„Relilehrer – die neue Elite innerhalb der katholischen Kirche“ (01.08.2014)

In einer Zeit, die von G8 und Ganztagsschulen geprägt ist, sind die Schulen zum zentralen Lebensraum der Kinder und Jugendlichen geworden. Freizeit und Familienleben finden abends oder am Wochenende statt. Denn unter der Woche hält das System Schule die Kinder und Jugendlichen in seinem Griff.

Die Glaubensweitergabe befindet sich gleichzeitig in einer Krise. Familien und Kirchengemeinden stehen vor der Herausforderung, ihre Glaubenserfahrungen gegen den Trend der Gesellschaft an die neuen Generationen weiterzureichen. Beide Bastionen des katholischen Glaubens, in denen jahrhundertelang der Glaube vorgelebt wurde, haben jedoch den Kontakt zu einer Mehrheit der Gesellschaft verloren.

Die gewachsenen Gemeindestrukturen hören vielerorts auf zu existieren oder werden Teil von großflächigen Pfarrgemeinden. Statt nah beieinander wohnender Großfamilien sind längst kleine (Patchwork-)Familien zur Regel geworden. Die Glaubensweitergabe in den Familien und Gemeinden wird nicht nur dadurch immer schwieriger. Wenn die Eltern nicht in der Kirche aktiv sind, und die Kirchengemeinden vor Ort verschwinden oder viele Kinder und Jugendliche nicht mehr erreichen, werden junge Menschen ohne Rückgriff auf ein kirchliches Netzwerk erwachsen.

Religionslehrer gehören zu den wichtigsten Glaubenszeugen unserer Zeit

Die Kirchen müssen sich Gedanken machen, wie und wo sie innerhalb dieser jungen, kirchenfern aufwachsenden Generation ihren Glauben tradieren können. Besonders die Schulen schaffen mit dem Religionsunterricht einen Ort, an dem alle katholisch getauften Kinder und Jugendlichen der Kirche und ihren Zeugen und Inhalten begegnen. Der deutsche Staat öffnet hier bewusst einen Raum für jede große Religionsgemeinschaft, um unter staatlicher und kirchlicher Aufsicht junge Menschen mit ihrer Glaubenstradition vertraut zu machen. Religiöse Identitätsbildung ist als Programm gesetzt und in beinahe allen Bundesländern gesetzlich garantiert. Über die Person der Religionslehrerin / des Religionslehrers bleibt die Kirche hier auch dann noch präsent, wenn sie für weite Teile der Bevölkerung aus dem Lebensalltag verschwunden ist. Lehrer bekommen dadurch eine zunehmende Bedeutung als Impulsgeber für die Glaubensentwicklung und Lebensorientierung ihrer Schülerinnen und Schüler. Der/dem ReligionslehrerIn kommt eine Schlüsselfunktion zu.

Erstverkünder des Glaubens in einem zunehmend kirchenfernen Schülerkreis

Aber auch die Religionspädagogen gehen durch eine Krise. Obwohl Religionsunterricht noch immer als Pflichtfach gilt und bei den Schülerinnen und Schülern beliebt ist, wird es immer schwieriger die Inhalte auf die Glaubens- und Lebenserfahrungen der Schüler zu beziehen. Den Schülerinnen und Schüler, die noch kirchlich eingebunden sind, steht zunehmend eine Mehrheit gegenüber, die nicht mehr kirchlich sozialisiert wurde. Erfahrungen mit gelebtem Glauben in der eigenen Familie oder Kirchengemeinde werden so zur Ausnahme. Als Folge dieser Entwicklung werden religiöse Inhalte zunehmend als unwichtig erachtet, eigene Glaubenserfahrungen der Schülerinnen und Schüler bleiben aus.

