Geschwisterliebe erlauben? (26.09.2014)

Ethikrat stellt Selbstbestimmung vor Verantwortung

Mit seinem Vorschlag zur Lockerung des Inzestverbots bekräftigt der Deutsche Ethikrat die Annahme, freie Selbstbestimmung könne als letztverbindliches und absolutes Kriterium für moralisches Handeln gelten, nach dem Motto: „Anything goes“. Die Mehrheit des Ethikrates scheint allerdings vergessen zu haben, dass Selbstbestimmung nicht ohne Verantwortung funktioniert. Einerseits soll alles erlaubt sein, was irgendwie halbwegs im gegenseitigen Einverständnis geschieht, andererseits weisen die Entscheidung und Debatten im Bereich der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik sowie der Abtreibungspraxis in eine andere Richtung.

Sexuelle Orientierung

Das Verbot des Beischlaf zwischen erwachsenen Geschwistern, die schon lange nicht mehr in einem Familienverbund zusammenleben, soll aufgehoben werden, selbst wenn einer der Partner über 14 und unter 18 Jahre alt ist. Das Album mit dem Lied „Geschwisterliebe“ der Berliner Punkband „Die Ärzte“ wurde 1987 indiziert. Darin besang die Gruppe humoristisch den Wunsch nach sexuellem Verkehr zwischen Geschwistern. Zur Begründung der Indizierung hieß es, ein inzestuöses Verhältnis werde darin „verherrlicht, verharmlost und propagiert“. Die Indizierung eines Albums bedeutet, dass dieses nicht an minderjährige Personen verkauft werden darf, in diesem Fall, weil es geeignet sei, Jugendliche sexualethisch zu desorientieren. An welchen ethischen Standards und gesellschaftlichen Strömungen orientiert sich der Ethikrat?

Moral ist kein Rechtsgut

Bis 1968 war das Inzestverbot ein Sittlichkeitsdelikt. Moral oder Sitte galten historisch als zu schützende Rechtsgüter, werden aber heute laut herrschender juristischer Meinung nicht mehr als solche verstanden. Daher hatte das Bundesverfassungsgericht 2008 die Aufrechterhaltung des Inzestverbotes unter anderem damit begründet, dass Kinder aus Inzestbeziehungen durch die Doppelung rezessiver Erbanlagen ein erhöhtes Risiko genetischer Krankheiten tragen. In der juristischen Literatur ist es höchst umstritten, welches Rechtsgut mit dem Inzestverbot §176 StGB geschützt werden soll. Das Inzestverbot soll die Ehe, Familie und die familiäre Ordnung schützen. Es gibt allerdings auch kein individuelles Rechtdarauf, nicht geboren zu werden. Deswegen begründet auch der Psychologe Michael Wunder, Mitglied des Ethikrates, das Votum des Ethikrates mit der Feststellung, dass man Eltern, die eine schwere Erbkrankheit wie Mukoviszidose haben, auch nicht verbieten wollen würde, Kinder zu zeugen. Eine solche Gesetzgebung gibt es tatsächlich nicht, und das ist auch gut und richtig so, denn sie wäre eugenisch und widerspräche Art. 1 des Grundgesetzes. Auch Frauen, die das 40. Lebensjahr überschritten haben, ist es schließlich nicht verboten, Kinder zu zeugen und zu gebären.

Selbstbestimmung im Vordergrund

Die Gesetzgebungspraxis und Debatten der vergangenen Jahre zeigen jedoch, dass die gesamtgesellschaftliche Haltung dahin geht, die freie Selbstbestimmung in den Vordergrund zu stellen. Die Präimplantationsdiagnostik ist in Deutschland seit einigen Jahren erlaubt, wenn auch mit Einschränkungen. Studien zeigen, dass etwa 90 Prozent der Frauen, deren Kinder vorgeburtlich mit Down-Syndrom (Trisomie 21) diagnostiziert werden, sich entscheiden, das Kind nicht auszutragen. Keiner Frau und keinem Paar sei dabei eine leichtfertige oder unüberlegte Entscheidung unterstellt.

Familiäre Ordnung als Rechtsgut?

Auch Paare, die nicht „genetisch vorbelastet“ sind oder nicht davon wissen, können plötzlich mit einer unerwarteten pränatalen Diagnose konfrontiert sein. Sie stehen vor der schwierigen Entscheidung, ob sie die Verantwortung für ein krankes oder behindertes Kind oder für die Abtreibung dieses Kindes übernehmen können. Diese schwierige Entscheidung müssen auch Eltern treffen, die gleichzeitig Geschwister sind. Während die Abtreibung mit Beratungsschein für sie straffrei wäre, würden sie aber trotzdem für den „Beischlaf mit einem Verwandten“ bestraft. Ob diese Strafe juristisch noch zeitgemäß ist, darf bezweifelt werden.

Zumindest ist unklar, welches Rechtsgut geschützt werden soll, wenn man von familiärer Ordnung, von Ehe und Familie spricht. Angesichts homosexueller Partnerschaften, Patchwork-Familien, Alleinerziehender usw. müsste wohl auch die Beziehung zweier erwachsener Geschwister außerhalb dieses geschwisterlichen Kontexts überdacht werden.

Verantwortung zutrauen

Am Ende steht die Frage, ob Menschen bereit sind, Verantwortung für die Konsequenzen der freien Selbstbestimmung zu übernehmen. Verantwortungsträger in Politik und Gesellschaft sollten der Haltung „anything goes“ entgegentreten. Im Kontext der Bischofssynode über Ehe und Familie hat vielleicht auch die Katholische Kirche eine Chance, zu diesen Themen wieder mehr gehört zu werden. Dafür wird es entscheidend sein, den Menschen diese Verantwortung auch zuzutrauen.

Matthias Schmidt
kath.de-Redaktion

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