus, der sich selbst und nicht die Gemeinschaft ins Zentrum stellt.

Förderung der Familie steht im Zentrum

Eine Familiensynode, die ihre Aufgabe ernst nimmt, wird sich also vorrangig mit der Frage beschäftigen, wie eine familiäre Gemeinschaft im oben beschriebenen Sinne begründet, erhalten und gefördert werden kann. Dabei kann, das hat Papst Franziskus erkannt, eine gute pastorale Arbeit nicht nur von der Lehre, sondern auch von der Realität her denken. Entsprechend hatte die Synode den Auftrag, über die „entscheidende und wertvolle Realität der Familie nachzudenken“. Und tatsächlich handelt die Relatio Synodi, aus der oben zitiert wurde, überwiegend von der Frage, wie die Kirche Familie theologisch sieht, wie diese Familien gefördert werden können und wie Menschen, die andere Lebensstrukturen bevorzugen, entweder zur sakramentalen Familie auf diese hingeführt oder, wo dies nicht möglich ist, möglichst viele Teile dieses Konzeptes verwirklicht werden können.

In den aktuellen Diskussionen wird Kirche aber immer noch als Verbotsinstanz wahrgenommen und danach bewertet, wie sehr sie diese Verbote zu lockern bereit ist. Das widerspricht sowohl der Intention des Papstes als auch der Bischöfe der Synode, die lieber darüber reden wollen, wie man den Familien beistehen kann. Ein solches Anliegen denkt noch stark vom korporativen Charakter der Gemeinschaft her und mag daher einem individualistischen Denken nicht ganz zugänglich sein. Es entspricht aber nicht nur dem Wunsch vieler Menschen nach mehr Förderung für ihre Lebensgemeinschaft, sondern auch der Notwendigkeit, nicht verbietend, sondern in Freude das Evangelium zu verkünden.

Maximilian Röll