Die Religionslehrer sind so zunehmend Erstverkünder eines Evangeliums, das den Schülerinnen und Schülern fremd ist. Ein Blick in die Hörsäle an deutschen Universitäten zeigt aber, dass viele Religionslehrer auf diese Situation völlig unzureichend vorbereitet sind. Viele Studierende sind selbst noch auf Entdeckungsreise, woran und wie sie selbst glauben. Wenn sie aber als zukünftige Lehrer später, im Sinne einer christlichen Glaubenspraxis, selbst zur Mehrheit der Außenstehenden gehören, droht konfessioneller Religionsunterricht in eine Schieflage zu geraten. Religionslehrer müssen als Überzeugte einen Bogen spannen können von der Religion in den Lebensalltag, wenn das Fach nicht zur abstrakten Religionskunde werden soll, in der alles außer dem persönlichen Glaubenskontext behandelt wird.

Die Grenzen zwischen Schulen und Kirchengemeinden verschwimmen

Religionslehrer sind für junge Menschen mitunter die einzigen Kirchenvertreter in ihrem Lebensalltag. Konfessionsgebundener Religionsunterricht kann, da die Schülerinnen und Schüler einen Glaubenshintergrund nicht zwingend einbringen, nur dann funktionieren, wenn der Lehrer als Glaubender auftritt.

Ein Religionslehrer ist immer auch persönlich angefragt, wie er sich zu den Inhalten, die er lehrt, persönlich positioniert. Problematisch wird es, wenn Schülerinnen und Schüler ohne Glaubenspraxis auf Religionslehrer ohne Glaubenspraxis treffen. Dann reden alle im Klassenzimmer allgemein über die Inhalte des Christentums ohne mit gläubigen Christen in einen Dialog eintreten zu können. Ohne die religiöse Begegnung bleibt Religionsunterricht beim Aufklären über Religionen stehen und weit hinter der Idee des Reifens innerhalb der eigenen Konfession zurück. Konfessionsgebundener Religionsunterricht wird so zur Farce und die religiöse Identitätsentwicklung in der Schule stößt an ihre Grenzen.

Glaubenspraxis und Spiritualität fehlen bei vielen Lehrern

Um im Religionsunterricht ihren Glauben bezeugen zu können, müssen Religionslehrer Glaubenspraxis und Spiritualität für ihr Berufsleben mitbringen. Wenn diese beiden Fundamente durch fehlende Glaubensweitergabe in Gemeinde und Familie ausbleiben, muss das Studium einen Raum bieten, in dem angehende Lehrerinnen und Lehrer ihren Glauben entdecken und vertiefen, um später in ihrem Berufsleben als Glaubenszeugen auftreten zu können.
Die Universitäten und theologischen Fakultäten können diese Einführung in den Glauben nicht leisten. Zum einen ist ihr Auftrag kein katechetischer, sondern ein wissenschaftlicher. Zum anderen ist die Theologie für die angehenden Lehrerinnen und Lehrer in der Regel nur ein Fach unter vielen. Neben Pädagogik lernen diese zwei oder sogar drei weitere Studienfächer in ihrer Ausbildung kennen. Seminare und Vorlesungen in Mathematik, Englisch, Pädagogik und Theologie wechseln sich munter ab. In den vorlesungsfreien Zeiten bestimmen Lehrpraktika in Schulen den Stundenplan. In diesem eng getakteten Bologna-Studium bleibt an den Universitäten und Hochschulen kein Raum für eine spirituelle Vertiefung.

