Friedhöfe (31.10.2014)

Zu den religiösen Orten, mit denen die meisten Menschen neben den Kirchen direkten Kontakt haben, gehören Friedhöfe. Bis heute sind sie Räume, in denen man die religiösen Vorstellungen der Menschen besonders gut ablesen kann, aber auch künstlerische und kulturelle Entwicklungen.

Schon der Name Friedhof verweist auf die kirchlich-religiöse Dimension dieser Orte. Der Name Friedhof bezog sich dabei ursprünglich auf einen definierten Raum um die Kirche, der eine Art Bannmeile darstellte, indem keine Gewalt ausgeübt werden und in der mitunter auch Verbrecher nicht verhaftet werden durften. Da die Toten üblicherweise neben der Kirche begraben wurden, um möglichst nahe an der Wohnung Jesu Christi zu sein, verband sich der Begriff des Raumes um die Kirche mit dem Ort, wo die Toten begraben wurden.

Grabsteine sind Kunst

Wer heute über die Friedhöfe der Republik geht, für den sind besonders die Grabsteine präsent. Sie können zum einen als künstlerische Objekte betrachtet werden. Während bei den wenigen alten, noch aus der Kaiserzeit stammenden Grabsteinen oft wuchtige Elemente dominieren und die Bildsprache klassischen Formen folgt, sind jüngere Grabsteine zumeist reduzierter gestaltet. Die Grabsteine werden etwas farbiger, während die Symbole stärker abstrahiert werden.

Christliche Formensprache dominiert alte Gräber

Grabsteine geben Auskunft über die religiösen Vorstellungen derer, die dort liegen bzw. jener, die sie dort begraben haben. Nur an wenigen Orten zeigt sich Europa so deutlich als christlich geprägt wie auf dem Friedhof. Bis heute dominiert das Kreuz die Grabsteine. Hinzu treten fromme Sinnsprüche wie “Ruhen in Frieden” und Sätze, die auf Gott und das ewige Leben Bezug nehmen. Das muss nicht verwundern, ist doch überwiegend eine ältere Generation, die hier liegt, die zumeist bis Kriegsende geboren wurde und in wesentlichen Grundvollzügen des Lebens, und dazu gehört das Sterben eben auch, Religion mit eingebunden hatte. Die wenigen Grabsteine einer jüngeren Generation sind dieser religiösen Dimension hingegen oft entkleidet und wurden eher als reine Erinnerungsorte gestaltet.

Urnengräber und Friedwald sind ‚in‘

Diese Ablösung vom Christlichen findet man auch in einem Wandel der Begräbniskultur. So wird die Zahl der Urnengräber immer größer. Wenngleich auch eine Urne mit einem Grabstein oder einer Grabplatte auf weitem Feld beerdigt werden kann, kommen immer mehr alternative Memorialformen mit Urne auf. Luxuriös ist es fast schon, wenn die Urne immerhin noch in einer Urnenwand unterkommt. Dagegen gibt es immer mehr anonyme Urnengräber, die nach der Einsenkung nur noch wage als Muster im Rasen zu erkennen sind. Auch bei Ganzkörperbestattungen nimmt dieses Phänomen der anonymen Beerdigung zu, mitunter wird ein Friedwald favorisiert, wo man schlicht unter einem Baum verscharrt wird.

Schwinden des Christlichen in der Gesellschaft

Dies verweist auf die Verbreitung neuer Vorstellungen und Interpretationen des Todes und des Toten. Früher war der Tote weiterhin Teil der Gemeinschaft, den man regelmäßig besuchte und – im katholischen Bereich – Messen für ihn lesen ließ, dem also weiterhin Solidarität zukam. Man „erwartete“ auch von ihm, weiterhin solidarisch mit der Gemeinschaft zu sein, indem er vom Himmel aus – wenn er denn mal drinnen war – für die Lebenden Fürbitte einlegte.

Der Gemeinschaftsaspekt nahm schon in der Generation jener ab, die um die Jahrhundertwende geboren wurden und so trat der Aspekt des Trauerns, also der psychologische Bewältigungsakt des Todes, in den Vordergrund. Die Sinnsprüche auf dem Grabstein lesen sich so weniger als Verheißung für den Verstorbenen, denn als Tröstung für die Lebenden.

Effiziente Endlagerung und öko-religiöse Bestattung

Im Rahmen der Individualisierung der Lebensentwürfe, der größeren räumlichen Flexibilität und der Tabuisierung des Todes als etwas, was nicht mehr zum Leben gehört, sondern nur noch am Ende des Lebens steht, kommt es zu dem beobachtbaren Wandlungsprozess der Grabkultur. Der Tote wird zügig und möglichst effizient entsorgt, höchstens mit einer minimalen Erinnerungsplakette versehen, wenn man mal sentimental wird. Dagegen wirkt der öko-religiöse Versuch, den Toten im Friedwald wieder eins mit der Natur werden zu lassen, schon wieder spirituell. Der Lebende kann sich so zumindest an jeden beliebigen Baum lehnen, um seines Verstorbenen zu gedenken.

Neue Kulturen stellen Anfragen an die Friedhöfe

Weiter Veränderungen auf unseren Friedhöfen ist Folge der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen. Denn neben christlichen Gräbern gibt es seit dem 19. Jahrhundert auch immer mehr jüdische Gräber, die besonders in Städten in einem eigenen Bereich des Friedhofes liegen. Dem langsamen Altern und Sterben der ersten muslimischer Generation ist wiederum geschuldet, dass sich die deutschen Friedhöfe zunehmend mit islamischen Bestattungsriten beschäftigen müssen. Es müssen Verordnungen für die Beisetzung teilweise angepasst werden und in manchen Orten brechen Konflikte auf, weil die Muslime die Bestattungshallen von christlichen Symbolen neutralisiert sehen wollen.

Friedhöfe sind letzte Bekenntnisse ihrer Zeit

Friedhöfe sind Teil unserer Lebenswelt, wie der Tod zum Leben der Menschen dazugehört. Zugleich sind hier die religiösen Vorstellungen der Gesellschaft, ihre Entwicklungen, aber auch ihre Probleme besonders verdichtet. Sie sind dabei im klassischen Sinne religiöse Orte, da hier Religion noch als etwas verstanden werden kann, was alle Aspekte des menschlichen Lebens umgreift. Im Tod, dem unhintergehbaren Absoluten des menschlichen Lebens, legen Tote und Gesellschaft so ein letztes Bekenntnis ab.

Maximilian Röll
kath.de-Redaktion

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