Was hat uns die Scharia zu sagen? (12.09.2014)

Die Scharia-Polizei hat die letzten beiden Wochen für große Aufregung in Deutschland gesorgt. Damit ist auch das Thema der Integration des Islam und der Muslime in Deutschland wieder akut geworden. Denn zum Islam gehört auch das religiöse Gesetz der Scharia. Es ist nicht ungewöhnlich, dass religiöse Systeme ihre eigenen Rechtsvorstellungen haben und in die Gesellschaft tragen. Das gilt auch für das Christentum, dem man durchaus das Recht zubilligt, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Hat uns also auch die Scharia etwas zu sagen?

Die Scharia kommt dem Westen immer näher. Zum einen durch die wachsende Bedeutung für die islamische Welt, zum anderen durch die größer werdende Zahl der Muslime in Europa. Immer drängender wird daher die Frage, ob sie im Sinne des interkulturellen Austausches Impulse für den Westen setzen kann. Gerade für den Christen ist diese Frage wichtig. Denn zum einen hat das Christentum entscheidendes für die Entwicklung Europas geleistet. Zum anderen haben die Christen bis heute den Anspruch, dass ihre Religion die westliche, konkret die deutsche Gesellschaft mitgestaltet. Wollen wir nicht einfach mit zweierlei Maß messen, müssen die Muslime das gleiche tun dürfen. Und zum Islam gehört die Scharia. Sollte also die Scharia nicht auch in die Gesellschaft hineinwirken dürfen, wie es auch das Christentum darf? Doch gibt es zwischen dem Christentum und dem Islam einige wesentliche Unterschiede. Zwei Punkte stechen hervor.

Das Christentum sieht sich als Vollendung antiker Philosophie

Der erste bezieht sich auf den Charakter dieser Religionen im Umgang mit anderen Religionen und Philosophien. Das Christentum tendiert gegenüber spirituellen und philosophischen Ideen zum Prinzip der Vollendung, besonders, wenn es sie bei seiner Entstehung bereits vorgefunden hat. Nach christlicher Auffassung fehlt zwar anderen Religionen die Erkenntnis Jesu Christi, aber dennoch sucht das Christentum in anderen Religionen und Philosophien die Aspekte, die mit der eigenen Wahrheit übereinstimmen und findet sie auch. Das hat es dem Christentum ermöglicht, z.B. die antike Philosophie für sich nutzbar zu machen. Die Suche nach Übereinstimmung ist die Grundlage eines fruchtbaren interreligiösen Dialoges.

Der Islam sieht selbst die Buchreligionen als Verfälschung des wahren Glaubens an

Der Islam nimmt jedoch gegenüber allen anderen Religionen bestenfalls eine korrigierende Haltung ein. Judentum und Christentum sind für den Islam Abweichungen und Verfälschungen der wahren Lehre. Entsprechend scheint dem gegenwärtigen Islam seinem Charakter nach die Wertschätzung für andere Religionen und Philosophien zu fehlen. Zwar werden Christentum und Judentum im Islam geduldet, als sie in gewissen Aspekten ihm ähnlich sind oder waren. Islamisten haben es zu leicht, Strömungen im Islam aufzunehmen und ihre radikalen Weltanschauungen als „den Islam“ zu verkaufen. Dabei gab es in der islamischen Geschichte auch andere Phasen. Vom 9. bis ins 13. Jahrhundert, seinem „Goldenen Zeitalter“, war der Islam vergleichsweise offen für andere Ideen und war gegenüber Europa die höher entwickelte Zivilisation. Seit dieser Zeit haben sich jedoch eher konservative Tendenzen im Islam durchgesetzt, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend radikale Ausrichtungen des Islam hervorbrachten. Verschiedene Versuche, Grundsätze von anderen Religionen oder Philosophien in die islamische Lehre zu integrieren, sind daher bisher langfristig fehlgeschlagen.

Europa empfing in seinem Wertesystem keine Impulse durch den Islam

Der zweite Punkt betrifft die Relevanz des Islam für das westliche Werte- und Rechtssystem. Oft wird davon gesprochen, das christliche Europa habe dem Islam viel zu verdanken. Das bezieht sich auf die Weitergabe antiker Quellen durch muslimische Gelehrte und auf den Transport von Technologien. Dies geschah überwiegend über Andalusien am Ende jenes „goldenen Zeitalter“ des Islam. Diese Leistung muslimischer Gelehrter ist anzuerkennen.

Damit erschöpft sich allerdings der positive Einfluss des Islam auf das westliche Christentum. Denn Europa hat den Islam zu oft als Bedrohung wahrgenommen. Und abgesehen von Phasen, in denen die muslimischen Mächte den europäischen unterlegen waren, war diese Einschätzung auch zutreffend. In der Folge empfing Europa in den Fragen, die für die gesellschaftliche Entwicklung wichtig waren, keine wesentlichen Impulse durch den Islam. Weder Menschenrechte, Toleranz, Gewaltenteilung oder die Unterscheidung von Religion und Staat sind Bereiche, in denen der Islam Europa bisher etwas zu sagen hatte.

Der Islam kennt keine Unterscheidung zwischen Staat und Religion

Wichtig ist besonders der Umstand, dass der Islam bis heute keine Trennung von Staat und Religion kennt. Für den Islam ist die Religion die Herrin der Gesellschaft, nicht nur eine wesentliche gesellschaftliche Kraft unter mehreren. Das darf bei den Christen keine Arroganz hervorrufen. Denn auch die Christenheit hat lange und blutig mit dieser Frage gerungen. Unterscheidung und Trennung des geistlichen und weltlichen Bereiches sind jedoch eine genuine Leistung der westlichen Zivilisation. Wo es sie in islamischen Ländern gibt, ist sie ein westlicher Import. So konnten sich säkulare Regierungen in der islamischen Welt bisher nur als Militärregime durchsetzen und halten und selbst in der Türkei, dem westlichsten Land der islamischen Welt, zeigen sich in den letzten Jahren zunehmende konservativ-islamische Tendenzen.

Die Scharia hat uns nichts zu sagen

Die Scharia ist Teil des islamischen Prinzips, wonach sich die Gesellschaft nicht aus eigenem Entschluss ein Gesetz geben kann, sondern dieses von Gott bereits erhalten und es umzusetzen hat. Dabei gibt es fünf normative Versionen der Scharia, ausgehend von fünf Rechtsschulen im frühen Islam. Die Scharia gilt dabei wesentlich als abgeschlossen, wird aber jeweils konkret von Gelehrten ausgelegt. Und während die Bestimmungen über Sklaverei heute in den meisten islamischen Ländern keine Rolle mehr spielen, werden einige zivilrechtliche Aspekte wie Ehefragen z.B. in Griechenland bei Muslimen berücksichtigt. Eine Unterscheidung von religiösem und weltlichem Bereich, wie sie für unser aufgeklärtes Staatswesen entscheidend ist, oder gar eine Trennung von Staat und Religion, liegt auf Basis der Scharia bisher noch nicht vor. Auch hat die Scharia als Rechtsprinzip keine Wirkung in der westlichen Kultur hinterlassen, obwohl sie als religiöses Recht auch gewisse Ähnlichkeiten zu christlich-kirchlichen Rechtsvorstellungen aufweist. Die Scharia, wie sie von den Islamisten verstanden wird, widerspricht der westlichen Kultur! Daher hat uns eine so verstandene Scharia nicht nur nichts zu sagen, sie verhindert auch jeden Ansatz interkultureller Auseinandersetzung.

Maximilian Röll
kath.de-Redaktion

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