Nicht die Universitäten, sondern die Diözesen müssen Räume eröffnen

Stattdessen sind die Religionsgemeinschaften selbst dafür verantwortlich, ihr Schlüsselpersonal mitauszubilden. Investitionen in diesem Bereich könnten sich bezahlt machen. Der Religionsunterricht wird in Zukunft sogar noch an Bedeutung zunehmen. Für viele Schülerinnen und Schüler ist er schon heute ein Tor in die eigene, in weiten Teilen unbekannte, Religionsgemeinschaft. Er eröffnet den Schülerinnen und Schülern Wege, um sich in ihrer und mit ihrer Glaubenstradition auseinanderzusetzen und gleichzeitig in ihren eigenen Glaubensvorstellungen zu wachsen. Damit diese Mission gelingen kann, müssen die kirchlichen Akteure die Berufsgruppe der Religionslehrer viel stärker fördern und fordern als bisher! Das System des moralischen Pflichtenkatalogs, nach dem angehende Religionslehrer und -lehrerinnen aktuell bewertet werden (keine wilde Ehe, keine ungetauften Kinder) muss einem System der Wertschätzung und Förderung weichen (Exerzitien, geistliche Begleitung, Inklusion in kirchliche Räume). Sonst bleibt es bei dem schalen Beigeschmack eines zu absolvierenden “Pflichtprogramms”, das keine spirituelle Vertiefung, sondern lediglich den Schritt ins spätere Berufsleben eröffnet.

Dario Hülsmann
kath.de-Redaktion

7 thoughts on “„Relilehrer – die neue Elite innerhalb der katholischen Kirche“ (01.08.2014)

  1. Vollkommen wichtig und richtig beschrieben.
    Doch ich entdecke auch Religionslehrer, wie Pfarrer, Pastoralreferenten usw., die ebenfalls kaum mehr spirituelle und Glaubenserfahrungen haben, geschweige denn weitergeben können.
    Schade.
    Bistümer sind eher und mehr verwaltungseinheiten geworden, denn Verkündiger des Glaubens.
    Schade.
    Trotzdem oder gerade deshalb brauchen wir Glaubenswürdige und glaubwürdige Religionslehrer.

  2. Danke für die Rückmeldungen und den langen, sehr gelungenen Kommentar!

    Besonders der Punkt “Eigenverantwortung” der gut bezahlten Lehrer hat mir gefallen. Wenn Religionslehrer sich als Teil ihrer Kirche fühlen und glauben, sind sie angefragt “mehr” zu leisten, als nur normalen Unterricht zu geben. Vielleicht braucht es kein größeres Fortbildungsprogramm, sondern eine stärkere Kommunikation, was Religionslehrer “auch” leisten können.

    Neben Wertschätzung dürften sich die Bischöfe ruhig auch trauen höhere Anforderungen an die angehenden Relilehrer zu stellen.

  3. Die Bistümer sind schon aktiv: Für Lehramtsstudierende im Fach “Katholische Religionslehre” haben alle deutschen Bistümer das Mentorat eingerichtet, so auch das Erzbistum Paderborn. Im Mittelpunkt stehen hier Beratung, Begleitung und Unterstützung in Fragen zum zukünftigen Beruf des Religionslehrers/der Religionslehrerin. Neben Praxiserfahrungen im Bereich Kirche und Gemeinde, der Teilnahme spirituellen Angeboten und der Informationsveranstaltung zur Missio canonica führen die Studierenden ein persönliches Orientierungsgespräch mit einem Mentor, in dem die eigene Glaubensgeschichte mit dem zukünftigen Beruf verknüpft wird. Das Mentorat versteht sich als Begleitung auf dem Weg zur eigenen aktiven Rolle in der Kirche und zu einem reflektierten Standpunkt im katholischen Glauben. Vielleicht ist das Mentorat genau die Antwort auf Ihre Anfrage?!

    • Liebe Mentoren aus Paderborn,

      das die Bistümer bereits ein Angebot für alle Lehramtsstudierenden haben steht außer Frage. Meine Beobachtung ist, das viele Studierende dieses jedoch oft als “Pflichtprogramm” wahrnehmen und die verpflichtenden Veranstaltungen wie Exerzitien oder Gespräche als Schritte auf ihrem Weg in die Schule abhaken.

      Hier müssen die Bistümer dringend ihr Angebot ausbauen und einen Prozess geistlicher Entwicklung bei den angehenden Relilehrern stark machen. Die Bewertung anhand quantitativer Kriterien wie Ehe, Taufe der Kinder, Gottesdienstbesuch erfasst den Prozess spirituellen Wachsens leider nur ungenügend.

      Wie die Mentorate der Diözesen eine Glaubensvertiefung bewerten sollen ist schwer zu beantworten. Der gelebte Glaube ist bei Religionslehrern aber ein Einstellungskriterium und das wichtigste Interesse der Bistümer.

      Ich denke daher das es statt einem System des Bewertens, ein noch stärkeres System des Förderns braucht.

  4. Hallo noch einmal,
    vielen Dank für Ihre Antwort und die Diskussion.

    Da bleiben wir ganz realistisch: Natürlich ist das Mentoratsprogramm für viele zunächst einmal ein zusätzliches Curriculum.
    Wichtig ist dabei aber, dass den Studierenden in ihrer Unterschiedlichkeit inhaltlich viele unterschiedliche Möglichkeiten auf dem Weg zur persönlichen Glaubensvertiefung vorgeschlagen werden. Das muss das Mentorat leisten und tut es auch. Es muss junge Menschen in ihren Anfragen an das Leben und an den Glauben verstehen wollen, ernst nehmen und dementsprechend aktiv sein. Es muss Geschmack machen auf mehr: Zum Beispiel durch persönliches Glaubenszeugnis und breitgefächerte Inhalte. So kann das „Pflichtprogramm“ für einige sogar angenehm werden. Das sollte der Anspruch sein! Und viele melden uns auch zurück, dass der Pflichtcharakter hilfreich war, um sich angesichts des durchgetakteten Studiums doch die Zeit dafür zu nehmen.

    Aber: Von da an müssen wir gelassen sein und – auch wenn es manchmal schwer fällt – auf das Wirken des Hl. Geistes vertrauen. Denn: Was jedoch beim Einzelnen mit dem Vorgeschlagenen passiert, entzieht sich unserer Bewertung. Muss es auch. Wie und und vor allem mit welchem Ziel soll Glaubensvertiefung gemessen werden?

    Sie schreiben: „Hier müssen die Bistümer dringend ihr Angebot ausbauen und einen Prozess geistlicher Entwicklung bei den angehenden Relilehrern stark machen.“ Gibt es konkrete Momente im Mentoratsprogramm, die Sie diesbezüglich vermissen?

    Beste Grüße

  5. Liebe Mentoren aus Paderborn,

    Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen, das mich geistliche Begleitung, Exerzitien und verschiedene geistliche Zeiten (Taizé, Jakobsweg, Mitleben im Kloster) sehr bereichert haben.

    Ich bin ja nicht in der Ausbildung zum Religionslehrer. Für meinen Kommentar habe Ich daher mit Referendaren und Lehramtsstudierenden aus mehreren Bistümern gesprochen. Diese schilderten mir, das viele die Angebote als Pflichtprogramm wahrnehmen, das später in die Bewertung einfließt, ob vom Bistum die Lehrerlaubnis erteilt wird.

    Ich denke zu diesem Punkt, das die Trennung zwischen dem geistlichen Programm und dem quantitativen Bewertungsprozess für die Erteilung der missio strikt voneinander getrennt werden müssen – auch Institutionell. Zwar haben die Mentorate einen tollen Draht zu den Studierenden und sind “nah” dran – ein Prozess geistlichen Wachsens braucht aber einen Raum, der frei ist von Bewertungsdruck. (und sei er nur durch die Nähe zur späteren Auswahl eingebildet).

    Ich denke das man die Frömmigkeit von Studierende nicht bewerten kann. Darum wäre es nur richtig, wenn die Diözesen endlich transparent machen würden, welche Punkte zukünftige Religions-LehrerInnen erfüllen müssen, um die Lehrerlaubnis zu erhalten. Denn wenn der geistliche Wachstumsprozess des Einzelnen nicht bewertet werden kann, bleiben nur objektive Einstellungsvoraussetzungen a la “keine wilde Ehe” oder “Taufe der Kinder” übrig. Ein Papier, das die konkreten Kriterien klar benennt ist mir jedoch nicht bekannt.

    Herzliche Grüße

    Dario Rafael Hülsmann

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